Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1933)
- Date
- 1933-02-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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nr.s IM Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettydämmerung. (Fortsetzung.) Mosche erregte sich nichts er sezierte, sonderte und ordnetewie er es gelernt hattewie es seine Art war. Cr baute von unten nach obenvom Fundament bis zum Gipfelschichtete und sichtete, trug ab und baute ausunbeirrt von Rede und Zwischenrede, unbekümmert um Schwierigkeiten am Wege.. Cr stand da, sein, Gedankenbauragend und unerschütterlich. Zuletzt umarmte ihn der Hausherrder große litauische Charis., vor der ganzen Gesellschaft und küßte ihn ab. „Heil dem Schülerder solchen Lehrer hatheil dem Lehrer, der solchen Schüler besitzt! ..." Zu Rabbi Rosson sagte Rabbi Hirsch Ianow kurz vor dem Schlafengehenso ganz von ungefähr: „Ginge Euer Lachur nicht mit euch zurück nach Deutschland, ich müßte fest daran glauben, das; e r der werdende Mann, der aussteigende Stern am südöstlichen Himmel seivon dem der große Frankfurter Rabbiner in seinem Briefe spricht. Aber-" scherzte er, gut gelaunt nach dem herrlich verlaufenen Abend, „was ist da zu machen? Der Adler fliegt zurück nt' , sein Rest, der ausgehende Stern wandert nach dem Westen. Armes Mähren, armes Ungarnland!" Rabbi Rosson schwieg (Er hatte eine schlaflose Rächt, der heimfahrende Rabbi Rosson. (5c rang und rechnete init sich selbst. Die Briefe, der, neue Kampf ließen ihm keine Ruhe mehr. Die Bemerkungen im Schreiben von Rabbi plnchos, das letzte Gutnachtwort des Rabbi Hirsch, die Szenen bei der Abfahrt in Boskowicz um seinen Mosche, die Anträge an diesen, all dieses ballte sich zu verworrenen Bildern. Im Halbschlnmmer gegen Morgen sah er wieder jene Fackel in der finsteren Rächt, die er durch Ungeschicklichkeit beinahe zum Verlöschen gebracht hätte ... Morgens stand der Wagen vor dem Rabbinerhause zu Fürth, der Rabbi Rosson der Heimat Zufuhren sollte. Rlenschen kamen, um den Rabbi noch einmal zu sehen, zu grüßen. Wagen und Menschen warteten lange. Im kleinen Zimmer, wo er Fein Rachtlager hatte, war das Gespräch zwischenFhm und seinem Schüler noch nicht beendet, eine bedeutsame, entscheidende Aussprache am Scheidewege. „Siehe Mosche." redete er auf ihn ein. „Auf dem ganezn Wege flehte ich G'tt um ein Zeichen an, ob es richtiger sei, daß du in deine Vaterstadt zurückkehrst,, oder in jenem öden Lande bleibst, wo du, ja du allein, wirken kannst, wo dir alle Herzen im Sturm zufliegen. Warum hätte mich sonst G'tt in dieses unwirtliche Land geschickt, warum hätte, er dann dich mit Gewalt mir nachgesandt? Ich wollte an dem höheren Zwecke verzweifeln, ich flehte um ein Zeichen. In Fürth stießen wir auf dieses Zeichen. Die Briefe, der Kampf, die Hoffnung von Rabbi pinchos . . . Alles deutet auf dich und deutet nach Südosten ..." „Ich könnte mit euch," bat Mosche, „erst in die Heimat gehen, Vater und Mutter sehen, und dann später, wenn es sein muß, nach Mähren oder Ungarn zurückkehren." Rabbi Rosson schaute zum Fenster hinaus. „Rein," entschied er, und es klang jetzt schon mehr wie ein Befehl. „Daheim halten dich tausend Bindungen fest. Dort verstellt dir Satan, wie einst Isak auf dem Wege zum Morijah, in jeglicher Gestalt den Weg zu deiner Bestimmung. Hier ist es noch Zeit. Der Weg nach Eger ist nahe, und von dort führt eine gerade Straße zu dem Lande, das deiner bedarf . . ." „wohin soll ich?" „Zwei Wege öffnen sich dir, die beide zum gleichen Ziele führen. Du hast zu wählen, als Rabbiner einer Gemeinde oder als wohlhabender Privatmann deine Wirksamkeit zu beginnen." „Mein Herz steht nicht nach den Bürden eines Rabbineramtes,' bei meiner großen Jugend, auch später nicht," sagte Mosche. „Dann'bleibt der andere Weg, das Endziel ist das gleiche.-" Run konnte die Abreise erfolgen. Rabbi Rosson fuhr allein der Mainebene zu. Mosche, still und bescheiden, begleitet nur von Rabbi Hirsch, dem Rabbiner, nahni gegen Abend mit dem Postwagen den Weg zurück, auf, dem er hergekommen war. Man zählte den dritten Kislew 5546 (1785). Das Datum merkte sich Mosche, der Frankfurter Sofersohn. Das Datum haben auch wir uns zu merken, denn mit ihm beginnt der Weg des „Chat am Sofer!."' . XV. Rabbi Mosches erstes L e h r h a u s. Die Hochzeit mußte jenseits der ungarischen Grenze gefeiert werden, weil man im Mährischen die Heiratslizenz für einen „Deutschen" nicht erhalten konnte. Auch..mit dem Wohnrecht in p r o s n i tz hatte es füp einen' Ausländer seine Schwierigkeit. Aber Rabbi H i r s ch Ierwitz , nun Schwager und 'Annehmer des Frankfurter, hatte einen langen starken Arm, der weit über die bestehenden Verordnungen hinausreichte. Sein Wort galt bei den Ortsbehörden oft mehr als das des Lezirkshauptmanns, denn auch dieser, und die noch höher Gestellten in Rikolsburg, ja auch in Wien, wußten die Verdienste des Herrn Ierwitz, des Kronlicferantcn, für Stadt und Land wohl zu schätzen. (5r war der größte Steuerzahler der Stadt. Meilenweit erstreckten sich die Wälder seiner Pachtungen, die den Arbeiterfamilien der ganzen Umgegend neben Holz auch Brot gaben. Den „jüdischen poritz" nannten sie ihn. Staatslieserungen im Monopol brachten ihn mit Behörden zusammen und sicherten ihm bessere Beziehungen, als sie ntancher höhere Beamte besaß, die er aber vielen seiner Brüder zugute kommen ließ. Hirsch Ierwitz, den nur die nahegelegencn Wälder in Prosnitz festhielten, während seine anderen Geschäfte sich weit hinaus über Rikolsburg und Prag bis Wien erstreckten, war wohl der einslußreichstc Jude in Mähren, ein Mann, bei dem sich, wie man damals gern sagte, „Thora und Gduloh", Geist und Glanz trafen. Kindersegen war Hirsch Ierwitz versagt worden, aber seine jüngste Schwester, das schöne, stille Matchen, hatte seit dem Tode der Eltern, die in kleinen Verhältnissen lebten, in' ihm »lehr als einen Bruder nur, einen liebsorgenden Vater. Daß er den „Frankfurter" als Gatten , für sie gewann, war, so sagte Rabbi Hirsch, von all den Geschäften, die er je im Leben gemacht, das allcrglücklichste. Obwohl er damals den eigentlichen Zukunftsreichtum dieser Verbindung noch gar nicht ahnen konnte. Hirsch Ierwitz hatte, wiewohl kinderlos, große Familie. „Die Armen waren seine Hausgenossen" und „sein Haus war versainmlungsort für die Weisen". Es war ganz selbstverständlich, daß jeder durch die Stadt kommende Gelehrte, Sendbote oder Wanderprediger bei Rabbi Hirsch abstieg. Freitag abend und Sabbat waren lange Tische gedeckt für alle, die fremd am.Platze waren. .Ganz neben ihm, an seiner Seite, niußten die ärmsten der Armen, oft Kranke und Krüppel, sitzen. Rabbi Hirsch, an Wochentagen stark beschäftigt, am Sabbat in der Zobelmütze ein Bild der Ruhe und des Seelenfriedens, voll Liebe, Lust und Freude, sprach mit ihnen, sang und'scherzte, daß sic ihre Armut vergaßen. „Wozu ist die zweite Seele, die Schabbos-Reschomo da?", pflegte Rabbi Hirsch zu sagen, „um Freude auszuströmen, so viel Freude, daß das Licht und die Luft des Paradieses in der Sabbatftube ordentlich gesehen und eingeatmet werden kann. Hat man aber je gehört, daß im Ganeden, im Paradiese, die Menschen unterschiedlich nach Geldbeutel oder Kleidung, Rang und Stand oder nach ihrer körperlichen Schönheit plaziert und behandelt werden?" Als einmal seine Frau — sie war damals noch jung und unerfahren — einige besonders reduziert aussehende Wanderarme am Freitag abend am untersten Tischende plazierte, ergab sich etwas, wovon die ganze Stadt noch laitge Jahre später sprach. Rabbi Hirsch war strahlend mit lautem „Gut Schabbos" ins Haus - getreten, sah unruhig zum Tische hin, als er die Gäste ain untersten Ende erblickte, sang etwas nervös das Lied zur Begrüßung der Engel und die Vorgebete. Dann aber hellte sich sein Gesicht wieder auf, seine Stimme wurde voll. Hastig ergriff er die Sabbatbrote, den Wein, den Becher, alles, was dazu gehörte und trug das Ganze hinüber ans andere Tafelcnde. Run setzte er sich'selbst dort hin, bei seinen Gästen, um das Kiddnsch anzustimmen. Das Unten war Oben geworden! . /Run wußten Frau und Dienstboten für immer, wo sie für fremde Gäste zu decken hatten . . . Seitdem Mosche irr sein Haus eingetreten war, empfand Herr Hirsch Ierwitz die knappen der Tagesarbeit abgerungenen Mußestunden als köstliche G'ttesgaben, die Freitagabende und Sabbate in Anwesenheit des Schwagers aber als Höchstpunkte seelischer Erhebung. Mosche bewohnte mit seiner jungen stillen Frau allein für sich das hintere schöne Gartenhaus, und nur den Sabbat verbrachten sie gemeinsam mit der Familie Ierwitz. Dieses stille, gartenumgebene Häuschen war mit der sichergestellten Mitgift an Mosche übcrgegangen. Eine Verpflichtung Rabbi Hirschs enthob Mosche -für Lebzeiten aller materiellen Sorgen. Er konnte sich ganz dem Studium widmen. Malchen war jung und blaß und hatte eine stille Art,'zu ihrem Gatten hinaufzuschauen, als dankte sie mit jede»! Aufblicke G'tt für ein ihr ganz unverdient gewordenes Glück, vielleicht war die stille Trauer in einem inneren Leiden begründet, in der Vorahnung raschen Abbruchs dieses unermeßlichen Glückes . . . Wenn Mosche ihre kindlich ergebenen klugen auf sich gerichtet fühlte, füllte sich sein Herz mit Weh und mit Erbarmen init diesem stillen Weibe, obwohl kein sichtlicher Anlaß dazu gegeben war. Ihr Häuschen prangte in schlichter, satter Wohlhabenheit. Einfach und schön stand jedes Stück des Hausrates auf seinem richtigen Platze. Küche und Keller waren gut bestellt. Rabbi Hirsch Ierwitz ließ cs sich nicht nehmen, das Heiligtunt seines Hauses, wie er das Gartenhäuschen nannte, mit allem Rötigen zu versehen, mit Glanz und Schönheit treu zu umhegen. Als ein paar Jahre verstrichen und Mosche und Malchen allein blieben, glaubte er, den stillen Rümmer seines Weibes zu verstehen und suchte es zu trösten. „Wir haben große Familie, haben Kinder genug," sagte er und meinte die Schüler, die älteren und jüngeren Freunde, die den Weg in ihr Heim fanden/die das Gartenhaus in ein Lchrhaus verwandelten, in dem das ganze Geistesleben im Städtchen seinen Sammelnnd Mittelpunkt hatte. Malchen sah beglückt zu ihm auf, über ihre blassen Wangen zog ein rosiger Schein, aber sie blieb still. Mosche hatte es erreicht, ohne rabbinische Aemter und würden, Lehrer von Groß und Klein zu sein. Alle Achtung, die man seinem Schwager, dem jüdischen „poritz" zollte, vertiefte sich, wenn sie das Gartenhäuschen erreichte, zu geistiger Gefolgschaft. Cr war Führer, und die Menschen sahen zu ihm mehr hinauf, als er es in feiner Einfachheit und Einsamkeit für gerechtfertigt hielt. Schon kamen Anfragen ins stille, baumumgebene Hans, halachische und allgemeinjüdische, von privaten und Gemeinden. * Briefe gingen aus dem kleinen Gelehrtenheime nach allen Weltgegcnden hinaus. Prosnitz, noch vor kurzem als Schlupfwinkel später Sabbatai Zwi-Rachbctcr verrufen, erhielt Ruhm und Klang in der Welt. Unter den Briefen, die dieser Tage im Gartenhause eintrafcn, war einer, der eine französische Marke trug und über und über mit Stempeln und