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Der Israelit · 1933-02-23 · Heft 8 (23.2.1933) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 8 (23.2.1933)
Date
1933-02-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 8 Der Israelit 23. Februar 1933 Einsetzung einer Etat-Kommission entspinnt sich eine lebhafte Debatte. Schließlich wird die Kommission eingesetzt. Sie besteht aus den Liberalen Marcus, Solinger, Rosenberg, Frau Witkowski, Rockmacher und Sobotker, dem M'ittelparteiler Dr. Wiener, den Volksparteilern Landgerichtsrat Rau, Hornstein, Goldmann, Ministerialrat Goslar und dem Poale-Zionisten Dr. Cohn. Das Wohlfahrts- und Jugendfürsorgeamt hat seinen Etat 1932 um 320.000 Mk. überschritten. 200.000 Mk. für September bis Dezember waren noch nachbewilligt worden. Der Antrag des Gemeindevorstandes auf Bewilligung des Restbetrages wird debattelos einstimmig angenommen. Der Sitzung liegt ein Dringlichkeitsantrag der.Volkspartei auf Einrichtung mehrerer neuer Volksschulklassen bei der jüdischen Schule Rykestraße vor; der Antrag wird damit begründet, daß zahlreiche jüdische. Kinder als Staatenlose oder aus anderen Gründen bei der Aufnahme in allgemeine Schulen zu Ostern 1933 Schwierigkeiten haben werden. Es wird beschlossen, in wenigen ^cigen eine Sondersitzung zur Beratung dieses Antrags abzühastM. .... Am Schluß der öffentlichen Sitzung teilt Dr. Klee außerhalb der Tagesordnung mit: Am 12. Februar haben sich in Berlin Vertreter aller Landesverbände im Rahmen der „Reichsvertretung der deutschen Juden" versammelt und über alle die Juden betreffenden Fragen des allgemeinen öffentlichen und des jüdischen öffentlichen Lebens eingehend und im Bewußtsein des Ernstes der Stunde berat-n. Es wurde ein aus drei Preußen und zwei Süddeutschen bestehendes Aktionspräsidium eingesetzt, das je nach den Erfordernissen des Augenblicks zu intervenieren legitimiert sei. Polen. Der jüdische Parlamentsarier und das Budget. Warschau, 14. Febr. Vor der Abstmmung über das Negierungsbudget im polnischen Sejm verlas der Vorsitzende des Jüdischen Klubs. Abg. Dr. I. Thon, folgende Erklärung, die in den Worten gipfelte: „Heute, wo die jüdische Bevölkerung einer grenzenlosen Verzweiflung entgegengetrieben wird, muß ihre Vertretung im Sejm sich des stärksten parlamentarischen Mittels bedienen und gegen das Budget stimmen." Die regierungstreuen jüdischen Sejmdeputierten, die für das Budget stimmten, gaben Erklärungen ab, die ihre Forderungen deutlich hervortreten ließen. Jäger wies darauf hin, daß zwei Millionen Juden Polens von Handel und Handwerk leben, zwei Wirtschaftszweige, für die, nicht zuletzt infolge der Regierungsmaßnahmen, die letzte Stunde geschlagen hat. Zwei Millionen Juden hungern. Die Regierung muh helfen, und zwar sofort. Abg. M i n z b e r g (Aguda) führte aus: Die amtliche Statistik der Handelsunternehmungen ist ein Spiegel des gänzlichen Ruins des polnischen Judentums. Rund 100 000 Handelsunternehmungen wurden liquidiert. Eine ungeheure Zahl Werkstätten wurde geschlossen, Weit mehr als ein Drittel der gesamten jüdischen Bevölkerung Polens ist erwerbslos, die Deklassierung der jüdischen Massen setzt sich grauenerregend fort. Minzberg brandmarkte die antisemitische Politik der Nationaldemokratie und appellierte an die Regierung, den Steuerdruck von der jüdischen Bevölkerung zu nehmen, die zusammenbrechenden jüdischen Berufe durch staatliche Maßnahmen zu stützen und der jüdischen Jugend nicht nur die Hochschulen, sonüern auch die Handwerkschulen zu öffnen. Ein Aufruf des Ehofez Ehajim und Rabbi Ehajim Gfer Grodzenski. Wilna, 17. Febr. Der Chofez Ehajim veröffentlicht in Gemeinschaft mit Rabbi Ehajim Oser Grodzenski im hiesigen „Wort" einen Aufruf für die Notleidenden in Sowjetrußland, in dem es heißt: „Die furchtbare Lage unserer armen Brüder in Rußland, wo die ökonomische Grundlage für Hunderttausende von jüdischen Seelen erschüttert worden ist, soweit es sich um sogenannte Deklassierte handelt, ist allgemein bekannt. Während des ganzen -Jahres erlangen sie nur mit' Mühe ein Stückchen Brot, um ihren Hunger zu stillen. Jetzt, da die Pesachtage nahen,^ kommt die Sorge um Mazzos hinzu und wenn ihre Brüder in den änderen Ländern sich nicht darum kümmern, ihnen Mehl für Mazzos zu liefern, werden sie, G'tt behüte, ohne solche für Pesach bleiben. Schon seit Jahren hat man sich bemüht, daß Einzelne ihren Verwandten oder Bekannten in Sowjetrußland Pakete mit Mehl senden und in der Tat ist das in vielen Tausenden von Fällen mit Erfolg geschehen. Auch in diesem Jahre sollte jeder Einzelne dem ihm Nahestehenden solche Pakete mit Mehl für Pesach senden. Jedoch. ist dieses individuelle Senden von Paketen jetzt verboten. Dagegen kann man durch die zu diesem Zwecke besonders konzessionierten Firmen in Warschau, Lodz, Wilna, Riga usw. Pakete senden und auch den Zoll im voraus bezahlen. Diese Sendungen sind absolut sicher und kann man sich darauf verlassen, daß die Empfänger nichts mehr darauf zu zahlen haben. Auf diese Weise kann man sogar auch fertig gebackene Mazzos schicken. Ällein der Zoll auf solche gebackene Mazzos ist zu hoch, so daß ü.Kilo Mazzos sich aus nahezu Doll. 5.— stellen. Sehr bequem kann man Geld schicken durch Torgs i n, so daß die Empfänger in der Lage sind, sich — was in dieser Zeit der Not erlaubt ist — Mehl für die Mazzos auf dem Markte zu kaufen. Wenn uns auch die traurige wirtschaftliche Lage und die ökonomische Krisis in allen Ländern der Welt sehr wohl bekannt ist, so ist es doch unmöglich, uns von der uns obliegenden heiligen Pflicht zu befreien, unseren Brüdern in der Not beizustehen und denen zu helfen, die doppelt geschlagen sind, wirtschaftlich und geistig. Wie könnten wir unser Auge abwenden von unserem Fleisch und Blut, die in Not und Bedrängnis schmachten, wie sie nie vorher in der Geschichte vorhanden waren. Ihre Augen erheben sich um Hilfe zu ihren Brüdern, ihren Verwandten und Bekannten im Auslande und zu jedem, der imstande ist, ihnen zu helfen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ein mw Mazzos am kommenden Pesach zu genießen. An Euch, Ihr Rabbinen an allen Orten der Diaspora, an die Leiter der Gemeinden, an die Rabbinerverbände in allen Ländern wenden wir uns mit der Bitte, unter unseren Brüdern diesen Aufruf um Sendung von Paketen zu verbreiten, damit jeder gegenüber seinen Freunden seine Pflicht erfüllen kann. Außerdem aber bitten wir die Gemeindeführer, an die Arbeit zu gehen, sich Geldsammlungen zuzuwenden und auch aus den Gemeindekassen entsprechende Summen zu bewilligen, damit auch denen Pakete geschickt werden, die im Auslands keine Freunde oder Bekannte haben. Es ist auch die Pflicht der Rabbinen, jeder in feiner Stadt, Geld zu sammeln und sich persönlich in den Dienst der Sache zu stellen, um den Rab b inen in Rußlanü, die am meisten leiden, zuhilfe zu kommen. '' - Brüder ermannt Euch, ohne Verzug an die Arbeit zu gehen, damit die Empfänger die Pakete rechtzeitig vor dem heiligen Feste empfangen." (Als Sammelstelle spwohl zur Sendung von Paketen als von Geld ist in den Ländern Mitteleuropas das Hilfskomitee für Rußland, Wien II, Leopoldsgasse 26, deutsche Zahlstelle Berlin: Deutsche Bank und Discantogesellschaft für Konto „Comitee für Rußlandhilfe", Postscheckkonto Nr. 100, zu empfehlen. Soviel uns bekannt, ist außerdem zur Zeit ein Komitee in Berlin in Bildung begriffen, das insbesondere die Hilfe für R a b b b i n e n und Kultusbeamte organisieren will.)' Neue Nurse im Zentralinstitut Beth Jacob in Nrakau. Krakau, 12. Febr. Mit Beginn des neuen Schuljahres fanden 60 Kandidatinnen Aufnahme im hiesigen Seminar. Äußer den regulären Kursen wurde auch ein Lehrgang zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen eröffnet. Von den Kandi-- datinnen, die Ende Dezember nach bestandenem Examen die Anstalt verlassen haben, haben bis heute mehr als 40 bereits Stellen in der polnischen Provinz gefunden. Eine in der heutigen Zeit allgemeiner Stellenlosigkeit einzig dastehende Tatsache. In den letzten Monaten hat die Propaganda zur Schaffung von Veth Jacob-Schulen mit erhöhter Intensität eingesetzt. Neue Schulen wurden ins Leben gerufen in Uzhorod Sevlus, Huszt, Slatinske Doly und mit den Absolventinnen des Wiener Seminars besetzt. England. Zur Schechtta-Bill. London, 17. Febr. Rabbi Gerber hat eine neue Petition an das Parlament in Sachen der noch immer schwebenden Schechita-Bill gerichtet, worin er sich entschieden gegen das unter den jüdischen Parteien vereinbarte Kompromiß wendet, das bekanntlich eine gemeinsame oberste Kommission zur Prüfung der Schochtim vorsieht. Der Petent verlangt eine Gesetzesbestimmung, wonach jeder Schachet' anerkannt werden müsse, der von irgend » einem Rabbiner' einer Gemeinde autorisiert ist. Daß Rabbiner Gerbev als Einzelperson damit durchdringen wirch> ist nicht anzunehmen. Fasttag wegen der Leiden der religiösen Judenheit in der Sowjetunion. I e r u s a l e m, 16. Febr. Eine Rabbinerversammlung unter Vorsitz von Oberrabbiner K u k hielt eine zweitägige Beratung in Jerusalem ab und faßte einen Beschluß, den 27. März, „Jom Kippur Koton7, als F a stt a g der religiösen Jude n h e i t zu proklamieren zum Protest gegen die Torturen, denen die religiöse Judenheit Rußlands durch die Sowjetbehörden ausgesetzt ist. An dem genannten Tag. sollen in allen Synagogen G'ttesdienste abgehalten werden. Dem Völkerbund und prominenten Persönlichkeiten in der ganzen Welt soll eine Petition überreicht werden, in der an sie appelliert wird, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Sowjetregierung mit der Unterdrückung des religiösen Judentums aufhört und die der Auswanderung von Juden aus Rußland entgegenstehenden Hindernisse beseitigt. Auf der Konferenz gaben verschiedene Redner erschütternde Berichte über die Lage der Juden in Rußland, sie erzählten, daß in den russischen Städten Juden auß der Straße vor Hunger Umfallen und sterben. warum die Sitzung des transjordanischen Parlaments nicht stattfinden konnte. Jerusalem, 12. Febr.. Wie jetzt mitgeteilt wird, hat die Sitzung der Gesetzgebenden Versammlung Transjordaniens, in der die Frage des Bodenoerkaufs an Juden behandelt werden sollte, deswegen nicht stattfinden können. weil die Anhänger des Emirs Abdullah, die eine Erörterung dieser Angelegenheit im jetzigen Augenblick vermeiden wollten, durch Fernbleiben vpn der Sitzung, deren Beschlußunfähigkeit erwirkten. Das Organ der arabischen Exekutive Palästinas, „Fa-- lostin", fährt in seinen Angriffen aus den Emir Abdullah fort, und geht sogar soweit, zu behaupten,.daß sich bereits 2500 Juden auf drei Dampfern auf dem Wege nach Transjordanien wie Palästina befinden. Diese Mitteilung wird auch in' gemäßigten arabischen Kreisen als lächerlich bezeichnet. Es fällt hier auf, daß das Organ des Großmufti, „Al Jamea el Arabia", in die Diskussion betreffend Bodenverkauf an Juden in Transjordanien mit keinem. Worte eingreift. (ITA.) Personalien. Altona, 20. Febr. Im Freundeskreise von Oberrabbiner Dr. Josef E a rle b a ch, Altona, wurde am Sonntag. den 23. Schwat. dessen 5 0. Geburtstag begangen. Dr. Carlebach widmete'sich ursprünglich dem Lehrerberuf, wurde dann nach dem Tode seines Vaters Vst, dessen Nachfolger auf dem Lübecker Rabbinatssitz, bis er im Jahre 1922 zum Direktor der Talmud-Thora-Schuls in . Hamburg gewählt wurde. Im Jahre 1925 wurde er alsdann.zum Oberrabbiner von Altona und Schleswig- Holstein berufen. Seine große Rednergabe und fein immenses Wissen haben ihn weit über seine Tätigkeitsgebiete hinaus berühmt und bekannt gemacht. So gilt er heute in Deutschland und auch im Ausland als einer der besten jüdischen Redner. Von seiner schriftstellerischen Tätigkeit erhalten die Leser unseres Blattes oft genug leuchtende Proben. Besonders zu erwähnen find die in jüngster Zeit im Hermon-Verlag, Frankfurt a. M. erschienenen Bücher „Schir haschirim" und die drei Propheten „Jesaija, Jirmija und Jecheskel". Wir entbieten dem Jubilar unsere. herzlichsten Glückwünsche. -v'yms

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