Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1933)
- Date
- 1933-03-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Licht aas dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. ■&A\v (Fortsetzung.);' Diese kleine französische: welle kam aus Uicher- . grundeil verklungener Tage und verebbte rasch hinter. -'/ den Vielsachen Anliegen,' hje)Hin Kerzen Rabbi Mosches näher standen.'-Rächbargemeinden ipißgömiten ' Prosnitz, feinen? Aufstieg, . sein Doppelglück: seinen jüdischen Magnaten (Hirsch Ierwitz) und den „Frankj-'fürter^. ' -Lin Kind dieses Stadt fuhr im der Welt unter dem Ramm Löbele Prosnitz als Sendbote der Frankiste n herum und. machte dem Ramcn soincc Heimat keine Ehre. Und nun sollte Prosnitz) justament Prosnitz plötzlich zu Ruf und Ruhm in der Welt gelangen) -indes andere, bessere Gemeinden ungenannt blieben?! . - . Mindestens der junge Rabbi, der magnetisch die Jugend anzog und an jene Stadt kettete, mußte ihr genommen werden!? . Dies.it.itz, eine Gemeinde mit alter.Geschichte und Tradition, hatte schon ein gewisses Anrecht auf den „Frankfurter". Wie er noch Bachur dm Rabbi Rosson war, hatten sie dort schon ein Auge auf. ihn geworfen. Sie hatten es, so warfen sie sich vor, vielleicht zu ungeschickt angepackt, indem sie die Berufung mit einem Heiratsantrag (es galt damals, die Tochter des Heimgegangenen Rabbiners.zu versorgen) verbanden. Run, da der „Frankfurter" als Rabbi Mosche Frankfurter, beweibt und berühmt, in der prosnitzer Waldeinsamkeit im Verborgenen blühte, .begab sich eine ganze Delegation von Dresnitz zu ihm, brachte der'(Einfachheit wegen gleich Berufungsschreiben, unterschrieben von den „sieben Stadtaltesten" und allen Gelehrten, mit. wenn ihn als Schwager von Rabbi Hirsch Ierwitz und Freund der Unabhängigkeit die Gehaltannahme störe, scherzten die.Herren wqn Dresnitz, so wären sie auch zu d e m .Opfer bereit, von Gehaltauszahlung abzusehen. Aber einen kleinen, palastwollten sie ihm dort bauen, so gut wie er ihn hier haste, wenn er nur seine Residenz bei ihnen auf-- schlagen wollte.. Um Prosnitz den Rang abzulausen, war. denen in Dresnitz kein. Opfer zu groß . . . ' Rabbi. Mofch'e eckpfing die würdigen Herren sehr u höflich, und im. Häufe Ierwitz'-würde ffogar eiü'kleines Fest zu ihren ThreN gefeiert. Aber viel Hoffnung konntest sie njcht'^mit nach Hause nehmem Cr'"wisse die Chre zu schätzen,-sagte er?Die Sache verdiene reifliche 'ÜeberlegungU! '/ .-Daß er aber ernstliche' Tust gezeigt hätte, sein Waldid^ll zu verlassen und sich ins Joch eines Rabbinecamtes ^'einfpansten' zu lassen, konnten die Gesandten in Dresnitz nicht behaupten. Cs vergingen ein paar. Jahre. Rabbi Mosche schrieb am Rande einer vielseitigen halachischen Ab- ' Handlung, die an seinen Hehrer Rabbi Msson! in Frankfurt adressiert war: „Und» was mich,, den.geringsten deiner Schüler, betrifft,. so. bin) ich glücklich, in Ruhe ünö))Sorglosigkeit leruon M^ lehren zu können . , ." Uichts mehr. H .?? - '. Im 'seitenlangenSchreiben, das ' nach Wochen Rabbi Mosche 'öle Ansichten Rabbi Roffons zu den von'ihm angeschnittenen talmüdischen Fragen überbrachte, w'ac ganz am Rande'zu lesen: „Und was - mich, deinen Lchrerjünger, betrifft, so ist mir vom Himmel die Ruhe, nicht' vergönnt. Wie es in den Psalmen heißt: „Ich suche'den Frieden, und wenn ich rede, rüsten, sie zum Kampfe . . ." „Ich bin glücklich, dich im Glücke zu wissen. Wenn aber /wahres Glück B e g l ü ck e n ist, so hast du dein letztes Ziel als.Beglücker noch nicht erreicht... . Halte . dich für weitere, höhere Aufgaben gerüstet! . . ." . xvi. ■ Lin Fin g erzeig. Was ging mit Hirsch Ierwitz, dem „jüdischen poritz" vor? Aeußerlich war eine Aenderung kaum zu merken...-Immer noch die grade, aufrechte Gestalt mit dem bis zur Brust wallenden, leicht angegrauten zweigeteilten Barte, mit den heiteren, fast kindlich klar d.geeinschauenden Augen, dem guten lieben Worte im Munden Auch im Hause noch der.alte Glanz und die alte Kastfreude. Aber etwas, das keiner sah und jeder empfand, war vorgegangen. Hirsch Ierwitz schien plötzlich ein wenig gealtert. - In unbewachten Augenblicken krümmte.sich etwas der. Rücken und trübte stch der Blick, zogen/Runen über die weiße, breite Stirno. (Er uj] sich aber,, rasch zusammen, so ihm Menschen in. den Weg liefen, Bauern tief den Hut vor ihm. zogen oder.Juden ihm den jüdischen Gruß zuriefen: „Guten Tag, Reb Hirsche!!" Drei Bauern merkten nichts, aber Juden haben helle Äugen und scharfe Ohren. Sie sahen und hörten was . ... Glaubten zu sehen, wie Hirsch Ierwitz, allein, den Oberkörper etwas vornüber neigte und sich mit der Rechten an die Schläfe griff, als wollte er einen Fluß aufhalten. Ctwas schwerer schien sein Schritt, und es war, als würde /er, härter wie Fönst mit dem schwarzen, silberbeschlagenen Stock, den oben ein wappenverzierter Goldknauf, krönte,., auf den Boden aufschlagen. Und .eines Tages war der. stadtbekannte gold- und silberverzierte .Stock in feiner Hand von einem einfachen gelben Holzstück abgelöst.. Das Metall, sagte er, gobp jenem Stock ein zu schweres Gewicht,, dieser sei leichter, handlicher und bequemer. Wozu Gold- und Silberstock am grauen Werktage? Am Sabbat und Feiertag trug, aber Hirsch Ierwitz keinen Stock . . . „Merkwürdig, daß cs dieses Jahr nicht richtig Winter werden will,." rieb er, sich vergnügt die Hände. Dabet war es so kalt, daß die Vögel in der Luft erfroren, Cr hatte den kostbaren Zobelpelz nicht an. Cin einfacher, etwas abgetragener Ueberrock mußte es dieses Jahr tun. Denn es war kein richtiger Winter.. . An einem Freitag abend — die.'fremden Gäste faßen, wie immer,?Lei Tisch und die. fremdesten und ärmsten obenan —- fand Rabbi Hirsch- Ierwitz heraus, . daß der Wein aus einfachem, durchsichtigem Glase weit besser und reiner schmecke, als aus einem blinden Silberbecher.. Die großen schweren Silberpokale mit den kunstvollen Verzierungen und Gravierungen, sonst ein halbes Dutzend, waren nicht auf dem Tische, .. Und. einige Wochen später fehlte .der massive, silbergetriebenc, fünfröhrige Leuchter auf dem 'Tische. Die Sab.bat'kerzen steckten in einfachen Leuchtern aus Messingblech. Der Kandelaberwar zur' Reparatur gegeben, hieß es. .^Ganz merkwürdig," wunderje sich ^räöbi',Hirsch, als. hätteer es-noch nie.,gerpußt:, „Wein, ist' Wcin. ob. im Tdukrug,'ohAi/'inr .funkelndep.'Sjlberbecher, und.,Llcht ist Licht. Cs Huchtet. im Messtngleuchtefj'genau so. hell unh schön wie. im. silbernen Kandelaber '. '." Und laut und hell wie sonst sang er mit seinen Gästen vom „Tage, der Israel Licht und Freude ist . . ." Jetzt merkten schon' alle was, und man münkelte . .... ... - / ■ ,? Vielleicht .merkte man's nur oeshalb, 'weil man sich 'schon längst Allerlei zuraunte und etwas, merken wollte../.Man wollte, gesehen haben, daß manches Btzuern.jin den letzten. Tagen nicht mehr Fd tief wie früher Len., Hut,, vor. dem „jüdischen poritz" zogen.' Cs gab, auch Iüden) .dH nickt mehr. so-, devot und demütig wie sonst ihm ihr ,,GuHn Tag", .ihr „Gut Schcrbbos" zulachten. . Ror kurzem, erzähtte inan sich, hätten, sich,Waldarbeiter vor seinem Hause.zusammengerottet und gedroht, alle. Fenster einzuschlagen, weil die Höhne nicht pünktlich wie . sonst, ausgezählt .wurden./ Sie 'wurden aber 'nachher doch noch au^bezählt ,tzstd.öle. Leute, zogen ab.^'Was ging da,tzar?'-, . .? .?-/ Man vermutete, erprobte'sich im Rätselraten. Cinige wußten mehr. Rabbi Hirsch Ierwitz, der kluge, besonnene, .stets' von. Glück und Crfolg begleitete Mann, hätte sich verspekuliert. Cr hätte die Waldungen bei viel zu hohem/Preise gepachtet und das Holz sei im Preise rapid gesunken. Cr habe die pachtsum-- men aufzubringen und das Holz mit großen Verlusten zu verkaufen. ' Auf der anderen Seite hätte er Liefcrungsverträge mit Prag und Wien abgeschlossen und die Preise für alle Getr.eidearten seien inzwischen unverhofft so in die Höhe gegangen, daß er mit großem Verlust liefern muffe. Zudem seien ihm .schon die Waldungen für die nächste Pachtperiode von einem anderen weggeschnappt worden. Ratürlich konnte cs nur einer von Dresnitz sein... Wenn alle es merkten und davon wie von einer Katastrophe für die ganze Gemeinde sprachen, so merkte Mosche in seinem Gartenhause nichts. An nichts hatte ihm der Schwager es bisher fehlen lassen. Daß sein Matchen jetzt wie verschüchtert und demütig ernst s das Haus versah, siel nicht sehr aus. Sie war mit der Zeit noch stiller geworden und noch trauriger. Sie ließ sich den Kummer, der ihr Herz bedrückte, durch Trostworte, nicht nehmen. Vielleicht fraß auch geheime Krankheit in ihrem Innern. Sic hüstelte viel und sprach wenig. An einem Freitag abend, am Tische im Hause Ierwitz, mußte er sie einmal schärf und aufmerksam ansehen. Sie fühlte seinen Blick-auf sich ruhen-und schrak zusammen, als wollte sie sich in -sich selbst verkriechen. Cr merkte, daß ihr der Blick wehtat und sah weg, zwang sich zur Freude, zur Munterkeit. Gelehrte Gespräche lenkten ihn und den Hausherrn wie die Gäste bald von allem anderen ab. Malchon, das junge Weib, von Moses Sofer, blieb aber still und in sich gekehrt. Wie sie wieder allein in ihrem Gartenhause wq-? ren, konnte Mosche aber die Frage nicht unterdrücken: „Du hattest, Malchen, heute deine Sabbathaube mit den perlen nicht auf. Ist etwas passiert, gestohlen?" Malchen sah zur Seite, hüstelte und kämpfte scheinbar gegen Tränen an. Mosche, im Gefühle, ihr mit der Frage wehgctan zu haben, sagte sanft: „Man trauere verlorenem Gute nicht nach, am wenigsten am heiligen Sabbat. Das ist alles nicht so wichtig." „Die Haube mit den perlen ist nicht gestohlen noch verloren," brachte Malchen tonlos hervor. Clne weile dumpfen Schweigens. In dieser stillen Minute ging Mosche plötzlich ein grelles Licht auf über Dinge, die er bis jetzt kaum sah, vielleicht nur einmal.blitzartig ahnte, ohne ihnen nachzugehen. Cr wußte jetzt, alles, wußte auf einmal, wo Stock und pelz, Leuchter und Lecher waren. Alle Güte und Liebe seines Herzens legte er in den Ton, als er jetzt das Schweigen brach: „Du hast das alles.vorher schon gewußt und.wolltest inich damit verschonen?" L I „Ich wußte vieles, aber nicht a.1 l e s." Malchens . Spracheklang jetzt etwas mutiger. „Ich wußte nicht, daß/M,/Nstt..,rnejne»ü. guten Bruder so weit kommen! konnte, daß ich die perlen verpfänden müßte,nachdem, alle anderen Kostbarkeiten./längst.verkauft oder verpfändet sind, — um seinem Hanse den Sabbat zu ermöglichen." Und nun weinte Malchen doch. Das Cis in ihrem bedrückten Herzen war in der weichen Sonne der Worte ihres, Mannes geschmolzen, es zerfloß.. „Cs ziemt nicht für eine jüdische Tochter, am heiligen Sabbat zu weinen, für eine Schwester von Rabbi Hirsch Ierwitz schon ganz und gar.-nicht," wies sie der Gatte sanft zurecht. „Und für die Frau eines solchen. Mannes," ergänzte sie mit einem Aufblick, der alle Liebe und allen Stolz und alles Glück eines frommen jüdischen Weibes in sich trug. —- . Lange nach Mitternacht erwachte Mosche. Malchen hüstelte. Sie lag noch wach. Wie eine'plötzliche Cingebung sprach nun in nächtlicher Stunde aus ihm: - „weißt du, Malchen, mir ist's, als gelte das alles nicht ihm, deinem Bruder, sondern mir. Cin Fingerzeig. von G'tt, daß ich mich nicht öer Ruhe, und Bequemlichkeit hier hingebe, sondern doch noch das Joch eines Amtes auf mich nehme. Ich weigerte mich allezeit, aber, .eine höhere Vorsehung, hat es anders beschloffen ..."