Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-02-16 · Heft 7 (16.2.1933) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 7 (16.2.1933)
Date
1933-02-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450763--79400-2537149
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Nr. 7 eine Art Sonntagsruhe. In Tel-Awiw, der einzigen jüdischen Stadt der Welt, kann man am Sabbat Wäsche an der Leine flattern, die Schomsto.ue der Bäckereien rauchen und die Larbiere ihre Kunden einseifen sehen. — . , Als Tel-Awiw noch klein mar, da durfte am Sabbat kein Wagen durch seine Straßen fahren. Doch die Baifour-Dcklaration hat Tel-Awiw größer und größer werden lassen. Die Straßen öffneten sich für den Fährverkehr. Wenigstens -sorgte aber ein städtisches Gesetz für das Unterbrechen des gesamten Berufslebens an diesem Tage, vor etwa vier Jahren erreichte dann ein Tel-Awiwer Advokat beim Obersten Gericht in Jerusalem die Ungültigkeitserklärung des Gesetzes. Seitdem darf in Tel-Awiw ein Polizist gegen die Verletzung der Sabbatruhe nicht mehr Protokoll aufnehmen (wie es vorher der jüdische Polizist am Sabbat getan hatte!). Was heute in Tel-Awiw den Sabbat in der Form einer Sonntagsruhe noch aufrecht erhält, ist der freie Wille seiner Bevölkerung» besonders das verlangen der Angestellten nach einem freien Tage. Aber diese Angestellen gehen meist am Sabbat nicht mehr in die Synagoge, und die Jüngeren von ihnen wollen Sport treiben und Ausflüge machen, Heute sind am Samstag die Eisenbahnen von Juden überfüllt, — und wenn der Autöbusverkehr mit feinen jüdischen Chauffeuren sich »uift noch &d)tanhn auferlegt, so ist dies nur dem unermüdlichen Bemühen des Schmirath Sabbat-Vereins zuzufchceiben. Jüdische private Autos, Motorfahrräder und Fahrräder verkehren aber ungehindert. Der Schmirath Sabbat-Verein in Tel-Awiw hat nur einige hundert Mitglieder und müßte fünftausend und mehr haben. Doch es ist schon so. Die negative Unjüdischkeit läßt sich stets sehr leicht organisieren, die positive Iüdischkeit aber immer nur sehr schwer. Aus zwei Dutzend Ländern kann man hier Juden orthodoxer Schattierungen zählen. Ist ihnen auch, allen die Thora gleich verpflichtend, so genügt jeder Landsmannschaft der Unterschied in manchen Auffassungen und Winhagim, um für sich zu gehen. Doch diese unterschiedlichen Auffassungen und Minhagim atmen Galuthgeschichte, —- und die Galuthnachwirkungen sind hier in Lrez: Israel nicht nur für, die Nationalen» sondern auch für die Religiösen gefährlich. Die Zersplitterung wirkt sich für die Interessen der (Orthodoxie zersetzend bei allen Wahlen aus. Im Tel-Awiwer Stadtrat könnte die dreifache Zahl aus orthodoxen Kreisen sitzen;- so sind aber stets die Arbeiter mit ihrer Einigkeit die stärkste Partei. Selbst der Vorstand der Kehillah Tel-Awiw besteht nur in der Minderheit aus orthodoxen Mitgliedern. Auch hier ist die Ursache die nicht organisierte, zersplitterte Orthodoxie. Natürlich stützt sich unter solchen Umständen das Rabbinat der kehillah auf eine schwache Position. Sowohl der aschkenasische wie auch der sefardische Gberrabbinec sind Persönlichkeiten infolge ihres bedeutenden jüdischen Wissens, ihres ehrlichen Wollens und ihres Charakters (sie haben ca. \% rabbinische Mitarbeiter, meist Txpen der, osteuropäischen Iudengasse, aber nicht einen mit organisatorischem Talent und westlicher Kultur, der die Gefahren der heutigem Unjüdischkeit zu ermessen vermag). Auf dem Gebiete des Sabbat ist der Schmirath Sabbat-verein fortgesetzt mit den beiden Oberrabbinen in Verbindung. Aber die Arbeit ist ein mühevolles, ermüdendes Lremfen gegen eine Bewegung, die nach einer Befreiung von dem jüdischen Sabbat drängt. Rur ein Gesetz könnte hier helfen. Die Stadt Tel-Awiw hat einen neuen Gesetzesvorschlag seit drei Jahren bei der Regierung zur Bestätigung liegen, — aber die Regierung kann sich aus irgendwelchen prinzipiellen Bedenken nicht entschließen, — und der starke Wille einer geeinten Orhodoxie fehlt, um auf die Regierung Eindruck zu machen. So liegt die Sorge für den Sabbat im öffentlichen Leben (gegen die Entweihung des Sabbats in den Käufern ist kein anderer Einfluß als der der Erziehung einer anderen Jugend als der heutigen ausznübcn, auch ein schwieriges, durch die Schwäche ufw. der Orthodoxie sehr vernachlässigtes Kapitel) nur auf den Schultern des Schmirath Sabbat-Vereins. An jedem Beginn des Sabbat geben ca. ILO seiner Mitglieder — je zwei Mann —■ durch die Stra- 2 et I5taelit |]cn, und wo sie noch offene Läden ufw. finden, bitten sie, zu schließen. Ferner, haben etliche Mitglieder in der letzten Zeit die Bärbiere besucht (es gib 6O Barbiere), um sie zu veranlassen, sich schriftlich zu verpflichten, Freitag rechtzeitig, zu schließen. Damit .die Vereinbarung zustande komtnt, müssen sämtliche Barbiere verpflichtet werden — kein leichtes Werk, von den 36 Brotbäckereien beginnen 55 am Samstag bereits des Nachmittags zu arbeiten. Gb hiergegen einzuwirken ist, ist noch Frage der Beratung. Der Gesamtvorstand des Vereins ging jüngst am Samstag zu der größten Gemüse-Cngcos-Firma, weil berichtet wurde, daß der Betrieb am Sabbat geöffnetist, die Araber Gemüse bringen und die Firma die Ballen und Körbe verzeichnet, abwiegt usw. Die Inhaber ließen die Herren überhaupt nicht ihre Räume betreten, und einer von ihnen ging mit erhobenen Fäusten gleich handgreiflich vor. Am Freitag des Abenös fanden jüngst zum ersten Male Konzerte und Theatervorstellungen statt. Wenn das einreißt, werden bald die Kinos.folgen. Eine Autobusgesellschaft hatte jüngst ihre hiesigen siebzig Chauffeure, Kontrolleure usw. auf Samstag jZu einer Sitzung oinberufen, der sich eine photographische Aufnahnre anschließen sollte. Unter den 70 war nur ein einziger, der sich fernhielt. Die vorherigen Bemühungen des Schmirath Sabbat-Vereins waren ergebnislos geblieben, trotzdem die Direktion das Gegenteil zugefagt hatte. Daß viele Milchhändler am Sabbat auf dem Fahrrad Mich, bringen, hat sich, längst eingebürgert,-und auch hiergegen sind bis jetzt die Bemühungen vergeblich gewesen. Ein Grund ist sicherlich die Gleichgültigkeit und die Zersplitterung des orthodoxen Publikums. Es ist heute so weit gekommen, das; ein bewußter Orthodoxer am Sonntag vielerlei Lebensmittel nicht kaufen kann, weil ihnen wahrscheinlich Entweihung des Sabbat anklebt.! Diese wenigen Striche zeigen, daß es in Erez Israel ganz andere Probleme der Hut des . Sabbat gibt als draußen. Hier muß der Sabbat, der. nicht wie inr Ausland materielle Opfer oder gar eine Existenzfrage bedeutet, der im Gegenteil der offizielle Ruhetag der palästinensischen Iuöenheit ist, vor Juden geschützt werden! Man darf wohl Führerschaft und Organisätions-. talent durch den Zuzug orthodoxer Elemente westlicher Kultur, der mit der gegenwärtigen Einwanderung ein-, gesetzt Hat, erwarten. Möge das unsere Hoffnung sein, daß die Orthodoxie doch der hiesigen Sabbatpröbleme Herr werden wird! WlezpoMores « vachricdte» Deutsches Reich. Der Sabbat und die »Jüdische Rundschau". " ' B e r l i n , 9. Febr. In dem zionistischen Zentralorgan „Jüdische Rundschau" veröffentlicht Rabbiner Dr. Isaak Unna in Mannheim einen trefflichen Aussatz über das Schicksal des Sabbats im heiligen Lande, in dem er, zum Teil unter Berufung auf nichtjüdische Autoritäten, den ganzen geistigen Ruin schildert, die durch die Preisgabe des Sabbats und der Grundlagen der jüdisch-religiösen Tradition überhaupt im neuen Palästina hervorgerufen wird. Charakteristisch ist nun, wie die „Jüdische Rundschau" in offensichtlicher Verlegenheit darüber, daß sie einen solchen ganz und gar nicht in den zionistischen Gedankenkreis passenden Aufsatz veröffentlichen muh, sich dreht und windet, um die Aufnahme vor ihrem Leserkreise überhaupt zu etnschuldigen! Zunächst weist sie dem Aussatz eine keineswegs öffentlich-rechtlich gesicherte, sondern recht verstohlene Heimstätte an in der Rubrik „Freie Tribüne". Alsdann hält sie es für nötig, dem gefährlichen Aufsatz ein ganzes Plädoyer voranzuschicken, das wir im vollen Wortlaut hier wiedergeben möchten: Der allseits verehrte Verfasser des nachfolgenden Aufsatzes, Rabbiner Dr. Unna, ist ein Führer der jüdischen Orthodoxie in Deutschland, der stets lebhaftes Interesse für den Palästinaaufbau bekundet hat und auch Mitglied des Admin'lstrative-Committee der Jewish Agency ist. 16. Februar 1933 Wenn er sich in einex für Palästina so wichtigen Frage zu äußern wünscht, s o l a s sen w i r i h n zu Worte kommen,*) auch wenn er zum Teil Auffassungen vertritt, denen sich die große Mehrheit der zionistischen Welt nicht anschliehen kann. Das Problem des Einbaus des historischen Judentums in die. moderne jüdische. Renaissance wird von uns allen als ein zentrales Problem empfunden, aber der Zionismus glaubt, daß die jüdische Renaissance die Totalität des Lebens ergreifen muß: die grundlegenden Gedanken der Arbeit und der Siedlung dürfen nicht bagatellisiert und als „Verwestlichung" abgetan werden. Wir können auch nicht zulassen, daß das, was in Palästina geschieht, -als Produkt „atheistisch-materialistischen Geistes" charakterisiert wird. Ohne auf die umstrittenen theologischen Fragen, die der Verfasser natürlich seinem orthodoxen Standpunkt gemäß b e u r t e i 11 ,*) und auf die unseres Erachtens einseitige Beurteilung der sozialen Fragen einzugehen, möchten wir unserer Meinung Ausdruck geben, daß verantwortliche zionistische Kreise den Ernst des religiösen Problems empfinden, ohne darum den radikalen (sic!) Standpunkt Dr. Unnas zu teilen- Ein Mann jedoch, der als Nichtzionist den Weg zur Mitarbeit in Palästina gefunden hat, soll auch die volle Möglichkeit haben, vor Z io n i sten in einer zionistischen Zeitung sich a u s z u s p r e ch e n.*) Diese ganze Aburteilung von oben herab, die sich ein angesehener Autor in dem zionistischen Organ gefallen lassen muß, bevor, er überhaupt zu Worte kommt, scheint uns äußerst charakteristisch für die Helotenpositiom die die gesetzestreue „Richtung" innerhalb des Zionismus einnimmt. Ob diese Position der Würde des Thoragesetzes entspricht, darüber nachzudenken sollte eigentlich. Ausgabe der zunächst betroffenen Kreise sein. verländlichung. ' .. . Berlin,. 12. Febr. .. Herr Dr. Nathan B i r n b a u m. schreibt uns: 1. Abgesehen davon, daß. der Rus imch Verländlichung schon oft. genug deutlich. auf bescheidene Anfangserfolge ubgezielt hat, — will es mir scheinen, daß es dem Interesse der Gesamtheit nicht entspricht, diesen' Ruf zu bekritteln, wenn er in. seiner vollen, schicksalhaften Bedeutung als Ruf zu einer epochalen Wende im Leben Israels erfolgt. ■ .? * 2. Es ist ja erfreulich, wenn Änderen die sichere Kunde geworden ist, daß die. Kraft des zionistischen Enthusiasmus einen „metaphysischen Hintergrund" hat, daß „dort eine überzeitliche, vom Atem 'der ganzen jüdischen Geschichte gespeiste Idee mitwirkt."'Mir ist diese Kunde leider nicht geworden (auch vielen anderen Ueberlieserungstreuen nicht, soviel ich weiß). Dagegen ist mir bekannt, daß der Drang nach Verländlichung einen metaphysischen Hintergrund hat, der jedem Orthodoxen das Aeußerste an Metaphysik bedeuten sollte: nämlich die Idee von des jüdischen Volkes Selbstheiligung auf dem Wege vom . Sinai zu Moschiach. -. 3. Daß man „in den jüdischen Massen keine Hoffnungen erwecken soll, die doch nur zu Enttäuschung und Verbitterung führen müssen" — ist mir nur zu gut bekannt. Eine, ähnliche Warnung las ich jüngst auch in einer flgudistischen Erez-Jisroel-Zeitschrist in Bezug auf die gegenwärtige Älijo. - 4. Ich halte eine jüdische Siedlung aus arabischem Gebiete außerhalb Palästinas an sich zumindest für nicht gesicherter als in irgend einem anderen Teil der Welt, weil ich die Araber zumindest nicht für ^liebenswürdiger halte, als die Europäer und Amerikaner! Auch als vorteilhafter in politischer, wirtschaftlicher, nationaler oder gar religiöser Beziehung will sie mir nach Allem, was vorliegt, nrckt erscheinen. Nun aber, nach den Ereignissen der letzten Jahre, halte ich sie für äußerst bedenklich. Hierzu bemerken wir abschließend, daß die Aussprache sachlicher Bedenken gegenüber einer zur Verwirklichung bestimmten Idee keineswegs als „Bekritteln" zu bezeichnen ist,. sondern uns einfach eine sittliche Pflicht im Interesse der Idee selber scheint. Konkrete Arbeit auf diesem Gebiete, wenn auch im Kleinen, scheint uns das Wichtigste. Eine jüdische Siedlung auf arabischem Gebiete außerhalb Palästinas ist an sich nicht gesicherter, aber auch nicht gefährdeter als eine solche in irgend einem anderen Teile der Welt; in religiöser Hinsicht dagegen scheint sie uns um ein Vielfaches aussichtsvoller als die Zersplitterung in den Ländern europäisch-amerikanischer Kultur und politisch bietet sie den Schlüssel zu einer arabisch-jüdischen Verständigung auch hinsichtlich Palästinas. *) Von uns hervorgehoben. Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.