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Der Israelit · 1933-03-02 · Heft 9 (2.3.1933) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 9 (2.3.1933)
Date
1933-03-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14 Nr. 9 Der Israelit „Du hast gar keinen Groll auf meinen Bruder, auf mich?" „Cr hätte eher Grund, mir zu grollen, denn er wird um meinetwegen geschlagen, — damit ich aus meiner Ruhe und Bequemlichkeit heraus in Amt und Verantwortung gezwungen werde. Wir werden dem Fingerzeig folgen." ' „Dresnitz?" entfuhr cs dem Munde der im Unglücke beglückten Frau. „Gute Uacht und gute Ruhe, Rcbbczin.von Dresnitz," scherzte er, und seine sab-batlich heitere Gemütlichkeit übertrug sich auf die leidende Frau, daß sie in einen ruhigen sanften Schlaf verfiel. Schon am Sonntag wußte die ganze Stadt, daß Rabbi Mosche Frankfurter die Rabbinerstelle in Dresnitz angenommen hatte. Ausgerechnet Dresnitz mußte es sein,'das ärgerte die-Leute in Prosnitz am meisten. Run hielt es auch Rabbi pirsch Ierwltz an der Zeit, sich seinem Schwager zu offenbaren. Dieser wußte ja in der Hauptsache schon, was vorging. Dennoch war es für Hirsch Ierwitz oine harte Arbeit, mit dem Manne, der für ihn stets eine höhere Sphäre, eine Sabbatregion bedeutete, in die tiefe Ebene seiner Sorgen und Kümmernisse hinabzustoigen. Aber es mußte sein. Zum ersten Mal sah Mosche seinen Schwager ohne Lachen im Gesicht, ohne heitere Morte im Mund. Düster und tonlos, sachlich mit dürren Worten, aber ohne übertriebene Klagen und Seufzer, klärte er ihn über seine Lage auf. Mosche saß, das Kinn auf die flache Rechte gestützt, und hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Ton und Stimme bestürzten ihn weit mehr als die Tatsachen selbst, die ihm im Ganzen schon bekannt waren. Cs stimmte wohl, daß die Wälder großen Verlust brachten, die übernommenen Lieferungen infolge der eingetretenen Umstände nur mit großer Cinbuße ausgeführt werden konnten. Sorgen über Sorgen stürmten auf den tätigest, sonst so erfolgreichen und freigebigen Mann ein, die aber lange sein Gleichgewicht nicht zu erschüttern vermochten. Auch zuletzt, als in seinem Innern alles aufgewühlt mar, blieb cs an der «Oberfläche ruhig. Run ging es nicht mehr weiter. Cs ging nicht in ehr? So was sage ein Jude nie, belehrte Mosche und ließ sich alle Einzelheiten erklären. Cr analysierte und wog ab, lernte den Fall und die Fälle in ihren Einzelheiten durch und in ihrer Gesamtheit, wie man einen schweren Kommentar zum Talmud lernt. Cr stellte Fragen und suchte Antwort, kombinierte, verglich und zog Folgerungen. Cr war gewöhnt, den Dingen in Lehre und Leben auf den Grund zu gehen. Cs gab keine theoretischen Fragen für ihn, ohne Wirklichkeitserleben, andererseits keine Tatsache, ohne Verwurzelung in der Seele der Dinge, also war alles Leben und alles Lehre . . Run hatte er das Ganze in allen Teilen heraus. Die Lage war ernst, aber keineswegs verzweifelt, wie es die Leute vermuteten, wie sie vielleicht Hirsch Ierwitz selbst in seiner Bestürzung an-s-ah. Die Geschäfte warfen keinen Gewinn mehr ab, brachten große Verluste, es fehlte an Bargeld und daher oft am nötigsten. Die Behörden, die Pachtherren wie die von ihm belieferten Betriebe und Kommunen, hatten aber ein menschliches Einsehen und bewilligten Rachlaß auf der einen, Rachträge auf der anderen Seite. Das reichte nicht aus, die Verluste zu beheben,, aber sie konnten von den nicht gleich flüssigen Reserven zur Rot noch gerade gedeckt werden. Das vermögen freilich, die Frucht von Arbeit und Crfolg langer Jahrzehnte, mußte darauf gehen. Als die Situation dergestalt schwarz auf weiß gezeichnet war, sah die Sache lange nicht mehr so hoffnungslos aus wie vorher im Chaos der unklaren Vorstellungen. (Fortsetzung folgt.) Zum Jubiläum unsres Schriftleiters. Ein Freundesgruß. Potztausend, schon ein Vrerteljahrhundert? Mir ist's noch wie gestern, als Sie, verehrter Herr S ch ach n o - witz, das Weichbild Frankfurts — Ihres später so heiß geliebten und verklärten Frankfurts — betraten und — wie sagten Sie doch gleich gutgelaunt? — „Redaktor lau aleichem" wurden. Aber die Zeit verrinnt, verrauscht, verebbt. Man muß schon mächtige Steinwälle aufwerfen, um sie zu bannen. Man muß die launische und wetterwendische Dame schon mit güldenem Geschmeide behängen, um sie wertvoll zu machen. Eines nur gibt es, das die Zeit meistern und beherrschen kann: die Zeitlosigk e i t. Die Zeitlosigkeit der alles überd au e r n d e n un d gestaltenden T a u r o h. Sie haben ss verstunden, von diesem Leuchtturm aus die Zeit, ihr Werden, ihren Wandel, ihr Vergehen zu überschauen. Sie zollten ihr nicht feigen Tribut, wo sie abirrte. Sie waren ihr nicht untertänig, sondern blieben imerdar als getreuer Wächter auf diesem Leuchtturm in der Nacht. Und Sie gruben Kostbarkeiten aus der Erde, aus 'dem goldenen Bergwerk der Tauroh, und schmückten und verklärten die Zeit damit. Nicht eine Herberge war ja der „Israelit", dis Gastfreundschaft gefällig jedermann bvt, die heute einen Schoppen dem Gesetzestreuen, morgen dem Abgefallenen einschenkte. Nein, geradeaus ging er stets seines Weges, der nicht immer mit Rosen bestreut war. Er konnte auch manchmal unwirsch sein, dieser Herr Israelit, konnte wie er oft rühmte, auch notfalls mit Keulen dreinschlagen. Aber Ihnen und ihm war es Lebensaufgabe^ „die Menschen zu bessern und zu bekehren", aus dem Rundblick jüdischer Weltgeschchttisss hsrauszusieüon und herauszuholen, was an Jüdischkeit in ihnen steckte, was an Jüdischkeit ihnen mangelte. Nicht kalt und ablehnend, nicht sezierend und spottend, sondern warm und liebreich stets auf das Volksganze bedacht. Auf das Volksganze — nicht wie es Menschen, mögen sie noch so guten Willens sein — erdacht und gehämmert haben, sondern wie es G'tt gewollt. Und das alles fei Ihnen heute, an Ihrem Jubeltage, gedankt. Und dieses Bewußtsein wird Ihr schönster Lohn für alle Mühe und Plage, für alles Sorgen sein, wird Ihnen auch weiter Panzer sein gegen alle Anwürfe und Anfechtungen. Und noch ein Zweites sei Ihnen gedankt in dem Splittergebäck, das ich rascher Hand darbiete. Auch Ihnen darf man nachrühmen, daß hinter Ihnen, im wesenlosen Schein, lag, was uns alle bändigt: das Gemeine. Sie glitten in Ihren Romanen, die voll von blutwarmem jüdischem Leben sind, stolz und wie selbstverständlich über Unsittliches hinweg. Kaum daß Sie es, wo es nicht anders ging, mit leisem, verhaltenem Atem streiften, geschweige denn gar, daß Sie es in moderner Art auf dem Präsentierteller hinreichten. Was soll ich noch sagen? Soll ich von dem Ihnen eigenen tiefen und urwüchsigem Humor reden? Der Plastik gedenken, mit der Sie uns Bilder aus allen Ländern vor Augen stellten? Mit der Sie, um nur eines hecauszugreistn. dis Sehnsucht und Liebe zum heiligen Lande durch die Schilderung Ihrer Palästinareise anfachten? Genug? Ich könnte sonst in den Verdacht der Kriecherei geraten. Das Verhaßteste was es für mich gibt. — Glückauf! Möge es Ihnen Wohlergehen. Als Mensch und als Journalist, Ihnen und dem „Israelit"! Max Speier. Zeitgemäßes Bekenntnis zur jüdischen Zeitung. S. Schachnowitz gewidmet, dem jüdischen Redakteur, — aber besonders dem Chronisten, der die Zeit ins jüdische Blickfeld trägt ... Unfern Weg trifft in diesen Tagen das Purimf e st. Unsere Geschichte ist eine fast immerwährende, eine latente Offenbarung der Zusammenhänge, die — zum Purimfest geführt haben. Eine Zwangsläufigkeit im Auf und Ab, ein Grundmotiv in der Melodik jüdischen Leides und jüdischen Aufatmens. Der König Ahasveros tritt irgendwie auf — und' eine schlaflose Nacht. Jedes Plus des Judentums scheint überwunden. Was in der Chronik der Zeit an jüdischen Werten und an jüdischer Positivität verzeichnet ist und verzeichnet bleibt und eigentlich unverwischbar ruht, ist „vergessen". Bis dann eben — im ewigen Walten — d i e schlaflose Nacht kommt, die Stunden des langsamen „Erinnerns", Die furchtbar leise Nacht, in der das Vergessene sehr laut sich selber ausspricht, in der man die Chronik der Zeit vorliest. Diese schlaflose Nacht ist kein Inbegriff des Schreckens und der Nervosität. Sie ist Aufrüttelung zum „Erinnern". Fingerzeig zum „Dämmern": sie ist ein gewichtiger Ruf vom Lenker der Ewigkeiten. Jede jüdische Generation muß einmal durch dieses Stadiunl der „schlaflosen Nacht" hindurch. Damit — die alte, biete Chronik wieder hervorgeholt. vorgelesen werde. Vergessenes soll wieder in die Wirklichkeit zurück. Viele Männer mühen sich jahraus, jahrein um diese Chronik, um die Zusammenfassung der Geschehnisse, um den Weg nach einer Ausdruckssorm, um den Kontakt zwischen Zeit, ihrem tieferen Sinn und Masse. Recht populär gesagt: um diese lebendige Bindung zwischen jüdischer Zeitung und jüdischem Volk. Man hat einen „Tag des Buches". Große, außerhalb und jenseits unserer jüdischen Gemeinschaft wirkende Verbände und Organisationen entfalten -mustergültige Regsamkeiten auf dem Gebiete der Propaganda für ihre Chronisten, für ihre gedruckten Worte,' für ihre Blätter. Abseits kämpft die j ü d i s ch e C h r o n i t einen schweren Kampf. Was ist das mit der Begeisterung für unsere jüdische Presse, für unsere Chronisten und Zeitkünder? Das Gefühl des Zusätzlichen, des Nebensächlichen beherrscht eine Leserschaft, — wenn der Begriff der jüdi- 2. März 1933 scheu Zeitung uustaucht. Ganz zu schweigen von der Fülle jüdischer Wohnungen, in die hinein überhaupt kein jüdisches Blatt gelangt. Nun, — in der Nacht der Schlaflosigkeit sei darüber und über wesentliche' Dinge, die damit in engster Berührung stehen, nachgedacht. Lassen wir das Vergessene, Uebersehene emporsteigen! Und die Erwägungen, daß die. jüdische Presse, diese so oft achtlos beiseite geschobene, unendlich mehr ist als unterhaltsame Lektüre Und eine Methode für Zeitvertreib und Launenhaftigkeit. Sie ist ja die Chronik unseres Weges, eines schweren Weges, Quelle für unsere jüdischen Energien und für unseren Lebenswillen. Ich glaube, daß wir einen M e i st e r der jüdischen Chronik nur dadurch ehren können, indem der Kampf gegen allen Jndifferentismus und für die Erhaltung jüdischer Publikationsorgane viel intensiver als bisher'ausgenommen wird. Krise, Elend, Sorge — ihnen müssen die elastischen Kräfte zu unerhörtem Wollen entwachsen. Und das Purimfest — diese Unerschöpflichkeit jüdischer Bejahung — soll in diesem Jahr uns erinnern, wie sehr wir uns mit den aufbauenden und konzentrierenden Tendenzen einer jüdischen Zeitung zu verknüpfen haben. Dieses „Erinnern" brauchen wir ... I. Raphael. Itakan Kemirower, ein Lhaffidim-Rebbe. Ein Jubiläumsartikel von S. Ernst. Autorisierte Uebersetzung von äaly Geis. In der Welt des Chassidismus stellen die Braslawer Chassidim eine besondere Erscheinung dar. Während bei den anderen Chassidim stets der gegenwärtige „Rebbe" den Mittelpunkt bedeutet, scharen sich die Braslawer Chassidim wie eine große Familie um das Andenken Rabbi Nachman Braslawers und seines Lebensbegleiters Rabbi Natan Nemirower. Sie wandern zu den Gräbern dieser beiden und sprechen ihre Sorgen vor ihnen aus, als würden sie noch leben. Ueber Rabbi Nachman gibt es bereits eine große Literatur. Dagegen ist Rabbi Natan, der vor 150 Jahren geboren wurde, sehr zu Unrecht nicht behandelt worden. Rabbi Natan wurde in dem Städtchen Nemirow der Ukraine geboren. Sein Vater, ein frommer Thoragelehrter, erzog ihn nach seinen Idealen. Ein ungewöhnlicher religiöser Sinn war dem Knaben von früh an eigen. Er pflegte in Begeisterung mehrere Stunden beim Gebet zu verweilen. Auch erzählt man, daß er die Gabe der Voraussicht Hatto und Träume, die sich erfüllten, träumte. Bald wurde er in der ganzen Gegend als. ein „Jluj", ein Phänomen an Thorawissens, bekannt. Schon damals — noch als Knabe — zeigte sich bei ihm Liebe zur Natur. Er entlief von Zeit zu Zeit dem Lernen, um sich in Feld und Wald seinen Gedanken hinzugeben. Der Vater wollte ihn von diesem merkwürdiesn Tun zurückhalten. Es half aber nicht, — und als er ihn einmal fragte, was er denn in Feld und Wald suche, bekam er die Antwort: „G'tt, den Schöpfer von Feld und Wald." Schon zur Barmizwoh des Jungen schaute sich der Vater nach einer Schwiegertochter um. Als er einmal in Scharegrad geschäftlich zu tun hatte, wurde er mit dem dortigen Rabbiner bekannt. Dieser beklagte sich, für seine schöne und fromme Tochter keinen geeigneten jungen Mann zu finden. Natans Vater sah das Mädchen, sie gefiel ihm, — und bald fand ihre Hochzeit mit seinem Sohne statt. Natan blieb zwei Jahre in Kost bei dem Schwiegervater. Doch dieser war ein Gegner des Chassidismus. Die Seele Natans sehnte sich aber nach der Seele eines Rebben. Besonders vor Jomtow wurde dieses Verlangen stark. Kurz vor Roschhaschanah konnte Natan sein Sehnen nicht mehr zurückdrängen. Er fuhr also zu einem Nebben. Der erzürnte Schwiegervater wies ihn aber bei seiner Rückkunft mit der jungen Frau aus dem Hause. Das Paar fand Unterkunft bei Natans Vater. Noch immer hatte Natan nicht den Rebben gefunden, der ihn verstand. So fuhr er im Jahre 1803 auf Roschhaschanah zu dem jungen Braslawer Rebben. .Die Wahl war die richtige, denn zwei gleichgestimmte Seelen fanden sich und trennten sich, nicht von einander bis zum Tode des Rebben. Die beiden waren auch eine glückliche Ergänzung. Der Rebbe nahm von seinem Schüler das, was ihm fehlte, nämlich das Talent des Schriftstellers, und der Schüler fand bei seinem Lehrer einen unerschöpflichen Quell scharfer Gedanken. Natan begann ein Tagebuch, in .dem er alle bemerkenswerten Aeußerungen Nachmans in literarischem, dem Stoff angemessenen Stil aufzeichnete. Sein intimes Verhältnis in Verbindung mit der Herzinnigkeit des ukrainischen Chassiduth spricht noch mehr aus den beiden, erst nach Nachmans Tod/Veröffentlichten Büchern „Die Tage meines Lebens" und „Blätter zur Heilung". Der Einfluß Natans auf die Chassidim war sehr groß, freilich nicht durch sein geschriebenes, sondern durch sein gesprochenes Wort, das voll Blut und Kraft war. Viele einfache Leute fuhren zu ihm und zu dem Rebben, der mehr, von den Armen uls von den Reichen hielt. Der Rebbe pflegte zu sagen:. „Wenn der Arme in zerrissenen Schuhen und geflickten Kleidern in Andacht vor G'tt steht, ist er mir wertvoller als der Reiche," und ferner: „Wenn einer sonst nichts' weiß, als mit Begeisterung Tehillim zu sagen, kann er doch ein großer Zaddik fein." (Schluß folgt.)

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