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Der Israelit · 1933-03-02 · Heft 9 (2.3.1933) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 9 (2.3.1933)
Date
1933-03-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Nr. 9 D.e r Israelit 2. März 1933 Jerusalemer Brief. Das Ende der Slrauß'fchen Küchen. — Ein aba:lrhnles Sabbatgefeh in Tel-Awiw. — Waad leumi-INoropol. — Das Urteil in Sachen „Tenuwa". Arbeiierherrschafk. Je rufalem, 9. Febr. Große Bestürzung in den ernsten Kreisen der Jerusalemer Bevölkerung hat die jetzt veröffentlichte Nachricht hervorgerufen, daß die Nathan S t r a u ß ' s ch e n Küchen, die viele Jahre lang an Tausenden von dem Hunger preisgegebenen Menschen lebensrettende Arbeit vollbracht haben, am 30. April geschloffen werden sollen. Man steht dieser mit den menschenfreundlichen Absichten des Gründers dieser Küchen im schroffsten Gegensatz stehenden Entschließung seiner Erben verständnislos gegenüber. Es sind nicht etwa finanzielle Ursachen, die hier mitspielen, sondern eine Art „sozialer" Manie. Man redet sich ein, den Hunger dadurch aus der Welt schaffen zu können, daß man auch die untersten Schichten der Bevölkerung einem lohnenden Erwerb zuführt. Leider wird die Folge nur sein, daß die Mittel des Strauß'- fchen Legats für einen Apparat von Beamten und für mehr oder minder fragwürdige Experimente verausgabt werden, während Hunger und Verderben in die dunklen Stuben der Notleidenden ihren Einzug hält. Bis die in Aussicht genommenen Experimente ihre Wrikung zeitigen k ö n ne n, ist mindestens eine Generation längst Hungers gestorben. Das von der.Stadtverwaltung in Tel-Awiw.beschlossene Sab b)4 t g e s e tz, das den Automobilverkehr innerhalb der Stadt am Sabbat beschränken und den Ladenschluß verfügen wollte, hat erstaunlicherweise nicht die Genehmigung der Regierung gefunden. Auch hier steht man vor einem Rätsel. Man mag die religiöse Bedeutung einer solchen ganz äußerlichen Sabbatruhe noch so gering einschätzen, sie bedeutet jedenfalls eine Demonstration für den religiösen Gedanken und man fragt sich vergeblich, was die Mandatarmacht, die doch nicht gerade ein Interesse daran hat, die Erziehung der Jugend zum Bolschewismus zu begünstigen, dagegen einzuwenden haben kann, wenn in einer jüdischen Stadt die religiöse Tradition mindestens ebenso respektiert wird, wie in London der Sonntag. Hier müssen irgendwelche Einflüsse am Werke gewesen sein, die die Regierung irre geführt haben und sie zu einer ihrer eigenen Politik schnurstracks widersprechenden Maß - nähme veranlaßt haben. Der Waad l e u m i versucht durch ein Rundschreiben an die jüdischen Gemeinden in Erez Jisroel den Sendboten der Jerusalemer Wohltätigkeits- und Erziehungsanstalten, die für diese Geld sammeln wollen, Schwierigkeiten in den Weg zu legen, um auf diese Weise seinen eigenen Einfluß auf diese Institutionen zu stärken. Man wird hierdurch zu dem Glauben geführt, daß auch hinter der Entschließung der Verwaltung der Strauß'- schen Küchen der Waad leumi steht. Es war schon früher gerüchtweise davon die Rede, daß von dem Genüsse der Küchen alle diejenigen ausgeschlossen werden sollten, die aus religiösen Gründen aus der „Kneses Israel" ausgeschieden sind. Allerdings darf man eine solche geradezu unglaubliche Verwaltungsmaßnahme nicht als bestehend anerkennen, solange sie nicht ausdrücklich bewiesen ist. Die orthodoxen jungen Leute, die eine Boykottbewegung gegen die Milchprodukte usw. liefernde Akbeiterunternehmer „Tenuwa" organisierten, weil es angesichts des vollkommen irreligiösen Charakters seiner Leiter kein Vertrauen in Kaschrusangelegenheiten verdient, sind mit gelinden Strafen davon gekommen. Das Gericht hat einen von ihnen zu einer Geldstrafe von Lst. 5.— verurteilt, die anderen lediglich zur Tragung der Kosten. Das Urteil besagt, daß die Angeklagten von der Anklage der Gewaltanwendung usw. freizusprechen seien, daß sie nicht die Absicht hatten, jemanden zu kränken, sondern daß ihr Vorgehen lediglich dem Wunsche entsprang, die Gesamtheit vor dem Genüsse von Speisen zu schützen, die nach ihrer Ansicht religiös nicht zulässig sind, daß überhaupt ihr ganzes Vorgehen aus religiösen Gefühlen entsprang. Charakteristisch, für die Tenuwa, die den Anspruch erhebt, ein orthodox-jüdisches Publikum mit Lebensmitteln zu beliefern, ist die Tatsache, daß einer ihrer Vertreter, als er in der Verhandlung schwören sollte, erklärte, er könne nicht schwören, weil er Gottesleugner fei! Die Gerichtsverhandlung selbst hat jedenfalls dazu beigetragen, der Sache, die die orthodoxen jungen Leute vertreten, einen gewaltigen Dienst zu leisten. .Die Gewaltherrschaft her Arbeiterorganisation, in deren Händen sich ja auch die Tenuwa befindet, wird immer unerträglicher. Sie hat im Falle der Fabrik Fr um in wiederum einen gewaltigen Triumph errungen und dieses Fabrikunternehmen, das sich mit Hilfe der Revisionisten gegen die Arbeiterherrschaft auflehnte, gezwungen, sich zu unterwerfen, d. h. fortan lediglich Angehörige der Histadruth zu beschäftigen. Leider ist heute hier in Palästina die Herrschaft der Histadruth gleichbedeutend mit Herrschaft des Unglaubens und des offenen Kampfes gegen alles Jüdisch-religiöse. Die Wirkung ist um so katastrophaler, als hierdurch eine an sich ganz unnatürliche gemeinsame Front von Orthodoxie und Kapitalismus erzwungen wird. Die „Histadruth" hat heute mehr als 35 000 Mitglieder, umfaßt also mit Frauen und Kindern der verheirateten Arbeiter etwa 70 000 Personen.; Inbetriebnahme des Hafens, von Haifa im Herbst 1933. I e r u s a l e m , 14. Febr. Das Haifa-Hafen-Komitee hat dem High Commissioner empfohlen, die Eröffnung des Hafens zwischen 15. Oktober und 15. November vorzunehmen. Wie die ITA. erfährt,. wird demnächst in der „Palestine Gazette" eine offizielle Mitteilung der Regierung erscheinen, in der ein großer Teil des dem Meere abgewonnenen Bodens parzelliert in Pacht für 49 Jahre mit Optionsrecht für weitere 49 Jahre vergeben wird. Britische Staatsangehörige sollen bei der Pacht bevorzugt werden. Immerhin haben auch Juden in anderen Ländern Gelegenheit erhalten, Boden für Industrieanlagen zu pachten. Auf einem anderen Teil des Bodens werben Zollamt und Speicher erbaut. Erschwerung der Einwanderung von „Kapitalisten" in Palästina. Jerusalem, 20. Febr. Die Palästina-Negierung hat neuerdings für die Einwanderung von Personen mit privaten Mitteln (Kapitalisten) eine. Vorschrift erlassen, von der Juden aus elf Staaten betroffen werden. Gemäß dem Einwanderungsgesetz dürfen bekanntlich Personen, die sich über den Besitz eines Vermögens von mindestens 1000 Pfund in bar oder in Sachwerten ausweifen können, frei in Palästina sinwandern. Nunmehr aber schreibt die Palästina- Regierung vor, daß Einwanderer aus Ländern, in denen eine Einschränkung der Geldausfuhr besteht, von ihren Regierungen einen Ausweis vorzeigen müssen, wonach es ihnen gestattet sei, ihr Vermögen aus dem Auswanderungslande nach Palästina zu bringen. Sind die Einwanderer nicht im Besitze einer solchen Ermächtigung, so müssen sie vor der Landung bezw. Grenzübertritt die entsprechende Summe in bar vorzeigen. Diese Vorschrift der Palästina-Regierung erschwert besonders die Einwanderung von Juden aus Deutschland, der Tschechoslowakei, Griechenland und aus anderen Ländern, in denen Beschränkungen für Geldaussuhr bestehen. Die Palästina-Exekutive der Jewish Agency hat in dieser Angelegenheit beim High Commissioner, Sir Arthur Wauchope Vorgesprächen und Beschwerde gegen die neue Vorschrift eingelegt. (ITA.) Das Neueste aus Palästina. Jerusalem, 25. Febr. Eine Abordnung der Arabischen Exekutive wurde beim High Commissioner vorstellig und verlangte ein Verbot der jüdischen Einwanderung und des jüdischen Bodenkaufes. Die Aufnahme beim High Commissioner war sehr kühl und die Antwort sehr deutlich. Wohl sei die Regierung bestrebt, sagte er, das Problem des landlosen Arabers zu lösen, aber auf Kosten der Juden dürfe das nicht gehen. Daraufhin hat die arabische Exekutive beschlossen, in eine scharfe Aktion der passiven Resistenz gegen die Mandatarmacht einzütreten; ein Demonstrationsstreik, der geplant war, sei ungenügend. Wie auf Grund zuverlässiger Informationen berichtet wird, soll im April ös. Js. mit dem Bau der Eisenbahnlinie Haifa-Bagdad begonnen werden. Damit wird Haifa zum Zentrum des nahen und mittler^! Osten .Das Unternehmen geht von der englischen Regierung aus, und man hofft, daß bei der Anstellung der Arbeiter Juden prozentual berücksichtigt werden. Die palästinensischen Zeitungen befassen sich an leitender Stelle eingehend .' mit. dem' Konflikt „Nationalfonds Philip Joseph". Besagter Herr Joseph, ein kanadischer jüdischer Anwalt, tätigte im Aufträge einer.?amerikanisch-englisch-jüdischen Gruppe eine große Bodesttransaktion, über die der N.-F. schon seit mehreren Jahren Verhandlungen führte. Der Abschluß wurde nun durch Herrn I. verhindert. In einer öffentlichen Kundgebung warnt der N.-F. alle, von der Gruppe des Philip Joseph Boden anzuküufen. Ginge es -hier mit rechten jüdischen Dingen zu, so wäre es eine günstige Gelegenheit für ein Besdin, die -Thoraforderung des ijn Viai i’on in buchstäblichem Sinne und in großem Ausmaße zur Geltung zu bringen. Indien. Der Pogrom in Aden vor dem indischen Parlament ,, Bombay, 16. Febr. Die in Delhi tagende Gesetzgebende Versammlung Indiens befaßte sich in ihrer Sitzung am 15. Februar mit den im Mai 1932 in der Stadt Aden oorgekommenen Pogrom-Ausschreitüngen gegen die dortige jüdische Bevölkerung. Auf eine Anfrage des. Parlamentsmitgliedes Jaya Prafad Singh schilderte der Regierungsvertreter' Metcalfe den Verlauf der Unruhen, die hauptsächlich von fluktuierenden Elemente ausgingen, die aus dem Landesinnern nach Aden kamen und nach vollbrachtem Werke in das. Landesinnere wieder verschwanden. Es ist darum schwer, die Frage des Schadenersatzes zu klären, weil doch in der Regel dasjenige Gebiet für den Schaden aufzukommen hat, aus dem die Unruhestifter stammen. Wo man die Schuldigen fassen konnte, waren sie mittellos, so daß ein Schadenersatz von ihnen nicht herauszuholen war. Die indische Regierung aber hat in Fällen von Unruhe unter der Zivilbevölkerung keine Verpflichtung zum Schadenersatz. Auf den Zwischenruf eines Deputierten, daß die Unruhen auf die Balfour-Deklaration zurückzuführen feien, erwiderte Metcalfe, diese - Annahme sei grundlos, und fügte hinzu, feit Mai v. I. seien weitere Unruhen in Aden nicht mehr vörgekommen- Verhaftungen, Gefängnisstrafen, Ausweisungen haben eine abschreckende Wirkung ausgeübt. Der maßgebende und ordnungsliebende Teil der Araber von Aden, der die Mai-Unruhen verurteilt, ist darauf bedacht, weitere Unruhen nicht zuzulassen. Die Juden gehen jetzt ihren Beschäftigungen ungestört nach, die jüdischen Schulen sind geöffnet und jüdische Frauen sind Belästigungen nicht ehr ausgesetzt. Metcalfe teilte weiter mit, daß während der Mai-Unruhen 23 jüdische Läden erbrochen und -ausgeplündert wurden und 23 Juden durch Mißhandlungen Verletzungen erlitten. Eine Gruppe Moslems drang'in eine kleine Synagoge ein und richtete dort Schaden an. Daß Juden nicht schwer oder gar tödlich verletzt wurden, und daß nicht auch in jüdische Wohnungen eingebrochen wurde, ist der polizeilichen Wachsamkeit zu danken. Die Polizei verhaftete 120 Araber und wies etwa 60 bis 70 aus. Metcalfe gab zu, daß einige an die ITA. gerichtete Telegramme über die Unruhen durch die Chief-Commifsioner von Aden auf Grund der indischen Zensurvorschriften zurückgehalten wurden, weil in diesen Telegrammen die Lage als sehr bedrohlich geschildert wurde. Amerika. Die Ort-Arbeit in Amerika. N e w y o r k, 10. Febr. Der Verband zur Förderung von Handwerk, Industrie und Landwirtschaft unter den Juden, „IM", entfaltet eine große Tätigkeit zur Aufbringung der Fonds für feine Pläne. Lord D. Marley, Vizevorsitzender des Englischen Oberhauses, ist eigens hierher gekommen, um sich an der Aktion zu beteiligen. Die große amerikanische Presse bringt eingehende Berichte über die Aeußerungen Lord Marleys zur Lage der Juden in Osteuropa und zu den Aufbauplänen des Ort. Lord Marley hat vor kurzem auch die Sowjetunion besucht und dort insbesondere de Lage der Juden studiert. Der Lord ist der Meinung, daß sich die wirtschaftliche Position der Millionen von der Not erfaßten Juden in Europa auch mit Beendigung der Krisis nicht' bessern würde. In den Ländern Osteuropas fei die Judenfrage in Wahrheit eine' Frage der Länder selbst, denn Millionen gescheiterter Existenzen bieten stets eine Gefahr für die weiteste Um-

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