Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-03-02 · Heft 9 (2.3.1933) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 9 (2.3.1933)
Date
1933-03-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450765--79431-2537182
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 9 Seite 9 : 2. März 1933 _ , _ gebilligt Helfen könne man nicht mit Wohltätigkeit, sondern nur mit konstruktiver Arbeitz wie sie fm Prinzip und auch' de facto der Ort mit Hilfe der betreffenden Negierungen erstrebt. In England habe sich ein Komitee von Parlamentariern zur Unterstützung des Ort gebildet. : Was die Sowjetunion betrifft, so schätzt Lord Marley <die Zahl, der dort deklassierten Juden auf 400.000,- es würden Jahrzehnte darauf gehen, bis diese gewaltige Masse in den Prozeß der Arbeit in Industrie und Landwirtschaft hineingezogen werden könne. Dort arbeitet der -Ort auch zum Segen der nichtjüdischen Bevölkerung. Es treffe zu, daß in Polen die Ort-Arbeit auf Schwierigkeiten stoße, aber hierin eröffne sich dem genannten Parlamentarierkomitee die Aufgabe, aufklärend zu wirken und jede Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. American Joint Distribution Committee zu äußersten Anstrengungen bereit. New York, 20. Febr. Das Direktorium des American Joint Distribution Committee, das vor kurzem in Newyork eine Tagung abhielt, teilte mit, daß es in der letzten Zeit Hunderte Gesuche jüdischer Hilfsorganisationen und jüdischer Gemeindesührer in Ost- und Mitteleuropa um Hilfe für notleidende Institutionen erhalten hat, und daß die europäische Vertretung des A. I. D. C. die Berechtigung dieser Gesuche an Ort und Stelle geprüft und sie befürwortet hat. Das Direktorium des American Joint Distribution Committee HE sich demgemäß entschlossen, im Verlauf des Jahres 1933 seine fundamentale Hilsstätigkeit in Europa in verstärktem Maße fortzuführen und an die amerikanisch-jüdische Oeffentlichkeit dringend zu appellieren, die notwendigen Gelder zur Linderung der akuten jüdischen Not zur Verfügung zu stellen. Im Verlauf der Beratung wurde aus Grund der vorliegenden Berichte festgestellt, daß mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Polens auf Hilfe von außen angewiesen ist, und daß die Lage in den Polen benachbarten Ländern nicht besser sei. Ueberall macht die Verarmung der jüdischen Massen akute Fortschritte, die Institutionen für öffentliche jüdische. Hilfe drohen zusammenzubrechen, wenn nicht Hilfe von außen kommt. Rechtliche Beschränkungen, Rassenhaß, Benachteiligung und wirtschaftlicher Boykott haben es zu Wege gebracht, daß die Lage der Juden in den genannten Ländern sich weit schlimmer gestaltet hat als die der allgemeinen Bevölkerung, die ja ebenfalls von der Wirtschaftskrise schwer betroffen ist. „Hart ist das Oos der deutschen Juden". Newyork, 20. Febr. Die mit der Associated Preß verbundenen Zeitungen veröffentlichen einen Artikel von Professor Georg Bernhard, früherem Chefredakteur der „Vossischen Zeitung" und jetzigem Leitartikler des „8 Uhr-Abendblattes", über die Lage der Juden in Deutschland. Der Artikel, der in der amerikanischen Oeffentlichkeit große Beachtung gefunden hat,,enthält einen der Situation der deutschen,Juden gewidmeten Abschnitt. Georg Bernhard führt den Erfolg der heftigen Angriffe gegen die Juden in der Hauptsache darauf zurück, daß große Teile des deutschen Volkes Juden gar nicht kennen. Die Juden bilden in Deutschland kaum 1 Proz. der Bevölkerung und leben meist in großen Städten. Der bäuerliche Bewohner des Dorfes oder der kleinen Landstadt, der nie Gelegenheit hat, Juden in ihrem wahren Tun zu beobachten, ist geneigt, alles, was ihm über die deutschen Juden erzählt wird, 'zu glauben. Hart ist das Los der deutschen Juden, fährt Georg Bernhard fort; wirtschaftlicher Boykott, Ausschaltung jüdischer Arbeiter und Angestellter, Boykott jüdischen Handwerks, systematische Verdrängung jüdischer Aerzte und Anwälte, besonders in den kleinen Provinzstädten, machen dieses Los des jüdischen Bürgers in Deutschland immer unerträglicher. Deutsche jüdischer Abstammung und Religion, deren Ahnen viele Jahrhundertelang in Deutschland lebten, die stets unter Deutschlands Fahne gekämpft und von denen während des letzten Krieges 12 000 ihr Leben auf den Schlachtfeldern gelassen haben, werden in Tausenden von Versammlungen in Millionen Zeitungsexemplaren als Menschen niederer Klasse, die nicht berechtigt seien, im öffentlichen Leben Deutschlands zu wirken, diffamiert, Von einer höheren Warte gesehen, schließt Georg Bernhard, wandelt sich das Leid der deutschen Juden, verursacht durch antisemitische Unterdrückung, zu ihrem Der Israelit Segen: eine immer größere Zahl deutscher Juden wird ihrer Tradition und ihrer großen Vegangenheit wieder eingedenk. Besonders die jüdische Jugend befreit sich immer, mehr von den Minderwertigkeitskomplexen früherer Generationen. Aktion in den vereinigten Staaten für Sicherung der Sabbathaltung auf gesetzlichem Ivege. N e w y o r k, 9. Febr. Die Jewish Sabbat Alliance (Verband der Schomre' Schabüos-Vereinigungen) in den Vereinigten Staaten hat durch : ihren Präsidenten, Dr. Bernhard D r a ch m a n, sämtlichen Mitgliedern des Parlaments des Staates Newyork ein Memorandum zugehen lassen, in dem zur Sicherung der Sabbathaltung und der wirtschaftlichen Existenz der religiösen Judenheit eine'gesetzliche Maßnahme gefordert wird, der gemäß denjenigen Juden, die an den Sabbattagen keine Arbeit leisten, erlaubt sein soll, an den Sonntagen ihrer gewohnten Beschäftigung nachzugehen. Der Bischof der Methodistischen Episkopal-Kirche von Newyork, Francis I. Mc. Eonnell, unterstützt diese Aktion. In dem Memorandum heißt es u. a.: Durch den jetzt bestehenden Zustand werden einem sehr wertvollen Element der Bürgerschaft dieses Staates schwerer Schaden und großes Unrecht zugefügt. Besonders drückend ist die Auswirkung des bestehenden Sonntagsruhegesetzes auf die jüdischen Ladeninhaber, bie ihre Läden nach der Vorschrift ihrer Religion von Freitag nachmittag bis Sonnabend geschlossen halten und die nun nach dem Staatsgesetz gezwungen sind, auch den ganzen Sonntag über zu ruhen. Nur der in die Verhältnisse der jüdischen Gemeinde Eingeweihte kann sich ein Bild machen von, der großen wirtschaftlichen Härte und der Schwere des Gewissenskampfes, denen der sabbathaltende jüdische Ladenbesitzer unterworfen ist, indem er zwischen der Pflicht, dem Glauben seiner Väter treu zu bleiben, und der, seiner Familie den Unterhalt zu sichern, zu wählen hat. Diese Angelegenheit bildete von je einen wunden Punkt im religiösen und sozialen Leben der jüdischen Bevölkerung des Staates, in der heutigen Zeit der Depression ist sie in ein akutes Stadium getreten. Das Strafgesetz des Staates Newyork sieht Straffreiheit für sabbathaltende Arbeiter, die am Sonntag Schwerarbeit leisten, vor; aber der sabbathaltende Ladenbesitzer genießt keinerlei Erleichterung nach dieser Richtung. Es kann aber nicht die Absicht einer amerikanischen Gesetzgebung sein, einen Teil seiner Staatsbürger schweren seelischen Leiden und Gewissenskonflikten auszusetzen. Das Sonntagsruhegesetz muh so abgeändert werden, daß jedem Sabbathaltenden erlaubt sein darf, an Sonntagen seiner Beschäftigung. nachzugehen. Vermischtes. , Berlin, 26. Februar. Das Patenschaftskomitee für das Schulwert der Adaß Zisroel wird sein Wohltütig keitsfest nicht am 12. sondern am 19. März im B"üdervereinshaus veranstalten. Hervorragende Kräfte wie Alfred.Braun, Mar Ehrlich, Gerhard Husch, Märim Sakaschanskk. Willi Schacffers, Gäd Shelafo und die Künstlerinnen Lily Drniiont, Dora Gerfon, Ruth Klinger, Grete - Sedlitz sind bisher für die Veranstaltung gewonnen. Für die Tombola hat die Lloyd Tricftino eine Palästinareise gestiftet, Hotel Bermann, Meran, einen unentgeltlichen Aufenthalt in St. Moritz desgleichen das Jüdische Kinderheim und Internat, Celerina bei St. Moritz, Hotel Keyl, Scheveningen, Hotel Strauß, Bad Brückenau, F. Grünbaums Kuranstalt, Bad Eräfenberg, Schwarzwakd-Hotel, Herrenalb, Villa Lvmy, Kudowa, Pension Adler, Bad Nonndorf, Hotel Blum, Oberhof Mar de Haas, Bad Pyrmont, Hotel und Pension Strauß, Schmitten im Taunus. Ferner find viele Hunderte von Lurus- und Gebrauchsgegenständen zu gewinnen. Auch Nichtteilnehmern wird Gelegenheit geboten, Tombolalose zu erwerben. Das Patenschaftsbüro Siegmundshof 11 (E. 9., 6913) erteilt gerne nähere Auskünfte. Berlin, 27. Februar. Die Pressestelle des Eentralvereins teilt mit: Bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag am 5. März 1933 können zum ersten Male auch Ausländsdeutsche unter Einhaltung folgender Bestimmungen ihr Wahlrecht ansüben. 1. Wahlberechtigt ist jeder Reichsdeutsche, der seinen Wohnsitz im Auslande hat, am Wahltage entweder vorübergehend im Reichsgebiet sich aufhalt oder eigens zur Ausübung des Wahlrechts einen Ort innerhalb des deutschen Reichsgebietes aussucht. 2. Zur Legitimation genügt ein einfacher Personalausweis, sowie ein Stimmschein, der entweder von den zuständigen divlomatischen oder konsularischen Vertretungen des Deutschen Reiches im Anstande oder von des Gemeindebehörde des inländischen Aufenthaltsortes kosten- und gebührenfrei ansgestellt wird. 3. Für Abstünmnngslokale in Greuzbahuhöfen oder innerdeutschen Ilebergangsbahnhöfcn gelten die am Wahltage in den durchgehenden Fernzügen durch besondere Merkblätter mitgeteilten Abstimmungszciteu. Wir halten es für außerordentlich wichtig, daß auch die. aüslanbsdeutschen Juden gerade mit Rücksicht aus die besondere Bedeutung der bevorstehenden Neichstagswahlen von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen. Berlin, 21. Februar. Der S. S.-Standartcnarzt Dr. Arno Her in a n n erklärte einer Patientin, die den jüdischen Arzt Dr. Ostrowski aufsuchen wollte, er als deutscher Arzt könne ihr nur einen deutschen Facharzt empfehlen. Das ärztliche Ehrengericht erblickte in diesem Vorgehen Dr. Hermanns ein Kränkung der jüdischen Aerzte und Dr. Ostrowskis und sprach cine Verurteilung aus. Die Kränkung, heißt es ,in dem Urteil, bestehe darin, daß Dr. Hermann zum Ausdruck gebracht hat daß er jüdische Aerzte nicht als deutsche Aerzte ansehe,- das Wort „deutsch" bezeichnet die Staatsangehörigkeit und sei daher auf jeden Staatsbürger anzuwenden. Berlin, 16, Februar. Zn der . jüdischen Siedlung Eroß-Gaglow sind sämt.iche Siedlerstellen verkauft und bezogen bis auf eine Eärtuerstelle. Diese Gärtnerstelle hat ebenso wie die schon bezogenen 14 Gcrrtnerstellen 10 Morgen Ackerland. Der Boden setzt sich zusammen aus 8 Morgen mittlerem Weizenboden und aus 2 Morgen leichterem Boden, welcher mit Spargel bepflanzt ist. 'Auf die restlichen 8 Morgen sind im Jahre 1932 angelegt worden: 1 Morgen Erdbeeren Und 1 Morgen Himbeeren, sowie ca. 60 Obstbäume und Beerensträucher. Der ganze Acker ist. zur Frühjahrbestcllung vorbereitet. Auf der Stelle befindet sich ein bezugsfertiges Haus mit 4 nusgcbauten Wohuräumen und einer Kammer, die mit geringen Aufwendungen noch ausgebant werden kann. Unter einem Dach mit den Wohnräumen befinden sich Wirtschafträuine für Klein- und Federvieh. Ebenfalls' vorhanden ist ein geräumiger Boden und ein trockener Keller. .Wasser und Licht sind im Hause. Die 6 Morgen sind mit einer Beregnungs-- anlage ausgestattet. Die Wasserversorgung geschieht aus einer eigenen zentralen Pumpstelle. Die Anschaffungen und der Absatz finden durch, eine Genossenschaft der Siedler statt. Die Stelle kostet Mk. 17 500. Die Anzahlung beträgt nnndestens Mk. 2000.—, so daß ein Rcstlaufgeld von Mk. 15 500.— verbleibt. Dieses Rcstlaufgeld wird auf den Namen der Deutschen Siedlungsbank hypotekarisch eingetragen und mit 5 Prozent p. a. verzinst und amortisiert. Nach einer vor kurzem erlassenen Verordnung ist dieser Zinssatz für Zahlungen bis zum 1. Juli 1934 aut 3 Prozent heruntergesetzt worden. Es kann mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden, daß es auch für die Zukunft bei diesem''Prozentsatz bleiben wird. Das erste Jahr ist zinsfrei. Der Geldbedarf betrügt selbstverständlich mehr als Mk. 2000.— und zwar "für den Umzug, die Einrichtungen des Hauses und Ausgaben für die Frühjahrsbestellung und Pflege bis zur nächsten Ernte sind schätzungsweise noch Mk. 1 500.— nötig. 'Anfragen sind zu richten au die Jüdische Landarbeit G. in. b. H., Berlin W 15, Kurfürstendamm 200. Marburg, 27. Februar. Die Schülerin Hilde B a'chr a ch aus GRarvurg an oec Layn, Bayuyostrrage 36 wurde für ihre beionders gnrcn Leistungen mir dein grogen Sportpreis ausgezeichner. Konstanz, 16. Febr. Am vergangenen Mittwoch veranstaltete die hiesige Jugendgruppe einen recht anregenden Ausspracheabend, zu dem sie Herrn Rabbiner Mayer von der „Freien Vereinigung" in Frankfurt geladen hatte. Mit großer Erwartung sah man dem Besuch des Gastredners entgegen, denn in unserem Jugendverein interessiert man sich außerordentlich für alle religiösen Fragen und ist für jede Anregung dankbar. Diese Anregung ließ auch nicht lange auf sich warten: Herr Rabbiner Mayer, den freundschaftliche Beziehungen mit unserer Bodenseestadt verbinden, führte den Mitgliedern des Iugendvereins die Entwicklung der jüdischen Gemeinschastssorm von den ältesten Zeiten bis aus die Gegenwart vor. Er suchte in klarer und prägnanter Wiese zu zeigen, wie durch Mißverständnisse und fälschliche Adaptionen eine „Verwässerung der jüdischen Religion" eingetreten sei, durch die das ganze Gebäude der Tradition bedroht wurde. Verschiedene Umstünde haben in den letzten Jahren in der jüdischen Jugend aller Richtungen ein religiöses Sehnen erwachen lassen, das die gesetzestreue Richtung des Judentums pflegen und der Lehre wieder zurückführen lnuß. Die Souveränität der Tauroh im privaten und im öffentlichen Leben ist der Ausgangspunkt jeglicher religiös jüdischen Einstellung. Das von Rabbiner Hirsch verkündigte Ideal der Tauroh im derech erez könnte auch gerade heute der modernen jüdsichen Jugend die höchste Verwirklichung des Menschlichen bieten. Es ist falsch, wenn man glaubt, daß ein gesetzestreuer Mensch kein moderner Mensch sein könnte. Der Vortrag wollte nicht überreden. Dafür überzeugte er die jungen Anwesenden von der historischen Gesetzmäßigkeit der Orthodoxie. Die lange Aussprache, die dann sogar nach Schluß des offiziellen Teils noch privatim fortgesetzt werden mußte, bewies, daß der Redner wirklich wie selten ein anderer den richtigen Ton getroffen hatte. Herr Lehrer Bravmann, der mit gewohntem Geschick den Abend leitete, konnte am Schlüsse Herrn Rabbiner Mayer für die vielfgltigen Anregungen herzlich danken. Wir können kaum besser ausdrücken, wie sehr wir uns mit dem Vortrag gefreut haben, als wenn wir dem verehrten jungen Redner ein baldiges Wiedersehen in unserem Kreise wünschen. An die anderen Jugendbünde in Baden ergeht die Bitte, sich mit Herrn Rabbiner Mayer (Frankfurt a. M.,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.