Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1933)
- Date
- 1933-02-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) ' XIV. ’ ' ';l 2l m Scheid e w.e ge. In Fürth saß in seinem Rabbinatszimmex der jugendliche Rabbi Hirsch Jan o-rv, „der Charis" (Scharfsinnige) genannt, über Blätter und Bogen gebeugt. Er schrieb und las, schrieb und las, griff sich wiederholt an' den köpf und schrieb weiter, strich ganze Zeilen und schrieb neue hin. Sein knochiges, von ' dünnem-; schüttecem,' rotsträhnigem Barte uinrahmtes Gesicht glühte, die Augen funkelten. So kann ein Wakkabäer, da er auf den Wällen den Todesstoß gegen den frechen S^rer führte, geglüht Haben wie dieser junge, dürre Rabbi, da er jetzt wie ein Schwert die Feder führte. Was er da las und'schrieb und was den Wann erglühen machte, war nicht minder heiliger Kampf als jener, der die Wakkabibrüder zu Wodin bewegte. „Feinde über dich,' Israel!" - •- Sie kamen diesesmal nicht aus Antiochiaj nicht aus; Alexandrien^ nicht aus Rom, die Feinde; sie kamen aus Berlin und wollten, wie er die Dinge sah -—m i t d e r Thora „Israel die Thora vergessen" machen und cs-abbringen von den Gesetzen Seines Willens". Rabbi Hirsch Ianow griff zur Feder wie zum Schwerte, setzte'eineWelbin Bewegung, rief: „Wer-zu Gllt hält-, komme-zu. mir!" / .. Aus dem Städtchen Ianow bei Wilna stammte dieser junge Rabbi. Erzählte erst dreißig und er saß von früher Kindheit an, bis er, ein Fünfundzwanzigjähriger,, nach Deutschland kam, dem Gaon in Wilnazu Füßen. Tr hatte die' ganze Güte und die -ganze Strenge, -die. ganze Demut und die ganze königliche Hoheit, die ganze stille Zurückgezogenheit und den ganzen eisernen Kämpfwillen des Wilnaer Rabbi Tlie mit nach Deutschland hineingenommen. von diesem Rabbi Hirsch kursierten schon Legenden, von seiner Kraft und Feiner Demut, von seiner Hingebung und seiner Unerbittlichkeit. „Wißt ihr, warum er Wilna und Litauen verlas-, ,sen hat? Tr hatte mit seinem scharfen Kopf alles wie imBlitze erfaßt, und. vor seinem wissenden Geiste -gab es keine Schwierigkeit in der offenen wie in der geheimen Lehre. Da schickte ihn der Gaon, auf daß er vor seinem eigenen Geiste und vor Überheblichkeit geschützt.werde, ins Golus . . ." „Rein, nicht so war es. Wie der Gaon die Gefahren von rechts und links Heraufziehen sah, von Ladi und von Berlin--da rief erseine zwei Lieblingsschüler herbei, Hirschel und Thajim, und sprach: Gegen Ladi kämpfe i ch hier. Gegen Berlin, das mehr Deutschland und die Westländer bedroht, wirst -du, Hirschel, den Kampf, von einer deutschen Stadt aus, aufnehmen. Und du, Thajim, gehst in eine kleine Stadt uüö schaffst dort in stillem Winkel ein Heim für die Thora, wo sie unsere Söhne finden können. . ." „Als Rabbi Hirsch Posen verließ, um nach Fürth zu kommen, versteigerte man seine Betten. Wo war das Gehalt hingckommen? Alles wurde für Arme und Bedürftige verwendet ..." „Wacht er es hier nicht gerade so? Hat neulich sein Bettzeug einer -armen Braut hergcgeben. Als die Rebbezin heimkam nnd nach den Betten schrie, sagte Rabbi Hirsch: „Gestohlen leider!" „Gestohlen?" weinte die arme Frau, „ich wünschte, wir hätten die Sachen lieber der armen Braut gegeben, die gestern bei uns weinte . . ." „Tröste dich, liebe Rebbezin, dein wünsch ist erfüllt." Und die Rabbinersfrau mußte mit ihm lachen ..." Unbegreiflich war dieser Wann, der Lehrsätze der Wathematik so spielend löste wie talmudische Probleme und dabei nicht zuließ, daß die. Kinder in . der Schule nur einen Hauch von anderen Dingen erfuhren als von Bibel und Talmud. Wan sagte, er bej herrschte auch Sprachen und moderne Wissenschaften. Aber er sprach den matten Dialekt der litauischen Heimat unverfälscht und hatte.auch im Hebräischen keine Junge und kein Dhr für gewisse Leute, hörte nicht den Unterschied zwischen „sch" und „ss", wünschte den Leuten „Gut Sabbos" und „koßeren peschach", was bei'einer gegen seinen (Eifer sich trotzig auslehnenden Jugend oft zu Spötteleien Anlaß gab. Wan sagte, das Charifgehirn dachte und arbeitete zu rasch und zu scharf, um auf äußere Hörwirkungen zu reagieren. Wie einzischender Kessel,- der im Ueberlaufen alles ihm von. außen Zugetragene kochend abstößt ... Dieser Wann, der keinem Kinde eine Antwort schuldig blieb, der Jedermann gütig ansprach, der Mit dm Armen weintchünd der Glücklichen Freude als die seinige ^empfand, vor dessen Türe die Ratsuchenden ohne Unterschied, auch Richtjuöen,, Spalier standen, er ließ die „Berliner", als sie nach Fürth mit | den probebogen ihrer „Uebersetzung" kamen, um dort Abonnenten zu werben, und beim Rabbi um Gehör bettelten, nicht überj seine Schwelle. Cr weigerte sich, in eine Aussprache über -die deutsche Bibel einzugchen, den Wännern nur ins Gesicht zu schauen. Er ließ bekanntmachen, daß er Jedermann, der cs wagen sollte, die „Berliner" zu empfangen und irgendwie zu unterstützen, oder ihre Werke zu kaufen, unnachstchtlich in der Synagoge von allen Lhrenfunktionen 'ausschließen, Propagatorendes Werkes und der Berliner Bestrebungen aber mit dem Eher em belegen werde. Gemeindemitglieder, die sich anschickten, ihn über die „Bibel" und ihre Hersteller aufzuklaren, fanden geschlossene Türe, geschloffenes E)hr, ein eisernes, unerbittliches Rein, an dem alle versuche und Argumente zerbrachen. Cs gab Frechlinge in der Gemeinde, die respektlos sagten: „Reb Hersch liebt das Deutsch nicht, weil das Deutsch ihn nicht liebt, weil es ferner litauischen Junge so viel zu schaffen machte. Das ist die Rache 1 ..." Eingeweihte aber kannten den letzten Grund der scharfen Abneigung, die schon mehr bange Furcht war. Da war ein Rame unter den Mitarbeitern im Berliner Kreise, und dieser hatte es ihm angetan: 0 a Ho m o W aimo n. Er kannte diesen Wann von Posen-her, seinem früheren Wirkungskreise.Dort kam er. zu^ihm, wie viele andere, verhungert, abgerissen, in elendem Zustande, ein Landstreicher. Rabbi Hirsch nahm Hn auf, kleidete- und speiste ihn und gab ihm mehr, als er"eriibrigeii konnte. Waimon hatte es Hm und dem Judentum schlecht gedankt. Er bereute nicht, was er an ihm getan hatte und,würde es heute wieder tun, käme'er nur uim'Brdt. Aber Waimon,- ein Lehrer, Ueberfetzer und Interpret der Bibel! Er wollte auch im Geiste' sich nicht wiederholen, was er bei diesem begabten Wenschcn alles ,an Abkehr, an, Trotz und Ketzerei, an Zynismus und menschlicher Verworfenheit später wahrgenommen hatte! verbrannt, vernichtet müßte alles werden, was diese unreine Hand angcfaßt hatte, und faßte sie gar die heilige Schrift an, so trete das Talmndwort in Kraft: „Wit dem Buch, das ein Winäer geschrieben, ins Feuer!" . voller Feuer war jetzt Rabbi Hirsch Ianow, als er all das eilig und eifervoll aufs Papier brachte. Es lagen Briefe da von Rabbi Raphael Koben, seinem Schwiegervater, dem Oberrabbiner der Drcigemeinden Hamlmrg-Altona-Wandsbeck, Rabbi I c - ch e S k e l Landau in Prag, Rabbi p i n ch o s Hurwitz in Frankfurt. Es waren Antworten auf feine Aufrufe, Rückfragen, Zustimmungen-, Vorbehalte. Und an alle mußte wieder geschrieben werden, an Jeden extra und an alle im gleichen Tone: „Auf, zum Kampfe für die Thora!" Wit Aerger und Bitterkeit erfüllte ihn ein Antwortschreiben aus Berlin. Rabbi Hirschel L e v i n und seine Kollegen im Rabbinate. machten nicht mit. Sie verteidigten den Deffauer und fanden nicht Fehl noch Tadel an seinem Unterfangen.. „Ein schwacher Wann, hat sich herumkriegen lassen," quittierte Rabbi l Hirsch Ianow bitter den Verlust und machte sich um so eifriger an die Briefe nach Hanllnrrg, Prag und Frankfurt. Dort dachten und gingen sie mit ihm. - Ec empfand in dieser Stunde den auswärtigen Besuch als unangenehme - Störung, überwand sich aber gleich zu der gewohnten gastlichen Freude und Freundschaft. Rabbi Rosson a u s F r ä nk - f u r t, hatte man ihm gemeldet. Cs war in den letzten drei Jahren so stille geworden um Rabbi Rosson, daß man ihn schier vergessen hatte. Er mußte eine Weile Nachdenken. Ja, Rabbi Rosson, der Große, der Heilige, der Vielvcrkanntc. Er kam vielleicht als Verbündeter zur rechten Stunde ... Schon gleich nach dem ersten Willkommcnsgruß zog er ihn in die Sache hinein. Rabbi Rosson war nicht im Bilde. In Frankfurt hatte er seinen eigenen Kampf und in Boskowicz erfuhr man wenig von all den Dingen. Wosche wußte mehr davon. Er hatte in Mainz wie in Frankfurt und sogar in der mährischen Stadt der neuen Jugend, der Berlin das neue Jerusalem war, 2luge im Auge gcgenübergestanden, sich mit ihr auseinandcrgesetzt. Aber er blieb bescheiden in seiner Ecke und vermied es, sich ins Gespräch der beiden Lehrer einzumengen. „Um was geht es eigentlich?", erkundigt sich Rabbi Rosson. „Ist es wirklich so schlimm mit dem Sofersohne ans Dessau?" — er dachte dabei an den Sofersohn, den ihm G'tt wie eine Leuchte mit in die düstere Wildnis gegeben hatte„Ich höre doch, daß Rabbi Jakob Emden diesen Wosche Dessauer seinen Freund nannte und Rabbi Jonathan Eibenschütz sich mit dem Gedanken herumtrug/ihm den Worenutitel zu verleihen." ' „War einmal," ereiferte sich Rabbi Hirsch, „damals, als er feine wahre Ratür noch nicht gezeigt hatte, vor der Uebersetzung . . ' „Was kann an einer deutschen Uebersetzung so Schlimmes fein?" forschte Rabbi Rosson weiter. „Die Ungelehrten und die Frauen müssen doch auch was haben." Cr dachte dabei an das „Jeeno Üreno" und andere jüdisch-deutsche Bücher seiner frommen Rechte. „Habt ihr, Rabbi Rosson, die Uebersetzung schon einmal gesehen?" „Rein, aber ich höre, der hebräische Kommentar, der „Bim", lehnt sich in der Hauptsache am Kimchi an. Gegen diesen Kommentator wäre doch eigentlich nichts zu sagen." „Und das Deutsch?" „Ich höre, cs ist kein „deutsches Deutsch", sondern in hebräischen 'Lettern gehalten. Was wäre eigentlich gegen eine Uebersetzung änFrch einzuwenöen?" Rabbi Hirsch Fah ein, er mußte mit diesem Wanne von vorne beginnen. Bester solche prisisitiven Fragen war die Auseinandersetzung längst weit hinausgegangeni Trotzdem,- und vielleicht-gerade deswegen, waren -sie so schwer zu beantworten. „Ich weiß nichts und will nichts wissen," sagte er, „mir genügt, daß ein Salomo Waimon mit dabei ist." „Wer ist das?" Rabbi Hirsch mochte nicht den Kampf aufs persönliche hinüberleiten. Er wetterte nur gegen die Sache, das Unternehmen, die Gefahr. Cr wollte schweigen von Waimon. Höret," sagte er, und der ganze IXlawn glühte, „für wen ist das Ganze gemacht, für wen frag' ich euch? Sollen die 2llten danach die Thora lernen? Sie kennen die Thora und halten zu ihr. Und die sie von den 2llten nicht kennen, verstehen noch weniger dieses Hochdeutsch, um sich durch dasselbe die Thora zu verdolmetschen. Bleibt die Jugend, .die man mittels der Thora zwingt, Deutsch zu lernen, nicht umgekehrt. Bald werden sie Deutsch und was dazu gehört, ohne die Thora lernen und bald sogar gegen d i e T h o r a . . Wosche wunderte sich, wie tief und weit dieser junge Rabbi ausschante. Cr selbst hatte schon lebendige Belege genug für diese trübe Perspektive ln seinem Erfahrungsschätze.