Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1933)
- Date
- 1933-03-16
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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religiösen Welt in die Wirklichkeit und zugleich den Mut zur Einsamkeit, die jede freie Zeit, soweit sie nicht dem Dienst der Welt gehört, der Einsamkeit des Lernens und F o r s ch e n s weiht. Sie bedeutet uns Festlegung des Lebensschwerpunktes in überzeitlichen Werten, nicht Weltverneinung, aber Einfachheit des Genießens und der Lebensansprüche, den Willen zu m verzich t. Religion bedeutet uns Gemeinschaftsgesinnung in Verantwortung und Solidarität eines für alle und aller für einem, bedeutet die Preisgabe eines unbeschränkten Individualismus, die Einordnung unseres Willens in den Willen der Gemeinschaft der Anständigen und Guten. Sie bedeutet uns, d e n wirtschaftlichen L e b e n s b e r u f als einen Dienst a n der Me n s ch h e i t zu fassen und zu betätigen, aber mit gleicher Energie den ewigen Berus des Juden, Träger des g'ttlichen Gesetzes zu fein, als den historischen Dienst des Judentums an der Menschheit zu verwirklichen. Fassen wir zusammen. Die beiden großen Wirtschaftstheorien, sowohl die kapitalistische wie die marxistische, zeigen nur, wie unmöglich eine Selbstemanzipation der Wirtschaft von der religiösen Grundlage alles Menschenlebens ist. Die ecstere glaubt an die „Vernunft" des freien Erwerbslebens; sie hat nur die Unvernunft eines seelenmordenden Mechanismus und das Entsetzen einer anarchischen Geldherrschast bewirkt. Die andre lehrt die Zwangsläufigkeit, die schicksalshafte Verflochtenheit des Menschen in die Produktionsverhältnisse und predigt daher den Kampf der Gewalt gegen die Gewalt; sie verkennt die Freiheit als das Grundprinzip alles Menschentums, sie verkennt die Macht der Seele und des Geistes als der einzigen gcstalrerischen Mächte eines lebenswerten Erdendaseins. Rein Gebiet des Menschenlebens ist in sich rational zu erfassen, Kerns ist in sich vernünftig. Kcins ist aber bloßes Schicksal, reiner Zufall. Alle Dinge sind nur von dem guten Menschen her sinnvoll zu gestalten; „siehe G'ttesfurcht, die im Leben betätigte Unterwerfung unter einen höheren Willen, ist Weisheit, und das Ablassen vom Bösen, die Selbstbindung an die ewigen Gesetze G'ttes ist Einsicht." (prob 2$, 29). Wir stellen die Ganzheitsbetrachtung der Religion gegen jede Teilansicht der Welt in den Wissenschaften, auch in der Soziologie. Wir wissen, ohne Brot gibt es keine Thora, aber auch ohne Thora kein Brot. Ohne Thora wird das Brot faul, es verwest und v e r g i f t e t ö e n M e n s ch e n. Eine Religion ohne Wirtschaft ist ein Unding, ein Traum; eine Wirtschaft ohne Religion ist eine Giftpflanze, ist ein grauenvoller Selbstzerfleischüngsprozeß der Menschheit. Es bleibt ewig wahr, was die Thora sagt: „Nicht von Brot allein kann der Mensch leben, sondern nur von der Gesamtheit alles dessen, was aus G'ttes Mund hervorgeht, kann der Mensch leben." Zum Schluß möchte ich an ein Erlebnis antnüp* fcn, das Sie alle aus Zeitungen erfahren haben. In einem Bergwerk waren an zwanzig Menschen verschüttet, sechs Tage lang von Luft und Licht, von Brot und Wasser abgeschnitten. Verzweiflung packte die meisten. Sie wollten Pand an sich legen, als Stunde um Stunde verrann und keine Rettung kam. Da war aber einer unter ihnen, ein junger Arbeiter, der so etwas von einem Prediger echter Religion in sich hatte. Der sprach ihnen Mut zu: „paltet aus, Brüder; cs kommt pilfe. Man sucht uns von dort oben; man wird uns befreien." Und endlich hörten sie ein Klopsen, Stimmen aus der pöhe, ein Schacht brach sich durch, und das Licht des Pimmels strahlte durch Ritzen und Löcher in immer breiterem Strom hinein. Das Wunder geschah, alle waren sie gerettet. 'Auch wir sind gewissermaßen verschüttet, die Wirtschaftskrise hat uns alle von Licht und Zukunft, von Arbeit und Brot abgeschmtten. Aber haltet aus, haltet aus, ihr freien Linder G'ttes! Wenn ihr still lauscht, so hört ihr schon jetzt die Stimme von oben, die Stimme aus der Pöhe, die nach uns sucht und uns Rettung bringt. pabt Geduld, verzweifelt nickt! Auch uns kommt der Tag der Rettung, wo das Licht des Pimmels in voller Macht in unser Leben einbricht. Seid stark in jüdischer Poffnung und Lebensgcwißheit. Auch wir harren de.n Tag entgegen, wo die Götzen von Silber nnd Gold zufammenbrechen, wo die Wirtschaft im Dienste der Religion und die Religion als die Weihe und Ordnerin der Wirtschaft das Glück der Menschheit für die Dauer begründen und befestigen werden. Mit Dankesworten, die von brausendem Beifall, mit dem die Zuhörer Perrn Oberrabbincr Dr. Earlebach für seine Ausführungen huldigten, übertönt wurden, schloß der Vorsitzende nach 19 Uhr die wohlgelungene Tagung. Heute. Roch immer haben in der Weltgeschichte Völker sich im Inneren geeint, wenn eine Gefahr von außen drohte. Auch bei Israel können wir das in den Anfängen seiner Selbständigkeit beobachten. Dagegen in den späteren Zeiten des Verfalls, nachdem man die falschen Propheten nach der Teilung deg Reiches großgezogen hatte, war von einer inneren Einigung keine Rede mehr. Die wahren Künder des G'lteswortes konnten sich bei der großen Menge kein Gehör mehr schaffen, weil die Könige und die Posgeseltschaft der Baalspsaffen aus politischen Gründen bedurften und diese ihnen und ihren Absichten.dienstbar waren. Jeremias Leiden waren unerhört. Seine einzige Schuld war die Wahrheit, die er gegen seinen Willen vortragen mußte. Er möchte sich dagegen wehren, aber eine innere Glut zwingt ihn, seinen sittlichen Zorn zu entladen. Schon waren die Wälle der Belagerung um die Stadt Jerusalem aufgeworfen, schon begann sich das Schicksal, das Jeremias geweissagt hatte, zu erfüllen — und noch war er eingesperrt im Gefängnis. Mit lächerlicher, hochmütiger Geste wirft der König, der jüdische König, das ewige Wort, das der Prophet für alle Zeiten ausgezeichnet hatte, in die irdischen Flammen und wähnt, die vergängliche Majestät könnte die unsterbliche Wahrheit des G'tteswortes ungesprochen machen. Ob er dachte, die Wurfgeschosse der Belagerer, die schon gegen die Mauer polterten, durch diese Selbsttäuschung zum Schweigen zu bringen? Wie Jeremias bei der Zerstörung des ersten Tempels allein stand, so R. Iochanan den Sakkai, als vefpasian vor den Toren war. Das Volk war von seiner jüdischen Lebensaufgabe zu weit entfernt, als daß es für die Gedankengänge des großen Geistesfürsten das geringste Verständnis gehabt hätte. Rur durch List war es R. Iochanan möglich, vor dem römischen Feldherrn zu erscheinen, die gegen die eigenen Leute angewandt werden mußte, die jeglichen Erfolg Rabbi Iochanans zu verhindern sucht-en. Die Geschichte hat längst ihr Urteil eindeutig über den Propheten Jeremias und über den Erhalter des Judentums, R. Iochanan den Sakkai, gesprochen. Die Gegner beider stehen beschämt, und ihre geistigen und pfäffischen Führer sind als Lügner und Volksbetrüger gebrandmarkt. paben die Nachfolger dieser Widersacher der Propheten und Gelehrten etwas ans fast dreitausendjähriger Geschichte des jüdischen Volkes gelernt? Werden sie etwas aus eigenem Erlebnis lernen? Die früheren falschen Propheten haben stets Frieden geweissagt und haben das Volk in der falschen pofsnung eingelullt, der jüdische Staat würde nicht untergeben. heute gibt man sich vielfach-auch Hoffnungen hin, die man ebenfalls nur aus seichten politischen Erwägungen schöpfen möchte. Man vergißt, wie damals, daß das Verhältnis Israels zu G'tt ein ernstes, sehr ernstes ist, daß unsere Zukunft nicht im Goluth liegt und daß für diese Zukunft der sein Volk erhalten will, der ihm seine Lebensaufgabe gestellt hat. Wir sind nicht mehr die, die wir sein sollten. Der Sinn unseres heutigen Erlebens kann nut unsere Zurückführnng zu Ihm sein. So wenig wie inan damals auf eigenem jüdischen Boden, im eigenen jüdischen Staat, unter eigenen jüdischen Königen und Fürsten den Propheten hören wollte, so wenig will man heute die Propheten lesen. So laut und so viel wird von gewisser Seite die Orthodoxie verhöhnt und geschmäht, daß man die menschliche und jüdische Lehre, deren alleiniger Siegelbewahrer sie nicht aus eigener Schuld ist, nicht mehr zu Gesicht bekommt. Die Gegner der Orthodoxie bieten sie doch nicht'ihren Kindern, nehmen selbst die biblischen Bücher nicht in die Hand und verlegen sich so selbst den Weg zur Erkenntnis der Wahrheit. So lange der weg der Wahrheit mit der Warnungstafel „Vorsicht! Orthodoxie!" versehen wird und die leidende Iudenheit von der Kenntnisnahme der Lehre des Judentums zurückgeschreckt wird, so lange kann sie nicht gesunden. So lange ist ihr Körper so krank und ihr Fleisch so im Schwund begriffen, daß sie das Messer nicht fühlt, das in ihr Einschnitte vollzieht. Die Verantwortung dafür tragen die fanatischen Verfechter des Abfalles, die die Seele dem Körper opfern, der vergänglichen Irdischkeit die geistige Ewigkeit, die als Bestimmung des jüdischen Volkes aus der Geschichte zu erkennen Ist. Pente sollte man um so mehr erwarten dürfen, daß der Sinn unseres Daseins uns aufgehen sollte, als es völlig unnatürlich erscheint, daß in einem zeitlich fortgeschrittenen Jahrhundert solche sittlichen Rückschritte möglich sind, die menschlich und rechtlich gar wicht in die Zeit eingeglieöert werden können. Gerade darum stehen wir erschüttert vor einer höheren Fügung, die uns warnend und drohend den Ernst unserer jüdischen Pflicht vor Augen führen und nicht zulassen will, daß wir uns ihr dauernd entziehen. Was die himmclsstimme kündet, die sich heute zu ihrem Gehör den Rundfunk wählt, hat Samson Raphael Pirsch am 8. Oktober 1848 in einem Rundschreiben an seine mährischen Gemeinden an seinem damaligen Rabbinersitz Rikolsburg ausgesprochen. Cr hatte als Mitglied des mährischen Landtags an der Crkämpfung der Gleichberechtigung hervorragenden Anteil. Er wurde zum Wortführer der Juden ernannt, die ihre Rechte durch eine Abordnung vor dem Reichstag zu Kremsier vertreten ließen. Mit banger Sorge hatte er gestritten und nicht zu jubelndem Frohlocken stimmte ihn der Sieg. Seinen Empfindungen darüber verleiht er folgendermaßen Ausdruck: Der erste Kettcnring unserer jahrhundertelangen Schmach ist gebrochen. — Dank dem Vater im Pimmel, der uns zu jeder Zeit geführt. — Allein, dieser so sehnsüchtig von uns herbeigewünschte Sieg der Wahrheit über die Lüge, des Rechtes über die Gewalt, des reinen G'ttesbewußtseins über Vorurteil und Wahn wird uns nur dann zu peil und Segen gereichen, wir werden uns nur daun seiner in Wahrheit erfreuen können, ja, wir werden uns nur dann seiner zu erfreuen haben, wenn wir als Juden aus den Kriegen um diesen Sieg hervorgehen, wenn wir als Juden die Früchte dieses Sieges genießen wollen, wenn wir mit doppeltem Ernste, mit doppelt entschiedener Kraft uns in dieser freien Zeit die Erhaltung unserer Religion und ihrer Peiligtümer, die Vollendung aller höheren Aufgaben des Judentums anstreben und die peiligtümer mit innigster lebendigster Liebe umklammern werden, für die unsere Väter mit solch jahrhundertelangem Elend, solch jahrhundertelanger Schmach geduldet. Denn wahrlich, meine Brüder, was hätten wir errungen, wenn wir nun, wo wir s. G. w., bald freie Juden sein könnten, aufhören wollten, Juden zu sein?! Da haben wir nach noch nicht 100 Jahren des Rätsels Lösung, nach der so viele laut und leise fragen. Das Judentum können wir nicht wie einen Mantel anunö ausziehen, wie es uns gefällt. Cs ist uns auf den Leib geschrieben, es ist uns in die Seele gehaucht; Ohne schwerste Schädigung unserer geistigen, ja, wie wir sehen, auch ohne innerlichste Gefährdung unserer materiellen Gesundheit, werfen wir es sticht von uns ab. Begreifen wir es bald, was unsere alten Mischnaweisen vor zweitausend Jahren uns lehrten? Wir haben nur eine Stütze, unseren Vater im Pimmel. Ihn können wir nicht straflos verlassen, aber Er nimmt auch die Reuemütigen auf und streckt ihnen die pände entgegen, sie wieder aufzunehmen. Wir verstehen wieder den Druck, unter dem unsere Väter, entrechtet und vogclsrei, lebten. Begreifen wir bald wieder, was ihnen Mut und Kraft und Lebensfreude erhielt. In der Betätigung ihres Judentums waren sie zufrieden und glücklich, wenn draußen ihnen nur Feindseligkeit und Paß begegnete. Sie heiligten ihre Familien in Reinheit, sie erhoben ihre Seele im Thorastudium über die Fährnisse und Sorgen der Zeitlichkeit, sie waren helfend einander nahe und sie beteten sich ihre Sorgen von der Seele — bis der Morgenstrahl ausgehender glücklicherer Sonne sie erheiterte. Auch beute — wenn wir auf Seine Stimme hören! t.