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Der Israelit · 1933-03-23 · Heft 12 (23.3.1933) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 12 (23.3.1933)
Date
1933-03-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 12 Der Israelit 23. März 1933 Ulan hat geglaubt, das Erlebnis des Weltkrieges brächte den deutschen Juden den Anstoß zur Umkehr. „Der Weltkrieg bringt die Entscheidung" schrieb Jsak Breuer 1917, und dies war wohl der Glaube aller Einsichtigen innerhalb der Orthodoxie. Ls gab eine herbe Enttäuschung- Die agudistische Bewegung nahm wohl einen großen (nicht zu großen) Ausschwung, der Jeschiwcchbesuch nahm zu, jedoch die deutsch-jüdischen Massen, einschließlich eines Großteils der Orthodoxie, dachten nicht daran, ihre vorkriegsjüdischkeit einer Korrektur zu unterziehen. Der Brudeckampf innerhalb des jüdischen Lagers, ging srisch-fröhlich weiter. Das erlösende Wort der T c s ch u w a ist rin Ltimmengewirr der Kriegs¬ und Nachkriegszeit untergegangen. So konnte es nicht als zündende Fackel in die jüdischen Massen geworfen werden. R'tan hat einfach daran vergessen. Man hatte zuviel zu organisieren, zu diskutieren, zu kämpfen und zu gründen. Man hatte allzuviel getagt, beschlossen, debattiert und gefeiert und dabei an — sich vergessen. ' Bei allen diesen Vereinsabenden, Geineindekämpfen, Tagungen, Arbeitsgemeinschaften, Fahrten, Konferenzen und Feiern ist die jüdische Reschomo zu kurz gekommen. Alles hat man getan, nur Teschuwo hat man nicht getan. Man hat vielleicht geglaubt, als „frommer" Jude der Teschuwo entraten zu können. Und man hat einen Umweg um die Teschuwo gemacht. Man hat geglaubt, man könnte wichtig tun, mit dem schönsten Esrog und Lulow, und dabei vergessen, daß in den der Großstadt benachbarten Landgemeinden der letzte Hauch der Jüdischkeit entschwindet- Und man hat vergessen, daß man dafür verantwortlich war- Man hat geglaubt, straflos mit ein paar verschlafenen Schiuriin, die alles überragende Pflicht des täglichen Talmud Dauro zu erledigen; sonst aber die ausschließlich dem Lernen geweihten spärlichen Abendstunden bei allen sich bietenden Gelegenheiten mit Theater und Kino ausfüllen zu dürfen. Man erlaubte sich — in allen „frommen" Kreisen — die Lektüre jeder Ueuerscheinung auf dem literarischen Büchermarkts wenn sie auch stellenweise schmierigstes N2 cntbiclt. (Selbst in orthodoxen Blättern bat man diese Spottgeburten literarischer Sinnlichkeit wegen ihres menschlich zweifellos wertvollen Inhaltes besprochen und empfohlen; man hat nicht vor diesen Werken gewarnt, wenn man auch wußte, daß dem Wertvollen das Sinnliche und Gemeine an die Ferse gebunden war. Man hat auch hier mit der berüchtigten Ausrede des „künstlerischen Interesses" sich selber, angelogen.) Es gab und es gibt auch noch heute sich orthodox schimpfende Juden, die sich den Besuch von Bars und Revuen „matir ein jüdischer junger Mann mitten in das Geschäftsgetriebe der Umwelt hineingesteUt wurde, einer, der vielleicht nicht einmal am nnw sein Taschentuch trug, dafür aber in seinem Herzeit eine wüste Welt des Jezcr Hora mit sich herum schleppte. Man wußte es und schloß vielfach die Augen. Auch vor noch Schlimmerem . - Klan hatte sich zu wenig verantwortlich gefühlt. Und man vergaß, daß man für all dieses und für noch vieles hätte nnnrm tun müssen. nrm 'Uvwrr Eine h eiße Welle der Teschuwo müßte heute Deutschlands Juden überfluten. Umkehr und Abkehr auf allen jüdischen Gebieten. Umkehr der Orthodoxie und Um- Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit" für den Monat April Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G.m.b.H., Frankfurt a.M. kehr der indifferenten jüdischen Massen. Umkehr der Wissenden und Umkehr der Unwissenden. Jeder in seiner Weise und für seine vergehen. Das Schuldregister der Säumigen, der Phlegmatischen, der Salten, der jüdischen Outsider, — das Sündenregister der Hochmütigen, der Zweifler, der Theatraliker, der Hitzköpfe und der Friedfertigen, — ein einziges anklagendes Widu.i nun Eine Revolution der Teschuwo müßte losbcechen, eine alle Dämme der Trägheit fortspülende Welle der Umkehr. Teschuwo des Einzelnen', Teschuwo der Gesamtheit- Ziel dieser Bewegung: Treue dem g ' t t l i ch e n Gesetz! Restlose, rücksichtslose, fanatische Hingabe an die Forderungen der Tauro- Wenn die Welt rücksichtslos geworden ist gegen uns, dann dürfen wir selber es gewiß gegen uns fein. Unsre Führer müßten uns die Kunst der Teschuwo __ -.. „. sind, die dem lehren. Ein Thema, ein Text als Unterlage aller Familienbad oder dem holden Flirt nicht abgeneigt!predigten, Reden, Veranstaltungen, Vorträge; ein sind. Und so konnte es z. B. möglich werden, daß i Mahnruf, ein Aufschrei: mn?! Ein Volksaufstand zur Teschuwo; Gemeinden,. Organisationen, Vereine, Iugenöbünde, Aguöa, Csra„ Freie Vereinigung usw. müßten. mitziehen in diesen Kampf, unsre Rabbinen, Lehrer, Jugendsührer allen voran. Unsre Führer müßten unermüdlich sein, zu Helsen, zu mahnen, zu raten, aber auch zu drohen und zu strafen. Der Teschuwotag der Heimkehr des deutschen Judentums, er wird kommen, über kurz, oder lang. G'tt hat herrliche und schreckliche Mittel, um Menschen aus die Kniee zu zwingen. Die Stunde der Erneuerung des deutschen Judentums —, wird sie kleine Menschen finden? Aus den Kreisen der Gesetzcstreuen müßte der erste Anstoß kommen, zur radikalen mitreißenden Teschuwo-Tat. Genügt das Golus nicht schon jetzt, in seiner heutigen Gestalt? Müssen Tn immer erst Keulenschläge auf uns herniedersausen? G'tt bewahre uns davor! G'tt bewahre uns-aber auch vor der Verständnislosigkeit des jüdischen Menschen für die Teschuwo. Müssen wir unsern Führern erst raten, was sie zu leisten hätten? Müssen wir erst ihnen die Wege zeigen zur Teschuwoerziehung unsres Volkes? Müßten w i c erst darauf Hinweisen, daß es in der Macht unsrer Führer liegen würde, al pi din einen Boykott auszusprechen gegen „jüdische Geschäfte und Warenhäuser", die — den Sabbat ent-, weihen; daß sic gebieten könnten auf Grund des Din die Einstellung von sabbathaltendem Personal in die jüdischen Betriebe, die Unterstützung der am Schabbos geschlossenen Firmen? Daß man dies alles, und noch vieles Andere, könnte — nicht als Bitten und Werben, sondern als tdh und mp>r! sämtlicher Rabbiucn' Müßten erst Kleine kommen, um den Großen Ratschläge zu erteilen? Sollten wir erst unsre Lehrer belehren, daß sie — als Fanfarenstoß zur allgemeinen Teschuwo — in Anbetracht des Ernstes unsrer Lage, bis auf weiteres verbieten könnten, nivrrn iivRdie Abhaltung jeglicher Lustbarkeit (außer nnyo ms?:) den Besuch aller Vergnügungsstätten, an allen Tagen, an denen Tachanun den jüdischen Menschen zur Einkehr mahnt. Doch nein, — unsre Führer werden eg selber längst beraten haben, welche Waffen der Teschuwo sie in unsre kampfbereiten Hände drücken, welche heilige Parole sie in unsre aufgeschlossenen Herzen pflanzen möchten. — Der Straßen zur Teschuwo sind gar viele, doch über allen, sie alle überholend, sie alle überragend: „der Königsweg zum Judentum" — das Lernen. Ist es vielleicht etwas Unausdenkbares, daß jeder Raw in Deutschland sich in - seiner Gemeinde einen kleinen Teschuwa-Kurs einrichtet? Zehn junge Menschen, Arbeitslose, Schulentlassene, Äbgebaute, die ein . Jahr oder zwei dem Lernen widmen wollten,, in dieser Zeit der trübseligen Aussichtslosigkeit sind bald Kunst, Heiligtum und Heiligkeit. Zu bnp'i nrns- Von A. Mannheimer in Deltelbach. Ein Doppelgefühl durchzieht unwillkürlich unsere Brust, wenn wir nonnunD tvp’i lesen: Heiligtum und Heiligkeit auf der einen Seite. Schönheit und Kunst auf der anderen. Beide Gefühle sind uns von der Natur, d. h. von G'tt selbst eingepflanzt; wir haben sie uns nicht gegeben, noch können wir uns ihrer erwehren. Es sind Seelenkräfte, Strahlen und Ausstrahlungen unseres Geistes, der sittlich und unsterblich ist gleich der G'ttheit selber. Wer empfände nicht einen heiligen Schauer, wenn er sich das pp« mit den goldenen, kunstvoll geschaffenen Geräten und Gefäßen vorstellt, oder gar den Hohepriester im weißen Byssusgewande, Goldglöckchen am unteren Saume des Mantels, deren Geläute von ferne schon die Ankunft des heiligen Mannes kündeten? Das goldne Schaublech auf der Stirne mit der wundervollen Devise: 'nb smpheilig dem Ewigen? War doch vor einer solchen Erscheinung selbst ein Alexander einst aus dem Sattel Iestiegen. Und erst der salomonische Tempel mit seiner geradezu verschwenderischen Pracht und Fülle an goldnem Schmuck! Gewiß, die heilige Lehre trägt dem uns tief innewohnenden und tief eingepflanzten Sinn für Schönheit und Kunst Rechnung. Berichtet sie doch gleich auf den ersten Blättern von den ersten Vertretern der Baukunst, des Handwerks und der Musik, als fei durch diese Mitteilung erst die Erzählung von der Erschaffung des ersten Menschenpaares ergänzt und erschöpft. In ihrer schlicht-menschlichen Art berichtet die min auch von schönen Frauen, die Stammütter waren nm» ms’ „schön von Ansehen". Die biblischen Bücher reden von der Schönheit Sauls, Davids, Esthers, Abigajils u. a. m. In der Mischna, im Talmud werden uns leibhaftige Künstler ehrenvoll genannt, die sich sogar an Feiertagen an heiliger Stätte produzieren durften. (Talmud Joma, Sukko) Levitenchöre und Instrumentalmusik ist ein Kapitel für sich, das ebenso oft als auch, freilich einseitig, schon erörtert wurde, crtow wird ’av nV’Vr. die Krone der Schönheit genannt und am 9. Aw in den glühendsten Farben in den Elegien der s’ms geschildert. Der Jude hat seit fast zweitausend Jahren eine sestgeprägte Segenssormel. um seiner Freude, seinem Entzücken beim Anblicke schöner Geschöpfe Ausdruck zu verleihen und mit einer nma begrüßt er im Frühling die erstbeste duftende Baumblüte. Es ist also vom jüdischen Menschen stillschweigend vorausgesetzt, daß er nicht stupide und teilnahmslos durch die herrliche Schöpfungswelt geht, sondern offenen Auges und Ohres. Es kann mithin nicht als befremdend und auffällig hingenommen werden, wenn Kunst und Können, Prunk und Pracht sich in Israels erstem Heiligtume. dem pvv entfaltete. Der Funke der Kunstanlage, der hier auf g'ttlichen Befehl zur Entfachung kommen sollte, ging durch das Heiligtum als Weg zur Heiligung. Vorhof, Heiligtum, Allerheiligstes sind drei Etappen symbolhafter Bedeutung. Der goldne Leuchter, als Lichtbaum gespeist vom reinsten Olivenöle, sei Sinnbild der reinen unverfälschten G'tteslehre, die in Israels Mitte ewig leuchtet. So ist alles Schöne und Schmückende im Heiligtum nicht nur mit leiblichen Augen anzuschauen. Die toten Stoffe atmen Leben, sprühen Geist, lehren Hohes, Erhabenes, Heiliges. Was man aus Gold alles machen kann! Israel spendete es willig zum brv< zum goldnen Kalbe. Und ebenso freudig trugen sie später znm Stiftshüttenbau herbei. „Schaue her," soll Mosche nach dem Midrasch zu G'tt gesagt haben, „kann man diesen etwas verübeln? Heue bringen sie ihren Schmuck zum und morgen gleich freigebig zum pvv-Bau. Sind sie nicht wie die Kinder?" In der Tat kann das Beste und Schönste mißbraucht und zum Unsegen verwendet werden. Das griechische Ideal, der Kultus der Schönheit, Kunst und Lebsnsheiterkeit hatte einst die Besten in Israel auf den Plan gerufen zum großen geistigen Existenzkämpfe. zürn siegreichen Austrage des riesigen Kulturkonfliktes zur Makkabäerzeit. Und hatten nicht schon die ersten Menschen im Paradiese sich blenden lassen, indem sie meinten, was „schön zum Ansehen" ist auch des Genusses wert sei, b^xnb aivi ivw? Kunstsinn und Schönheitssinn können zur Klippe werden, können in die Irre führen, müssen es aber nicht, wie der ,av». Bau zeigt. Neidlos reicht Mosche, der große G'ttesmann einem Bezalel die Palme des Ruhmes, ein Künsüer von G'ttes Gnaden zu sein. Nicht die Künstler und nicht die Kunst werden beim pvr-Bau vergöttert. Bon brrbxa. von Oholiab. von ihren Mithelfern wird gesagt, r<b«'i v'pbrr mn ms daß der E w i g e ihn erfüllte mit g'ttlichem Geiste, ab nnan ans rrbv, G'tt die Männer mit weisen Herzen ausstattete, 'iai naari m |m *ibni ab oan v'rr bai. So wird der Kunstsinn wiederholt und wiederholt auf die Gnade G'ttes zurückgeführt, als ein Geschenk der Vorsehung gepriesen. In dieser Auffassung bilden Kunst, Heiligtum und Heiligkeit eine starke Synthese «np» 'b ivvi. sie sollen mir ein Heiligtum errichten, nicht etwa daß Ich dort wohne, dort Meine Niederlassung hätte, sondern oaina 'nsavi, Ich möchte unter ihnen wohnen, in

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