Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1933)
- Date
- 1933-03-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit 2. März 1933 , unhaltbar werden diese Thesen, wenn Blumenfeld zuletzt gar betont» es gehe nicht um die Lösung der Iudenfragc, sondern noch mehr der Judentumsfrage. Mit solchen „Auseinandersetzungen" werden wir die Feinde nicht überzeugen und die eigenen-Brüder nicht gewinnen. Mir freuen uns mit jedem Stein, der zum Aufbau von Palästina neu aufgeschichtet wird. Allein zur Lösung der gesamten Iudenfrage ist dort leider nicht genügend Raum, und zur Hoffnung auf baldige Lösung der I u d e n t u m s f r a g e kann manches, was sich innerhalb dieses kleinen Raumes abspielt, kaum ermutigen. Man soll den schweren Abwehrkampf gegen die Raturkatastrophe des Judenhasses in Deutschland nicht mit der Losung „Palästina" noch mehr erschweren. Ercz Isroel ist uns ein religiöser B e l b st w e r t und kein Mittel - im Abwehrkampf, und die Flucht aus dein Golus kann nur auf dem Wege der inneren Einkehr zu G'tt und s epn er Thora glücken. And Sie Geistigen? . . . Lei dem Trommelwirbel, der heute in Deutschland alle Köpfe betäubt und betört, fragt man sich immer und immer wieder: Wo sind die berufenen Hüter des Geistes, warum schweigen sie? Liner meldet sich zu Wort: Graf Hermann Keyserling, der Schöpfer der Darmstädter „Schule der Weisheit", der das Aufkommen des Rationalfozmlismus mit Hoffnungen begleitete, veröffentlicht im Leitartikel der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" Gedanken über die kulturelle Aufgabe beim Reuaufbau des Reiches. In dieser Zeit des Raffen- und Blutsfanatismus, schreibt Keyserling, sei es schwer, fürsachlich haltbare vergleiche Gehör zu finden. Trotzdem glaubt er, aus einige parallelen aus dem alten Ronr Hinweisen zu dürfen. Die Deutschen seien ein Kastenvolk. Deswegen bedeuten hier politische par? teien von Hause ausnicht Instrumente der Staatskunst, sondern Gefäße für dogmatischen Glauben. Hier gehe die kastenmäßige Differenzierung so weit, daß der Deutsche typrscheeweise entwoöer Geist oder Charakter hat. Deswegen habe in Deutschland je nach denr Zeitgeist der Charaktervolle oder der Charakterlose, der Geistige oder der Ungeistige vorgeherrscht. Rur eine Tradition supremer Staatskunst, die immer nur Wenige verkörpern können, vermöchte Deutschland politisch groß zu erhalten,- und einzig die Tatsache, daß immer wieder große und staatsmännisch höchst begabte Linzeine erstanden seien, hat Deutschland immer wieder davor bewahrt, endgültig seinem Schicksal zu verfallen — nahe genug war es oft daran. Keyserling wendet sich gegen den Geist, der die deutsche Schule und die d e u t s ch e U n i x> c r- Kleines Feuilleton. Nach einiges über Oberrabbiner Amram Hirsch Von Dawid Band in Budapesk-Altofen. Als eifriger Leser Ihres hochgeschätzten Blattes sei es mir erlaubt, zu den Ausführungen in der Nr. 6 vom 9. ds. über Oberraübiner Mordochai Amram Hirsch s..A. einige Einzelheiten aus dem Leben dieses unsterblichen Geistes mitzuteilen. Oberrabbiner Hirsch kam nach Beendigung seiner Studien an der Preßburger Jeschiwoh nach Tiszabeo, als Schwiegersohn eines angesehenen Kaufmanns und Landwirtes, der im Orte ansässig war, ohne die Absicht, Rabbinerfunktionen auszuüben. Die kleine, aber besonders fromme orthodoxe Gemeinde dieser typischen ungarischen Theißgegend hatte einige hervorragende wohlhabende Thoragelehrte. Als der junge und in seiner Erscheinung ehrwürdige Raw herkam, gewannen ihn alle derart lieb, daß die Gemeinde ihn einstimmig zum Rabbiner erwählte und den Schwiegervater bat, von einer geschäftlichen Tätigkeit seines Schwiegersohnes abzusehen. Diese hohe Ehre quittierte der wohlhabende Schwieger-, vater damit, daß der Schwiegersohn diese Stelle ehrenamtlich. ohne jede Bezahlung, annehmen mußte. Höchst interessant und eine g'ttliche Fügung war aber der Weg seiner Erwählung zum Oberrabbiner von Altofen. Einige Jahre nach seiner Verheiratung weilte er mit seiner Frau zum Kurgebrauche im Kaiserbad bei s i t ä t beherrscht, und empfiehlt nur e i n Mittel: der Jugend etwas wohl Deutsches, doch dem Gentleman-Ideal Äequivalentes von' der frühesten Kindheit an als bindende Rorm vorzuhalten. Leider aber stehe einer solchen Rorm der heutige Zeitgeist schroff entgegen. Entsprechend der Gentleman-Rorm gelte für ehrlos, wer feinen Gegner samt seinen Anschauungen nicht achtet, so scharf er ihn praktisch bekämpfe; für unanständig, wer kein „guter Spieler" zu sein, d. h. bei seiner Ridderläge stch am Sieg des andern nicht mitzufreuen weiß. Hier handele es sich um unmittelbare Gefühlskultur, um eine Bildung des inneren, instinktiven und emotionalen Menschen, die es ihm unmöglich mache, anders als edel zu handeln. — Das sind Glockentöne aus einer versunkenen Welt. Wer hört auf sie in einer Zeit, da der Gleichschritt der Formationen durch die Straßen dröhnt und sich die Kampfrufe durch den Aether bis in die letzte Dorf-Hütte tragen, vielleicht werden die Geistigen vor deni Forum der Geschichte nicht ganz schuldlos dastehen, wenn ihnen vorgehalten wird, daß sie in einer Zeit, da es galt, zu warnen und zu erziehen, sich mit ihrer Kunst und Weisheit in die Akademien der Künste und Schulen der Weisheiten zurückzogen — aus denen sie heute austreten (Heinrich Mann) und die sie heute schließen müssen, weil -sie vom Ungeist der Zeit, den anszuhalten sie keinen versuch machten, glatt überrannt wurden. Das Selbstbegreifen des modernen Menschen. Jüdische Epigonen der Bibelkritik. Von Oberrabbiner Dr. Larlebach in Altona. (Fortsetzung.) Mosche soll also, „im Selbstbegreifen des antiken Menschen" den Betrug der (Offenbarung begonnen, haben, die Späteren, die zwar den Worten nach das kanaanäifche Heidentum bekämpft, inWirklichkeit aber alle feine Kulte und G'ttesvorstellungcn in Israels Religion -einverleibt haben, setzten diesen Betrug ver-/ gröber fort, „im Selbstbegreifen des antiken Menschen." Wir haben zwar nie gehört, daß -hochstehende antike Menschen in ihrem Selbstbegreifen ihre Mitteilung als (Offenbarung ausgelegt haben, weder von Heraklit, noch von Sokrates, noch von Plato, noch von Aristoteles. Aber wahrscheinlich hat auch Auerbach bestimmte Methoden der Textkritik, wodurch für Heraklit aus dem Selbstbegreifen des antiken Menschen eine (Offenbarung am (Olympus nachgewicfen wird. Hier ist die grundlegende Differenz zwischen uns und Auerbach. Für ihn ist die Wüstenwanderung zum Sinai oder die Eroberung des Landes durch Io- Altofen. Es war Brauch in Altofen, baß am Sabbat nachmittag die Baalebattim zur Erholüüg einige Stunden unter den herrlichen Platanen dieses alten Badeortes die Kehilaangelegenheiten besprachen und mit den fremden Juden Bekanntschaften machten und sie zuin Besuch der herrlichen, großen Synagoge einluden. Oberrabbiner Hirsch trug sich in die Kurliste nicht als Rabbiner, sondern als Privatier ein und als zwei Gabboim der Gemeinde mit ihm bekannt wurden, hatten sie keine Ahnung, daß sie mit einem hervorragenden Thoragelehrten und Raw bekannt wurden. Es entspann sich ein Thoragespräch und im Laufe des Pilpul entpuppte sich die wahre Persönlichkeit. Die Gabboim kehrten zum Maariwgebet heim und berichteten dem ehrwürdigen Dajan und großen Gelehrten, dem Roschbesdin Pinchos Elijahu Oesterreicher s. Ä. und. dem Leiter des Beshamidrafch, Reb Zettel Budaspitz s. A., über die Bekanntschaft mit dem jungen Raw. Am nächsten Tage ersuchte der Gemeindevorstand die beiden obengenannten Rabbis, den jungen Gelehrten im Kaiserbade zu besuchen. Nach einem mehrere Stunden andauernden Besuche kehrten die beiden Gelehrten hochbeglückt nach Hause und meldeten, daß ein würdiger Nachfolger Amram Münz' s. A.. gefunden worden sei. Der Vorstand lud den jungen Raw zu einem Schiur für den nächsten Sabbat ein und der verwaiste Stuhl des Oberrabbiners — was bisher niemals geschah — wurde einstimmig durch Oberrabbiner M. Ä. Hirsch s. A. besetzt. Ein würdiges Streiflicht über seine segensreiche Tätigkeit und seine allgemeine Hochschätzung und Beliebtheit, nicht nur bei den Juden, sondern auch bei den Katholiken bezeugt der in der ganzen Welt einzig dastehende Minhag am Simchasthora-Feste in Altofen, welcher bis zuni Ausbruche des Weltkrieges 1914 bestand und dessen Ausgangspunkt der große Mann war. Zur Zeit seiner Wirk- Nr. sua geographisch-militärische Unmöglichkeit, aber daß Mosche und Iosua und unsere Tradenten Betrüger sind, keine Unmöglichkeit. Für uns, die wir in Mosche und allen Propheten bis zu Csra und in allen Sammlern der Bibel die personifizierte Wahrhaftigkeit erblicken, für uns ist es eine psychologische Unmöglichkeit, daß sie auch nur ein einziges Wort geschrieben haben, das nicht objektive und subjektive Wahrheit ist. Wie, fragt der Talmud, hat Iirmijah und Daniel ein G'ttes-Attribut unerwähnt gelassen, das Mosche schon ausgesprochen hatte? Darauf sagt Rabbi Clasar: weil sie wußten, daß G ' t t e i n G ' t t d e r w a h r h e i f i ft, deshalb haben sie nicht v o n I h m g e I o g e n , (Ioma 69b). Cher könnte der Himmel auf die Erde stürzen, als daß einer der Großen, von Mosche bis Esra und von Esra bisRawAfchi, Sagen für Wahrheit, Vermutungen für Tatsachen, sein S e l b st begreif eil für (Offenbarung ausgegeben hätte. Daß strategische Unmöglichkeiten dennoch Vorkommen, das zeigt uns oft die Erfahrung der Geschichte. Auch Hannibal kam, zum Erstaunen Roms, mit Elefanten über die Alpen. Daß das ganze Schicksalserleben Israels nicht profan-geschichtlicher Art ist, ist immer wieder durch tausende Fakten erhärtet worden. Aber daß die Lehrer der Wahrhaftigkeit Lügner sind, daß unsere Großen zur Ehre G'ttes Aettug und Fälschung geübt, das ist unvorstellbar, absolute Unmöglichkeit. Wir setzen diese psychologische Unmöglichkeit gegen Auerbachs strategische. Wir erblicken vielmehr in seiner Gesamtauffassung von der Entstehung des Judentums nur das Gelbstbegreifen des modernen Menschen. Es ist der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln. Weil sic wahllos alle Thesen und Lehren nichtjüdischer Forscher in sich aufnehmen, ja sogar zu denen in die Schule gehen, die Israel gehaßt und verleumdet und verachtet haben, darum erscheint es ihnen nicht ungeheuerlich, zu behaupten, daß Israels Lehre ein Synkretismus aus kauaanäischeu und G'tt weiß was für Elementen ist. Weil sie selbst immer nur die letzte Modetorheit sich zum Glaubensbekenntn>is machen und jede neue Hypothese ihnen der Weisheit letzter Schluß zu sein dünkt, darum muß auch bk ganze jüdische Lehre ihnen in tausenderlei Wandlungen begriffen, der jüdische G'ttesbegriff ein Spielball im wechselnden Erleben «des Volkes sein, bald ein vulkang'tt und bald ein Wüsteng'tt und bald ein Puder bewahrt Ihren Liebling vor Wundsein samkeit in Altofen war der damalige Pfarrer Ferdinand Cselka ein großer Verehrer des jungen gelehrten Oberrabbiners. Sein bescheidenes und dennoch äußerst würdiges Benehmen, seine tiefe Gelehrsamkei und allgemeines Wissen, machten den Pfarrer zum offenen Verehrer des Raws. Der Pfarrer würde später Bischof von Gran und hielt die Freundschaft bis zu seinem Tode mit dem Oberrabbiner. Der Pfarrer war Protektor des Altofner Veteranenvereins, deren Mitglieder Veteranen des italienischen und preußischen Feldzuges waren, und hatte das kaiserliche Privileg, Gewehre und Seitenwaffe, sowie eigene Fahne zu führen. Der Bischof überraschte seinen Freund beim Simchasthora-Feste. indem eine Ehrenkompanie und Kapelle der Veteranen in Uniform im Tempelhofe Paradeaufstellung nahm und beim Aufrufen der Thorabräutigame je eine Ehrensalve abgaben und die Hymne intonierten. Während der unzähligen Mischeberachs spielte die Ehrenmusik und nach Schluß des G'ttesdienstes geleitete die Ehrenkompanie mit Musik die Bräutigame der Thora in ihre Wohnungen, unter Begleitung der ganzen Gemeinde. Dieser Brauch bestand — wie bereits erwähnt — bis zum Jahre. 1914. Da seit Kriegsende die Veteranen ihre Vorrechte zum Waffentragen ve^oren, hat damit dieser einzig dastehende Minhag, der der Freundschaft und Verehrung eines katholischen Bischofs zu Oberrabbiner Hirsch entsprang, sein Ende gefunden. S. Echachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. SB.: S. Schach» norvttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann. In Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Berlag ocs Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. - Druck Sermon Druckerei, Frankfurt a. M.