Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1933)
- Date
- 1933-03-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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ftr. ii IM mm Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) Wattersdorfbot mehr, es bot alles. Lin großes Ieschiwohaus wollte es dem Rabbi errichten und all seine anderen Wünsche so erfüllen, daß er bald, alle Erinnerung, an Dresnitz wie einen Alptraum von sich abschütteln werde . . . : Walchen, die Rebbezin, schwieg.beklommen. Sie hustete in der freien frischen Luft zwischen Berg und Baum in Dresnitz viel weniger, aber ihrem Herzenswünsche war keine Erfüllung geworden, und sie trug stillen Kummer in der Seele. Wattersdorf war größer, lag in nächster Nähe von Wien, wo berühmte Aer'zte, wie man sagte, schon wahre Wunder vollbracht hätten ... Und schließlich hatte auch sein Lehrer, Rabbi Nosson in Frankfurt, zugestimmt. Immer noch mit dem Vorbehalte: „Wattersdorf ist eine -größere Vorhalle — aber eine Vorhalle nur. Halte dich gerüflet! für höhere Aufgaben! ..." So entschloß er sich, nach fünf glücklichen Arbeitsjahren, die das Fundament zu einem großen, weltumfassenden Führerleben gelegt hatten, Dresnitz zu verlassen, und seine Lehr- und Wirkungsstätte im ungarischen Wattersdorf aufzuschlagen. Cs war im Jahre 5658 (1798). Der Frankfurter Rabbi Wofche zählte damals fünfunddreißig Jahre und stand in der Vollkraft seines Lebens. Wit seiner hochaufgerichteten, breitschultrigen Gestalt, den dunkeln lcichtgekräuselten Haarwellen um das feine, helle Gesicht mit den klaren, weit geöffneten Augen, in der peinlich sauberen Kleidung, dem schwarz seidenen weiten Wantel und dem hohen zweistöckigen Streimel aus echtem kostbaren Zobel auf dem mächtigen Kopfe, kam ec daher wie eine höhere Erscheinung; jeder Zoll ein Fürst und ein Führer. Keiner, ob Jude oder Nichtjude, konnte achtlos an dieser Gestalt vorübergehen. ' Cs rauschte gerade und duftete der Vorfrühling um Dresnitz. Die immergrünen Bäume der schwarzen Tannenwälder erhielten neues Leuchten und .strömten starken feuchten Atem aus. Die ersten Schlüsselblumen auf der Wiese vor dem Rabbinerhause^ öffneten ihre.Kelche. Walchen öffnete weit den Wynd und atmete tief, als müßte sie recht viel von dieser würzigest Luft rn .ihren kranken Lungen für die Zukunft aufspeichern. Nach dem pessachfeste sollte die- Reise..nach Ungarn, nach Watjersöorf, angetreten werden. Zu pessach gedachte aber Rabbi Wofche noch einmal in Frankfurt zu fein. An einem neuen Abschnitte seines Lebens angelangt, drängte es ihn jetzt, nach Jahren, wieder die Heimat zu sehen, Vater und Wutter zu' küssen, seinen Lehrer, Rabbi Nossog- Rechenschaft über den zurückgelegten Weg abzulegen. Cr erschrak, als er auf.die Anzeige seiner beabsichtigten Heimreise von Rabbi Nosson einen längeren Brief erhielt, den, wie er gleich sah, nicht Fragen, der Lehre, sondern: Dinge persönlicher Natur ausfüllten. Der erste Satz riß ihn unter Aufschrei zu Boden: „Dein pat^r, d a s A.n ö e nk e n des G e-. rechten g e r e i ch e uns zum Segen ... Er las nicht weiter, riß nach Vorschrift tief in seine Kleider ein und setzte sich auf die Crde. Im Sitzen überflog er noch einmal das Schreiben, Füchte nach dem Datum. „Am fünfzehnten Schwat,-am Tage der Bäume, war e# geschehen . . ." Jetzt zählte man schon den siebenzehnten Adar. Der Brief, war lange unterwegs. So stand er schon nach, einer Stunde.vom Boden auf und konnte,.erst.jetzt.den Bericht des Lehrers und Freundes in Sammlung lesen und in seinem Zusammenhänge erfassen. „Cr lebte und starb wie ein Zaddik (Gerechter). Sein Lebensglück warft du. Aber er trat das Vaterglück der Welt ab. „G'tt hat ihn der Welt durch mich gegeben," sagte er mit Dank für die Gnade, so oft ich mit ihm von dir sprach — und nie sprachen wir von was anderem ... „Cr hatte, wie du weißt, die Achtzig überschritten, aber rüstig und aufrecht und eifrig bei der heiligen Arbeit blieb er fast bis zuletzt. Noch am letzten Chanuka schrieb er eine Thorarolle zu Cnde, Buchstaben wie gestochen, und feierte mit der Gemeinde das Weihefest. Danach setzte er sich an ein neues Pergament . . . Aus einmal zitterte seine Hand, die Tinte ergoß sich auf das Pergament und bedeckte die ersten Buchstaben. Zum erstenmal in seinem langen Lehen ... Da weinte er und legte den Gänsekiel nieder. „Aus! Der liebe G'tt will's nicht mehr," sagte er ergeben . . . Seitdem war es wirklich aus. Cr kränkelte, aber litt nicht. Sprach in Visionen viel von der heiligsten all seiner Thorarollen, die er in die Ferne nach Währen und Ungarn geschickt . . . Die Umstehendenglaubten an Fieberphantasteen, da er nie , für auswärtige Gemeinden geschrieben hatte. Aber ich wußte, er sah und sprach ganz klar: er sprach von der lebendigen Thorarolle, er sprach von dir ... Am fünfzehnten Schwat morgens schlummerte er. sanft ein. Gegen Abend desselben Tages kam er zur ewigen Ruhe unter. Beisein der ganzen Gemeinde. Eine alte, außer Gebrauch gesetzte Thoracolle, einmal von ihm selbst geschrieben, gab mau dem. Freunde der Thorarollen mit ins Grab. Der Oberrabbiner sprach an der Bahre — wie du weißt, werden .in Frankfurt am fünfzehnten Schwat nachmittags Klagereden an der Bahre gehalten — von der Bedeutung des Tages, den Bäumen, den großen und den. kleinen, dem Weidcnrohre, das, nach Widrafch, ausgezeichnet ist, daß aus ihm die F e ö e r z u m Schreiben der heiligen Thora hergestcllt wird, und von dem Wanne, der in diesem Sinne als „Koneh", Schreiber mit der heiligen Feder, manche „Cres", große Zeder an Thora und Taten, weit überragte . . . „Ich tröstete die Wutter, die tapfer und rüstig das Leid trägt. Ich fragte sie, ob ihr Wofche kommen sollte. Ich gebe ihre Antwort wörtlich wieder: „Wein Schmuel, sein Andenken zum Segen, hat nicht gewollt, daß unser Jung kommt. Cr hatte schon recht, es gibt in Frankfurt gar viel böse Augen . : ." Gleich nach dem Fest siedelte Rabbi Wofche mit seinem Weibe Walchen ins Ungarische, nach Wattersdorf, über. -• Dresnitz drängte nicht. Cs war G'ttesfügung.. Aber sie-, beschlossen, ^die, Rabbiner-steile vorerst frei zu halten. Für wen? . . . wer konnte wissen? Cs könnte vielleicht eihes Tages den'Rabbi wieder! zu ihnen ziehen, wie, es jetzt sie nach ihm -verlangte. Sie hatten sich darin nicht ganz getäuscht.! XVIII. I n W a t t e r s d o r f. Wattersdorf, eine deutsche und jüdische Stadt fast vor den Toten Wiens, im damals zu Ungarn gehörenden Lurgenlande, hätte die richtige Residenz für den großen frankfurter, dessen Ruhm nun anfing, in die Welt hinauszustrahlen, werden können. Aber.-der Rahmen--war doch zu eng,'die Gemeinde zu klein,und' zu. arm, um ihren Verpflichtungen. gegen feine große Familie, feine - Schüler, ganz nachzukommen. Die Nähe Wiens und das gute Deutsch der Burgenlänöer waren kein vorteil für seine auf Reinhaltung, des jüdischen Lebens von äußeren schädlichen Einflüssen gerichteten' Bestrebungen. Hier fanden die Berliner Aufklärungsschriften auf dem Wege über Wien guten Absatz u,nd ein Ccho in vielen jugendlichen Herzen, hier mußte! Rabbi Wofche.von dem ersten Tage an in den Kampf gegen ein schleichendes Gift treten, das er bis dahin aus eigener Anschauung kaum kannte, von hier datierten seine ersten. Sendschreiben und Gutachten gegen -einen blinden Bildungsfanatismus, der auf den Trümmern der Religion und Tradition fein windiges Haus zu bauen versuchte. Gerade das lockte ihn, gerade hier, vor den Toren der österreichischen Kaiser- und Weltstadt, gedachte er seine Burg der Thora aufzurichten, als Bollwerk gegen „Berlin" und „Wien", als Crziehungsstätte, darin junge Wenfchcn für den Kampf gegen den neuen Geist 'ausgerüstet und ertüchtigt werden sollten. Aber dafür war die Gemeinde-zu schwach, sie ging nicht ganz mit. Und er, Rabbi Wofche, litt darunter. Walchen hustete wieder stärker und sehnte sich zurück nach den Tannenwäldern um Dresnitz und Prosnitz. Auch die Kunst der größten Wiener Professoren reichte nicht aus, ihrer» sehnlichsten Herzenswünsche Erfüllung zu bringen. Der Gatte tröstetescherzend: „Nun verstehst du das Wort in den Psalmen: „Cr setzt die Unfruchtbare, des Hauses als frohlockende Wutter der Kinder ein." Du bist Wutter all der Kinder, denen ich Vater bin ..." „Ja," bemühte sich Walchen, Freude vorzutäuschen. Aber sie wußte, es war nicht so. Sie war ihnen nicht Wutter geworden, dafür war sie zu schwach. And auch mit den vaterfreudeu des Gatten war es hier nicht weit her. Die Zahl der Jünger war zu gering, und sie waren nicht so versorgt, wie cs feine väterliche Liebe zu ihnen wünschte. Wanche Erfahrung erinnerte ihn hier ein klein wenig an die Leidenszeit feines Lehrers, Rabbi Nosfons, in Boskowicz. Aber er war einmal nicht der Wann, solche Widerstände als Passion aus sich zu nehmen und stumm zu tragen. Cr konnte kämpfen, wenn es galt. Und die Welle von Kraft und vertrauen, die von ihm ausging, strömte ihm von den Wenfchcn in zehnfacher Stärke wieder zu. Sein unerschrockenes Walten konnte ihm einzelne Widersacher einbringen. Eine düstere Atmosphäre des Wißmutes, wie gegen den in sich gekehrten Rabbi Nosson, konnte gegen Rabbi Wofche nicht aufkommcn. Dafür war fein Helles Auge zu sehr in Liebe und Offenheit den Weuschen zugekehrt, auch denen, die er zurechtweifen mußte. H i l e l T o k e w (man sagte der Cinfachheit wegen: „Der Takif", soviel wie Gewaltmensch) war noch einer aus der älteren Generation, mit schönem rotgrauem Barte und einigem Thorawissen, der in der Schul den ersten Platz, im Vorstande den höchsten Rang beanspruchte, wie sie eben dem größten Steuerzahler zukamen. Cr war auch Pächter der Gabella (Fleischsteuer) und als solcher eben der T a k i f, der vielmögende bei' den Behörden, der Allgewaltige in der Gemeinde. Zwar munkelte man, in seinen Betrieben, in der Wühle wie in der Brauerei, die er in Pacht batte, gebe es am Sabbat nicht mit rechten Dingen zu, , es rauchten dort die Schornsteine am heiligen Tage. Aber wer hätte es gewagt, den vielmögenden Wann, von dem'so viele in der Stadt'lebten, gegen sich zu stimmen, ihm seine Chren und Aemter streitig zu machen? Daß es der alte Hilel selbst für seine Person mit dem Sabbat wie mit allen anderen Geboten strenge nahm, konnte auch keiner bezweifeln. Wenn das mit dem Rauche stimmte, so konnte er sich vielleicht auf die Unmöglichkeit der Stillhaltung dieser Betriebe, auf eine nichtjüdische Teilhaberschaft und irgend eine rabbinische Lizenz berufen. Cr selbst, das sah. jeder, bewegte stch am Sabbat, weitweg von allen Geschäften, unter Juden, in Schul und.Lebrhaus. Wit weniger Sicherheit konnte mau cs von seinem Attesten, der Rüben hieß und sich Robert nannte, behaupten. Robert Tokew hatte einen Teil seiner Jugend in Wien zugebracht, besuchte dort die moderne Schule und fühlte sich hier als Kulturträger seiner kleinen Heimat, als Führer des kleinen Iugendkreises im Kampfe gegen die „geistige Finsternis im Ghetto". Was er in diesem Belange tat oder nicht tat, kam schon aus Gefühl und Anschauung, als Bekenntnis und Wission. von ihm wollte man wissen, daß er selbst am Sabbat dort saß, wo die Kamine rauchten und auch seinerseits den Rauch aus einem Tabak-