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Der Israelit · 1933-03-16 · Heft 11 (16.3.1933) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 11 (16.3.1933)
Date
1933-03-16
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 4 Nr. 1 Der Israelit manchem scheinen, als ob das Religiöse diesem gegenüber sich immer mehr verzwerge und für den Ernst seiner Lösung nicht von Belang sei. Was hat die feine, zarte Stimme der Thora in der brutalen, nüchternen Welt zu sagen, in der wir leben? Diesem Irrtum wollen wir entgegentreten, wir wollen den Nachweis erbringen, daß jede Wirtschaft ohne Religion zum Untergang verurteilt ist, daß ihre Krisis ganz eigentlich als eine religiös bedingte M e n fch h e i t s k r i f e sich erweist. Die ökonomischen Wissenschaften stellten es gemeiniglich so dar, als wenn die Religion nur eine fromme wirklichkeitsferne Illusion, ein schöner Traum aus Utopia fei, die Wirtschaft dagegen Realität, erwachsen ans den konkreten Gegebenheiten und Notwendigkeiten des Lebens. Sie könne und dürfe keinerlei Bevormundung dulden. Sie fei als unentbehrliche Voraussetzung und Trägerin alles Lebens beglaubt und befugt, sich selbst ihre Gesetze zu schreiben. Sie könne nur befehlen, nicht gehorchen. Sie müsse das Lebensschiff der Menschheit selbst steuern, wenn diese nicht rettungslos untergeben wolle; sie könne aber auch, indem sie den Kompaß in der Hand halte, das Wohl der Welt gewährleisten. Die Ereignisse der letzten Jahrzehnte haben diese Ueberhebung und Selbstberrlichkeit gründlich zerstört, vor unseren Augen zeigt sich gewisserinaßen ein Cntlarvungsprozeß der Wirtschaftswissenschaft, der alle ihre Theorien und Voraussetzungen zu Luftgebildon, zu einer Selbsttäuschung macht und als echte Illusion erkennen läßt, für die die Menschheit mit unsäglichen Opfern zahlen muß. Die liberal kapitalistische Auffassung, die noch heute von den meisten der unsren als die richtige Grundlage aller Oekonomie gehalten wird, meinte, den Ablauf des Wirtschaftsprozesses seiner ungehemmten Entwicklung, seiner inneren Cigengesetzlichkeit, den ihm innewohnenden Bedingungen frei überlassen zu können. In der vollen Freiheit des geschäftlichen Wettbewerbs würde die Wirtschaft dem Ziel, für das sie bestimmt ist, der Versorgung der Menschheit mit den lebensnotwendigen materiellen Dingen am besten dienen. Man sagte, wer verdienen will, der müsse notwendig der Menschheit dienen, und so würde das egoistische Streben nach Erwerb und Lebensannehmlichkeit den Menschen ganz ohne sein Zutun in den Gcsamtorganismus aller Tätigen einreiben und ihn unbewußt zu einem nützlichen Förderer der Crdenwerte machen. Rach dem Wort eines modernen Soziologen (Heilmann) sollte die natürliche Harmonie des gesellschaftlichen Lebens ebenso gewi ß sein wie die Harmonie der Schöpfung, als gelte für Produktion und Erwerb ein gleiches Gesetz der Ordnung und Regelmäßigkeit wie für den Reigen der Gestirne am Himmel. In der wirtschaftlichen ,,Vernunft" wollte die theoretische Nationalökonomie wie in dem Ban des Kosmos, geradezu einen G ' t t e s b e w c i e erblicken. So proklamierte man die wirtschaftliche Fr ei beit als böchstes Ideal. Aber diese Ideologie hat sich als vollkommen trügerisch erwiesen. Drohend stieg der Kapitalismus als ein Mittel der Versklavung und Entrechtung der Menschheit am Horizont' empor. Das Monopol des Geldes vernichtete jede Selbständigkeit des arbeitenden Individuums. Die Gründungen und Unternehmungen, zu denen nur das in sich selbst privilegierte Kapital greifen konnte, wirkten kulturzerstörerisch, legten solide und gesunde Kräfte brach, verurteilten Tausende zu sinnloser und geistloser Arbeit und machten den gesamten wirtschaftsorganismus zu einem durch ständige Erschütterungen, durch ein Auf und Nieder der Konjunktur krisenhaften, labilen Gebilde, Fast in gleichem Sinne wirkte die fortschreitende Technik, immer mehr Hände wurden im Arbeitsprozeß entbehrlich. Immer mehr wurde der Wert intelligenter und kunstgerechter Arbeit herabgedrückt, in immer erschreckenderem Maße die persönliche Leistung des Menschen mechanisiert und entwürdigt. Die.sich überlassene Wirtschaft zeigte also gefährliche Erscheinungen der Hypertrophie, pathologische Krankhcitöphänomene, die die Menschheit nicht zur Ruhe kommen ließen, die zeigten, daß in dem stolzen Bau der Wirtschaftswissenschaft ein Fehler stecken müsse. Der moderne Sozialismus ist die Reaktion auf die ökonomischen Fiktionen, an der die Wirtschaft 16. März 1933 krankte. Hellsichtig haben seine Theoretiker, hat vor allem Marx die Blößen der ökonomischen Struktur der kapitalistischen Welt aufgedeckt und die Leidtragenden ihrer Krankheitsphänomene zum.Kampf und zur Revolutionierung aufgerufen. Aber merkwürdigerweise, so hellsichtig er die anmaßliche Selbstgerechtigkeit der geltenden Wirtschaftsstruktur erkannte, so hat er doch an die Allmacht und alleinige Geltung wirtschaftlicher Cigengesetzlichkeit geglaubt. Ja, noch mehr: ec erklärte alle geistigen Mächte des Lebens als Funktionen der Wirtschaft, selbst die Religion sollte nur ein Ueberbau über die Wirtschaftsstruktur der Besitzenden sein, die durch Berufung auf außerirdische Instanzen der Selbstsucht ihrer Ideologie die Weihe geben wollten. So wurde er geradezu ein Prediger des Hasses und des Kampfes wider die Religion, als der Schützerin wirtschaftlicher Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Wir Juden können nur mit tiefem Bedauern diese Verirrung des Begründers der kommunistischen Ideenwelt konstatieren. Wir sehen heute den Religionshaß auch auf viele jüdische Gemüter übergeeifen, die im Judentum wie in andren Bekenntnissen den angeblichen Feind einer sozialen, gerechten Wirtschaftsordnung verfolgen. Dabei ist es ohne Frage, daß der heilige Zorn, mit welchem Marx die soziale Ungerechtigkeit verfolgt und geißelt, der ihm die hinreißenden Worte zu seinem Manifest eingab, ein Erbe der jüdischen Propheten ist, jener gewaltigen Kämpfer gegen Großgrundbesitz und wirtschaftliche Selbstsucht, jener erhabenen Anwälte der Bedrückten und Entrechteten. In Marx erleben wir nicht das erste Mal die bedauerliche Tatsache, daß die von der Milch des Judentums Aufgezogenen das Schwert gegen die Mutter kehren, der sie ihre Größe verdanken. Ein interessantes Beispiel gibt der Theologe Harnack an der jungen christlichen Kirche und ihrer Stellung zur Mutterreligion. „Eine solche Ungerechtigkeit, wie die der Heidenkirche dem Judentum gegenüber, ist in der Geschichte fast unerhört. Die Heidcnkirche streitet ihm alles ab, nimmt ihm sein heiliges Buch, und, während es selbst nichts anderes ist als transformiertes Judentum, durchschneiden sie jeden Zusammenhang mit demselben: die Tochter verstößt die Mutter, nachdeni sie sie ausgeplündert." (Zitiert bei Guttmann, das Judentum und seine Umwelt, S. 192.) In genau derselben weise können wir behaupten, die großen sozialen Reformatoren haben das Judentum ausgeplündert, haben alle feine grundlegenden Gedanken in der Wirtfchaftsgestaltung sich angeeignet, um nachher dem Judentum den Krieg zu erklären. Das Iudentunr sei kapitalistisch? Wer hat denn zuerst ein Zinsverbot apodiktisch und absolut ausgesprochen, wer zuerst die Arbeit als alleinigen Wert hingestellt und dem Geldc seine asoziale Monopolstellung grundsätzlich genommen? Nicht e i n Mal, sechs Mal spricht die Bibel dieses Jinsverbot aus, und in jedem siebten Jahre werden alle Darlehnsschulden automatisch kassiert, für null und nichtig erklärt, dankt sie den Schuldner nicht zum Sklaven des Gläubigers erniedrigen. Wer hat zuerst das Landmonopol aufgehoben wie die Bibel, die jedem Gliede der Ration einen Anteil am Lande gab, dainit jeder auf feiner Scholle oder, wie der biblische Ausdruck heißt, damit jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum sitze? Welches Gesetz hat wohl sonst noch der Ausbreitung der Großstädte mit ihrer Anhäufung von Menschen und den sich dainit verknüpfenden sozialen Gefahren von vornherein unübersteigliche Hindernisse in den Weg gelegt, wie die Bibel mit ihrer genauen Abgrenzung von Stadt und Land? Wo gäbe es auch nur ähnliche großartige soziale Freiheitöinstitutionen wie das Iobel- und Schmittajahr, das immer wieder die Unveräußerlichkeit des Crbbefltzes jeder Familie hinstellt und alle Vorrechte der Landbesitzer alle sieben Jahre aufhebt? Und wo endlich sind dem Händlertnm solch genaue Grenzen für die verdienstspanne vorgeschrieben als im jüdischen Gesetz, wo jedes Geschäft mit einem Mehr als 16 proz. Verdienst von vornherein als rechtsungültig erklärt wird. Wer von diesen Gesetzen der Bibel liest, den muß ein ehrfürchtiges Staunen ankommen, wie hier alle noch so weit reichenden, noch so kühnen sozialen Erneuerungen der Gegenwart vorweggenommen und zum Gesetz erhoben sind. Marx behauptet, daß jede ideelle Gestaltung nur den Ueberbau über die Wirtschaftsstruktur öarstelle, die Ideologie nur dazu da sei, um das Geltende und Bestehende in feinen Rechten zu schützen. Aber welcher Klasse sollte die jüdische Gesetzgebung als Oberbau dienen? Welcher Stand und welches Gewerbe, welche Wirtschaftsform hätte in ihr ihr alleiniges Recht gefunden? Ist sie doch lediglich gebaut auf dem Fundament der Menschengleichheit, gebaut auf Wertung der Arbeit, Schutz des wirtschaftlich Schwachen, Freiheit der Persönlichkeit und einer Lehnswirtschaft, die alle Kinder des Volkes in gleicher Weife bedenkt. Man sieht, daß die Gleichung: Judentum-Kapitalismus geradezu ein Wahnsinn ist, dein Urgedanken jüdischer Wirtschaftsgestaltuirg einfach konträr ist. Es kann kein Zufall fein, daß die Bibel solch umfassende wirtschaftliche- Gesetzgebung, solch erhabene. Ausprägung sozialer Gerechtigkeit als religiöse Grundforöerung erhebt; denn nur die Religion mit derTotalitätihrerLebens-und Weltbetrachtung, ihrer überzeitlichen und überparteilichen Rücksichtnahme auf die Notwendigkeiten der Menschennatur und der Menschengesellschaft kann die Wirtschaft vor Entartung und Verzerrung ihres eigentlichen Sinnes bewahren. Der Gedanke, die Wirtschaft isolieren zu können und die Gesetze ihres engen Geltungsbereiches sich ungehindert auswirken zu lassen, der ist eben eine große Illusion, und erst die Religion, die von der höchsten Perspektive aus das Menschenganze betrachtet, kann die Wirtschaft so einreihen in die Ganzheit des Lebens, daß sie ihrer Aufgabe gerechtwird. Einen ähnlichen Entwicklungsgang können wir auch in der Medizin der Gegenwart verfolgen. Sie glaubte, den Menschen als physiologischen Organismus isolieren zu können und allein aus der Gesetzlichkeit des Leibes die Bedingungen für alle Hygiene und die Sicherung der Gesundheit herleiten zur können. Aber das war ein großer Irrtum. Als vor einigen Jahren die Regierung eine hygienische Woche veranstalten ließ, da hörte ich es von den führenden Männern ganz unverblümt aussprechen: Du kann st d e n Menschen nicht gesünder machen, du m a ch e st ihn denn besser. Ohne die große Spannung eines hohen Lebensiöeals, ohne die Energie des sittlichen Lebenswillens gibt es keine Gesundheit. Gewiß müssen die immanenten Gesetze körperlicher Hygiene beachtet werden; aber ihren Geltungsbereich, die Grenzen ihrer Wirksamkeit finden sie an der höheren seelischen Struktur des Menschen. Wenn nicht der Mensch seiner inneren B e st i m m u n g als M e n f ch entspricht, so ist alle hygienische Fürsorge doch letztlich umsonst. So begreifen wir die Marx'sche Theorie als einen großen Irrtum, daß ec des Menschen Erlösung durch eine gewisse Wirtschaftsstruktur glaubt - gewährleisten zu können. Cs ist eine verhängnisvolle psychologische Täuschung. Der Mensch ist m e h r a l s n u r W i r tschaftswescn. Wo nicht die Religion ihn innerlich erneuert, ihm seine Bestimmung und sein Menschentum von höchster Warte aus deutet, kann keine noch so klug durchdachte Ordnung, der Oekonomie das Reich der Zukunft herbeiführen. Gewiß wird eine bessere Wirtschaftsordnung die gefährlichen Versuchungen des Lebens verringern, die schlimmsten Anreize zu Verbrechen, zu Ungerechtigkeit und Gemeinheit aus der Welt schaffen. Aber niemals kann sie allein der Menschheit das geben, wonach sie im Tiefsten sich sehnt, die Harmonie des Wirtschaftsmenschen und der Wirtschaftsgestaltung mit den tiefsten Forderungen der Seele. Umgekehrt: aber läßt sich behaupten: es vermag die Religion den Menschen in seiner Würde und höheren Daseinsfreuöe zu erhalten trotz aller Mängel und Unvollkommenheiten einer herrschenden soziologischen Ordnung. Das hat das Judentum durch feine jahrtausendelange Geschichte bewiesen, die es durch ständige wirtschaftliche Anormalitäten, durch furchtbare Perioden der Bedrückung und sozialer Zurücksetzung hindurchführte. Cs hat trotz aller Verzweiflung der Wirtschaftslage feine Bekenner vor Lebensüberdruß, vor Verbrechen und Selbsterniedrigung bewahrt. Wie hat es das vermocht? Ich möchte nur einen Zug herausgreifen, der auch noch jetzt nicht feine Aktualität eingebüßt hat. Die alten jüdischen Gemeinden kannten keine wichtigere Aufgabe als die Schaf-

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