Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-03-16 · Heft 11 (16.3.1933) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 11 (16.3.1933)
Date
1933-03-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450767--79454-2537207
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Oie ideelle Lage der deutschen Orthodoxie. Von Rabbiner Dr. Hermann Kinn in Berlin. II. 311 Deutschland aber ward der Abfall zum Prinzip erhoben, ganze Wissenschaften wurden ins Leben gerufen, um aus ihnen die Berechtigung des Abfalls zu bcnciscn. Libelwiffenfchaft, jüdische Geschichte, Religwnspbilosopbie — sie alle wurden mit ganz besonderem Eifer gepflegt und dieser Eifer mußte die Träger dieser Wissenschaften auch dann verdächtig maaicn, wenn man ihre Beweggründe nicht so genau kennen würde. Diese Wissenschaften,die von den a'7iiA Deutschlands als an der Peripherie jüdischen Wissens liegend wenig oder gar nicht gepflegt wurden, sollten Tragbalken für die Systeme des 'Abfalls liefern und sie lieferten sie auch so lange, bis ftdi bk der Gefetzeslreue in Deutschland erhoben und diese Tragbalken als brüchig und morsch, als von Würmern durchsetzt und zerfressen erwiesen. Diese Balken langten noch nicht einmal zu drücken. Die großen wänncr hatten Großes in positivem Sinne zu schaffen» wenn nicht der unglückselige Streit, den wir ja zur Genüge unter dem Namen „Anstrittskainpf" kennen, die Kraft obsorbiert und die Stoßkraft der Orthodoxie geschwächt hätte. Es ist dies ein Prozeß, der schon über 50 Jahre währt und noch immer nicht zu Ende ist. Ich will und muß es mir versagen, auf die halachische Seite des Problems einzugehen. GtdVe 1^8 Dy ibx OT'Ta- Ich glaube aber auch nicht, daß das Problem rein halachisch ist. Der 'Austritt war für Rabbiner Hirsch y'ST' ein überhalachisches und ein vor jeder halachah gegebenes Postulat des religiös-sittlicheu Bewußtseins. Ist die jüdische Gemeinde Verkörperung der jüdischen Wahrheit, so können in einer Gemeinde keine zwei sich gegenseitig ^usschließenden Richtungen nebeneinander friedlich existieren. Und was soll aus der Bestimmung, aus dem Beruf der deutschen Orthodoxie werden, die ja dazu prädestiniert ist, den Abfall zu bekämpfen; ihn geistig niederzuringen, wenn Orthodoxie Und'Reform friedlich unter einem Dache Hausen? Und es sei mir ein offenes wort an dieser Stelle gestattet, wan wirft uns, den entschiedenen Anhängern der unabhängigen, oder sagen wir meinetwegen, der Austrittsorthodoxie, häufig INangcl an Liebe vor; wir pflegten unsere Gesinnungsgenossen, die innerhalb der jüdischen Grostgemeinde bestrebt sind, für G'ttes Gesetz mit ganzer Kraft zu wirken, zu viel persönlich anzugreifen. Ulan könne doch, so wird uns vorgehalten, bei aller Prinzipientreue und Gesinnungsfestigkeit den Personen gegenüber, die eine andere Uleinung vertreten, tolerant und gerecht sein. Ich will es offen zugcben, daß es vielleicht vorkommt, daß man bei Bekämpfung der Ideen zuweilen auch die prominenten und hervor- I ragenden Vertreter der Idee bekämpft, aber geschieht dies wirklich aus wlangel an Liebe? Gerade das Entgegengesetzte ist der Fall, weil wir sie lieben, weil wir sie so dringend in unseren Rochen'zu sehen wünschten, weil wir sie einfach den anderen nicht gönnen, fällt manches harte wort. Es besitzt nicht jeder die Kühle, die sich von den eigenen Gedanken und Ideen distanziert, inan gibt sich ganz der -Idee hin, man lebt in ihr und für sie und da empfindet man es fast als körperliches weh, wenn man auch umgekehrt die Wahrnehmung macht, daß dieToleranz g e g e n ü b e r d e n p e r s 0 n e n z ur Tolerierung d e r I d e c n führt — und zwei gegensätzliche Ideen können nicht gleichmäßig wahr sein, wenn wir null in diesem Punkte die ideelle Lage der deutschen Orthodoxie mit einem kurzen Worte kennzeichnen sollen, so müssen wir konstatieren, daß der lachende Dritte bei diesem Bruderstreit der Liberalismus ist. Die in einem Gemeindeverband mit ihm lebenden Konservativen kämpfen zwar mit ihm um Erlangung praktischer Vorteile für ihre Anhänger und für deren religiösen Bedürfnisse, aber sie kämpfen nicht gegen ihn, bekämpfen ihn nicht ideell, wie er bekämpft werden müßte und die unabhängige Orthodoxie führt einen Abwchrkairrpf gegen zwei Fronten, kann aber gerade durch diesen Kampf nicht daran denken, den Idecnkampf in das Lager des Feindes, denn das ist der Liberalismus, zu tragen, wir haben noch immer kein monumentales Gcschichtswcrk aus orthodoxer Feder, noch immer keine Darstellung der jüdischen Rciigionsphilosophie im orthodoxen Geiste und ich könnte noch lange fortsahren, all das zu nennen, was wir nicht haben und doch müßten wir dies alles haben, soll die deutsche Orthodoxie in ihrer Eigenart noch etwas für die Gesetzestreuen der Welt bedeuten. Ich glaube, wir inüffen Wittel und Wege suchen, wie wir diesem wirklichen Mangel abhelfen können, denn täuschen wir uns nur ja nicht, dieser Mangel entfremdet uns einen ganz großen Teil unserer Jugend. Ist unsere Jugend gezwungen, sich über jüdisch-wissenschaftliche Fragen aus den Büchern der Thoragegner zu informieren, so bleibt sicher etwas von dem Geist des nrp» an ihnen haften, der diesen Werken das Gepräge gibt, wir haben nicht mehr viel Jugend zu verlieren, denn der weitaus größere Teil der Jugend ist ja von uns abgewandert u. z. zum Teil durch unsere eigene Schuld. In der besten Absicht haben wir unserer Jugend im Hinblick auf den unseligen Anstrittskainpf empfohlen, sich in neutralen verbänden zusanrmenzuschlicßen. Gemeint war damit eigentlich nur, daß die Jugend nicht voreilig Partei ergreife, sondern, daß sie bestrebt sein soll, zu lernen und wieder zu lernen, damit sie später in der Lage sei, selbst zu urteilen und sich zu entscheiden. Die Jugend griff aber gerade nach dem Worte „Reutralität" und erhob dies zmn prograniiil und hatte sich zum großen Teil damit gegen uns entschieden. Reutcale Iugenöverbände sind Der dritte der vier Sabbate. Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Der Erlösungsgedanke. den Peßach, als Fest unserer Befreiung wie als Frühlingsfeier in den wundersamsten Akkorden besingt und auch in den ansprechendsten Sinnbildern uns im Kreise der Familie vermittelt, ist die Grundlage des Judentums, mmn npn nst die Voraussetzung und die Blüte und Krone unserer Religion. Diese Idee muß mit allen ihren Folgerungen und Bindungen in unserm religiösen Bewußtsein verankert sein, daß sie uns von dem Staube des Irdischen freimache und uns unseres g'ttlichen Ursprungs würdig erweise. Heilloser Gedanke, der in so vielen Menschen waltet und ihr Leben bestimmt und sie irresührt! „Heute essen und trinken wir, denn morgen müssen wir sterben." Sie erheben sich in Wahrheit niemals zu dem Glauben an G'tt und leugnen das Geistige. Ihnen bedeutet nur das, was sie mit chren Augen erschauen und was sie an sich und um sich wirksam sehen. Aegypten gleich vnnm v'« mp vermögen sie sich nie von der Erde zu erheben. Sie entthronen den Geist und sehen in ihm nur einen denkenden Körper, so verwischen sie die Grenzen zwischen der Materie und dem Geistigen. Das ist die Wiederholung der Egelsünde des Wüstengeschlechtes, das. weil es Mosche nicht sah, an ihn nicht glaubte und auch den Glauben an G'tt preisgab. Da ist gar bedeutsam das Wort unserer Alten: nryn bv 12201 ms r»v die Lehre oonnis rmiK' wenn sie recht verstanden wird, bringt Sühne und wird zum Schutz gegen die schwere Sünde des Unglaubens, gegen die Entthronung des Geistigen im Menschen. Das Schriftwort schärft uns ein: mm' ns2v rrnvi dik tr?s3 M nna snm „Wer die Leiche — den von der Menschenseele losgelösten Menfchenkörper — berührt, wird sieben Tage unrein." Das ist der schärfste Protest gegen ägyptischen Irrwahn. der den Glauben »n die Seele im Menschen nicht kannte und darum zum Totenkult führte, daß man in Aegypten ängstlich bemüht war, die irdische Hülle durch alle Mittet der Kunst möglichst lange vor Vernichtung zu bewahren. Da ahnte niemand, daß im Menschen ein ewig Teil lebt, das auch „ohne Balsam und künstliches Gewürz" die Zeiten überdauert, weil es ein Hauch des G'ttlichen ist, gewissermaßen 'i>2 brr o«n am das ewige unversiegbare Quellwasser im Menschen darstellt." Auch wir sollen achten die entseelte Menschenhülle, eben weil sie Hülle, Behälter des Ewigen und Unsterblichen gewesen, doch niemals vergessen, daß wir uns durch seine Berührung verunreinigen, wenn nicht mehr Leben im Menschen ist, wenn von ihm gewichen, was den Menschen erst zum Menschen macht. Ist diese Lehre des Judentums nicht erlösend und befreiend? Sie befreit uns von dem Schmerze über die Vergänglichkeit alles Irdischen und lehrt uns voller Hoffnung und Zuversicht über den Tod hinwegblicken empor zu Ihm, der uns. einem jeden väterlich voller Liebe zuruft: '2 'brr mir» „Kehre zurück zu mir, denn ich erlöse dich." Und dieser Glaube wird uns zu einem ewigen Jungbrunnen unserer Läuterung, zum nKvn '» zum Entsündigungswasser, er bindet uns an das Ewige und Heilige, daß wir uns überall und zu jeder Zeit unserem G'tte nahe und verbunden fühlen. Wir heften uns als Söhne unseres Volkes, wenn wir uns recht fühlen, nicht an das Sinnfällige, sondern i Wegweiser zur neutralen Gemeinde, in der jede Richtung zu ihrem Rechte kommt und damit die Thoratreue auch zu „einer" Richtung degradiert, der die andere thorauntreue Richtung gleichberechtigt gegenübersteht, neutrale Iugendverbände sind woilenzeiger auf dem Wege zum neutralen jüdischen Volk, — zur Ideologie des Zionismus. Der weitaus größere Teil der Jugend aus den sogenannten neutralen Iugenöverbänden hat den weg zum Zionismus oder zu feinem' Bruder rechter Hand, zum wisrachi zurückgelegt. Wie wir gerade in der letzten Zeit aus den Veröffentlichungen uilfercr jüngeren Gesinnungsgenossen ersehen können, haben sie mit einigem Erschrecken gemerkt, wohin die Betonung der Reutralität führt. Und lassen Sie mich hier noch einer Unterlassungssünde, die wir begangen haben, gedenken. Unsere Jugend hat den Begriff der „Reutralität" auch darauf bezogen, daß sie sich geschlechtlich als neutral betrachtet und daher sich nicht scheut, im Gegensatz zu allem jüdischen mspax bei Tag und Rächt zusammen zu wandern, ja sogar, wie mir ganz authentisch berichtet wurde, gemeinsam Familienbäder anfzusuchen. Es muß endlich in aller Ocsfentlichkeit gesagt werden, daß derartige Ingendvcrbände alles sind, nur.nicht gesetzestreu. Alles ideologische Geschwätz kann darüber nicht himvegtäuschen, daß hier eine Krankheitserschcinung.vorliegt, gegen die wir mit aller Energie Vorgehen müssen. (Schluß folgt.) Wochenrundschau. IM Eine begrüßenswerte Regierungsverordnung. wie der Amtliche p r c u ß i s ch e p r e s s e-- b i e 11 st mitteilt, hat der Kommissar des Reiches für das preußische winisterium des Innern zum Zwecke der B e k ä m p f u n g der R a ck t k u l t u r an die unterstellten Polizeibehörden am 5. wlärz d. I. einen Runderlaß gerichtet, in dem es heißt: „Eins der größten Gefahren für die deutsche Kultur und Sittlichkeit ist die sogenannte Nacktkulturbewegung.. So sehr es im Interesse der Volksgesundheit zu begrüßen ist, daß immer weitere Kreise, insbesondere auch der großstädtischen Bevölkerung, bestrebt sind, die Heilkraft von Sonne, Luft und Wasser ihrem Körper dienstbar zu machen, so sehr muß die sogenannte Nacktkulturbewegung als eine kulturelle Verirrung abgelehnt werden. Die Nacktkulturbewegung ertötet bei den Frauen das natürliche Schamgefühl, nimmt den Männern die Achtung vor der Frau und zerstört dadurch die Voraussetzungen für jede I rüsten uns würdig und weihevoll wie zur Feier des Pe- . ßach so auch zur Heimkehr zu Ihm, in dessen Angesicht j das ewige Peßach unserer wartet. r-nn vrrix mini arm rran- Wie eine Mutter ihr Kind von jeder Unreinheit befreit, so will unsere gemeinsame Mutter, unser Judentum, uns, ehe das Fest des Frühlings und der Freiheit naht, für den Glauben an das' Geistige gewinnen, damit auch in unseren Herzen und Seelen jüdischer Glaube und jüdisches Pflichtenlehen ihre edelsten Blüten treiben. Das Gesetz von rnirr.ns erscheint wie ein Rätsel, wenn es fordert: rrnva Vs» iiw w.11 „Der Reine spenge auf den Unreinen," damit er rein werde. Der Reine aber wird durch das Entsündigungswasser' unrein . . . Wo ist der Denker, der diesen Widerspruch zu lösen, dieses Geheimnis zu entwirren vermag? Und wäre er auch mit der Weisheit und tiefgründigen Gelehrsamkeit Königs Salomo begabt, er müßte doch hiev seine Unzulänglichkeit eingestehen und wie jener sprechen: 'Jan njnm.Kvn wnnrr, „Ich dachte, ich hätte die Weisheit, und doch ist sie mir so fern . . ." Diese Satzung, die doch einen wunderbaren Kern in sich birgt, zeigt uns, daß unserm Wissen und Forschen Grenzen gezogen sind, und daß es uns nicht 'ansteht, zu scheiden und zu sondern zwischen den einzelnen Forderungen unserer hl. Thora. Für uns gilt vielmehr das Wort, mit dem jüdische Weisheit die rechte Einstellung zur nun lehrt: t’Ki wij h*i» 'MX» Vs» 1125V di nn«„Eine -Satzung habe ich für such bestimmt. einen Befehl euch erteilt. — euer Heil und euer Glück bedeutet es, euch zu bescheiden, in Demut euer Haupt zu neigen vor dem Willen des Allweisen . . ." Nicht unserer Vernunft, den Stimmen unserer Weisheit sollen wir gehorchen, mmn npn jint, Das ist der Lehre Grundsatz und das ist unserer Freude und unseres Glückes Lebensquell. Den Glauben an G'tt und die Ewigkeit des Geistes und unsere Verpflichtung zur treuen und gewissenhaften Erfüllung aller Gebote unserer mm lehrt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.