Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1933)
- Date
- 1933-03-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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aber der Allgütige rettete uns aus ihrer Hand. Der Genius Lsaus konnte wohl unserm Stammvater Jakob im heftigen Ringen die Hüfte verletzen, aber die Morgenröte der G'tteserkenntnis und die g'ttliche Vorsehung zwangen ihn, von seinem Ziele abzulassen. Auch ein Amalek, der die Vernichtung des Judentums auf seine Fahne geschrieben hatte, mußte ernennen, daß das jüdische Volk unbesiegbar bleibt, solange es sein Herz und seinen Blick zu G'tt emporsendet und solange es in seiner Mitte Männer hat, die von G'ttesfurcht erfüllt, ihnen wahre und ehrliche Führer auf ihrem Lebenswege sind. Wenn so in unserem Lebenskämpfe das sinattrsche Feuergesetz den Inhalt unseres Daseins bildet, -dann, „laujomusch ammun heonon jaumom weammud hoeisch lojlo," dann wird nicht weichen der Schutz der g'ttlichen Wolkensäule von uns am Tage und der Feuersäule in der Rächt. Wenn in unseren Herzen mit Flammenzeichen eingeschrieben ist, „Juden der Welt, wahret Cure heiligsten Güter, übet Tauroh, Awaudo und gemilus chassobim, heilig sei Tuch das lebendige G'ttesgesctz für die lebendige Gegenwart, "dann dürfen wir, wie unsere Ahnen in der Wüste, uns vertrauensvoll den brausenden Fluten anverlrauen, die sich uns entgegentürmen, dann wird auch für uns sich erfüllen, „Wajowauu dnei Iisroel bessauch hajom bajaboscho", dann wird uns die Rettung schon werden und wir werden trockenen Fußes an Land kommen. Roch ist für die jüdischen Hoffnungen tiefster Winter. Wir dürfen uns über die Wahrheit unserer Zustände nicht täuschen, aber doch liegt ein unendlicher Trost darin, daß wir nicht rückwärts, sondern vorwärts schauend, nicht der geknickten Aeste, sondern der Blüten und Knospen gedenken, die noch schlummernd unter der Hülle des Winters ruhen und dem sonnigen Strahl entgegenharren, der sie zu Leben und zur fruchtreichen Entfaltung wecken wird.. Der Rausch Haschonoh leilonaus, das Reujahr der Bäume, steht bevor, und wenn auch der Menschensrühling noch nicht gekommen ist, so rufen uns doch bald blumige Wiesen und lachende Fluren ins Freie hinaus und dann ist der Frühling doch zu uns gekommen und neue Hoffnung beseelt uns alle. „Hachaudesch Hase lochen, rausch chodoschim." Dieser Monat, so lasen wir in unserer gestrigen Sidro, sei Tuch der Anfang der Rlonate. Mögen die Tage, in denen wir uns jetzt befinden, der Beginn einer neuen, schöneren und glücklicheren Zeit sein und wie unseren Vätern, die aus dem Dunkel der Rächt, aus Knechtschaft und Druck hiuausgeführt wurden zum Licht und zur Freiheit, so möge sich für uns, für das jüdische Volk insbesondere, die Verheißung erfüllen: „Rlchaul benei jisroel bojo Anr bemauschwaussom" und in alle Häuser in Israel möge Licht und Freude einziehen. Zunächst erhielten nun das Wort zu Begrüßungsansprachen die Herren: Rabb. Dr. Weys, Düsseldorf, Direktor Dr. ü l i b a n s k , Köln, Rabb. Dr. David T a r l e b a ch , Köln namens der S^nagogengemeinde Adaß Ieschuruu, Schnelling, als Mitglied des Vorstandes der Kölner Sxmagogeugemeinde und Rabb. Dr. R e u h a u s , Mülheim (Ruhr) zu hinreißender Ansprache. Rach einer längeren Kaffeepause berichtete Herr- Lehrer Wolf, Siegburg, zunächst über die Gründung der Jugendorganisation, die bei einer, parallelen Tagung der Jugend inzwischen erfolgt war. Hierauf nimmt Herr Rabb. Dr. w o ls das Wort zu folgender Ansprache: Meine Damen und Herren! Ausgesprochen und unausgesprochen lastet eine bange Frage auf uns, die Jesajas in die Worte kleidet: na naiv? n^a na naiv? „Wächter, was wird aus unserer Rächt, was wird aus der allgemeinen Rächt?" (Ies. 21, 11). Diese undurchsichtige Finsternis, in die der Erdball — wie einst in Aegypten — sich hüllt, ist vielleicht die schwerste Plage, mit der in den letzten Jahrzehnten die Menschheit heimgesucht wurde. Die voraufgegangenen Schicksalsschläge des Verlustes unserer Lieben, der Entwertung des Vermögens, berührten nur Telle des menschlichen Seins und Könnens. Diese Dunkelheit aber, die über Gegenwart und Zukunft ausgebreitet liegt, fesselt mit einem Schlage die Welt, ohne sie zu töten und macht jede Handhabe und jede Verfügung über unsere Person und über unsere Güter unmöglich. pv?N'l (ps. 105, 28 Hirsch z. Sk.). Cr sandte Finsternis und es ward finster—; doch in einem gibt es für uns Juden keine Undurchdringlichkeit — auch für die Menschheit nicht. Denn geöffnet liegt vor dem Auge, das sehen will, das Buch der Geheimnisse G'ttes. Seine Pläne und Seine Absichten verbirgt Cr nicht, jm*» xb - *]tzm p« mpan •»jnxr mon xb ■•D’iw’a täb pT* in 'n - Mwpa imn npjp «45, 19.) „Richt im Geheimen habe Ich gesprochen, nicht im Dunkel und düsterem Cröenwinkel, nicht sprach Ich zu Jacobs Söhnen: in der Verödung suchet Mich. — Das Recht spreche Ich aus, den geraden Wan d e l verkündige Ich." Wendet Cuch M i r zu, dann ist euch geholfen, alle Enden der Erde, denn Ich bin G'tt und sonst keiner (ibid. 22). — Warum ist das Licht der Erkenntnis entzogen allem Volk und allen Führern, allen Staaten und ihren Häuptern, warum spendet hier die Erde in nicht zu bewältigendem Uebersluß und dort herrscht Mangel und Hunger? Warum erleuchtet nicht der einfache Gedanke des Ausgleichs aller Erträgnisse die wirtschaftsführer, und warum schließen sie die Schranken gegen einander und schützen sie sich nicht gegenseitig vor Tod un^ Verderben? •an1? o*u ’a was ist die Ursache? nnm m na xVi Sie haben Sein Wort nicht zum Herrn (na) über ihr Tun gemacht. '.n"up.n rnun nx inan x*w (Midr. aiv nniv?- zu ps. 105, 28). Und wie leicht könnten wir, — kämen wir nur unserer Pflicht nach —, als Erlöser aus dem Weltenjammer gefeiert werden^ statt daß man uns die Schuld au allem Unglück aufbüröet. Denn, „wenn die Finsternis die Cröe bedeckt und die Verwirrung die Geister der Rationen verdunkelt, dann gehe über d i r das Licht G'ttes auf und Seine Herrlichkeit werde über Dir gesehen." (Ies. 60, 2.) — Und dftses Licht harret-nicht noch erst der Erfindung. Cs liegt in feinen Elementen lange erkannt vor uns: ■»nr-m1? -NX1 -p-m „G'ttes Wort ist das Licht, das unseren Weg erleuchtet und unseren Pfad erstrahlen läßt." Gerade dann, wenn die Welt sich am Ende der Möglichkeiten sieht, sich selbst zu helfen, wenn die Wirtschaftsführer ratlos stehen und die Politiker in Versprechungen sich ergehen, die zu erfüllen, sie nicht in der Lage sind, wenn Theorie und Praxis versagen, wenn unter der menschlichen Ohnmacht zur Erhaltung und zum Aufbau die Well zusäinmenstürzl und unter den Trümmern der Arbeit die Menschlichkeit erstickt, dann ist die Zeit gekommen, *pix xa n mx 'aip daß unser Licht wieder leuchte, nachdem wir ein Jahrhundert lang einer sata morgana nachgejagt sind, die uns in der Völkerwüste eine erquickende Oase des Rühens für unsere des Wanderns müden Füße und des Labsals für unsere lechzende Seele vorgespiegelt hat. Was Hai das Jahrhundert der Emanzipation uns gebracht an Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit? Die Frage heute stellen, heißt sie betrübend beantworten. Warum aber schenkte uns das Jahrhundert die Segnungen der Menschlichkeit n j ch t, die unsere Väter von ihm erhofften? Weil Zivilisation keine Kultur ist. Weil man G'tt nicht aus dem Bewußtsein der Menschen streichen kann, ohne die Menschheit zu Gründe zu richten. Iin engsten Zusammenhang mit dein G'tteslästerer, von dem das 24. Kapitel im 3. B. M. berichtet, sind dort nochmals die Verbrechen gegen Leben und Gut kürz wiederholt. Das will sagen: Dem G'ttesleugner gilt kein Leben und kein Vermögen heilig, gleichviel ob er sich als gottlos bekennt oder sich aus Politik als gläubig gebärdet. Als das erste Menschengeschlecht schon G'tt den Gehorsam aufgesagt hatte, erleben wir beim zweiten Geschlecht den Brudermord. Ohne G'tt Vater, keine G'tteskinöer, keine Menschenbrüder. Meine Damen und Herren! Im gestrigen Wochenabschnitt lesen wir hxiL" ’jpr Vab nm xnp'i (R, 12, 21) daß Moses die Aeltesten des Volkes berief. Dazu künden unsere Midraschweisen die Binsenwahrheit, die in Job sich findet (Job. 12, 12): -nnan D^a' pixi naan Midr. Rabb. maff 16, 1): „In den in der Geschichte stets wiederkehrenden Verhältnissen (w) liegt der Oucll für Lcbensklughett und in der Länge der geschichtlichen Zeitdauer könnten wir Gelegenheit haben, Einsicht zu schöpfen". Immer dann, wenn Israel abfiel, kam der äußere Feind über es und brachte den materiellen Riedcrgang. Schon im zweiten Kapitel des Richterbuchcs ist die geschichtliche Tatsache mit ihrer Gültigkeit für alle Zeiten registriert: „Wenn Israel G'tt verließ, dannentbrannte G'ttes Zorn gegen es und gab es seinen Plünderern preis und lieferte es der Hand seiner Feinde ans." Sollen wir uns über Rifchus wundern, wenn z. B. — um bei kleinem Vorkommnis zu bleiben — ein nichtjüdischer Lehrer in einer höheren Schule von sich aus den jüdischen Kindern anbietet, sie vom Schreiben am Schabbos zu dispensieren und die Mütter dieser jüdischen Schülerinnen es über sich bringen, gegen diesen Lehrer Beschwerde darüber cinzulegen, well er sich in Privatangelegenheiten mische. G. L. ist die beste Schülerin in dieser Schule ein jüdisches Kind, das am Schabbos die Schule gar nicht besucht. G. L., daß wir noch soviel Treue zum angestammten G'ttesgcsetz in unserer Mitte lebendig finden, daß wir die heutige -Iudenfeindschaft als Zuchtmlliel eines gütigen Vaters froh begrüßen müssen, vor dessen mildem vaterange unser Geschlecht noch als erziehungsfähig bewertet wird. Wahrlich, wir erkennen unfern Feinden nicht das Recht zu, uns das Menschenrecht zu entziehen, weil wir Juden sind. Aber wir begreifen manche Aenßerung aus dem Munde hochgestellter Personen, die nicht verstehen können, daß das das auserwählte Volk sein sott, dessen Leben von heute, dessen literarische Fehlleistungen und dessen geschäftliches Gebahren so oft in krassestem Gegensatz stehen zu den moralischen Grundsätzen, die das Alte Testament enthält, das der Welt kein Buch mit sieben Siegeln ist. Die Gottlosigkeit unserer Generation trägt die Schuld an der Lieblosigkeit unserer Behandlung. Laßt objektive jüdische Geschichtsschreibung, laßt Moses und die Propheten, unsere Mahner, mit Erfolg zu uns sprechen, die i?X‘nr "2P1dann finden „Wirtschaft und Religion" gemeinsanr den Weg zum Aufbau wieder. Heute tagte unsere Jugend. Sie will die Grundsätze unseres Vereins über unsere Zeit hinaus erhalten und als Jugend zur Jugend sprechen. Gleiche Sorgen und gleiche Röte verbinden sie — die Zukunft ist fürste alle in Dunkel gehüllt. Möge sie an das Zauberwort denken, miHdcm sie ih^wohl und das Glück der kommenden Tage selbst schmieden kann: >anitBB 'NX22 ’V 'n-nwy nt Tiaya G ’ t.t gestaltet unsere Freiheit. E r waltet in Seiner- Welt. Mit diesem Geleitwort gehe sie an die 2lrbett. Mit diesem Geleitwort kehret auch Ihr alle nach Hause zurück von dieser Auffrischung des jüdischen Empfindens ans unserer Tagung. 'EPttnn mi aa1? nrn unnn Dieser Monat möge der Beginn der- Erneuerung sein. Schreckt nicht vor der Dunkelheit, zaget'nicht vor der Finsternis. Richt e i n ural, oft, sehr oft war unser Lebens- Himmel bezogen von schier undurchdringlichem Gewölk, und doch konnten wir immer und werden es wieder dürfe,!, dankerfüllt gegen den 2tt!gütigen sprechen “n?5? t?x“w» 12V aaw pna-Gesegnet^der. der sein Volk Israel behütet in alle Ewigkeit! Hieraus folgte das Hauptreferat der Tagung über Religion und Wirtschaft von Oberrabbiner Dr. C a r l e b a ch , Altona. Wenn jemand von meinen 2lusführungen erwartet, daß ich irgendwie in die ökonomischen Schwierigkeiten der Gegenwart einzugrcifen mich vermessen wollte, den 2lrbeitslosen Stellen zu verschaffen, den Fronunen unter ihnen die Möglichkeit der Sabbatheiligung anfzmveisen die Möglichkeit hätte, der bat mich überschätzt, den bitte ich, meine Worte ungelesen zu lassen. Rur die grundsätzliche Frage soll uns zum Problem dienen: ob ein gesundes Wirtschaftsleben auf die Dauer ohne Religion möglich ist oder nicht. In unserer Zeit,-wo das Wirtschaftsproblem zu immer größeren Dimensionen sich auswächst, mag es SB