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Der Israelit · 1933-03-16 · Heft 11 (16.3.1933) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 11 (16.3.1933)
Date
1933-03-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 11 De r Israelit .16. Marz 1953 dische Erwerbslose in Leipzig, des Arbeitsdienstes für Mädchen in München und in Essen. Man hat. — ziemlich zum ersten Male — einen grundsätzlichen Einblick in die Tatsachen einer Entwicklung, die nicht allein von uns und unserem Millen abhängig zu machen, deren allmähliche Auswirkung und Ausgestaltung jedoch durchaus mit unserer positiv jüdischen Elastizität in eine sinnvolle Verbindung zu bringen ist. Sicher ist, daß irgendwelche selbständig jüdischen Erwägungen zur Frage des Freiwilligen Arbeitsdienstes, wie er sich indessen Oeffeutlichkeit, Gemeinschastswillen und das Suchen nach einer zeitnahen Formung der Kameradschaft erobert hat, nunmehr kaum noch ernsthafte Bedeutung aufkommen lassen können. Die Idee an sich hat sich zum Bestandteil unsrer wirtschaftlichen Realitäten durchgerungen, will darüber hinaus auch versuchen, das Weltbild der Epoche zu beeindrucken. Und hier setzt unsere, die ausgesprochen jüdische Aufgabe ein. Die Tatsache des FAD. ist nicht mehr wegzudenken. Möglich, daß sie — jetzt noch —eilte höchst bestimmte Aeußerung der Krise, d. h. dieser Zeitwende und dieser „Umgruppierung" ist. Dennoch darf man gerade solche Erscheinungen, die mehr als das System und den Rohbau des Rur-Wirtschaftlichen troffen wollen, nicht länger unterschätzen oder von den: Bereich unserer uns verpflichtenden jüdischen Ueberlegungen ausschalten. Lesen wir mit Interesse daher-die erste ausführlichere Zusammenfassung der Berichte über die zusätzlich geschaffene Form der jüdischen Leistung im FAD., dann wird der Blick zunächst sehnsuchtsvoll das suchen, was als das typisch jüdische Moment dieser Leistungen und Arbeitsresultate bezeichnet werden darf. Der FAD. im jüdischen Lager wird und muß sich zweifellos seine jüdischen Ausdrucksmöglichkeiten begründen. Run, — die Mitteilungen liegen vor uns. Das jüdische Ergebnis ist katastrophal, — diese bange Sorge klingt zwischen zahllosen Zeilen hindurch, wenn man auch nicht heute schon laut davon zu reden wagt. Richt, daß.irgend etwas verkleinert oder bekrittelt werden soll! Gewiß wird im jüdischen Arbeitslager die Kameradschaf und die Art der Gemeinsamkeit nicht schlechter sein als in anderen Lagern. Und die physischen Leistungen werden sich ebenso sehen lassen können. Disziplin und Ordnung stehen in nichts dem Geiste nichtjüdischer Arbeitsgruppen nach. Aber ja, — hier stockt man schon: der Ge >ist . . . Das wird eben die erheblichste Arbeit im jüdischen FAD. sein: die konkrete Stabilisierung des jüdischen Geistes. Der verfall, die Zerstörung durch wirtschaftselend, Unkenntnis, durch die Modekrankheiten ideologischer Psychosen haben die jüdische Substanz mit besonderer Hartnäckigkeit ausgerieben. „Hinzu kommt, — so heißt es im Bericht .über Reuendorf, — den Jungen, die kaum etwas von Judentum und jüdischer Gesamtheit wissen, ihr Iude- Sein zum Bewußtsein zu bringen ..." Rur aus scheinbar unwichtigen Rebensätzen erfährt'man von der großen geistigen jüdischen Tragödie unserer. Tage. Was bisher hinter den Kulissen des Alltags unsichtbar lag und unseren berufenen Führern verborgen war, — hier ist es auf das Forum unserer jüdischen Verantwortlichkeit gezerrt worden. Das jüdische Fundament fehlt im allgemeinem Den Freitagabend rettet inan, indem man ihn zum Heimabend mit Kabarett, Gesellschaftsspielen und unterhaltsamen Improvisationen macht. O, man hat auch Kurse und Arbeitsgemeinschaften eingerichtet; zwischen Wirtschaftsgeschichte, Astronomie und Zeitungskunde taucht der Kursus „Jüdische Geschichte und Literatur" aus. Kein Wort' über G'ttesdienst, über Funktionen, die den von allen möglichen materialistischen Systemen zerrissenen und aufgewühlten Menschen wsieder die jüdisch'e Haltung, eben das vorhin gekennzeichnete j ü - d i s ch e Bewußtsein geben sollen, — nicht als Redensart und Ausgleich oder als Analogie zu anderen Zeiterscheinungen oder als Ersatz, sondern als einzigste Zusammenfassung der seelischen und tiefinneren Kräfte, als Umgruppierung im Geistigen, ohne die überhaupt keine Aenderung von Zeit, Wirtschaft und Politik und allem auf uns einstürmenden Erleben existent werden kann. Kein Wort von dieser letzten, urgründlichen „Erfassung" der jungen Juden, die ge-. wiß nicht ihrer eigenen, vielmehr unsrer aller Sünden wegen die jüdische Auflösung so jäh und grauenhaft an sich erspüren. Sozialisten sind die meisten. Menschenkinder eben dieser Umwelt, losgelöst vom Judentum und preisgegeben. Der Berichterstatter -muß cs — wenigstens vom Lager Reuendorf — gestehen: die Jungen sind preisgegeben dem Schlagwort und der aktuellen Phrase: „ . . . dabei habe ich bemerkt, daß die Jungen alle doch recht wenig Grundsätzliches wissen und sich in ihren Diskussionen nur aus Schlagmorte stützen . . ." Das sind keine unerheblichen Geständnisse und Feststellungen, aber keine Neuigkeiten für den, der sich mit der Masse der heutigen jungjüdischen Generation schon vor der Einführung des FAD. etwas eingehender beschäftigt hat. Alle interessanten Berichte über die bisherige jüdische Mitwirkung am FAD. stnd also nicht bloß Abrechnungen mit dem, was im letzten Jahr gewesen ist. Man darf kein Scherbengericht inszenieren oder die Frage nach der Schuld zu einer Auseinandersetzung machen, die zu nichts führt. Die maßgebenden per-' jonlichkeiten und die Initiatoren des jüdischen FAD. waren gewiß nicht imstande, aus der Buntheit der znsammengeschlossenen und zum Teil völlig entwurzelten jungen Juden in diesem einen Jahr oder in einem noch kürzeren Zeitraum eine erzieherisch-jüdische Leistung von Format herauszuholen. Die Schwierigkeiten — hinzu kam das Problem der Sabbatacbeit für den FAD. der Berliner Gemeinde — waren ungeheuer, die Widerstände beim Gros der überantworteten Jugend zu groß, aber wahrscheinlich war auch die Einsatzbereitschaft der führenden jüdischen Elite in diesem Kampf nicht entschieden genug! Und diese letztere Wahrscheinlichkeit, diese immer noch verständnislose Zurückhaltung dürfte ausschlaggebend dafür sein, daß das spezifisch jüdische Leistungsergebnis im F2lD. unserer Jugend ein katastrophales Minimum geblieben ist, bleiben mußte. Die Männer der Organisation und Verwaltung und die technischen Leiter kann man unmöglich mit Ausgaben und Fragen belasten, für die sie weniger kompetent sind. Verpflichtung erwächst hier in erster Linie den Männern der jüdischen Wissenschaft, den Führern des Judentums und seiner Aktivierung, den Berufenen allen,, die den weg zu den isolierten und im wahrsten Sinne des Wortes abgetanen jungen Juden werden gehen müssen! Weil wir diese Jugend dem Schlagwort entreißen müssen, und weil wir eine jüdische Zukunft brauchen. Ungeahnte Perspektiven bieten sich den Verbänden der jüdischen Jugend, in vorderster Linie denen, die über den Trümmern der jüdischen Sterilität die Grundlinien der jüdischen Bewegung suchen. Wenn der Ruf nach der Bewegung eine Berechtigung bat, dann vor allem aus dem Gebiet der Rettung unserer jungen Menschen und der Planung, des Weges zu ihnen, zu ihrem Cinsam-Sein, zu ihrem jüdischen Ruin. Zeit ist's, die Front der kämpferischen jüdischen Iugend zu bilden, spontan und äus den reinsten Ouellen des Idealismus heraus. U!nmöglich?: Diesen Terminus gibt es nicht in her Spannkraft des jüdischen wollenst S.ch wer'? Run, dann werden wir eben noch mehr, noch hingebenöer arbeiten müssen! Die jüdische Leistung, das ist nicht nur eine Summe materieller Resultate, — die jüdische Leistung will und wird den Umbau des ganzen inneren Menschen zu erfassen haben, die Wiederherstellung des jungen Juden. Im FAD. der jüdischen Lager harrt unser eine gewaltige, zeitnahe Aufgabe! ... Wochenkalender. vom' 18. - 25. März 1933 vom 29. - 27. Ädar 6893 '»)' E)7 nrin Samstag 18 20 i’ : Sonmag 19 21 TT Montag § :S 20 77R : 22 »■> Dienstag g 21 23 2 Mittwoch 22 24 rrs Donnerstag 23 25 32' Freitag 24 26 33 Samstag 25 27 T2 »"752 OniD ms 'S KE7TO snnn ’s mps l>np'i «nnn p3->2» Mauled: Sonntag nachm. 13 Uhr 105/ß M. Jüdische Mrkschafkskooperation und polnische Judenheit. Von Hillel,Seidmamr in Warschau^ . Der Gedanke einer jüdischen Wirtschaftskonferenzuner Beteiligung aller größeren jüdischen Organisationen, der von führenden Persönlichkeiten der Agudas Iisroel angeregt und vor kurzem von Dr. Maximilian Landau im „Israelit" klar.formuliert worden ist, hat in den weitesten Kreisen der polnischen Iuöenheit begeisterte Zustimmung gesunden. Das Zentralorgan der. polnischen Orthodoxie „Das Jüdische Togblatt" hat dieser Zustimmung in einigen ausführlichen Aufsätzen Ausdruck verliehen. Auch die sonstige jüdische Presse, so z. B. der „Moment" hat den Gedanken aufs wärmste begrüßt, denn obwohl die Frage der Umschichtung und produktiviecung der jüdischen Massen in Polen — also der Hauptgegenstand der vorgeschlagcncn Konferenz — schon lange aktuell ist und auch von jüdisch-orthodoxer Seite in Polen wiederholt ernst behandelt wurde (wir erinnern an die Initiative der Herren Senator Mendelsvhn und Dr. Feßler), ist das Problem doch jetzt im Zusammenhang mit dem auf den Gipfelpunkt gestiegenen wirtschaftlichen Elend der jüdischen Bevölkerung Polens geradezu brennend geworden. Diese katastrophale jüdische Lage ist nicht nur durch die allgemeine Wirtschaftskonjunktur bedingt, sondern hat ihre tieferen Gründe in der einseitigen sozialen und wirtschaftlichen Struktur der polnischen Iudenheit. Sie ist''fast ausschließlich auf Handel und vermittlungstatigkert. beschränkt und durch die Entfremdung vom Boden ist ihre ökonomische Position so schwach geworden, daß sie bei jeder wirtschaftlichen Erschütterung als erstes Opfer fällt. So hat die gegenwärtige Krise Tausende von jüdischen Existenzen vernichtet und nicht nur Hunger und Elend, sondern offene Verzweiflung: sind auf den Höhepunkt gestiegen. Cs ist klar, daß in einem solchen Augenblick eine jüdische Wirtschaftskonferenz, die mit vereinten Kräften der Rot zu Leibe gehen will, von der Oeffeutlichkeit aufs wärmste begrüßt'wird. Was für die Juden Polens geschehen soll, muß angesichts der inneren Zerrissenheit durch die Initiative der großen Organisationen angegriffen werden. Dabei sei mit Schärfe betont, daß von einem jüdischen Weltkongreß mit demokratischen Wahlen, pompösen Beratungen und unnützen Demonstrationen nicht das Mindeste zu erwarten ist. Von allen anderen Gefahren abgesehen, würde ein solcher Weltkongreßdie Aufmerksamkeit nur ablenken von den konkreten Problemen und die Kräfte an einen Leerlauf politischer Demonstrationen vergeuden. Hier handelt es sich aber einzig und allein um die Frage, wie die wirtschaftliche Rot zu lindern ist und zur Lösung: dieser Frage wird, so hoffen wir zuversichtlich, auch die: polnische Regierung ' ihre 'Mitwirkung nicht versagen.-' : Angesichts des sachlich wertvöllen Charakters der hier ins Auge gefaßten Arbeit' braucht man' sich picht darüber zu verwundern, dah Herr Iizchok Grünbaum an -der Idee keinen Gefallen findet. Herr Glinbaum hat seinen Presseapparat schon in Bewegung gesetzt, um den Gedanken der Wirtschaftskonferenz zu bekämpfen. Cr ist zunächst einmal nicht damit zufrieden, daß durch die gesunde Idee der wirtschaftskonferenz der zu politischen Zwecken erfundene plan des Weltkongresses gestört werden kann, vor allem aber darf die Wirtschastskonfevenz deshalb nicht zustande kommen, weil man dabei die Agudas Iisroebals Vertretung der stärksten Gruppe des polnischen. Judentums nicht umgehen könnte.: Den Oucrtreibereien des Herrn Grünbaum ist MI,Moment" Hillel Zeitlin wirksam entgegengetreten. Die wirtschaftlichen Organisationen ' der polnischen Iudenheit, Groß- und Kleinhändlerverbände, Handwerkervereinigungen, haben das Projekt mit Ernst in den Kreis ihrer Beratungen'gezogen und auch in den Verwaltungen der großen jüdischen Gemeinden Warschau, Lodz, Lemberg und Krakau wird es' lebhaft erörtert. Cs wäre zu wünschen, daß die in' Betracht kommenden großen Organisationen den gesunden Gedanken nicht versanden, lassen, sondern seine Verwirklichung im Laufe der nächsten Monate durch'gründliches Vorarbeiten sichern.

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