Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1933)
- Date
- 1933-03-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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23. März 1933 Frankfurt a. M., den Nr. 12 25. Adar 5693 UDer Israelif «tl Ein Cenfralorqan Iflr das arthodoxe Judentum li(^SSt Br ff ff ffipflrflnhpf nnn *£Sy QoTimnnro fr» CTn/ilm I« & I Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli ISA: Deutschland ILO Mark monatlich; Ausland: Bterteljahrpreise lentsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Bersandes) Deutsch-Ssterreich: Tchtlling- S.—; Amerika 1 Dollar; England 6 sh.; ab 1 Juli Frankreich35 Fr.; Belgien ab 1. 7. 37. Belgaö. Hollaird 3 fl.; Italien ab 1.1.38.18 Lire; Jugo» slavten 55 Din.; Litauen 7.60 Sit.; Rumänien ab 1. 7. 37. 150 Lei; Polen 4 deutsche Gold» mark zum Tageskurs oder 7 Zloty: Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 35 Kronen; Ungar» PeNgp 5 ab 1. Juli 1937; Dänemark 3,50 Krön,; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.80 Krön. Einzelnummer vierzig Gdldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 50 Goldvf. für die stebeugespaltene Nonpareille-Zeile. 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Filialen Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten stch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Die nächsten Ausgaben des „Israelit" erscheinen zu folgenden Terminen: Nr. 13 «np'i 'a Donnerstag, den 3. Niffan/30. März. Nr. 14/15 (Doppelnummer zu Pehach) Vmn na*? / ix 's Freitag, den 11. Nifsan/7. April. Nr. 16 's Freitag, den 25. Nissan / 21. April. Redaktionsschluß jeweils 2 Tage, für Anzeigen 1 Tag vor dem Ausgabetag, 12 Uhr mittags. Die Losung der Stunde. Von Nechunia. Wir stimmen nicht in allen Teilen mit den im folgenden entwickelten Auffassungen überein — wohl aber in derHaup tjache: dem Ausruf zur Teschuwo. Red. 1. Drohende Gewitterwolken sind über den deutschen Juden aufgezogen. Albdruck lastet dumpf auf unsrer Brust, und die Sorge frißt sich ein in unsre Herzen. Jüdisches^ Schicksal formt stch in historischer Stunde. Eine dunkle Wauer der Ungewißheit türint .sich auf vor unsren Augen. Die grauen Abcnöschatten des Golus beginnen der Dacht zu weichen. Cs äst finster geworden um uns. Seit hundert Jahren hat das deutsche Judentum den eisigen Dachthauch des Golus nur aus der Feme gekannt, niemals erlebt. Der barmherzige G'tt, der die Geschicke Israels steuert, hat dem deutschen Judentum vor hundert Jahren eine Pause zugebilligt, um die urwüchsige Heldenkraft der Thoratreue des deuschen Juden a u ß e rch a l b der Ghettimauern zu erproben. Die.Pause ist nun um. Das deutsche Judentum hat seine Prüfung mangelhaft bestanden, hat in seinen großen Teilen versagt. Die zwei großen Abfallbewegungen des zeitgenössischen Judentums: Liberalismus und Zionismus, deren historische und lokale Ausgangspunkte in .Deutschland lagen, haben den weitaus größten Teil des deutschen Judentums erfaßt. Cm Häuflein Getreuer ist geblieben, ein „Ueberreft der Rettung": die Orthodoxie. 'Großes bat diese Orthodoxie geleistet, Größeres versäumt. Und populär ist sie auch nicht geworden; ihre heroische Eigenart erscheint getrübt durch die Brille des Vorurteils^ durch fremde Schuld und durch — eigene. Durch die Front der Verständnislosigkeit von feiten ihrer Gegner und durch eigenes verschulden ... ■tD,ir wollen sie suchen, diese Schuld, und — erröten. G'tt bat über uns das Leid - gesandt, um uns zu erziehen! Warum schweigen die Führer, die Berufenen in diesen schicksalsträchtigen Tagen? Warum? Warum schweigen sie, wie sie im Weltkrieg geschwiegen haben, anstatt uns den Sinn zu deuten all dieses schrecklichen Geschehens? Rein Samson Raphael Hirsch Fteht auf, der die Losung ausgibt für das deutsche Judentum der Gegenwart. Wahrlich, stünde heute die Orthodoxie da, markvoll, kernig und geschlossen, jene zahlreichen liberalen, assimilierten pseudojüdischen kreise würden aufhorchen, Sicherheit suchen und Richtschnur bei den Getreuen der Thora. So aber .... Ihr jüdischen Führer, habt Ihr schon Stellung genommen zu den heiklen jüdischen Problemen der Stunde? Habt Ihr schon bei Tag und bei Dacht Beratung gepflogen, wie man das deutsche Judentum zur Teschuwo bringen kann? Die Umkehr- Fähigkeit der deutsch-jüdischen Bevölkerung war niemals — seit hundert Jahren — so stark angewachsen wie in unsren Tagen. Wird man den Augenblick zu nützen wissen? Jüdische Führer: Wer gibt die Parole aus? Schweigt Ihr, so werden uns die Hoffnungen zwischen den Fingern zerrinnen. Und unser Leiden wäre sinnlos geworden.,, . " y. Wir sollten Sorge tragen, daß diese schwere Zeit keine kleinen Wenschen findet, keine zaghaften, zittrigen Kreaturen, vielmehr — ernste, bewußte jüdische Persönlichkeiten von hohem Adel und voll wuchtiger Hingebung an G'ttes Gesetz. Doch zuvor: die selbstverständliche unerläßliche Voraussetzung der unbedingten L o v a l i t ä t gegenüber dem Staate. Cs ist allerdings unerläßlich, daß jeder Anschein, auch der geringfügigste, der Auflehnung gegen die herrschende Wacht des Staates vermieden wird. Das jüdische Gesetz der Thora verlangt treue Anerkennung jeder Regierung, der der Jude untersteht, gleichgültig welche Stellung diese Regierung zu jüdischen Fragen einnimmt. Cs ist eine bindende Forderung des G'ttesgesetzcs, daß der Jude stch der selbstverständlichen Loyalität dem Staate und seinen Organen gegenüber befleißigt. Cs wäre deswegen die unumgängliche praktisch-logische Schlußfolgerung, daß sämtliche Juden in Deutschland — in hingebungsvoller Erfüllung dieser ihrer religiösen Verpflichtung, sowie in sachlicher Beurteilung des j Ernstes der Stunde — sich aus allen verbänden und Organisationen z u r ü ck z i e h e n , die der herrschenden Staatsmacht oppositionell gegenüberstehen. Cs war unbedingt ein Fehler, daß sich Juden überhaupt jemals politischen Parteien und Bünden angeschlossen hätten und nur als Akt der Dankbarkeit zu begreifen gegenüber jenen Gruppen, die stets mit Cifer für die jüdischen religiösen Belange eingetreten sind. Jedoch hätte die ethische Selbstverständlichkeit des Dankbarkeitsempfindens niemals in den unjüdischen Formen der Parteizugehörigkeit und der politischen Betätigung sich Ausdruck schaffen dürfen. Der Jude dient treu dem Staate, in den ihn G'ttes geschichtliche Lenkung hinein gestellt hat, unbekümmert um Staatsform und Regierungswechsel. Der Jude muß auch ein dankbares Gedenken wahren den Wenschen und Gemeinschaften, die ihn in seinen berechtigten religiösen und menschlichen Forderungen unterstützen. Im Uebrigen muß er jedoch sein Betätigungsfeld auf der innerjüdischen Arena suchen. Cinem Juden, der still un-d ehrlich seinen Geschäften nachgeht und sich einer korrekten Handlungsweise jeder im Laufe der historischen Entwicklung auftretenden Staatsform gegenüber befleißigt, sonst aber fein ganzes Bestreben dem innerjüdischen religiösen Ausbau des Judentums weiht, einem solchen Juden hat — wenigstens in ruhigen Zeiten — noch niemand die selbstverständliche Hochachtung versagt. Cs ist nicht Feigheit, die uns Obiges raten heißt. Cs ist nicht Feigheit, begangene Fehler zu ernster Stunde wieder gut zu machen. Cs ist ein 2lkt der Anständigkeit, — nichts weiter. Und noch ein Anderes: Wir wissen, daß die wenigen Wänner mit leider jüdisch klingenden Damen, die in den Skandalprozessen der letzten Jahre aufgetaucht sind, mit dem wahren Judentum niemals etwas zu tun hatten noch haben. Wir wissen auch, daß für diese Dunkelmänner das ganze Judentum mit Unrecht verantwortlich gemacht wird- Cs sind Verbrecher, Cntweibcr des gütlichen Damens, die Schande gebracht haben über sich und über unser jüdisches Volk. Verbrecher, die den jüdischen Damen befleckt haben. Gewiß ist es' überflüssig, zu bemerken, daß -man in der jüdischen Öffentlichkeit jederzeit weit von -diesen Jammergestalten abgerückt ist. Cs müßte dies uns jedoch eine bitterernste Lehre für die Zukunft sein. Hier müßten unsre Führer auf den plan treten und jedem, der sich eines derartigen vvn schuldig machen sollte, mit dem Bannstrahl des öffentlichen Chercm antworten: Anprangern, Ausschluß aus jeder Gemeinschaft, Verweigerung aller religiösen Funktionen. Werden die jüdischen Führer sich hierin zu schwack fühlen? Das würde zeigen, daß sie den lastenschivcrcn 2lufgaben unsrer 'Schicksalwende nicht gewachsen wären.