Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1933)
- Date
- 1933-02-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 6 Der Israelit 9. Februar 1933 „Tin Fingerzeig G'ttes," sagte Rabbi Rosson zum Abschieds „ich soll den Silberschmuck nach der Heimat zurückbringen . . Rach acht Tagen verließ er mit seinem Bachur das paus, verließ die Stadt. Ts batte sich keine Menge zum Abschiede eingesunden. Mitglieder des Vorstandes, Schüler, einige wenige Freunde nur. Aus denr unteren Volke waren auch welche da. Als sich der Magen in Bewegung setzte, schrieen sie: „Laßt uns den Frankfurter da! Zu den lautesten Schreiern gehörte Berko, der Fleischer, den einmal der gleiche Frankfurter sehr un sanft auf den Boden hinter der Türe gesetzt hatte. Auf der Anhöhe vor der Stadt sah Rabbi Rosson noch einmal zurück. Fremd lag unten die Stadt mit ihren grauen Häusern, mit der grünen Klosterzinne mit dem knorrigen Baume vor dem Friedhöfe, mit den ziegelroten niederen Schornsteinen auf den schie fen braunen und grünlich bemoosten Dächern — fremd wie vor drei Jahren, als er den Berg zum erstenmal hlnunlerfuhr. vor seinem Schulhause stand der greise Rabbi Schmuel Köln, der „Halbe Schekel", nickte mit dem Kopfe, bewegte den Mund und winkte mit der Rechten. Tin paar Minuten nur; er hatte keine Zeit, er mußte eiligst zurück, zu seinen Kindern . . . Mosche erachtete es als ganz selbstverständlich, daß er mit dem Meister, wie er mit ihm gekommen war, nunmehr auch wieder zurückging. Richt so selbstverständlich schien das Rabbi Rosson. Waren doch schon so oft Sendboten nach Boskowicz wegen des Frankfurter Bachur gekommen. Die Gemeinde D r e s n i tz an der ungarischen Grenze suchte gerade einen Rabbiner. Der Frankfurter wäre ihr gerade recht gewesen. Seine Fugend — er. zählte damals dreiundzwanzig — störte nicht, eher seine Rnbcwcibtheit, aber dem konnte, auch und gerade in Dresnitz, abgeholfen werden. Mosche verhielt sich ablehnend. Tr wolle die Thora nicht zur „Krone der Sclbstherrlichkeit" noch weniger zur „Axt des Broterwerbes" machen, jetzt nicht und nimmer ... Aus Prosnitz kam der steinreiche und hochangesebcne Rabbi pirsch I e r w i tz. Seine schöne elternlose Schwester wollte er versorgen, wie es seiner Stellung und seinem Vermögen angemessen war. Willigte Mosche ein, so wollte er, der reiche Bruder, ihm neben einer ansehnlichen Mitgift ein eigenes Zaus überlassen und all seine Bedürfnisse für Lebzeiten decken, damit er, Mosche, sich ungestört, frei aller Sorgen und Lasten, in Ehren und Wohlstand dem Studium und der Arbeit für die Gemeinschaft widmen konnte. Das ließ sich schon eher hören. Aber nun kam der Wegzug seines Lehrers, und Mosche schlug sich alle jene Gedanken und Pläne aus dem Kopfe. Rabbi Rosson beschäftigten aber gerade jetzt jene Bemühungen um seinen Bachur sehr lebhaft. „Mir ist es zuweilen," sagte er, „als gehörtest du in diese Gegend und in dieses Land hinein, wie ich hier fehl am Drte bin. Vielleicht war es nur meine Mission, dich herzubringen und zu gehen ..." Mosche bat, ihn auf alle Fälle noch begleiten zu dürfen, und Rabbi Rosson gab nach. „Wir werden ein Stück Weges Zusammengehen und haben da Zeit genug, zu beraten und zu überlegen. Vielleicht bis an die deutsche Grenze, vielleicht noch etwas weiter. Bis dahin wird uns G'tt die Lntscheidung finden lassen." (Fortsetzung folgt.) Oberrabbiner Mordochai Amram Hirsch Vst, zu seinem 100jährigen Geburtstage (am 20. Schmal 5693). Mag dis Geburtstagsfeier Lebender in jüdischem Kreise nicht üblich sein — man pflegt zu sagen, daß die Thora nur Pharaos Geburtstags Erwähnung tut — so darf dennoch gewiß des Geburtstages eines Mannes gedacht werden, der nicht mehr unter uns ist. der aber für alle Zeiten lebt, weil er den Besten seiner Zeit genug getan. Weil uns das Leben eine Aufgabe ist, mit der wirkundigsten der Stadt, er stellte Schüler aus. die den Jntäglich neu zu ringen haben, um ihr gerecht zu werden, halt seiner Lehre in ferne Länder und übers Meer truinag ein bei Geburtstagsfeierlichkeiten reichlich, oft allzu gen. Und doch — und darum war er im Sinne der reichlich gespendetes Lob den Jubilar über den Ernst und Ueberlieferung im besonderen Sinne ein Wegweiser: die Schwierigkeit seiner Aufgabe hinwegtäuschen; liegt aber ein Leben abgeschlossen vor uns. dann dürfen wir von seinem Inhalt sprechen, wir müssen von ihm. sprechen. wenn wir Weaweisunq und Zielrichtung von ihm empfangen können. Und solch ein Leben war das von Oberrabbiner Mordochai Amram Hirsch er, der dieses Leben uns vorlebte, war ein Wegweiser seiner Zeit und ist Wegweiser der Gegenwart, die in ihrer bedrückenden Schwere Ausschau hält nach den Großen, die uns zeigen „den Weg, den wir zu gehen, die Tat, die wir zu tun haben." „Wer Bekenntnis opfert, ehrt mich in Wahrheit, wer aber den Weg bereitet, den lasse' ich schauen das Heil G'tte s." Eiw Leben, dessen opservolle Leistung zum Bekenntnis des Wahren, Schönen und Guten wird, dient der Verehrung des Höchsten. Darüber noch steht ein Leben, das der Menge und den Führern, dem Volk und denen, die es leiten, zum Beispiel und zum Vorbild wurde. „Wegweiser", so sagt uns der Midrasch, ist der, welcher die Steine wegräumt von den Straß'e n des Lebens, „Wegweiser": der Lehrer der Alten und der Erzieher der Kinder, „Wegweiser", wer Lichter entzündet in dunklen Straßen. Solch ein Wegweiser war Oberrabbiner Hirsch, weil er eine gewaltige Persönlichkeit, weil er eine hervorragende Thoragröße, weil er ein Mann des gütigsten Herzens war. 1. Wohin das Schicksal ihn trug: Ob als junger Raw in seine Heimatsgemeinde Tisza-Boe. ob auf der Höhe des Lebens als Oberrabbiner von Altofen und ob die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens als der geliebte Führer der Hamburgischsn Gemeinde, immer und immer war'es seine Aufgabe, die Steine wegzuräumen von den Straßen des Lebens. Sein großer Freund David Hoffmann hat dies trefflich gekennzeichnet, wenn er von ihm aussagte: „Er gehörte nicht zu jenen Schwankenden, Unsicheren, die allen Fragen gegenüber in Aengstlichkeit dastanden und nicht anders sich zu Helsen wußten, als nach der erschwerenden Seite hin die Entscheidung zu treffen. Nein, er besaß die von trefflicher Gelehrsamkeit und sicherem Scharfblick zeugende rriwvi rrn> die Kraft, den Zweifel zu bannen und die Ungewißheit zu verscheuchen. Alles, was nach dem Din gestattet ist, auch wirklich für erlaubt zu erklären, nach mm und mao* nach den Schätzen der Ueberlieferungen, die er bei seinen Lehrern eingeheimst und in seinem Gedächtnis aufgespeichert hätte und nach dem treffenden Verstandesurteil, das sein klarer Geist zu fällen verstand." „Er war ein Pfadweiser zum Frieden, aber wenn es sein mußte, auch zum Kampfe und zur Verteidigung unserer heiligsten Güter. Sein Wahlspruch war: rria' nvrri nvrr, aber nicht ivrr cn’ins sia’ “iffKi Dn’insV- Der Rabbiner hat seiner Gemeinde vorauszuziehen und ihr den Weg vorzuzeichnen. aber nicht hinter ihr herzugehen, ihren Schwächen tets Rechnung zu tragen und ihren aus Unwissenheit und niedrigen Beweggründen begangenen Gesetzesübertretungen nachträglich die Sanktion zu erteilen. So stand er in Wort und Tat als Muster und Vorbild da." Die Kraft zu solchem wegweisenden Handeln floß aus einer großen Persönlichkeit. Und der Grundzug dieser Persönlichkeit war Wahrheit. Er konnte in seinen jungen Jahren, in seinem Heimatlande der Gründung einer Institution Vorschub leisten und später vor aller Welt laut bekennen: „Ich habe mich geirrt, das was mir ein Segen schien, hat sich als Unglück erwiesen." Er kennte den größten Versuchungen ausgesetzt werden und kannte kein Abirren von dem von ihm als wahr und recht Erkannten. In jungen Jahren war auf ihn eine bedeutsame Wahl gefallen; die Gegner der Wahl achten ihn. von der Annahme dieser Wahl abzubringen und fügten ihrem Bittgesuch einen Beutel Dukaten bei. Oberrabbiner Hirsch schickte das Geld zurück und schrieb dazu einen Satz: „Selbst goldene Versuche machen mich in meinen Grundsätzen nicht schwankend." Der Führer jener Gegenpartei, ergriffen von so viel Festigkeit eines jungen und damals noch mittellosen Mannes, hat jene Episode festgehalten, indem er dem jungen Rabbiner einen goldausgelegten Becher zusandte und in ihn die Worte als Widmung gravierte, mit denen Mordochai Amram Hirsch die Versuchung von sich gewiesen hatte. Wenn heute die Straßen unseres Lebensweges steinig 'ind, Versuchung in vielgestaltiger Form an die Einzelnen wie an die Gemeinden herantritt: Die Persönlichkeit von Oberrabbiner Hirsch soll als Vorbild in uns lebendig bleiben nud die Steine des Anstoßes wegräumen helfen. 2. Wegweiser war Oberrabbiner Hirsch, weil er Lehrer der Alten und Erzieher der Kinder war. Er war nach dem Urteil der Zeitgenossen und nach dem Urteil maßgebendster Kenner die in seinen, leider noch immer der Veröffentlichung harrenden wai-m forschten. einer der größten Thoragelehrten seiner Zeit. Wegweisend wurde er aber dadurch, daß er Lehrer der Alten und der Jungen war. Er stand mit den Größen seiner Zeit in ständigem Meinungsaustausch, zu seinen Schiurim drängten sich an allen Orten seines Wirkens die Talmudnip-nrv nrr, die Jugend durfte sich zu ihm finden, er war ihr ein Lehrer in der mivrr, junge Akademiker und Kaufleute, ja selbst den Schulkindern war er Berater und Freund, der sich nicht für zu - groß hielt, ihre Sorgen zu teilen, ihre Röte mitzutragen und ihre Zweifel zu entwirren. Und war es ein lernbegieriger Jüngling von 16—17 Jahren, der Hamburger Raw rang sich die Zeit ab, täglich Stunden mit ihm zu lernen. Wenn heute in weiten Kreisen unseres Volkes jener traurige Egoismus-Platz gegriffen hat, der da glaubt, man dient der Gesamtheit am besten, wenn man nur und allein an der eigenen Vervollkommnung arbeitet: Wegweisend steht vor uns Oberrabbiner Hirsch, dessen erhabener Thorageist solch selbstische Auffassung weit weit von sich wies. Er diente den Großen und den Kleinen, das war ihm vollendetste Form des wahren Dienstes. 3. Wegweiser war er. weil er als M a n n d e s goldensten Herzens in dunklen Straßen Lichte r e n t z ü n d e t e. Wo die Armut herrschte, wo Rot war bei den Einzelnen oder in der Gesamtheit, Rot bei Thora-Anstalten, Not des Körpers oder der Seele, wo immer es dunkel war, da entzündete er das Licht in einer Selbstvergessenheit, die ihresgleichen suchte. Man nannte ihn den „Vater seiner Gemeinden"; kein leiblicher Vater kann mehr um das Wohl jedes einzelnen Kindes besorgt sein wie er sich persönlich sorgte um das Schicksal eines jeden' Einzelnen der ihm anvertrauten Gemeinden. Und doch ist damit zu wenig gesagt, rsnsn bmcn am - -»as ->as Für die Gesamtheit des Volkes sorgte und härmte er sich, gegen Gesamtheitsnot und Gesamtheitselend kämpfte er heldenhaften Kampf. Die Not eines jeden Kindes seines Volkes stieg ihm heiß zum Herzen, ihm tönte aus ihr der Prag, hilfeheischende Ruf entgegen: Mein Vater, mein Vater, ' komm' und hilf! Oberrabbiner Hirsch war unbeschreiblich gütig und doch — und dies soll gegenüber mannigfacher Verfälschung, die an der Zeichnung seines Bildes geschäftig und in bestimmter Absicht versucht wurde, ausgesprochen werden: Seine Menschenliebe hatte ihre Grenze an seiner Liebe zur Wahrheit! Er sah in jedem Juden, in jedem Menschen seinen Bruder, brüderliche Hilfe schenkte er jedem, weit über die Grenze seines Könnens; g e i st i g e Gemeinschaft jedoch, die wollte er nur pflegen mit den Menschen, die mit ihm einig waren in der Einzigkeit und Einzigartigkeit ihrer jüdischen Ueberzeugung. Seiner drängenden Initiative dankte der orthodoxe Rabbinerverband Deutschlands in hervorragender Weise sein Entstehen. Er lehnte es grundsätzlich ab, selbst in einer gesetzestreuen Gemeinschaft mit Rabbinern Kollegialität zu pflegen, die zugleich Mitglieder eines allgemeinen Rabbinerverbandes waren und dadurch Herren der liberalen Richtung das Prädikat „Kollege" verliehen. So scharf kämpfte er, der den Einzelnen gegenüber die personifizierte Güte und Milde war, für die Reinhaltung der Idee, so scharf betonte er den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Judentum und liberalem Judentum. So wurde er zum Dritten ein Wegweiser! Sein Herz, das voll war von Güte und Wahrheit, erleuchtete mit hellen Strahlen die dunkeln Gassen: Wo das Elend war, daß es weichen mußte, wo die Zweideutigkeit herrschte, daß sie entschwand. Der 20. Schwat 3693 trägt Licht in unsere Herzen, in unsere Häuser, in unsere Gemeinschaft, wenn zu ewiger Dauer in uns lebt das wegweisende Vorbild des großen Mannes: Mordochai Amram Hirsch W. S. I. Ein Zahrbuch der jüdischen Mssenschasi. Das Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen G-e s el l sch a ft für 1931—32 (verlegt bei I.. Kauffmann, Frankfurt a. M.) ist als 22. Band erschienen. Es bietet auf über 400 Seiten wieder eine reiche Fülle von geschichtswissenschaftlichem und kulturhistorischem Material für Fachwifsenfchaftler sowohl wie Laien. Ein Abweichen von der in solchen Büchern gewohnten strengen und exakt wissenschaftlichen Methode bedeutet die Arbeit Esriel Carlebachs über den M u s s a r, der ganze 100 Seiten des Bandes einnimmt. Die Leser werden diese Abwechslung mit Dank aufnehmen. Und wenn Wissenschaft Wissen um die Dinge ist, so ist dieser Aufsatz, bei der ansprechenden und schillernden Form, wie sie Earlebach gegeben ist, doch Wissenschaft im schönsten Sinne. Diese Notigen geigen uns die Geschichte der Mussarbewegung in all ihren Etappen, von ihrer Wiege, in die ihr Rabbi Israel Salanter die ersten Lieder gesungen, bis zu Slabotka und Kelm und ihrer lebendigen Auswirkung in den heutigen Jeschiwoth zu Telsch, Radin und Rawardok. Die große Mahnung der Mussar: „Mensch sei menschlicher. Jude sei jüdischer!" bahnt sich allgemach auch den Weg in den Westen. Möge sie, je eher je lieber, auch unsere Jugend erreichen. Dieser Wunsch wird besonders lebendig, wenn man die Abhandlung von Dr. Moses Auerbach über die Vraunschweiger Rabbinerverfamml u n g 1844 liest. Auch hier haben wir es mit einer Bewegung zu tun, die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. vielleicht mit der guten Absicht, das Letzte aus dem