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Der Israelit · 1933-03-09 · Heft 10 (9.3.1933) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 10 (9.3.1933)
Date
1933-03-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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9. Mär? 1933 Der Israelit Nr. 10 Seite 5 Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Zur Lage. Berlin, 8. März. Der Samstag und der Wahlsonntag sind in der Hauptstadt verhältnismäßig ruhig verlaufen. Abgesehen von den üblichen kleinen Anrempelungen und einzelnen Ueberfällen auf jüdische Passanten, war nirgends im Lande von organisierter Feindseligkeit gegen Juden zu merken. Die Glossen der liberalen bürgerlichen Presse zu dem Ausgang der Wahlen und dem Sieg der Regierung sind fast alle auf den Ton abgestimmt, daß eine Regierung mit einer solchen Parlamensmehrheit alle Möglichkeit hat, ihre Ziele auf legalem Wege durchzuführen und, im Bewußtsein ihrer Verantwortung, auf alle Gewaltmittel gegen Andersgesinnte verzichten kann. Verschiedene Aeußerungen führender Nationalsozialisten lassen daraus schließen, daß man es nun an der Zeit Hält, die Gemüter zu beruhigen und die entfesselten Leidenschaften wieder einzudämmen. Einem angesehenen schwedischen Journalisten gegenüber äußerte Minister G o e r i n g am Montag nach den Wahlen: „Die Juden haben, solange sie sich loyal verhalten und ihren Geschäften nachgehen, nichts zu befürchten. Nur wollen wir sie nicht in der Leitung des Reiches haben." Es verlautet ferner, daß Minister Goering die Haussuchung bei dem C.-V., die von einer untergeordneten Stelle ausging, entschieden mißbilligt und eine entsprechende Auskunft der Leitung des E.-V. gegeben habe. Danach darf man hoffen, daß auch das Verbot des C.-V. in Thüringen baldigst ausgehoben wird. Es wirkt auch einigermaßen beruhigend, daß der der Regierung nahestehende „Völkische Beobachter" sich mit solcher Entschiedenheit und solch sittlicher Entrüstung gegen die im Ausland verbreiteten Pogromgerüchte verwahrt. Weniger erfreulich muten die Auslassungen des ^Angriffs" an, der nach wie vor seinen Lesern allerlei schauerliche Judenmärchen aufzutischen weiß. Die „Vossische Zeitung" fragt den „Völkischen Beobachter", warum er sich so sehr über die wilden Gerüchte im Auslande wundere und ob der Abdruck der „Angriss"-Artikel an sich nicht schon genügte, ohne jegliches Zutun der Juden und ihrer -Freunde, im Auslande jene Gerüchte über bevorstehende Ausschreitungen in Umlauf zu setzen? Reine Maßnahmen gegen Ausländer in Berlin. ■ Berlin, 7. März. Im Zusammenhang mit Gerüchten über beabsichtigte administrative Maßnahmen gegen russische Emigranten in Berlin, insbesondere gegen jüdische Emigranten, hatte der russische Rechtsanwalt M. M e r k i n eine Unterredung mit einer autoritativen Persönlichkeit, die an der Spitze einer Behörde steht, in der über das Schicksal der Ausländer in Berlin entschieden wird. M. Merkin berichtet hierüber in der in Berlin herausgegebenen russischen Wochenschrift „Nasch Wjek". Danach hat die erwähnte autoritative Persönlichkeit folgendes erklärt: „Alle Gerüchte über beabsichtigte Massenausweisungen wder andere Maßnahmen gegen russische Flüchtlinge entbehren jeder Grundlage. Es existieren keine Listen von zur. Ausweisung bestimmten Emigranten, alle Gerüchte über die Anlegung solcher Proskriptionsliften gehören in das Reich der Phantasie, ebenso wie die Märchen über beabsichtigte ' Repressivmaßnahmen gegen jüdische Flüchtlinge. Die autoritative Persönlichkeit dementierte kategorisch alle diese Gerüchte und unterstrich die Loyalität der zuständigen Instanzen gegenüber den Juden. Was das Arbeitsrecht der Flüchtlinge betrifft, so ist auch nach dieser Richtung eine Aenderung der bestehenden Vorschriften nicht beabsichtigt. Die Dienststellen des Arbeitsministeriums arbeiten hierin in vollem Einklang mit den entsprechenden Polizeibehörden und verhalten sich gegenüber den werktätigen Elementen unter den Emigranten durchaus loyal." Die Persönlichkeit erklärte zum Schluß, daß die Polizei absolut keinen Unterschied zwischen den Inhabern von „Nansen"-Pässen und solchen von neuen Paßbüchern oder von „gelben" Personalausweisen" macht. Allen wird MilWUlllMHI Die Woche. Berlin. Im Resormrealgymnasium und Oberlyzeum der Gemeinde Adaß Jisroel haben am Montag und Dienstag die A b i t urientenPrüfungen stattgesunden. Alle 16 Kandidaten haben die Prüfung bestanden, > einer sogar mit Auszeichnung. — Der „Angriff" vom 1. März zeigt in seinem Inseratenteil eine bei ihm zu beziehende angebliche U e b e r - setzung d e s Talmud, 232 Seiten in sechs Heften, an. Man wird von fachmännischer Seite diese Uebersetzung scharf unter die Lupe nehmen müssen. — Im Lokale des „Kartell jüdischer Verbindungen" wurde Freitag nacht eine Haussuchung oorgenommen, die aber keine Anhaltspunkte für eine politische Betätigung ergab. Der K. j. V. ist ein Studentenoerverband auf jüdisch-nationaler Grundlage. — (Am Dienstag, den 28. Februar, erschien Polizei überraschend in der vom Verband der Ostjuden unterhaltenen „Jüdischen Teestube" in der Rosenthalerstr. 55 und nahm sämtliche Anwesende, über 20 Personen, fest. Die Festgenommenen wurden auf Lastwagen zum Polizeirevier gebracht, wo ihre Personalien festgestellt wurden. Die Aktion hat keinerlei politi- Charakter. Beuchen. Der jüdische Altwarenhändler Josef Steiner, ein friedlicher Mann von 53 Jahren, wurde vor der Eingangstür seiner Wohnung erschossen ausgesunden. Stejner hatte sich politisch nie betätigt, aber man hat allen Grund, anzunehmen, daß er ein Opfer der politischen Unruhen wurde. Zwickau. Wie das Baupolizeiamt in Zwickau mitteilt, ist der Rathenauplatz in „Wilhelmplatz" umbenannt worden. Breslau. Im Falle Ernst Cohn ist immer noch keine definitive Entscheidung gefallen. Von sich aus um Urlaub anzusuchen, hat Professor Cohn abgelehnt,^u einer Zwangsbeurlaubung fehlt aber jede rechtliche Grundlage. Praktisch ist Professor Cohn so oder so zur Untätigkeit verurteilt. — In Veuthen wurde in der Nacht zum 2. März an jüdischen Kaufhäusern mehrere kostbare Schaufenster demoliert. Im Cosel gab ein Schaufensterattentäter. auf frischer Tat ertappt, auf den Polizeibeamten Schüsse ab. die diesen schwer verletzten. Zürich. In einem öffentlichen Vortrag, den der Rektor der Züricher Universität, Professor Ludwig Köhler, im Studentenverein „Kadimal)" hielt, sagte er u. a.: „Die drei Gaben des Judentums an die Menschheit heißen: G'tt, Sabbat und Sinai!" Paris. Die Direktion der M u s e e s N a t i o n a u x hat die von Arthur Löwenthal in Berlin geschaffene Einstein-Medaille erworben. Sie war im Salon Internatfon de la Medaille in Paris ausgestellt. Bukarest. Dem alten jüdischen Friedhof „Philantropia" in Bukarest droht das Schicksal der Vernichtung, da bei den neuen Bauplänen hier eine Straße hindurchgeführt werden soll. Der Friedhof ist noch in Benutzung. Eine jüdische Deputation unter Führung von Senator Oberrabbiner Dr. N i m i - r o w intervenierte bei den zuständigen Behörden. — Das Professovenkollegium der Handelshochschule zu Bukarest' hat zwei Hörer des Vorbereitungsjahrgangs für ein Jahr ausgeschlossen, weil sie. wie dem Unterrichtsministerium bekannt geworden ist, an dem Mitte Januar. erfolgten cuzistischen Ueberfall auf die Synagoge in Turnu Magurele teilgenommen und dabei sämtliche Fensterscheiben der Synagoge zertrümmert haben. — Innenminister Mironescu empfing den jüdischen Deputierten Michael Landau, der ihm im Namen der Jüdischen Partei ein Memorandum über die antisemitischen Exzesse anläßlich der Bukarester Arbeiterunruhen überreichte und staatliche Entschädigung der jüdischen Kausleute. deren Läden voneiner antisemitischen Bande geplündert wurden, forderte. Der Innenminister versprach die Entschädigung der Opfer aus Staatsmitteln. Haifa. In Haifa begann am 28. Februar der Prozeß gegen 2 Araber, die angeklagt sind, an dem Ueberfall auf das Haus des jüdischen Kolonisten I a - c o b i in Nahalal beteiligt gewesen zu sein, bei dem Jacobi und dessen lljähriger Sohn getötet "wurden. Zahlreiche arabische und jüdische Zeugen sind geladen. Jerusalem. Dreißig Beduinen besetzten einen Teil des Vadi Havarith-Bodens. der den jüdischen Legionären gehört. Bei dem erbitterten Kämpfe, der sich nun zwischen den Beduinen und Legionären entspann, wurde ein Jude. Joseph - Benjamini, getötet und zwei andere Legionäre verletzt. die gleiche Behandlung zuteil. Auf Bitten des Leiters des Nansen-Amtes, Generalkonsul S t o b b e und der Rechtsanwälte , FaIkowsky und G e r s ch u n, wurde davon abgesehen, einen einheitlichen Flüchtlingspaß einzuführen, da die Inhaber von „Nansen"-Pässen Vorteile bei Reisen ins Ausland oder bei Regelung von Erbschaftsangelegenheiten usw. genießen. Man rückt weiter ab. . . Berlin, 9. März. Die Reichspressestelle der NSDAP, teilt Mit: „Nach Zeitungsmeldungen sollen in Berlin Amerikaner und andere Ausländer von SA-Männern belästigt worden sein. Es handelt sich um kommunistische Spitzel oder Provokateure in SA-Uniform, die den Zweck verfolgen, das Ansehen der NSDAP, im Ausland zu schädigen. Alle Parteistelleu sind angewiesen, ihr besonderes Augenmerk auf diese provokatorischen Elemente zu lenken und, falls derartige Belästigungen sestgestellt werden, die Täter unverzüglich festzunehmen und der Polizei zu übergeben. Es wird weiter berichtet, daß in Königsberg ein Feuerwerkskörper in die Synagoge gelegt worden sein soll, wobei man ebenfalls Nationalsozialisten der. Täterschaft verdächtigte. Auch hier sind ganz offenbar gegnerische Subjekte an der Arbeit. Wir erinnern nur an die jahrelang systematischen Verleumdungen der NSDAP, mit den sogenannten F r i e d h o f s s ch ä nd u n g e n. Bekanntlich gelang es damals, Marxisten einwandfrei der Täterschaft zu überführen. Auch hier ist im Interesse der NSDAP, schärfste Beobachtung und Feststellung der Provokateure im Benehmen mit der Polizei erforderlich." Es ist nicht unseres Amtes, die wahren Schuldigen festzustellen, aber wir wollen mit Genugtuung feststellen, daß man an den offiziellen NSDAP.-Stellen sich von jenen Schandtaten weit distanziert. Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte im Industriegebiet. Essen, 9. März. Die Abendstunden von Dienstag und auch der Mittwochvormittag standen in Essen wie in vielen anderen großen und kleinen Städten des Jnduftriebezirkes im Zeichen wüster H a ß a u s b r ü d) e, die sich speziell gegen jüdischeKauf Häuser und auch kleinere jüdische Geschäfte richteten. Selbst das große Karstadt-Warenhaus Althofs, auf dem eine große Hakenkreuzfahne weht, wurde nicht verschont. Eine gewaltige Menschenmenge, darunter viel dunkles Gesindel, sammelte sich an und machte Miene die Geschäfte zu plündern. Freilich erst nachdem starke S. A. Posten in Uniform mit dem Rufe: „Deutsche, kauft in deutschen Geschäften!" Kunden am Betreten der Warenhäuser verhindert hatten. Unter den unkontrollierüaren Elementen in der Menge gab es aber viele, die die Parole im positiven Sinne verstanden, als Aufforderung zur Demolierung und Plünderung. Jetzt aber traten S. A.-Männer und Hilsspolizei dazwischen und vertrieben die Menge. Zugleich zwangen sie aber die jüdischen Inhaber, ihre Geschäfte zu schließen. Nach und nach hatten sämtliche jüdischen Geschäfte, auch die kleinsten, ihre Verkaufsräume geschlossen und ihr Personal heimgeschickt. Eine Beschwerde an die zuständigen Stellen ist bis jetzt noch nicht beantwortet worden. Die ordentliche Polizei verhielt sich bei der ganzen Angelegenheit vollkommen untätig. Von offizieller nationalsozialistischer Seite wird die Verantwortung für die Vorgänge abgelehnt. Die Sache wird so^ dargestellt, daß es sich um den spontanen Ausbruch einer Volkserbitterung handle, die nur dank dem energischen Einschreiten der S. A. nicht zu schlimmen Folgen geführt hätte und „vorläufig noch" auch nicht führen werde. Es trifft auch wirklich zu, daß die S. A.-Posten Plünderungen und Fensterdemolierungen verhindert haben und die Menge zerstreuten. Aber auf der anderen Seite verhinderten sie auch die jüdischen Kaufleute, ihren Geschäften nachzugehen und leiteten, vielleicht ohne zu wollen, durch den Boykottruf die Aktion ein. Zu bemerken sei, daß die Leidtragenden zum großen Teil jüdische Mittelständler, die sich von ihren kleinen Geschäften ernähren und schon ohnehin ein schweres Leben führen, sind; nicht zuletzt aber auch Arbeiter und Arbeitslose, denen gerade diese Kaufhäuser die Anschaffung der nötigsten Bedarfsartikel zu billigen Preisen, auch auf Abzahlung ermöglichen. Man darf hoffen, daß von zuständiger Stelle die Wie- ,derholung solcher Vorgänge unmöglich gemacht wird.

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