Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1933)
- Date
- 1933-03-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 11 Der Israelit 16. März 1933 stengel, der sich damals in Ungarn einzuführen begann^ über die sollen der Geschäftsbücher, an denen er arbeitete, luftig blies. Die vertrauten, die diese Dinge dem neuen Rabbiner zur Kenntnis brachten, unterließen es nicht, eine Mahnung zur Vorsicht.in ihre Rede einzuflechten. „Ls jft nicht irgendwer, es ist i?ilcl Tokew, der Takif. Cr kann die Fleischtare nach Belieben schrauben und wir haben kein Fleisch zu Sabbat. Cr kann uns seine Steuern entziehen und wir können die Gehälter nicht auszablcn. Cr kann uns das Mehlquantum aus seiner Mühle zu pcssach vorcnthalten und die Armen in der Gemeinde haben keine Freimazzoth . . . Und der Sohn erst, der Herr Robert Tokew! Cr hat Beziehungen zu den „hoben Fenstern," tanzt im, L)ffiziersklube, spielt Harten im 2ldclskasino, hat mit dein Sohne des Bezirkshauptmanns, dem Hufarenoffizier, auf einer Schulbank gesessen. Vorsicht. Rebbe, wenn euch das Wohl der Gemeinde am Herzen liegt ..." Rabbi Mosche erschrak, sann im Stillen nach, murmelte verschiedene Schriftstellen vor sich hin. „Fürchtet nicht irgend einen Mann!" „Ob Klein oder Gros; wird gehört!" „Keine Klugheit, kein Rat, keine Weisheit gelten vor G'tt! . . ." Mehrere Sprüche aus Talmud kamen hinzu. Und als er alle Zitate beisainmen hatte und sich wie mit hundert panzern gewappnet fühlte, richtete er eine schriftliche Warnung an Hilel Tokew, den Vater. Cr möge vor allem ihm, dem zuständigen Rabbiner, seine Sabbatkonzession, ans die er sich vielfach berufe, zur Prüfung vorlegen. Als kerne Antwort kam, lud er beide, Vater und Sohn, zu sich in die Bcsdinstube. (Fortsetzung folgt.) Zum Semesterwechsel auf den Zeschiwoth. Von 2Uic bis INonlreux. Die Universitäten sind überfüllt. Ein Zeichen der Zeit! Die Rektoren und Professoren jammern: Proletarisierung der akademischen Berufe! Was soll daraus werden? Die Zeschiwoth sind überfüllt. Zeichen der Zelt! Die Ieschiwahleiter und Dozenten frohlocken: Jugend findet sich heim zur Thora. Eine Krisenzeit hat gelehrt, den Stuhl, der im Geschäft, im Büro dem jungen jüdischen Menschen nicht bereit steht, in einer höheren Welt zu suchen. „Verlorene Jahre" — so nannte man früher den leeren Zeitraum zwischen Schulbank und Berufsleben — werden gewinnbringend, mit höchstem Nutzen für den jüdischen jungen Menschen angelegt ... Wer Gelegenheit hatte, im letzten Winter den Betrieb in der Breuer ' schen I e s ch i w a h zu Frankfurt, — die trotz ähnlichen Versuchen hie und da immer noch d i e Jeschiwah Deutschlands ist und bleiben wird — sich anzusehen, wie da täglich der Schichtwechsel der Schiurim vor sich ging, wie da in den Abendstunden die Schüler der Untergruppen sich um ihre Dozenten scharten, wie die regulären Jünger nach vollbrachtem Tagespensum sich auch abends einzeln und in Gruppen zum „Schmarzlernen" sammelten, der wußte, daß das Jefchiwohwesen in Deutschland mit dieser hundertfünfzig Schüler aus allen Gegenden und Ländern zählenden Thoralehranstalt längst über die ersten Tastversuche hinmi2 ist. Das Leben und die Lage in Deutschland haben ihren Teil dazu beigetragen. 2lber die Lehranstalt, die vor vierzig Jahren von Rabbiner Dr. Salomon Breuer als mip nuisi gegründet wurde, ging, hellhörig für Forderungen der Zeit und ihrer Nöte, eben mit dieser Zeit von Etappe zu Etappe. Sie ist — und das ist ihr größter Vorzug — bei allem intensiven Lernen nach östlicher Art in ihrer inneren Struktur, in der Vielfarbigkeit ihres Programmes, ja schon in Aussehen und Kleidung ihrer Schüler durch und durch ein deutsches Bodengewächs. Die Großstadt hat Nachteile für die lernende Jugend, darum haben die Litauer ihre Thoraquellen auf ganz kleine Plätze verlegt. Aber für manchen jungen Menschen hat gerade die Großstadt ihre unermeßlichen Vorteile, da sie mit ihrer Thoragemeinde, der bunten Vielfalt ihres Geisteslebens, ihren Institutionen, ihren Vereinen und ihrem Lernbetriebe den jungen Menschen ganz erfaßt und ihn für sein späteres Leben oder seinen Lehrberuf vorbereitet, stählt und ertüchtigt. Sie bietet ihm aber auch, wenn er auf das profane Studium nicht verzichten kann, das Katheder der Universität, lind es gereicht der Jeschiwah zum Ruhme, daß ihre Jünger, die ihre Liebe zwischen Lehranstalt und Universität verteilen müssen, keineswegs in der Jeschiwah das „Nebenher", sondern umgekehrt in dieser ihre „erste Liebe" und die Quelle ihres Wissens und Werdens erblicken, zu der ihnen das profane Studium, „die Axt des Broterwerbes" zu bieten hat. Es gibt welche, Väter und Söhne. — letztere noch mehr üls erstere, — deren Aspirationen weiter gehen, die ein paar Jahre eine von allen äußeren Einflüssen reine Jeschiwahluft atmen möchten. Sie gehen über die Ostgrenze, und: heil ihnen, wenn sie die Voraussetzungen und geistigen Qualitäten mitbringen, um in T e l s ch oder in Mir. auf diesen Inseln der Heiligkeit und Reinheit, ganz ' unterzutauchen in der Welt der Lehre und des Mussar. Sie sind Erkorene, bei denen die heimatliche profane Bildung und das geschulte Denken bald ebenfalls befruchtend in das Zeichen jener höheren Welt gezwungen werden, und von denen wir in den meisten Fällen, wenn sie heimgekehrt sind, etwas zu erwarten haben. Es gibt bei der heutigen Lage mehr denn je welche, die das Vakuum, das heute zwischen Schulzeit und Existenzgründung der Söhne naturgemäß eintritt. mit einer jüdischen ' und geistigen Fortbildung im Auslände ausfüllen möchten. Aber irgend etwas — es ist zumeist eine falsche Vorstellung vorn östlichen Leben — hindert sie daran, ihre Asphalt- und Parkett-Söhnchen in eine „Kulturwüste" zu schicken, als welche sich der Osten, und besonders das östliche Städtchen, ihrer Vorstellung darstellt. Staunen würden diese Leute, wenn sie einmal Gelegenheit hätten, das zwischen weiten blühenden Feldern sauber und keusch dahingestreckte' kleine Städtchen Mir und die blitzblanke Thorahalle.mit Licht und Wasser und allen sanitären Einrichtungen im Zentrurn dieses Städtchens zu sehen! Aber nicht davon soll hier die Rede sein. Die litauischen Lehranstalten sind allzu bekannt, als daß wir ihnen hier das Wort reden müßten. Wer aber seinen Sohn aus irgend einem zwingenden Grunde ins Ausland schicken muß. ist heute nicht mehr allein auf die Ostgrenze angewiesen. Es führt auch ein Weg über die Schweizergrenze zur Thora, nach Montreux!...; Montreux ist ein Wunder, ein Wunder der ewigen jüdischen Kraft zwischen den Bergen und Seen der westschweizerischen Alpenwelt! Wunder sind aber einmalig, von denen man, wenn sie zur Alltäglichkeit geworden, nicht mehr spricht. Und seit vollen sechs Jahren ist dieses Naturwunder von Montreux lebendige Wirklichkeit, wie die weißen Gipfel des Glion und der leuchtende Kessel des Genfersees unten. Was wäre noch viel davon zu reden? Wenn aber ein Wunder fortzeugend immer neue Wunder aus sich heraus vollbringt, so steht man immer und immer wieder mit staunenden Augen vor dem Phänomen. Fast jedes Seinester hat seine eigene Prägung. Von hüben und von drüben, von den Vogesen und den sranzösischen Bergen hinter dem See stießen ihr dauernd neue Kraft und neue Farbennuancen zu. So saßen im vorigen Sommer zwanzig junge Akademiker aus Frankreich unter den Jungen und Jüngsten in Montreux beim Studium, im kommenden Sommer wird es die doppelte Anzahl sein. Ein klassisches Französisch strahlt auf aus der geöffneten Gemoro. mischt sich mit dein unverfälschten Schweizer Dialekt in die litauische Lernmelodie von Nowogrudok, und das Ganze ist eine herrliche Symphonie, zu der die weißen Berge und das grünschimmernde Wasser die Szenerie geben. Frankreichs akademische jüdische Jugend in der Jeschiwah zu Montreux. Das ist ein Wunder im Wunder! . . . Es ist erreicht, daß Frankreich, besonders das neue Frankreich im Elsaß, als Resultat einer Propagandareise des genialen Leiters Herrn Rabbiner Botschko, die Jeschiwah zu Montreux als die Talmud Hochschule für Frankreich anerkennt und ihr auch entsprechende Mittel zur Verfügung stellt. Ueber Berg und Wasser reichen sich Schweiz und Frankreich die Hand, eine jüdische Bruderhand. Das ist das Wunder von Montreux in seiner jüngsten Nuancierung. Schon ist im findigen Kopf des Leiters eine neue Idee entstanden. Für die Ferienzeit des kommenden Sommers ist ein Gelehrter und Historiker von großen jüdischen Qualitäten gewonnen, auf daß er in der Jeschiwah, wo das Jahr hindurch gelernt und nur gelernt wird, ein paar Wochen Geschichtskurse leitet. Der Dozentena u s t a u s ch, wie er heute auf den Universitäten Europas und Amerikas überall üblich ist, erhält hier seine eigene jüdische Note. Erfreulich, daß mit der steigenden Not in der Welt, die Welle des guten jüdischen Willens an den jüdischen Lehrstätten immer höher steigt. In Frankfurt erlebt mau es. wie leicht es die Jefchiwahleitung mittellosen jungen Menschen durch Beschaffung von Kosttagen und anderen Konzessionen macht, sich ihren Anteil um geistigen Brote zu sichern. Montreux ist räumlich und mit dem Herzen der jüdischen Not. da wo sie am bittersten ist. nahe genug, um ihr Rechnung zu tragen, nach der schönen Mahnung der Mischnah: ,',Achtet aus die Söhne der Armen, denn von ihnen kommt Thora." Ausländischen Schülern, besonders solchen aus Deutschland, wird eine wesentliche Reduktion des Pensionspreises und — wenn sie besonders begabt sind — and) Stipendium bewilligt. Spärlich sind die Lichtpunkte in dieser trüben Zeit besonders für unsere Jugend, und ihrer einer heißt für diejenigen unserer Söhne, die außer dem Lande zu lernen gezwungen sind und in einem westlichen Milieu bleiben wollen, Montreux! -tz. Rabbi Ehajim Sonnenfeld, der Führer und Lehrer. Zu feiner ersten Iahrzeik am 19. Adar. Am Freitag, den 19. Adar, rundet sich ein Jahr feit dem Ableben Rabbi Ehajims. der Säule des Thorajudentums in der Heiligen Stadt und im Heiligen Lande. Aus den Aufzeichnungen seines intimen Freundes und Sekretärs, Rabbi Mosche Blau, geben wir hier eine Episode wieder, die Rabbi Ehajim als Führer wie als L e hr e r in gleichem Hellem Lichte zeigt. Es war im Jahre 5686, da der Kampf um das Gemeindegesetz in Palästina tobte. Die Regierung in London verlangte von der Exekutive der Aguda ein Memorandum über ihre Wünsche in Sachen der Gemeindeorganisation. Es bestand der allgemeine Eindruck, haß die Negierung nicht gewillt sein werde, zwei Gemeinden mit gleichen Rechten anzuerkennen, dagegen konnte man hoffen, bei energischem Vorgehen ein A u strittsg e s e tz zu bewirken, das wenigstens das Ausscheiden aus der nationalen Gemeinde ermöglichte. In den orthodoxen Kreisen waren die Meinungen geteilt. Die Maximalisten wollten aufs Ganze gehen. Man dürfe bei der Regierung auch nicht den Schein einer Nachgiebigkeit erwecken. Die Anderen aber wiesen auf die „Politik als Kunst des Möglichen" hin und befürchteten, sich durch die Maximalsorderungen auch den Weg 'zum minderen Rechte zu verbauen. Da nach dem Statut der Agudas Jisroel religiöse Fragen von grundlegender Bedeutung der Entscheidung des Rabbinischen Rates unterliegen, und die Frage in erster Reihe Erez Jisroel anging, so einigte man sich dahin, daß Rabbi Ehajim in dieser Sache Fein entscheidendes Wort zu sprechen hätte. Rabbi Mosche Blau hatte nun von der Weltexekutive der Agudas Iisroel den Auftrag, den Bescheid Rabbi Ehajims einzuholen. Der Rabbi begann, wie immer, mit einer talmudischen Erklärung, die aber ganz auf dem Boden der Tatsachen blieb: Als Rabbi Jochanan ben Sakkai erkrankte, trafen ihn die Schüler in Tränen ausgelöst. Aus die Frage, warum er weine, da er doch so reich an Lehre und Leistungen von dannen gehe, antwortete er mit dem Hinweis auf den unbestechlichen Richter auf dem Throne der Gerechtigkeit und auch darauf, daß sich ihm '121 warn MV > 2 s b iiy rrbi Zwei Wege eröffnen, einer nach dem Gan Eden und ein anderer nach dem Gehinnom, und er nicht wisse, welchen Weg er geführt werde. Wie wäre, fragte Rabbi' Ehajim, eine solche Befürchtung bei dem großen Rabbi Jochanan zu verstehen? Vielleicht hängt das mit einer anderen Begebenheit zusammen, die Rabbi Jochanan betrifft. Als Vespasian ihm kurz vor der Zerstörung Jerusalems eine Bitte frei stellte, bat er drei Dinge: Jawne, die Dynastie von Rabban Gamliel und ein Heilmittel für Rabbi Zaddok. Im Talmud regt sich einige Opposition gegen ihn. Er hätte ja auch aufs Ganze gehen und um die Schonung des Tempels bitten können. Warum tat er es wirklich nicht? Er fürchtete, durch allzu große Forderungen sich auch die kleineren Konzessionen zu verscherzen. Hatte Rabbi Jochanan wirklich der Hauptsache, des Tempels vergessen? Oder kannte die sich gegen ihn regende Opposition nicht den Grundsatz aovn kV nana nosn »man verlange nicht zu viel?" Man ist in solchen Fällen wirklich in schwieriger Lage. Soll man alles oder nur ein Weniges verlangen? Es hängt zumeist von der Laune und Stimmung. des Gewaltigen ab, ob er auf weitgehende Wünsche eingeht oder dadurch so erbost wird, daß er dann alles ablehnt. Rabbi Jochanan spürte die gewaltige Verantwortung. Und als seine kleineren Wünsche ohne Umstände erfüllt wurden, verließ ihn sein Lebtag nicht mehr der quälende Gedanke: Vielleicht hätte ich doch mehr, hätte ich alles fordern sollen? Hätte ich nicht Tempel und Staat retten können, ohne jene übertriebene Aengstlichkeit? Es stand dies zwar nicht sicher, aber der Gedanke an die Möglichkeit eines solchen verpaßten Zieles, war quälend -genug für ben großen Lehrer, der sich vorwerfen mußte, vielleicht das größte nationale Unglück nicht verhindert zu haben. In seiner Abschiedsstunde brachte er diese seelische Pein zum Ausdruck .arm w •’isV D'v rrbrr ms rrbi M i r öffnen sich. — öffneten sich damals — zwei Wege; ich wußte nicht, welcher zu betreten sei. Der eine — war es recht, ein Minimum zu verlangen — führt in Gan Eden. Der andere — sollte ich die höhere Chance verpaßt haben — könnte mich ins Gehinnom führen. Warum soll ich da nicht weinen?- Und auf unseren Fall bezogen? Sollten wir uns mit einer Minimalforderung begnügen und uns dann unser Lebenlang Vorwürfe machen, eine Gelegenheit, zu unserem vollen Rechte zu gelangen, verpaßt zu haben? In höheren, in idealen Dingen, in Forderungen, die zur Ehre G'ttes und der Thora gereichen, gilt das Wort onKbvKi y'v amu oms» pK» qVvvn i'pbrr 'i ’ra« „Mache den Mund weit auf," verlange viel. Ich. der dich aus Mizrajim brachte, kann auch die weitestgehenden Forderungen erfüllen.. Und richtig gesehen, erklärte Rabbi Ehajim zum Schluß, hatte Rabbi Jochanan auch um die Schonung