Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1933)
- Date
- 1933-03-16
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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16. Marz 1933 Nr. 1 Seite S fung einer Ieschlwa, einer Lehrhalle für Talmuöstndium und jeder Alann aus dem Volke, vor allem jeder junge Mensch, wann immer er nur eine Stnnide; freier Zeit erübrigen konnte, saß hier ins Studium vertieft unter der ständigen Kontrolle der großen Lch- rer, die der Ieschiwa vorstanden. Hier vergaß man Hunger und Elend: hier überwand man alle Anfechtungen seiner Sinnlichkeit, hier fühlte man sich ganz als Mensch, unbesiegbar von allen Widrigkeiten des Daseins. Heute, wo die Arbeitslosigkeit der schlimmste Fluch -der Menschheit ist» wo unzählige unserer Gemeinschaft ihren Tag nicht mehr nützlichen Zwecken zu widmen wissen, packt sie eben durch diesen Mangel der Fähigkeit zu leisten und zu wirken ein Ekel vor sich selber. wasFollen sic anfangenFUnö sogar, wenn sie in kürzester Frist wieder zu regelmäßiger Tagesarbeit zurückkehren können, die leere Zwischenzeit ist ihnen eine unerträgliche seelische Last, die sich in Auflehnung gegen Clern und Geschwister, in Verbitterung gegen die Gesellschaft, in Roheit und Würdelosigkeit entlädt, welcher Segen wäre es, wenn, diese Menschen ihren seelischen Unwillen in die Je sch iw a tragen könnten, wenn sie hier im Reiche des Geistes ihre Schwingen wieder wachsen fühlten und bei dem Ernst und der Schwere der Lehraufgaben sich ihrer Men-' schenwürde wieder bewußt werden könnten! Welcher Segen wäre jede Stunde der Freizeit, wenn wir noch in der Ieschiwa heimisch wären. Dieses Wort Freizeit scheint mir überhaupt eins der schwersten Probleme aller Zukunft zu kennzeichnen. Die Welt hat nicht Arbeit genug für alle Hände, und die industrielle Höherentwicklung wird weiter Arme übrig machen für den wirtschastsablauf. Der moderne Mensch aber ist ganz auf wirtschaftliche Betätigung eingestellt. Vergnügung und Spiel können gär nicht mannigfaltig genug sein, um die Muße auszufüllen; abgesehen davon, daß sie meist kostspielig, unerschwinglich sind, was werden die Menschen mit ihrer Freizeit beginnen? Die Thora hat schon mit dem Satze: „Du sollst über das G'tteswort sinnen bei Tag und bei Rächt", ihren Bekennern einen wirtschaftlichen Dienst ohnegleichen geleistet. Für sie kann es keinen Fluch der Technik geben, wenn die Maschine den Menschen entlastet, so entlastet sie ihn für seine höhere Bestimmung,'für den Geist. Für sie ist jeder technische Fortschritt ein Stück messianischer Erlösung, ein Verwirklicher paradiesischer Verhältnisse auf Erden; denn je einfacher und müheloser der Mensch seine geringen eigenen Bedürfnisse sich erfüllen kann, um so mehr kann er frei und ungehindert dieser seiner ewigen Ausgabe gerecht werden. Und alle Juden der Gegenwart sollen es hören und wissen: es gibt kein Judentum ohne die beständige Pflicht zu lernen und zu forschen. wer diese Pflicht aus seinem Leben streicht, hat aufgehört, ein vollwertiger'Jude zu sein. Cs wird auch in der gcfamfeii’ Menschheit picht besser werden könnön, auch für sie gilt: Rückkehr zum Geist als- Selbstzweck, zum Studium als'dem letzten und eigentlichen und dauernden Berufe des Menschen, eine Lebensdeutung, die nur die Religion^ ihr' geben kann. .. Ich könnte so an unzähligen Einzelbeispielen d i e G r e' n z e;tt decwirt sch a f i l.i ch e n B e t r a chtumgöesL'e bems musweisen ünö zeigen, wie ohne Religion die Wirtschaft für sich allein ins Richts führt. Ich beschränke mich auf einige Einzelheiten. Alle Verfeinerungen und Ausgestaltung des Lebens führen dazu, dem einzelnen Menschen, der an leitender Stelle einer großen Organisation oder weltumspannenden Unternehmung steht, eine immer schwerer wiegende Verantwortung für Zukunft und Besitz Unzähliger aufzubürden, von einem Leiter eines Bankunternehmens oder einer großen Fabrik hängt das Hab und Gut vieler Tausender ab; eine Tat des Leichtsinns, der Eitelkeit, der Unüberlegtheit kann die wirtschaftliche Existenz aller dieser von ihm abhängigem Unschuldigen untergraben, welche inneren Sicherheiten hat die Wirtschaft für die Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit ihrer leitenden Persönlichkeiten, wenn es keine Religion gibt, die die Menschen erzieht, keine Ehrfurcht vor G'tt, der selbst die geheimsten Regungen des Herzens richtend prüft? wer hat die Macht, diese Gewissenhaftigkeit in die Seele einzupflanzen? Der Midrasch sagt: Als G'tt den Menschen erschaffen wollte, da beabsichtigte er, ihm die Fähigkeit zu geben, vom Cnöe der Welt bis zum Ende der Welt Der I s r a e l i t _,, fzu blicken. 'Als er aber voraüsfah, daß diese Gäbe An der Hand der Schlechten züm furchtbaren Unheil für die Gesamtmenschheit sich auswachscn würde, gab er ihm nur den engen Horizont unserer gewöhnlichen Sehweite. Die Wahrheit dieser Erzählung hat uns die Gegenwart in anschaulicher Eindringlichkeit immer wieder vorgeführt. Cs ist geradezu erniedrigend, zu sehen, mit welchem Leichtsinn sich oft die unermeßliche Verantwortung der wirtschaftsführec ebenso wie der politischen Machthaber paart. Csgibtebcn keine w i r t sich a f t oh itc den M enschen , und es g V b i keine n Mensche n ohne die Religion. Cs ist nur eine große Selbsttäuschung, daß irgendwelche soziale oder wirtschaftliche Aufgabe als solche schon für die Dauer durch Generationen hindurch diejenige Wachsamkeit und Verantwortungstiefe bewirken könnte, die für das Gedeihen der wirtschaftlichen Belange der Menschen erforderlich ist. Die großartigste Veranstaltung des Judentums ist der Sabbat', der die Gleichheit aller und den Anspruch aller auf Erholung und Ruhe proklamiert, wo du gleich deinem Knecht, deiner Magd, ja selbst mit deinem Ochsen und deinem Esel völlig frei von Arbeit feiern sollst. Alle Welt hat diesen Tag als soziale Einrichtung nachahmeu wollen und doch ihn nicht erreicht. Denn was die Religion mehr als alle soziale Gesetzgebung zu gewähren vermag, die seelische Entspannung des Sabbat, die Befreiung des Gemütes von der Gedankenwelt des Werktags, die Hinwenönng zu heiligen und hohen Dingen kann' keine soziale Verfassung erzielen. Für den Gläubigen ist der Sabbat ein Jungbrunnen der Seele, ein völliges Sichsclbstvergessen, ein Ablegen des wochentäglgen Menschen und dadurch zugleich eine Erneuerung seiner Kraft für das Schaffen des Alltags. Rimmermehr vermag das an sich schon der freie Tag, selbst, wenn er der Zerstreuung und dem freien Raturgeuuß gewidmet ist. Gerade in den Krisen des Lebens, in den Zeiten großer innerer Erregung, der Trauer und der Verzweiflung, der großen Gorgen und Spannungen verfügt die soziale Einrichtung, während die Absolutheit der religiösen den Menschen von sich selbst befreit und ihn wieder Kind werden läßt und den Sturm der Seele beschwichtigt, wie oft haben die großen wirtschastsführer, wenn die Entscheidungen drängten und die Schwierigkeiten sich häuften,, von einem Fehler in den andern sich gestürzt, weil sie nicht die Macht hatten, einen Augenblick sich von sich selbst zu befreien. Hätten sie den Sabbat gekannt, wo es ihnen ebenso verboten ist, einen Bleistift in die Hand zu nehmen wie irgendeinen geschäftlichen Gedanken zu durchdenken, wo sic in der Welt der Ewigkeit, den Gedanken des Wochenab schnittes und der Propheten allein leben und weben dürfen, sie hätten Distanz zu sich selbst gewonnen und wären innerlich erneut und objektiv gegen ihre eigene Vergangenheit, sicherer zu ihren Geschäften zurückgekehrt.i So ist der Sabbat, so merkwürdig, wie es klingt, das Salz der Wirtschaft, weil er Sitelentum gewährleistest weil er die Wirtschaft überwindet, und .nur aus ihrer Ueberwinduna ibre Gesundung erfolgen kann.. , ... - . was aber den ijüMfcbcn Sabbat von allen andern ähnlichen, von' all Feinen Rachahmungen unterscheidet, das ist seine ums aussen de Geltung. Cr will sich ausnahmslos durchsetzen. Das hält die Menschheit für unmöglich. Könnten etwa Post und Telegraph, elektrische- und Dampfbahn stillestehen? Der wirtschaftliche Verlust, märe, wie man amümmt, zu groß. In der Tat wirkt hier der Sabbat hemMeüd auf das Tempo der Wirtschaft. Aber gerade das ist sein Segen. Die Religion wird sehr oft geradezu eine Bremse, eine Einschnürung des vorwärtsdrängenden Wirtschaftslebens sein. Qlbet spottet nur der Bremse! Einen wagen mit vielen 100 Kilometern Geschwindigkeit zu bauen, ist ein Leichtes; nur die Möglichkeit, ihn aufzuhalten, fehlt unseren Ingenieuren, und bei der kleinsten Gefahr saust er wehrlos in den Abgrund. So ist es in der Tat die Rleigion, die der Geschwindigkeit der. Entwicklung Halt gebietet,' aber eben deshalb sie vor der Gefahr der Selbftvernichtung behütet. Die Religion betrachtet cs nicht alb schlimmsten Verlust, wenn die ökonomische Rekordleistung einen Tag später kommt. Aber sie betrachtet es als ungeheuren Verlust, wenn ihre Beschleunigung mit dem Opfer des Seelischen, mit einer ethischen Verwilderung bezahlt werden muß. Gerade darin beweist die Religion 'ihre Kraft, daß sie der g r o ß e Regula- 11 o t d e c M ensch bei t sein will und daß sie niemals einen äußeren Fortschritt auf Kosten des inneren billigen und dulden wird. Der technisch noch so fein ausgerüstete Barbar ist doch nur ein Barbar; denn das Mißverhältnis zwischen innerer und äußerer Kultur, zwischen wirtschaftlicher und sittlicher Tüchtigkeit ist die eigentliche Grundursache aller sozialen Mißstände. Ohne die Heinmnngcn und Bindungen der Religion kann nie jene Selbstgenügsamkeit erzeugt werden, welche wirtschaftliche Unersättlichkeit ausschließt und den Menschen in die wirtschaftlich notwendigen Grenzen aus eigener innerer Befriedigung bannt. Cs geht eine Sehnsucht nach neuem Lebcnszielnach Innerlichkeit und Lebenserneucrung durch die Menschheit. Der sogenannte Liberalismus, der in Wirklichkeit nur den Machtwitlen und das unbegrenzte Erwerbsstreben emanzipiert hat, der unter Preisgabe der Menschenwürde und echten Menschenfrelheit alles Leben zu Mechanisteren droht, ist in seiner Hohlheit und Verlogenheit durchschaut worden. Denn es gibt kerne Ethik nach Kants berühmtem Wort, die den Men-- schen nur als Mittel zum Zweck gebraucht. Alles persönliche Leben ist zu heilig, als daß es wie eine Ware veräußert werden könnte. Die große Verirrung der liberal, kapitalistischen Wirtschaftsordnung war aber nur möglich, weil durch die seichte Aufklärung die Religion zurückgedrängt war, die ganze Tiefe und Brette des Lebens nicht mehr erkannt wurde und die ersten glücklichen Erfolge einer neuen Wirtschaftskonjunktur die Menschen darüber hinwegtänschten; daß der Mangel an Religion eine Lntseelnng des Lebens zur Folge hatte. Aus dieser großen Täuschung sollten wir lernen und nicht jetzt in eine neue verfallen, die Marx unvermerkt an die Stelle der alten gesetzt mit ihrem.„Massemenschen" ihrer Unterdrückung der persönlichen Freiheit, der Entwurzelung des metaphysischen Menschen mit ihrer brutalen Gewaltsamkeit. Die Religion lehrt die unendliche Kraft der menschlichen Seele. Sie wird nie einen Satz zugoben, von dem der Marxismus ausgeht, daß Individuen und Gruppen gegenüber der Gewalt des geschichtlichen Schicksals ohnmächtig sind, wir ringen mit G'tt, und mit Menschen, mit historischen und natürlichen Mächten und können und werden obsiegen, solange die alte Kraft Jakobs, solange das Judentum in uns lebendig ist. Gegenüber aller mechanischen Kausalität im Völker- und Wirtschaftsleben wird die Religion immer an der Macht des reinen Willens festhalten, die alle Gebrechen sühnen und besiegen kann. Aus Ressentiment, ans Haß, der nach Verachtung dürstet, hat Marx besonders das Judentum verleumdet; aber es war nicht die Religion, die er angriff, höchstens eine Aflerreligion, die in den Zaren ihre höchsten Vertreter finden konnte, die mit aller Ungerechtigkeit der Gesellschaft, aller Bcvorrechtung hestiminter Stände, aller Grausamkeit der polizeiwittkür paktieren konnte; eine Afterreligion, die sich. in Aeußerlichkeiten und oberflächlichen Zeremonien erschöpfte und nicht den inneren Menschen umwandelte, nicht zum Regulator der wirtschaftlichen Bestrebungen und Tendenzen sich äuszüschwingen den Mut hatte, wir müssen beschämt bekennen, daß auch in unseren Kreisen noch vielfach die Religion so als Maske mißbraucht wirb, daß Menschen sich als g'ttesfürchtig und strenggläubig ansgeben, deren wirtschaftliche Brutalität zum Himmel schreit. Cs hat auch bei uns die Religion an revolutionierender Kraft verloren, daß sie nicht die Selbsttäuschungen des Menschen rücksichtslos zerstört und ihm den Spiegel seiner seelischen Barbarei vor Augen hält. Auch bei uns ist die Täuschung viel zu weit gediehen, als ob Religion und Wirtschaft zwei Lebenskreise sind, die einander ausschließen oder doch nur ganz geringe Bezirke miteinander gemein haben. Und so mag' die Betrachtung der sich selbst überlassenen Wirtschaft'iujt ihren Gefahren und Ueber-- steigerungen, mit ihrer^ großartigen Einseitigkeit und Unerschöpflichkeit auf äußeren Lebensgebieten, aber auch mit ihrer Bedrohung aller seelischen werte unser Auge öffnen für echte Religion, für die Totalität der Lebensbetrachtung, für die Unmöglichkeit einer Harmonisierung brutaler Wirtschaftsgesetze mit dem Gedanken an einen gerechten und richtenden G'tt. Religion soll uns bedeuten die charakterliche und geistige Vervollkommnung des Menschen im Sinne des religiösen Ideals der G ' t t c s e b e n b i l d lichte i t, daher nicht weltflucht, sondern Einbau der