Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1933)
- Date
- 1933-02-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 8 Der Israelit 23. Februar 1933 Aufschriften bedeckt war. Cr hatte einen weiten verzwickten weg zurückgelegt, bis er den Adressaten erreichen konnte. Der Brief und dessen Inhalt fielen sehr von der anderen Korrespondenz ab, aber sie führten Rabbi Wäsche in eine Welt zurück, die sechs Jahre hinter ihm lag und mit hundert Wauern zugebaut schien. 31 un sah er sich wieder in Mainz am Rheine, zu Füßen des Lehrers seines Lehrers, im gastlichen Hause des Herrn Hahn, in Gesellschaft und im Ge- , dankenaustausche mir bcm adeligen französischen Leutnant Ha u l i d e 211 o n f o r t. Der junge Offizier beklagte sich im Briefe, daß er auf verschiedene Schreiben an ihn keine Antwort erhielt. Diese Briefe hatten aber, mit Ausnahme von einem, den jungen Rabbi nicht erreicht, und die Antwort auf diesen einen hatte offenbar wiederum den Weg zu Monfort verfehlt. Kein Wunder, denn de Monfort schrieb, er habe in der Zwischenzeit manche Etappe zurückgelcgt, aber auf alle Fälle Karriere gemacht, und er sei ganz auf dem Wege zum Ziele, das er sich gesteckt hatte. Cr wolle nicht von sich und feinen Anliegen sprechen. Bestimmte Vorgänge veranlassen ihn, an den Mann, der für eine kurze Spanne sein Wegegenosse war, zu schreiben. Cs wehten scharfe Winde in Frankreich, cs läge was in der Luft, das wohl bald zum Explodieren kommen könnte. Vorfrühling der Freiheit, nannten es die einen, Llutgeruch grausiger Schreckenstagc, witterten die andern. Cs sei vieles faul und morsch im alten Staats- und Gesellschaftsgebäude, der Koloß auf tönernen Füßen senkte sich zusehends, er könnte bei scinein Ciusturze auch viel Schönes und Großes, wertvolles Menschcngut, unter seinen Trümmern begraben. Rm das Beste und Heiligste aus dem Zusammenbruche zu retten, hätten sich Klubs, Logen und Ligen gebildet, in denen die geistige Kraft der Kation vor den hohlen Gesellschaftsformen der Höflinge wie vor den rohen Händen der Umstürzler geschützt und in bessere geruhigere Zeit hmübergerettet werden sollte. In diesen Kreisen und Zirkeln würde zur Zeit auch sehr lebhaft die I u d e n f ra g e ventiliert. Seine, Monsorts, Stellung zu den Juden wäre gegeben, in jener Mainzer Zeit, da er durch ihn, Mosche, in Berührung mit Juden und Judentum kam, begründet worden. Cs galt heute in Frankreich, gegen Vorurteile zu kämpfen, er wäre nicht schlecht gerüstet, bedürfte aber noch der weiteren Rüstung. Cs folgte eine große Reihe von Fragen über jüdische Dinge, auf die er im Interesse wirksamer Apologetik Auskunft von dem früheren Freund erwartete. „Zwar," so schrieb Monfort, „gibt es in Frankreich selbst nur wenige Juden, und diese treten im öffentlichen Leben nicht so hervor, daß sic an sich in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung gezogen werden könrlten. Sic stehen unter einem Sonderrecht und genießen einige Privilegien, die ihnen zu genügen scheinen, da sie höhere Ansprüche nicht geltend machen. Aber nun werden sie, die Juden, ohne ihr Zutun, in die Diskussion geschoben, wie ein Spielball von den einen den anderen zugeschleudert, zu einem Clemente der Beunruhigung gemacht, wo sic von sich aus gar nicht daran denken, aus ihrem ruhigen stillen Winkel hervorzukommen.-" „Ist das schon Iudenschicksal?", fragte der Franzose, „daß überall, wo sich Umwälzungen vorbereiten, das Wort Jude als Parole in die Massen geworfen wird? Hier geht cs um folgendes: Die Freiheitsbewegung, die die Trikolore „Gleichheit, Freiheit, Büderlichkeit" auf den Trümmern des alten Reiches aufzupflanzcn gedenkt, möchte es nicht dulden, daß Teile der Bevölkerung, egal welcher Rasse und Konfession, noch im Dunkel eines Ausnahmegesetzes vegetieren. Sic werden mit Gewalt, sozusagen an den Haaren, ins Licht gezogen, obwohl ihre Rabbinen der Sache.mißtrauen und in den Tempeln dagegen predigen. Auf der anderen Seite wird es in der alten stürzenden Welt den Juden sehr übel vermerkt, daß man ihre Sache mit in die Wagschale gegen das alte Regiment legt (was könnten sie dagegen machen?) und daß ihrer wenige aus der jüngeren Generation, angelockt von jenen ersten Freiheitsstrahlen, mit auf der Liste der Freiheitsstürmer stehen. So oder so, man spricht in den öffentlichen vresammlungen, in den Konvents, wie in den geheimen Kabinettsberatungen von den Juden. Cs kommt hinzu, daß im Elsaß, wo eine große Iudenmasse unter kleinen Verhältnissen lobt und leidet und, wie hier behauptet wird, aus der großen Kot der dortigen Bevölkerung Kutzen zu ziehen wisse, eine Abneigung gegen die Juden herrscht, die dauernd zu Exzessen führt. Der Pöbel findet Bestätigung seiner Auffassung, ja Unterstützung in Maßnahmen der Behörden gegen die Juden. Die Zentralinstanzen in Paris werden mit der Iudenfragc und Iudenlage im Elsaß anhaltend beschäftigt, und so wird die Diskussion über Juden und Judentum auch hier dauernd genährt und in Fluß gehalten." Pauli de Monfort stand an der Spitze der Kämpfer für Recht und Freiheit auf cvolutionistisch friedliche m Wege. Cr kämpfte gegen Vorurteile, wo erste fand, insbesondere gegen Glaubenshaß. Dabei, so schrieb er, käme ihm das, was er in Mainz von seinem jungen jüdischen Freunde gelernt hatte, sehr zugute. Cr müßte aber noch inehr, vielmehr wissen und erfahren, und daher -dieser etwas umfangreiche Fragebogen.-— Unverzüglich setzte sich Mosche an die Arbeit, um die Fragen zu beantworten. .Cs waren auch Dinge heikler Ratur dabei, wie die Klärung des Begriffes „Akkum", gegen den der Talmud eine lieblose Sonderbehandlung zulassc, die Definition der „jüdischen Auserwähltheit", woraus die Absonderung der Juden von den anderen Völkern resultiere, Begründung der jüdischen Reinheits- und Spersegesctze, die viele als „halsstörrigen Aberglauben" zur Aufrichtung der Trennungsbarrieren zwischen Juden und Welt empfinden. Alle Märchen über Talmud und Schulchan Aruch waren im Briefe noch einmal aufgeführt; nicht weil Monfort sie ernst nahm, sondern um eine feste Grundlage für die Abwehr zu gewinnen, wollte er diese Dinge noch einmal berühren. Blatt für Blatt hatte nun Rabbi Mosche volkgcschricben. Cr schrieb das reine Deutsch der Heimat, das auch der Franzose in seinen Briefen an Mosche benutzte. Cr definierte, zitierte und j setzte auseinander, klar und ehrlich, schlicht und gründlich. Cr mußte sich bei jedem Satze vor Augen halten, daß es bet dieser Art von Responsen weniger auf Luch und Buchstaben ankani als mehr auf den Gedanken, auf den Sach- und Wahrheitsgehalt im Leben und der diesem zugrunde liegenden Lcbrc. Cr überlas noch einmal die Blätter. Die deutsche Schrift war ihm aus der Uebung gekommen und machte ihm einige Mühe, aber die Buchstaben standen hübsch sauber, etwas spitz, aber deutlich, wie gestochen, in Reih und Glied. Cr war zufrieden, die Sonderheit dieser „Tschuwah" machte ihm Freude, er durfte hoffen, mit ihr einer guten Sache seiner Geineinschaft gedient zu haben. (Fortsetzung folgt.) (Wissenschaftliche Ankersuchungen über Schechlta- Fragen.) Die Reichszentrale für Schächtangelegenheiten veröffentlicht einen Sonderabdruck aus der Berliner tierärztlichen Wochenschrift, worin Dr. M. Junack. Laboratoriumsleiter bei der Berliner städtischen Fleischbeschau, über die Elektronarkose bei Menschen und Haustieren berichtet. Die vyn Junaz zusammengestellten Untersuchungen ergeben, daß die elektrische Betäubung zwar bei Schweinen angewendet werden kann, daß sie aber für die Betäubung von Rindern und Großvieh völlig versagt hat. Sie ist nicht nur zu umständlich und nimmt auch zu lange Zeit in Anspruch, sondern sie entbehrt auch der Sicherheit und hat vor allen Dingen Gewebsschädigungen im Gefolge, die ihre Anwendung vom religionsgesstzlichen Standpunkt aus ausschließt. Ferner ist im Verlag der Reichszentrale die wertvolle Arbeit von Dr. med. Vsla Galandauer in E-ifenstadt, die zuerst im „Israelit" erschien. „Zur Physiologie des Schächtschnitts" als Sonderbroschüre erschienen. ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURT A. M. OSTENDSTR. 83 TELEFON 45866 Gebet. Von Raymond Retter.*) Daß ich doch die ganze Welt Und vor allem meine Brüder, Die des Schicksals wilder Flugschlag Blutend vor sich hergetrieben, — Daß ich doch die ganze Welt, Die Geschöpfe seiner Hände, Fest an meinen Busen drückte Und sie herzte und sie küßte, Wie's Ephraim und Manaschen . Der geliebte Ahnherr Jacob Mit gebrochnem Auge tat. Ach. der Liebe heilge Flügel Tragen leuchtend mich zu G'tt, Und ich trinke, wie verschmachtend. Seiner Worte Heilgen Zauber. Flammen sind's. die mich verzehren, — Sonnen, die mein Sein durchglühn. — Hungernd an des Weges Rande Bet' ich bettelnd auf zu Ihm. Daß Er meiner sich erbarme, Seins Lehre. Seine Worte. Seinen Geist und Seine Glut Meinem Geist zu offenbaren. Steh' ich doch mit ernsten Sinnen Und mit ausgespannter Seele, Dein Gebot an Arm und Haupt, Wie mit Szepter und mit Krone Täglich vor Dir. festgeschmückt. Und es lechzen meine Ohren Nach den. Klängen Deiner Sprache, Ganz als seien's goldne - Tropfen Labend süßen Balsams mir. O. so hör' auch meine Stimme. Wenn Schema kaulenu jammern Meine Brüder, Deine Söhne, Laß mich nicht vergebens flehend Händeringend vor Dir betteln. Der Du jedes Herz erhörst. Das in Wahrheit und in Treue Deine Vaterhände sucht. Oesfne den erlofchnen Augen Deiner Lehre heilges Licht Und vergib das witde Glühen, Meines Sturmes Ungeduld. Wissen ist Macht. Zur JahrzeitvonAhron Ma r c u s am "ns n-n, sei aus Die Werke Dieses genialen und wahrhaft jüdischen Gelehrten und Schriftstellers hingswiesen. In einer Zeit der Anfeindung ohnegleichen können wir Juden nur von innen her) vom gründlichen Wissen um die eigenen Dinge, den Kampf «gegen Verleumdung und Verunglimpfung unseres Schrifttums führen. Jüdisches Wissen ist innerer Reichtum, der immun macht. Auf der anderen Seite galt noch niemals das Wort der Weisen 2'vnv v» sni so wie heute. Marcus war einer von denen, die uns das beste Rüstezeug in der Unrast der Zeit und der eigenen Seele lieferten. Seine hinterlassenen Werke sind ein Arsenal, aus dem wir uns Wehr und Waffe holen. Wir nennen u. a. „ Barsilai " . „Der Chassidismus" und ->sivn r>vp, jenen unvergleichlichen Kommentar zu Thora, der aus Wort und Buchstaben jüdische Wissenschaft und jüdische Weltanschauung gestaltet. Die ersten Blätter, von rr>Ew-a bis rrnP5?*> zeigen, wie weit und wie kühn der Verfasser ausgeholt hat. und wie er uns damit verpflichtet, aus dem Nachlaß die Drucklegung des grandiosen Werkes fortzusetzen. Alle Werke von Ahron Marcus sind preiswert zu beziehen in der Verlagsbuchhandlung von S. Marcus, Harburg-Wilhelmsburg, Bremerstraße 58. *) Der Verfasser dieses Gedichtes, ein Mann von hoher Bildung und geistiger Regsamkeit, wurde im Kriege seines Augenlichtes beraubt. Von Haus aus indifferent UND fern vom Thorageiste erzogen, fand er in reifen Jahren aus eigenem Suchen und Sehnen heraus zum positiven Judentum und arbeitet stetig an sich, sein jüdisches Wissen zu vermehren und zu vertiefen, sich alle Brunnen zu erschließen, aus denen ihm das Glück des jüdischen Erlebnisses ersprießen kann. Herr Netter ist in letzterer Zeit eine bekannte Erscheinung bei den G'ttesdiensten und Vorträgen in der Synagoge und in den Vereinen der Israelitischen Religionsgesellschast. Seine Gedichte sind Aufschrei einer ringenden Seele, die ip Nacht und Dunkel von einem inneren Lichte umflossen ist.