Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1933)
- Date
- 1933-03-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 10 Der Israelit 9. März 1933 Maßnahmen in Thüringen. Weimar, 7. März. Die Begründung der Regierung für das Verbot des Central-Vereins, nämlich, daß er zur Herabsetzung der Ehre Deutschlands im Auslande beitrage, entbehrt so sehr der Grundlage und erscheint so hinfällig, daß man hier eine baldige Maßnahme der Reichsregierung erwartet, durch die das Verbot rückgängig gemacht wird. Rach einer Verfügung des thüringischen Innenministers dürfen staatliche Behörden und Anstalten nicht in Warenhäusern, Konsumvereinen und Einheitspreisgeschäften kaufen. Beamte, die dem zuwiderhandeln, werden unnachsichtlich im Dienststrafoerfahren zur Verantwortung gezogen. Staatliche Aufträge seien künftighin lediglich alten Unternehmungen des guten alten Mittelstandes und christlichen Geschäften zuzuwenden. Es ist zweifelhaft, ob sich eine solche Maßnahme mit der R e i ch s v e r f a s s u n g, die auch wirtschaftliche Gleichstellung der Juden garantiert, vereinbaren läßt. Oesterreich. Eine Erklärung des Vizekanzlers von Papen. Wien, 7. März. Das „Neue Wiener Journal" von Dienstag, 7. März, veröffentlicht ein Interview seines Berliner Korrespondenten mit dem Herrn Vizekanzler von Papen über die Neugestaltung der Dinge in Deutschland, in dessen Verlauf Vizekanzler von Papen auf die Frage nach der Position der Juden in Deutschland unter dem neuen Regime die Antwort gab: „Die jüdischen Staatsbürger in Deutschland dürfen versichert sein, daß ihnen die gleiche Behandlung mit allen guten Staatsbürgern zuteil werden wird. Jeder jüdische Bürger, der die Staatsbürgerpflichten erfüllt, darf auf eine gleiche Behandlung seitens der Staatsautoritäten rechnen." Indische Fabrikanten und nichtjüdische Arbeiter. Lodz, 5. März. Es hat einen langen schweren Kamps gekostet, bis die jüdischen Unternehmer eingesehen haben, daß man auch jüdische Arbeiter, ohne Schaden für den Betrieb, beschäftigen kann. Auch das Sabbatproblem ließ sich ganz gut lösen. Gerade in den letzten Jahren haben sich gelernte und ungelernte jüdische Arbeiter in den jüdischen Tuchfabriken, natürlich neben einer Ueberzahl von nichtjüdischen, ausgezeichnet bewährt. Es bildet aber den Gipfel der Ungerechtigkeit, wenn nunmehr die polnischen Arbeiter in den jüdischen Fabriken sich von Fall zu Fall gegen Einstellung von jüdischen Arbeitern auflehnen und mit ihren Druckmitteln bis zum Streike gehen. Solche Fälle erleben wir jetzt in Lodz tagtäglich. So ist in der Fabrik der jüdischen Firma „Rosen und Wischnitzki" ein Streik ausgebrochen, weil bei Anschaffung von zwei neuen Maschinen neben nichtjüdischen Arbeitern zwei jüdische Arbeiterinnen eingestellt wurden. Unter den 600 Arbeitern dieser jüdischen Fabrik sind im ganzen nur 20 Juden, und nun dulden die Arbeiter nicht, daß bei Erweiterung des Betriebes und Anstellung neuer nichtjüdischer Arbeiter auch zwei Juden Brot bei jüdischen Arbeitgebern finden. Es ist mit Freuden zu begrüßen, daß die Firma fest bleibt und den Kampf aufnimmt. Der Streik wurde mit Aussperrung beantwortet, und die Unternehmer sind fest entschlossen, lieber den Betrieb eine Zeitlang ruhen zu lassen, als sich demutsvoll den ungeheuerlichen Forderungen der Arbeiter zu fügen. Es ist nur zu wünschen, daß dieses Vorgehen der Herren Rosen und Wischnitzki Schule macht in allen Kreisen der jüdischen Unternehmer. Eine hachschara-Farm bei Wilna. W i l n a, 5. März. Nach vielen Bemühungen ist es, wie bereits kurz gemeldet, mit Hilfe der Erez Iisroel - Zentrale in Warschau gelungen, eine Hachschara-Farm bei Wilna für gssetzsstreue Chaluzim aus der Wilnaer Gegend zu eröffnen. Auf dem kleinen Gut bilden sich nun 50 junge Leute aus den Kreisen der „Zeirei Agudas Iisroel" und „Tifereth Bachurim" in der Landwirtschaft aus, um sich die Eignung für Ansiedlung in Erez Iisroel zu erwerben. Neben der körperlichen Ertüchtigung und landwirtschaftlichen Ausbildung ist auch für geistige Fortbildung durch abendliche Kurse, Schiurim und Vorträge, bestens gesorgt. Innerhalb der Agudas Iisroel in Wilna hat sich ein Komitee unter Führung des bekannten Ingenieurs Ahron Krakowski gebildet, dem die Fürsorge für die Hachschara obliegt. Man erwartet aus diesem Versuch neue Auftriebe für die Erez Jisroel-Arbeit in der Orthodoxie der Wilnaer Gegend. Im Einvernehmen mit dem C h o f e z C h a j i m und Rabbi Ehajim O s e r wurde am Sabbat rur» 's in allen Synagogen eine große Propaganda für den nsn nia’wn entfaltet. Ueberall wurde in glühenden Reden für Erhaltung des Lebensnervs des jüdischen Volkes in den Lehrhäusern aufgefordert. Die Sammelaktion, die am Sonntag einsetzte, erbrachte trotz der schweren Krise noch weit bessere Erfolge als im vorigen Jahre, was auf das Wachsen der Popularität des nwn wi zurückzuführen ist. Ein Gewaltakt der Gemeindebeamten. Warschau, 5. März. Eine Delegation der Gemeindebeamten überbrachte dem Präses M a s u r den Beschluß der allgemeinen Versammlung der Gemeindeangestellten, für den Fall, daß nicht noch am gleichen Tage die Gehälter für die zweite Januarhälfte ausgezahlt werden, den Generalstreik für Donnerstag zu erklären. Herr Masur versuchte, die Beamten zu beruhigen, indem er auf all die Vorteile hinwies, die die Beamten der jüdischen Gemeinde im Vergleich zu den Magistratsbeamten genossen. Er versprach, daß spätestens in wenigen Tagen die Restgehälter ausgezahlt werden können. Er, Masur, selber habe unter eigener Garantie 150.000 Zloty für Veamtengehälter aufgebracht, worunter sogar die Kohlenaktion leiden mußte. Die Delegation erklärte, den Bescheid der Versammlung am gleichen Abend Mitteilen zu wollen. Aber schon in den ersten Nachmittagsstunden drang eine Gruppe von 300 Beamten und Angestellten in die jüdische Gemeindestube ein, und besetzte das Kabinett des Präsidenten. Es wurden Reden gehalten und Drohungen ausgestoßen. In ruhigem'Tone erklärte Herr Masur, daß er in diesem Eindringen von 300 Menschen in seine Arbeitsstätte einen schweren Hausfriedensbruch erblicke, er sei bereit, mit einer aus wenigen Leuten bestehenden Vertretung zu verhandeln. Erst nach einer Stunde zog die Menge unter Schreien und Johlen ab. Im Gemeinderat werden fieberhafte Anstrengungen gemacht, die Wünsche der Beamten, so wert sie berechtigt und nicht Ausflüsse einer Hetze gegen die orthodoxe Verwaltung sind, nach Möglichkeit zu erfüllen. Es wird allgemein anerkannt, daß gerade Herr Masur sich den Reduktionen der Gehälter in Anpassung an die vom Magistrat vorgenommenen Kürzungen, sich allezeit mit aller Energie entgegengesetzt hat. Rumänien, Entscheidung im rumänischen „Preistreibereiprozeß" gegen einen sabbathaltenden jüdischen Kaufmann. Bukarest, 5. März. Das Gericht in Verescht bei Galatz hat in der soeben durchgsführten dritten Tagsatzung des gegen den jüdischen Schuhwarenhändler Lupu Fa in wegen Verweigerung des Verkaufs am Sabbat auf Grund des Gesetzes gegen Warenspekulation und Preistreiberei angestrengten Prozesses entschieden, daß das von dem Hilfsrichter Vlanaru mit dem Beschuldigten aufgenommene Anklageprotokoll wegen unrichtiger Anwendung des Gesetzes zu annullieren fei. Die Anklage gegen Fain war, wie seinerzeit gemeldet, auf Grund einer von dem antisemitischen Advokaten Chiriloaia inszenierten Jntrigue erhoben worden. Chiriloaia schickte seine Magd an einem Sabbattage zu Fain, um ein paar Schuhe zu verlangen, obwohl es stadtbekannt war, daß Fain als religiöser Jude am Sabbat nicht verkauft. Der durch die Anklageerhebung gegen Fain unternommene Versuch, die Sabbatbeobachtung durch jüdische Kaufleute unter Strafsanktion zu stellen, hat in Rumänien und im Auslande lebhaftes Aufsehen erregt und war auch Gegenstand einer Interpellation im rumänischen Parlament. Auf Grund der parlamentarischen Intervention hatte vor Durchführung des Prozesses in Verescht eine im Aufträge des Justizministeriums eingeleitete Untersuchung des Falles durch Justizinspektor Paraschivescu, Rat am Galatzer Appellationsgerichtshof, 'tattgefunden. Als Beitrag zur Klärung der Rechtslage hatte der Präsident der Union rumänischer Juden, Rechtsanwalt Dr. W. Fildermann, der Ortsgruppe Bersscht der „Union" eine durch ihn im Jahre 1627 herbei- «zesührte Entscheidung des Kassaiivnshofes zwecks Vorlage an das Gericht Verescht übersandt. In dieser Entscheidung des Kassationshofes war auf Grund der Verfassungsbestimmungen über Glaubens- und Gewissensfreiheit ein Urteil des Gerichtes Ismail aufgehoben worden, durch welches sabbathaltende jüdische Kaufleute auf Grund des Sonntagsruhegesetzes verurteilt worden waren. EngLsnd Reine Zollerleichterungen für palästinensische Produkte London, 2. März. Auf Anfrage im Unterhaus erklärte Sir Philip Cunl i f f e - L i st e r : Die Frage der Gewährung der Vorteile der Imperial Preference an Palästina-Produkte wurde von der Regierung lange und sorgfältig erwogen, aber die Regierung kam zu ihrem Bedauern zu dem Schlüsse, daß der Gewährung von Imperial Preference an Palästina ernste juristische Hindernisse im Wege stehen. Um Transjordanien. London, 5. März. Die angesehendften Zeitungen Englands widmen öer transjordanischen Frage lange Erörterungen. Alle weisen sie darauf hin, daß Emir Abdullah unter doppelten Druck gesetzt ist: Die Not seines Landes zwinge ihn, große Vodenverkäufe zu betätigen und frisches Blut seinem Lande zuzuführen. Andererseits suchen die fanatisierten Palästinaaraber, all seine Pläne zu durchkreuzen. M i t k a l Pascha, der einflußreichste Stammesführer von Transfordanien, den man den Vater des Planes einer jüdischen Siedlung nennen kann, erklärte in einem Gespräch, die ganze Hetze gegen den Plan sei vom König Jbn S'aud, dem Rivalen Abdullahs, in Szene gesetzt, der jenem Feinde auf dem Throne das von der jüdischen Siedlung zu erwartende Aufblühen des Landes mißgönne. Bon allen Seiten wird eine Verständigungskonferenz zwischen Vertretern Transjordaniens und des arabischen und jüdischen Palästinas angeregt, auf der die Frage nach allen Richtungen hin beraten werden soll. Leider läßt die Stimmung in der arabischen Presse Palästinas nicht darauf deuten, daß sich die Freunde des Großmufti zu diesem Zwecke an einen runden Tisch mit den Juden setzen wollten. Sprechsaal. Einwanderung in Erez Iisroel. M. Smilanfky, Bürgermeister von Rechobolh. Führer des Verbandes der jüdischen Landwirte Palästinas und Herausgeber dessen Zeitschrift, ist einer der angesehensten Huden des Landes und eine Persönlichkeit, Ihn so zu charakterisieren, wie es M. Lewinsky in. Nr. 6 des „Israelit" tat, liegt keine Veranlassung vor- Smilansky ist von jeher ein Warner vor Schönfärberei und hat deshalb bei allen denen starke Gegnerschaft, die eine große Einwanderung propagieren. Wohl bringt die Einwanderung Kapitalisten und damit Bauten von Häusern und wirtschaftliche Versuche, d. h. für 'eine gewisse Zeit eine Stärkung des Wirtschaftslebens, — sie kann aber am Ende eine Zersplitterung großer Kapitalien bedeuten, wie es z. B. das Resultat der vierten Alijah-i vor acht Jahren war. Die arabische Bevölkerung des. Landes besteht überwiegend aus kulturlosen, armen An-- alphabeten. Die jüdische Bevölkerung produziert daher nur für den Export, wie es bei der Orangenzucht und der- Fabrikation einer Anzahl Artikel der Fall ist. Jedenfalls, ist die Wirtschaftfragc ein ernstes Problem! Lewinsky hat auch darin nicht recht, daß die Boden-- preise nur von 30—50 Proz. gestiegen seien, sie sind in Wirklichkeit um 200—300 Proz. gestiegen, wenigstens in Tel-Awiw. In einer anderen Zeitschrift wurden jüngste die monatlichen Mietspreise in Tel-Awiw mit 1—1V2 Pfd. St. pro Zimmer angegeben, sie betragen aber jetzt durchschnittlich 21/i Psd. St. Das bestätigt die bekannte Tatsache, daß man Zeitungsberichte nicht ohne weiteres. und nicht ungeprüft als unumstößliche Wahrheit hin-- nehmen soll. _ X. Personalien. Dajan Rabbi Iosef Baumgarken Wien, 7. März. Mit Windeseile verbreitete sich am Sabbat morgendie Trauerkunde vom Ableben des vielgeliebten Dajan der Adaß Jisroel-Gemeinde, Rabbi Josef B a u m g a r - t e n. Man hatte schon lange allen Grund, sich um das kostbare Leben dieses seltenen Mannes Sorgen zu machen, denn feit Monaten war er durch schwere Krankheit seiner Wirksamkeit entzogen. Nun ging der große Rabbi, der vielgeliebte Führer, im Alter von 67 Jahren von uns. Ueber vierzig Jahre hatte Rabbi Baumgarten, allgemein nur kurz Rebb I 0 s s e f genannt, in Wien gewirkt, als Lehrer, als Führer, als Kämpfer, als energischer und unermüdlicher Verfechter des kompromißlosen Thoraideals. Einer der bedeutendsten Thoragelehrten der-