Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1933)
- Date
- 1933-03-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Der Israelit Mn..; Seite 4 Nr. 10 9. März 1933 diese Gerüchte als eine s ch w e r e V e leidig u n g der deutschen Nation mit Entrüst u n g z u r ü ck w e i s e n. ' Das Selbstbegreifen des modernen Menschen. Jüdische Epigonen der Bibelkritik. Von Oberrabbiner Dr. Carlebach in Altona. (Schluß.) Genau so aber richten sich alle seine Konjekturen und Vergewaltigungen des Bibeltextes, eine Manie, von der Torczyner besessen ist. Um nur ein Beispiel hecanszugreisen; in Ies. 8, UZ heißt es: „binde ein Zukunftsverheißung, versiegle Lehre in Meinen Lernbeflistcncn; stehe, ich und die Kinder, die mir G'tt gegeben, zu Zeichen und Vorbild werden sie in Israel sein." Der Prophet, dessen Wort in der großen Welt unverstanden bleibt, muß sich darauf beschranken, irn engsten Kreis seiner Kinder und Schüler, die ihm gleich Kindern sind, seine Verheißung wie einen Schatz zur Bewahrung einzubinden und einzusiegeln, daß sie sie in bessere Tage hinüberretten. Torczyner nimmt an dem Bild „die Thora in Schüler einzusiegeln" Anstoß, obwohl direkt in unmittelbarem Einschluß der Prophet es erläutnt, daß seine Kinder zu Zeichen und Vorbild inmitten Israels sein werden. Dabei ist die Bildung: limudim in demselben Jesajas durch die Form „limude haschein" und noch einmal in Kap. 50, 4'zwiefach belegt durch „leschon limudim" und „lischmoa kalimudim". Ferner daß chatam einschließen, verwahren bedeutet, genau wie kamaß, und auf Zukunftsverheißungen angewandt wird, beweist die parallele Deuteron. 52, 54, „ist doch (die Verheißung des Gerichts) bewahrt bei Mir, eingesiegelt in Meinen Schatzkammern." (Ohne jeden Grund und Veranlassung reißt Torczyner die Stelle in Ies. 6 aus ihrem Zusammenhang, korrigiert das Wort limudai in limudin und will es als: Kitt deuten, um auf diese weise einen Beleg zu einer Theorie zu gewinnen, daß es eine offenbare und geheime Thora gab, die nebeneinander in der Bundeslade bewahrt waren. Und so wird dann auch noch schnell der bekannte Vers Deuteron. 29, 28 umgeschrieben in: die geheime Thora ist G'ttes, aber die offenbare uns und unsren Kindern. Diese geheime Thora aber ist lediglich Hirngespinst des Herrn Torczyner, denn da er ja an übernatürliche Offenbarung nicht glaubt, so muß ja auch die geheime Thora Mcnschenwerk sein, die man in die Lade verpackt hat, also nur eine Art priesterbetrug, der sich in das Gewand eines Geheimnisses hüllt. Und solche Dinge sollen wir ihm aus Grund von einem Dutzend Textkonjunkturen glauben! Warum sollte die Tradition überall, wo von der doppelten Lehre, der geheimen und offenbaren und dementsprechend von , dem doppelten Inhalt der Lade die Redeist, die Spur gusgetilgt haben? Ich meine, nichts hätte man mit wachsamerem Auge gehütet als gerade die Geheimdokumente, ebenso wie man später die Sithre-tora in den Kreisen der Besten sorgsam aufbewahrt and fortgesetzt hat. Auch hier äst bei Torczyner nur der Wunsch der Vater, des Gedankens; er möchte die jüdische Priesterschaft in Analogie der ägyptischen zu Wächtern bestimmter Mysterien machen, um dadurch gegen ihr Gesamtverhalten die gebührende Skepsis zu erwecken. < > Endziel aller seiner Thesen ist, den jüdischen G'ttcsbegriff zu v e r h e i ö n i s ch e n. Alles Klare, Eindeutige, was die jüdische Lehre jedem verständlich ausspricht, wird bei Seite gelassen; dafür in irgendwelchen Formen oder Sätzen herumgewühlt, in denen eine sprachliche Schwierigkeit der Möglichkeit zu Kombinationen und Phantasien Raum läßt. Es ist das, wie wir schon oft hervorgehoben haben, die Umkehrung -jeder gesunden Wissenschaft. Es wird nicht das Schwierige und Undeutliche durch das Klare erläutert, sondern umgekehrt: über irgend eine dunkle Stelle phantasiert, uni nachher das Klare und Eindeutige verdunkeln zu können. Uicht eine einzige aller seiner Textkonjunkturen hat auch nur Wahrscheinlichkeit für sich, es sind Seifenblasen, würde.man ihm eine Bibel vorgesetzt haben, die nach seinen Rezepten die Verse umschreibt, so würde er vermutlich, um seiner Kombinationsgabe Betätigung zu verschaffen, wieder andere Lesarten und vielleicht gar, wenn es das Glück will, einmal das Richtige konjizieren. Heißt es in dem Wanderspruch, den Mosche bei Ausbruch der Lade gesprochen hat: „schuwa Haschern, kehre doch zurück, G'tt," sostisi ihm das eine zu heilige G'ttesvorstellung, und er..korrigiert ihn mit Eduard Meyer sin, „schewa. haschem, sitze auf, G'tt". Aber wenn im Psalm sich vor dem König der Ehre die Tore der Ewgkeit*) auftun sollen, dann deutet'ec: melech bakawoö als „Wolkenkönig" — da kawoö „immer" die Wolke sein soll —, und die Tore, die sich auftun, als „W ö lk e n t o r e " , obwohl Wolkentore eine ganz unvollziehbare Vorstellung ist. Also die Wolkentore sollen sich öffnen, damit die Wolke einziehe!! Es gibt doch noch neue Deutungen unter den Wolken! Darin sind Torczyner und Auerbach ganz einander gleich, daß ihre Deutungen und Belege, die sie für ihre Behauptungen anführen, Wolkentore sind, reine Luftgebilde. Sobald man die Bibelstellen 'wirklich nachsieht, so besagen sie nur das Gegenteil von dem, was sie angeblich beweisen sollen. Auerbach z. B. will behaupten, daß bei Hosea noch Mazewa und Trafim als legitime Kultgcgenftände der jüdischen Religion galten, und er führt den Vers an (Hosea 5, 4): es kommen Tage, wo die Kinder Israel sitzen ohne König und ohne Fürst, ohne Opfer und ohne Mazewa, ohne Ephod und Trafim. Wie ist der wirkliche Sinn? Der Prophet muß sein unzüchtiges Weib bitten, sie soll lange Tage dasttzen und nicht buhlen, nicht einem fremden Mann, .aber auch ihm nicht angehören. Also weder der legitime noch der illegitime Gattenverkehr soll ihr gestattet sein, denn, führt der Prophet fort, viele Tage kommen, wo Israel öasitzt ohne Opfer und Mazewa, ohne Ephod und Trafim. Ergibt sich nicht daraus mit unbezweifelbarer Eindeutigkeit, daß das Opfer legitim und die Mazewa verboten, daß das Ephod aus dem reinen Verhältnis Israels zu G'tt, die Trafim aus heidnischer Unzucht stammen? Aber offenbar spekuliert Auerbach daraus, daß die Leser, die ein Interesse daran haben, daß die Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit des jüdischen Gesetzes und aller bindenden geschichtlichen Verpflichtungen eine Täuschung sei, im Grundtext nicht erst lange Nachsehen, sondern ihm aufs Wort glauben. Uicht anders ist es, wenn Torczyner aus Genes. 4, 26 den Schluß zieht, daß auch eine biblische Duelle im Anschluß an die alte „Kajins-Sage" lehre: der unaussprechliche G'ttesname fei den Kajins-Söhnen — die falsch mit den kenitem Her Sinai-Gegend identifiziert werden — früher bekannt gewesen. Der Text ergibt das Gegenteil: in dem Verse ist von Kenitern überhaupt nicht die'Rede, sondern gerade umgekehrt von den Uachkommen des Seth, und die dort gebrauchte G'ttesbezeichnung wird nur, wie fast im ganzen Kapitel, als aus dem M u n d tz d e s Erzählers fließend gebraucht, aber durchaus nicht etwa als eine spezifische Kundgebung des Enosch-Zeitalters. . ' ' Torczyne r legt die Axt an das Erhabenste und Heiligste, was der Jude z u d e n k e n v e r m a g, w a s d i e B i b e l t e h r t. Es versteht sich von' selbst, daß die ehrfürchtige Scheu, mit der wir den „Kamen" umgeben,, für ihn und seinesgleichen überwunden ist.'-In frecher Herausforderung schreiben diese Epigonen der Bibelkritik den .Kamen nieder, und zwar selbstverständlich in der Punktierung der Theologen. Der neueste Prophet der Moderne, Josef Kastein in seiner „Geschichte der Juden", ahmt dies rühmliche Beispiel nach und erzählt 5. 158, daß man zur Syrerzeit im Tempel Haschems das „Greuel des Entsetzens" aüfgestellll So groß sind dabei feine hebräischen Kenntnisse, daß'(er es als Sch.ikuz neschoman — statt meschonwm oder schomem — also als „gemästetes Greuel" ausgibt. 'Fremdwörter sind allemal Glückssache; es empfiehlt sich für solche „gelehrte" Herren, hebräische Wörter zu: vermeiden. Er möge aber wissen: die Schreibung des, G'ttesnamens, unter Kichtachtung jüdischer Gefühle und religiöser Satzungen, ist selbst solch ein Schiftrz schomem. Den G'ttesnamen erklärt die Thora als Ehje afcher c*?ie) — Ich bin, der Ich bin; wir möchten erläuternd sagen: nicht der, dm ihr aus Mir macht. Der jüdische G'tt ist die Wahrheit, die sich nicht nach uns richtet/ sondern nach der wir uns richen müssen. Gerade das *) Wahrscheinlich dem einfachen Sinn nach: die uralten Tore; der Zionsfestung. 1 ist es aber, was den Modernen nicht gefällt. Ihre philosophische Plumpheit und ungeschlachte Art vermag den Ueberstieg ins Transzendente, Absolute nicht zu vollziehen. Sie hasten am Sinnfälligen. Ihr G'tt ist die Katur. Schon Spinoza, der Vater der, Bibelkritik, wollte den Propheten alle philosophische Erkenntnis absprechen. Den Geist wollte er der Bibel absprechen, um den Ungeist darin walten zu lassen. Den Modernen mit ihrer Anbetung des Materiellen, ihrer Verabsolutierung von Land und Boden, aus der alle Kultur ihnen erwächst, von Rasse und Blut, die ihnen allein Träger des Geistigen sind, ist es unfaßbar, daß die Offenbarung der Bibel unabhängig von Raum und Zeit und Menschenzufälligkeit sei, daß sie unter Durchbrechung aller irdischen Schranken die Wahrheit des Jenseits und den Sinn des Diesseits enthüllt habe. Darum muß ihr Text verändert, ihr Gehalt umgedeutet, ihr Wesen verschüttet werden, bis aus ihr nicht mehr die Stimme G'ttes, sondern das Brüllen der Vulkane, das Geschrei der Wüste und das Echo der Hochgebirge tönen. Wir beneiden Herrn Torczyner nicht um seine Auffassung von der Bibel; wir wollen ihn gern seinen Vulkan- und Hochgebirgsgöitern überlassen und uns verschlägt es nichts, ob er mit seinen Hypothesen allein steht, oder sich in ihnen mit Ben Iehudas Tefaurus und ähnlichen in Uebereinstimmung findet. Weil aber aller guten Dinge drei sind, sei in diese illustre Gesellschaft auch Dr. Max Soloweits chik mit eingereiht, der im Welt-Verlag, Berlin, ein Buch erscheinen ließ: „vom Büch, das tausend Iahre wuchs, ein bibelwissenschaftliches Sammelwerk." Es soll durch Aufsätze verschiedener Bibelforscher in die moderne Arbeit der Einleitungswissen-- fchaft einführen. Es bringt zwei harmlose Aufsätze jüdischer Verfasser, „Das prophetische Schrifttum" von Simon Bernfelö und „Der biblische Kanon" von Kamenezki; daneben saftige Bissen der Bibelkritik von Kent, von Budde; „das nomadische Ideal im Alten Testament" — daher -auch Auerbach's Komaden-Komplex — ferner: „babylonische Einflüsse" von volz. u. a. m. der gleichen Richtung. Das einzig Gute an dem Buch, das nach dem Vorwort des Verfassers den Nimbus einer unwandelbaren Offenbarung zerstören soll ,ist ein Bekenntnis, das er vorausschickt. „Wenn man heute rückblickend auf die geleistete gigantische Arbeit sich die Frage nach ihrem Ertrag vorlegt, so muß gesagt werden, daß zwar die Forschungsmethoden einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht haben, daß aber an unanfechtbaren Ergebnissen die Bibelwissenschaft nicht sehr r e i ch **) ist: vieles Grundlegende ist noch im Flusse, das kleine Buch birgt, in sich heute noch eine Fülle schwierigster, ineinander verschlungener Probleme." „Mit den verfeinerten Methoden der Sprachwissenschaft, der vergleichenden Religionsgeschichte, der Archäologie wurden viele dunklen Bezirke durchleuchtet, aber am Ende eines zurückgelegten Abschnitts auf dem Forschungswege öffnete sich oft nein neuer Pfad in bisher unerforschte Gebiete, in die Wirrnis neuer nicht minder komplizierter -Problem^:." >•' Afo nun wissen wir's aus zuständigem Munde: alles Grundlegende ist noch im-Flusse, und auf fließenden Grundlagen baut sich alles auf. Was die Bibelwissenschaft versprochen hat, das Geheimnis der Entstehung dieses Buches zu lüften, ist ihr uicht gelungen, mit all ihren angeblich verfeinerten Methoden kommen nur immer neue Fragezeichen, und die armen Toren, die von ihr eine Deutung des Rätsels erwartet haben, sie sind so klug als wie-Züvor. Und fö rvird's weiter gehen, weiter wird man Khanen", aber die Fundamente des Baues werden den armseligen Baumeistern wegschwiiüMeni" Jeder neue Weg, den sie anlegen, führt nur in noch verschlungeueres Dickicht von Widersprüchen und Unklarheiten. Bis die Zeit kommt, wd die' Bibelkritik „tausend 'Jahre wuchs" und dann auf dem TrümMerfelö ' ihrer Men Bemühungen'bekennenwird:' Mosche ist w a h r- und s e i n e Thoraistrvah r. ,,**) Von uns gesperrt. ,■ . Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. Schachno w i tz, ebenda, — Für die pädagogische Beikager Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen <Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon ©. nr. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M.