Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1933)
- Date
- 1933-02-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 7 Der Israelit 16. Februar 1933 Rabbi pirsch wischte sich den Schweiß von der Stirn und redete sich immer mehr in (Eifer hinein: „Drei Fasttage sollte man ansetzen, genau wie damals, als die Bibel auf Befehl des Königs Talmai ins Griechische übersetzt wurde. Die jüdische Welt verdunkelt sich. Denn was war damals anders als heute? Die Alten lernten noch vielleicht die Bibel mit Griechisch, die Jungen Griechisch ohne Bibel und die noch jüngeren Griechisch g e g c n d i c B i b e l. Bald waren die Hellenisten da, die „Bösewichte Israels", das „Götzenbild im Tempel . . ." Das aaes war Rabbi Rosson ganz neu. Ls war ihm,, als hätte er eine ganze Epoche kritischer Entwicklung verschlafen. Hatte er in all dieser Zeit nur an sich und seine Rot gedacht? Da er noch zweifelte, ließ ihn Rabbi Hirsch die angekommenen Briefe lesen, aus Prag, aus Frankfurt, aus Hamburg. Dort kochten längst die Gemüter über, die Geister entzündeten sich aneinander, es gab scheu regelrechte Kämpfe zwischen Alt und Reu. So weit war es gekommen, und er saß in jener Stadt, besorgt um eigenes Wohlsein, bekümmert durch persönliches Ungemach. Der Brief von Rabbi Iecheskcl in Prag, den er nun gut kannte, interessieret ihn ungemein. Roch mehr aber vielleicht der aus Frankfurt, von Rabbi pinchos Hurwitz. Reiben Deutschland, schrieb Rabbi pinchos, drohe größte Gefahr für Ungarn und die angrenzenden Länder des Südostens. Dort dringe der neue Geist, gefördert durch die neuen Freiheiten, mii Riacht und Braus herein, und gerade dort sei kein Wann am Steuer, um das Schlimmste abzuwenden. Aber, hieß es weiter im Briese, vielleicht sei der kommende Wann für diese Länder schon in Sicht. Jung noch, ein „Aw-Rach", Vater an Weisheit und zart an Jahren sei der Frankfurter Bachur, der mit Rabbi Rosson aus Deutschland gegangen sei . . . Rabbi Rosson sah beim Lesen zu seinem Bachur hin . . . wosche selbst, der nachher ebenfalls den Frankfurter Brief lesen durfte^ brach an dieser Stelle ab und legte verlegen das Blatt auf den Tisch. In der Furcht, die Aussprache könnte auf diesen Punkt gelenkt werden, ging er leise aus dem Zimmer. Abends gab cs im Fürther Rabbinerhause ein großes Essen zu Ehren der Gäste, und anschließend großen Empfang. Bald drei Jahre hatte man von Rabbi Rosson nicht inehr gesprochen. Run erinnerte man sich langsam des wanncs, seiner Größe, seiner Sonderheit und seines Schicksals wieder, und alles was Rainen und Bedeutung in der Gemeinde hatte, kam. um den „großen Adler auf seinem Rückfluge" zu begrüßen, sein Wort zu hören, seinen Segen zu erhaschen. Unversehens war eine scharfe geistige Schlacht im Gange. Rabbi Hirsch Eharif sprudelte; ein Strom, dem neue Fluten zuflossen und den Wellengang iminer mehr in Schwung trieben ... Er sprach rasch, feurig, mit allen Gliedern und R'luskeln. Er glühte, man sah förmlich das Gehirn kochen und zischen. Rabbi Rosson blieb ruhig, gemessen, hörte aufmerksam und sprach abgewogen, um mit kurzer Bemerkung nur zuzustimmen oder abzulehncn. -— Und das wie von ungefähr cingeworfene Zwischcnwort ließ jedesmal den Eharif aufhorchen, oft abbrechen, wirkte auf ihn wie Anruf auf einen Rachtwandler, der auf schwindeliger Höbe von fremder Hand angerührt wird und die Sicherheit verliert. Die geruhige aphoristische Art zu reden, erinnerte ihn fast an den Gaon zu Wilna. Auch manches andere an diesem Frankfurter Gelehrten zeigte Schimmer von jene»: großen Lichte. Im übrigen war Rabbi Rosson sehr müde vom beschwerlichen Wege und zog in später Stunde seinen Bachur ins Gespräch, daß er an seiner statt dem Eharif liebe und Antwort stehe. Die ganze große Gesellschaft war gebannt. wosche schien die beiden. wcthoden meisterlich zu vereinigen. Jung, feurig, kampflustig, wuchtig vorstoßend wie der litauische Eharif, blieb er doch in den gemessenen Formen ganz der Schüler seines Lehrers und hütete sich auch in der Hitze des Gefechtes vor jeder Erregung in Wort und Ton gegen seinen großen Partner. Der Klang seiner Stimme schmeichelte sich auch in die Herzen derer ein, die der Diskussion bis in die letzten Tiefen nicht folgen konnten. Das schöne, gerötete Gesicht leuchtete im schwarzen Bartrahmen hell und rosig. Eine Augen- und (vhrenweide für alle. (Fortsetzung folgt.) Ein Erez Zisroel-Erlebuis. Von Dr. S. Heilbronn in Gailingen. Und wieder ruft A g u b a auf gur Pilgerfahrt ins heilige Land, dem Land der Bibel, dem Laub unserer Väter. Und Erinnerungen werden wach und zehrende Sehnsucht. Und die Sehnsucht wird fast größer sein bei denen, die schon einmal das Land durchwandern durften. Die den Boden betreten — und ihn wieder verlassen mußten. Heimlich hofft doch jeder, Erez Jisroel wieder zu sehen. Und wenn man sich auch sagt, daß vielleicht das Leben einen solch unbeschreibbaren Ausflug nicht mehr gestatte, so haben einem doch die Visionen dieses Landes immer wieder heimgesucht. SchllchNlllvitz, der geniale Gestalter, der Gefährte der vorjährigen Gesellschaftsreise, der immer unseren gemeinsamen Gefühlen, Empfindungen, dem Chaos der auf uns einstürmenden Gedanken die letzte, die endgültige Formulierung zu geben wußte, Schachnowitz hat schon recht: Mit dem Verlassen des Landes, da hört es nicht auf, da beginnt erst das eigentliche Erez Jisroel-Erlebnis. Da blüht auf, was man von dort mit nach Hause gebracht, begleitet einem Tag für Tag und bis in die Träume der Nacht Hinein. Und schlingt' ein unsichtbares, doch festes Band um die auf jener Fahrt entstandene Schicksalsgemeinschaft. mögen wir auch wieder zerstreut sein über alle Länder. Das gemeinsame Erleben bleibt — die Auswirkungen aber werden ' verschieden sein. Am 9. März v. Js. schifften wir uns ein. Vielleicht darf zue Erinnerung an diesen Tag an dieser Stelle, die ja wohl allen Teilnehmern zu Gesichte kommt, mein schönstes nachträgliches Erez Jisroel-Erlebnis erzählt werden. Schon lange wieder war ich zu Haufe. Da kam eine junge Frau in meine Behandlung. Eine Nichtjüdin. Ueber die schon die Schatten des Todes sich senkten, deren Tage des Erdenlebens gezählt waren. Alle Versuche, sie über die Schwere der Erkrankung hinwegzutäuschen, begegnete sie mit dem überlegenen Lächeln der Wissenden. Sie, die mit allen Fasern ihres Herzens an dieser schönen Welt hing, sie ging standhaft dem Tode öntgogen. Und sprach ruhig und gefaßt über das nahende Ende. So faß ich wieder einmal an ihrem Bett. Plötzlich und unvermittelt richtete sie sich auf: „Würden Sie mir eine große Bitte erfüllen?" und eindringlich „nicht wahr. Sie werden sie mir nicht abschlagen?" Ich erschrak. Hier lag eine Sterbende vor mir. Wer weiß, welch unmögliches Verlangen sie an mich stellen wird. Wie kann ich aufs Geratewohl etwas versprechen. Und zögernd sondierte ich: „Wenn es in meinen Kräften steht . . Und sie. mich unterbrechend, mit heftiger Leidenschaft: „Herr Doktor, wenn Sie einmal viel, viel Zeit haben, dann erzählen Sie mir von Palästina. Immer war es mein heißestes Sehnen, wallfahren zu können ins geweihte Land. Das wird mir nun nimmer beschiedensein. Sie aber waren ja jetzt dort." Erschöpft zurücksinkend: „Erzählen Sie". Und ich erzählte. Vergaß Zeit und vergaß Ort. Vergaß die drängende, die wartende Arbeit. Erzählte von Jeruscholajim, der heiligen Stadt, von Jaffa der Hochgebnuten, vom Karmel und vom Jordan. Vom Oelberg und vom alten Rabbi. Von'Tiberias. der Himmlischen und von Hebron. Und nie in meinen; Leben habe ich so gut gesprochen. Sie lag da. Ein seliges Lächeln. Ein Schein von Zions Strahl flog über ihr Gesicht. Nie werde ich den stummen Händedruck vergessen können. Am nächsten Morgen war sie tot. Jetzt erst war ich doppelt froh, daß ich mich damals der Aguda angeschlossen. Nimmer hätte ich sonst so zu dieser nach Zion lechzenden Seele sprechen können. Denn eindringen in den Zauber und die Geheimnisse jenes Landes kann man nur unter religiöser und nie unter indifferenter Führung. Und das gibt der Aguda-Reifegesellfchaft vor allen anderen Gesellschaften die besondere, die wertvolle Note. Soziale Hilfsläkigkeik im deutschen Judentum. Im letzten Mitteilungsblatt der „Gesellschaft zur Förderung des Genossen schaftsgedankens unter den Juden in Deutschland" wird mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß die früher so beliebten p h i l a n t r o p ischen Darlehenskassen sich überlebt haben und daß heute nur Banken, und Darlehenskassen für Mittelstand und Kleingewerbe auf genossenschaftlicher Grundlage in Betracht kommen könnten. Während die Volksbanken mit Krediten von Mk. 500.— bis Mk. 3000.— rechnen und demnach Anteile von inindestens Mk. 250.— bis Mk. 150.— ausgeben müssen, genügen bei Leih- und Sparkassen für die kleingewerblichen und Kleinhandelskreise schon genossenschaftliche Anteile in Höhe von Mk. 25.—, wobei allerdings Maximalkredite nur bis Mk. 300 gewährt werden können. Speziell in Berlin sind im „Kreöituereirt für Handel und Gewerbe" und in der „Volksbank Jvria" im Augenblick fast 700 Wirtschastsexistenzen zusammengeschlossen. In beiden Genossenschaften arbeitete zu Beginn des vorigen Jahres ein Kapital von etwa Mk. 250.000, die fremden Gelder betrugen Mk. 430.000, die Bar- und Diskontkredite zusammne ca. Mk. 750.000. Der in der letzten Zeit gegründete Leih- und Sparverein Esra, der die unterste Schicht der jüdischen Kleinbürger, Hausierer. Handwerker, Angestellte zu erfassen sucht, gibt ebenfalls Anteile zu Mk. 25.— aus und gewährt Kredite bis Mk.. 300.—. Der ganze Apparat mit Ausnahme der Buchhaltung wird ehrenamtlich verwaltet. Ueber Ansätze zur Ausweitung der jüdischen Genossenschaftsbewegung an anderen Orten Deutschlands ist jüngst im „Israelit" berichtet worden. Das Dezember-Höft der Zeitschrift „Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik" enthält eine Reihe praktisch wertvoller Anregungen für die Gestaltung örtlicher Sammlungen zur Beschaffung von Mitteln für die Wohlfahrtspflege, insbesondere die Winterhilfe. Ueber die notwendige Wandlung der Sammlungsmethoden im allgemeinen berichtet Landgerichtsrat Dr. Lilienthal in wissenschaftlich abgerundeter Weife, während später genaue technische Anweisungen über die Veranstaltung von Blocksammlungen und über ein jüdisches Gemeinschaftswerk in den Gemeinden gegeben werden. „Eindrücke aus Polen", von Jacob Lestinski schildern in erschütternder Weise das heute in den polnischen Ghettis herrschende, kaum zu ermessende Elend. Die Nummer zeichnet sich im übrigen durch ein reichhaltiges Material an gesetzgeberischen und sozialstatistischen Mitteilungen und literarischen Besprechungen aus. Zur Geschichte der chinesischen Juden. Der bekannte Herausgeber des „American Hebrew" in Newyork. Mr. David A. Brown, hat eine Reise nach China unternommen und ist bei dieser Gelegenheit auch nach K a i f e n g f u , der Stätte einer der ältesten jüdischen Ansiedlungen in China, gekommen. Es ist mehr als 300 Jahre her, daß man zuerst Kenntnis erlangte von der Existenz einer Judengemeinde in dieser alten chinesischen Stadt. Heute haben diese Juden außer der allgemeinen Erinnerung an ihre Abstammung fast alles Jüdische vergessen. Ihre Synagoge besteht nicht mehr, der Boden, auf dem sie stand, ist in die Hände der kanadischen Mission übergegangen und nicht einmal die drei Gedenksteine von 1489. 1512 und 1679 befinden sich mehr in jüdischen Händen. Ausführliches über die Geschichte dieser alten jüdischen Siedlung hat 1644 James Flnn, der Verfasser eines Buches über die Juden in China, berichtet. Er wandte sich damals brieflich an den Rest der dortigen Juden und es dauerte von 1850 bis 1870, also 20 Jahre, bis er eine Antwort erhielt. David Brown beabsichtigt über die nicht uninteressante historische Vergangenheit der chinesischen Judenschasten auf Grund feiner Forschungsreise demnächst Ausführliches zu veröffentlichen. (Otto Baumgarken, ein Kämpfer gegen den Antisemitismus.) In diesen Tagen vollendete Universitätsprofessor Geheimer Konsistorialrat D. Dr. h. c. Otto B a u m - garten in Kiel das 75. Lebensjahr. Professor H. Mulert, Kiel, würdigt aus diesem Anlaß Otto Baumgarten als Gelehrten, Politiker und Kämpfer für Menschenrechte in einem Aufsatz der „Abwehr-Blätter" (43. Jahrgang Nr. 1/2), der mit den Worten schließt: „Baumgarten leitet ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit und der Wille, den Unterdrückten zu helfen. Wo große Wirtschaftsverbände oder Zeitungskonzerne unangefochten herrschen, würde er sich zur Kritik verpflichtet fühlen: daß aber antisemitische Stimmungen, namentlich auch gesellschaftlicher Boykott heute oft in der rohesten Weise sich gegen viele ehrenhafte Männer und Frauen wenden, daß ein Idealist wie Rathenau ermordet wurde, immer wieder jüdische Friedhöfe geschändet und kritiklos die phantastischsten Verleumdungen gegen Juden verbreitet werden, das ries ihn als Deutschen, als Christen, als Gebildeten zum Protest auf: als tapferen Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit grüßen wir den Fünfundsiebzigjährigen." („Führer durch die jüdifche Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege in Deutschland".) Soeben ist der „Führer durch die jüdische Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege in Deutschland" (mit Einschluß des gesamten Schulwesens) erschienen. Im ersten Teil werden, in geogravhischer Anordnung, die Verhältnisse in etwa 2-500 jüdischen Gemeinden Deutschlands mit umfassenden Angaben dargestellt. Es folgt eine Uebersicht über die Landesverbände der jüdischen Gemeinden, weiterhin über die gesarnte Wohlfahrtspflege (in systematischer Anordnung) einschließlich oller Anstalten und Einrichtungen, wie Krankenhäuser. Altersheime, Erziehungsheime. Vereine und anderen Organisationen, sodann eine Gesamtdarstellung des jüdischen Bildungswesens und der kulturellen Einrichtungen, ein Ueberblick über die zahlreichen Verbände der jüdischen Jugendbewegung und zum Schluß ein ausführliches Verzeichnis der Rsichsorganisationen und ein Ueberblick über die wichtigsten interterritorialen jüdischen Organisationen. Das Buch umfaßt 594 Seiten und kann zum Preise von Mk. 7.— (geb.) und Mk. 6.— (brosch.) bei der Zentralwohlfahrtsstelle der' deutschen Juden. Berlin-Cbarlottenburg 2, Kantstraße 158. bezogen werden. Bei Bestellung von mindestens 10 Stück erfolgt eine Ermäßigung des' Preises. Zu der Namensliste der Rätsellöser und -löserinnen in der Kinderecke der jüngsten Nummer sind noch folgende Namen nachzutragen, die nach Redaktionsschluß eingingen: Helene Lidzbarski, Frankfurt a. M.; Rahel Fraenkel. Kiel: Lili Goldstein. Lunczoara (Rumänien); Rafael Fisch, Bratislava; Leo und Marianne Sichel, Nürnberg.