Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1933)
- Date
- 1933-02-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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9. Februar 1983 Der Israelit Nr. 6 Seite 11 «a Trümmerhaufen der Assimilation zu retten, in Erschei nung getreten ist. Was ist daraus geworden? Chasfidismus oder Mussar, es sind Früchte, am jüdischen Baume gewachsen, wir genießen sie heute noch und werden uns noch morgen an ihnen erfreuen. Die Reform hat aber das Bild der Zerstörung nur vollendet; nicht abgerundet, denn das Bild sprengte längst den Braunschweiger Rahmen und verwischt sich immer mehr, in dem Maße, wie es neue Züge und Striche erhält. Gerade das ist das Wesentliche in dem hochvornehmen, sachlichen und jeder polemischen Schärfe baren Aufsatz Auerbachs, daß uns darin der Mangel an Einheitlichkeit im liberalen Judentum früher und heute so klar wird; die Registrierung der Tatsache, daß im sogenannten religiösen Liberalismus mehrere Judentümer, von Menschen nach Laune und Geschmack erdacht und diktiert, dem einen ungeteilten Judentums der Thora und des Schulchan Aruch entgegen st ehe n. Der lokal-historische Teil des Bandes ist mit urkundlichen Mitteilungen aus Regensburg (Moritz Stern), über das Memorbuch von Dettingen (Louis Lamm), Erinnerungen an Rabbi Mordechai Wetzlar (I. Japhet, Frankfurt a. M.), über das Dereinsbuch des Berliner Beth Hamidrasch (Moritz Stern) gut äusgefüllt. Ueber nachpentateuchische Quellen der Sabbatgesetze berichtet fachmännisch Rabb. Dr. Laupheimer, Bad Ems, exegetische Beiträge., liefert in gewohnter Gründlichkeit Dr. S. Grünberg, Berlin. Nennen wir noch u. a. eine ansprechende Abhandlung über Esra Hasoser von Dr. Michael M u n k, Berlin. Bemerkungen zu den gaonitischen Verordnungen von M. Tycozinski. eine kleinere literarische Studie von Michael Wilensky. Berlin,so ergibt sich daraus, wie sehr dieser Band wiederum den Namen eines Jahrbuches für jüdische Literatur verdient. Ein paar Worte liebenden Gedenkens für Rabbiner Dr. Auerbach b"'u, in Halberstadt stehen an der Spitze des Jahrbuches. lichtest. — weil sie eben nur an die Gemeinschaft denkt, und diese nicht sterben darf, nicht sterben kann. Und beide haben Recht! ... Und darin hat K a st e i n nicht recht. Dieses zu begründen, erübrigt sich für einen Juden, der im Glauben anveav rrn^n, an san vbip und avinn n"nn für sich und die Gemeinschaft großgezogen ist. —tz. Sprechsaas. Jüdische Neutralität und Kommunismus. Die Delegiertentagung des neutralen Jugendverban des konnte — wie bereits geschildert — auch diesmal, angesichts einer besonders prekären jüdischen Situation das „Fundament" der Neutralität nicht aufgeben. Angeblich seien die Dinge noch nicht reif ...Wie reif sie aber unter der Sonne der Neutralität werden können MÄÄpr LWttüM nn» an«™, d.!,. fle folge, einen, Ariel da Costa. Ueber Uriel d a Costa (wir sagen a Costa) hätten wir eigentlich nicht viel zu sagen. Im katholischen Spanien ließ ihm das Blut der jüdischen Ahnen in den Adern keine Ruhe, und er wurde Jude. Im jüdischen Amsterdam ließ ihm wiederum die katholische Tradition der spanischen Vergangenheit keine Ruhe, und e r w u r d e abtrünnig, reizte seine Gemeinschaft und trieb sie bis zum Aeußerften. Ein unglückliches, in sich zerrissenes Leben, das sich zwischen Kirche und Synagoge austtieb, bis ihm ein Revolverschuß aus eigener Hand ein Ende bereitet. Was wäre noch mehr über diesen „Acher" des an Ketzern, Schwärmern und Aufwühlern so reichen 17. Jahrhunderts zu sagen? Uriel ist gewiß nicht der Begabteste und Bedeutendste, vielleicht aber der Unglücklichste unter ihnen. Er wäre wahrscheinlich, wie unzählige größere vor und nach ihm. in Vergessenheit geraten, wenn ihn nicht seine Zeit so ernst genommen hätte, wenn nicht die Rabbinen Leon de Modina in Venedig und de Silva in Amsterdam, auch Manasse den Israel, gelehrte Bücher gegen ihn und seine geradezu kindischen Thesen über die Sterblichkeit der Seele und manches andere losgelassen hätten, wenn nicht die Vorsteher und Ehachamim der Amsterdamer Gemeinde ihn, den Unbedeutenden, mit dem feierlichen Banne, ganz ungewollt, in die Annalen unserer Geschichte gebannt hätten, wenn ihn nicht ein späterer nichtjüdischer Dichter auf die Bühne gebracht hätte! Frelich lag Gutzkow an der Person Uriels nicht viel. Er wollte nur aus menschlicher Tragik und einem „klerikalen Fanatismus", dessen Hintergründe er nicht ahnen konnte, etwas dramatisches Kapital schlagen. Daß ein moderner, ja der modernste jüdische Geschichtsforscher, Josef Kaste in, 330 Seiten an das Leben, Lehren und Leiden dieses sogenannten Märtyrers verschwendet (Uriel da Costa, oder die Tragödie der Gesinnung von Josef Kastein. Rowohlt-Verlag, Berlin W 50) ist höchstens aus dem Bestreben Kasteins heraus zu erklären. an geschichtlichen Namen seinen bis zum Brechen aufgespeicherten Vorrat an Gedanken, Anschauungen und Meinungen über geschichtliche Zusammenhänge abzuladen. So gewertet, wird man seine Betrachtungen über die Welt, aus der Uriel hervorgegangen, in die er später gestellt ist. über die Zeit, ihre Wehen, Strömungen und geistigen Erschütterungen — unterstützt von der lebendigen, philosophisch unterbauten und spannenden Schreibweise Kasteins — mit Vergnügen und Nutzen lesen. Freilich wird man dabei in ganzen Partien den Titelträger des Buches, Uriel de Costa, ganz vergessen, und dies nicht zum Schaden der Lektüre. Immerhin: Kastein bedeutet, wie in seinen früheren Büchern auch hier, einen neuartigen Weg ,zur Geschichtsauffassung und Geschichtsschreibung, eine kunstvolle Verknüpfung von subjektivem Empfinden und objektiver Wertung. Ueber die jüdische Gesinnung Kasteins haben wir jüngsthin bei Besprechung seines Geschichtsbuches einiges gesagt. Auch dieses Uriel-Buch läßt eine vollkommen im positiven Judentum der schriftlichen und mündlichen Lehre verankerte Gesinnung vermissen. Vielleicht hat es Kastein mit seinem Uriel gemein, daß beide ihr jüdisches Wissen nicht aus erster Quelle schöpfen und auf sekundäre Quellen angewiesen sind. Im Ganzen geht es vor dem Geschichtstribunal Kasteins im Prozesse da Costas um folgendes: Uriel bestreitet die Unsterblichkeit der Seele, aus Religiosität, aus G'ttesverehrung. — weil er nur an das Individuum, das sterbliche, denkt. Die Gemeinschaft klammert, sich an das Dogma der Unfterbgebildet hat. die bereits mit allerlei Rundschreiben die Mitglieder dieses „neutralen" Verbandes zu bearbeiten sucht. Es ist der übliche kommunistische Kanzleistil: „unsere Menschen verlangen nach Aktionen, um aus Elend, Not und Arbeitslosigkeit herauszukommen. Diese Aktionen mäßen bald geschehen. ehe wir vollkommen stumpf und verzweifelt sind. Und diese Aktionen können nur gemeinsam mit der Masse aller Erwerbslosen, Arbeiter und Angestellten geschehen . . ." Dann folgt die stereotype Charakterisierung aller kommunistischen Gegner in diesem Zusammenhang mit „Faschisten", und schließlich wird aufgefordert, mit der „revolutionären Gruppe" in Kontakt, bezw. in Korrespondenz zu treten. Damit auch in diesem Gremium — nach erlauchten Vorbildern — das System der Schwarzen Liste zu seinem Recht kommt, wird verlangt: „. . . und schreibt uns, wer sich in unseren Kreisen als Gegner der jüdischen Angestellten, Arbeiter und Erwerbslosen erwiesen hat . . ." Das wird unter diesen sehr netten, aber zugleich sehr jungen Menschen ein niedliches Idyll von Denunziatiönchen geben' Die neutralen Führer werden weiter großzügig bleiben und auch diese „revolutionäre Gruppe" unterm Banner der „Neutralität" halten. Was hier aber, ausgehend von politisierenden Spielereien, allmählich emporgezüchtet wird, ist unabsehbar, — ist zumindest weiterer jüdischer Zerfall. Mit neutralen Sentiments ist hier weder entgegenzutreten, noch zu imponieren. Dieser Auslösung — und gerade weil sie naiv und kommunistelnd sich äußert — kann nur entgegengewirkt werden, mit dem System einer positiv jüdischen Disziplin und eines eindeutigen Kampfes für die Durchsetzung des Judentums. I. Raphael. Rinderecke. Vom Singen der Sonne. Wenn die Sonne aufgebt, äst die Welt mit Gesang erfüllt. Im Singen vollendet die Sonne ihren Tageslauf und gibt abends das Lied weiter an den Mond, der mit dein Thore der Sterne das Lob der Hacht singt. Halten Sonne, Monö und Sterne nur einen Augenblick im Singen still, so können sie nicht wirken, können nicht leuchten. Sie stehen still und der Tag oder die Nacht rücken nicht weiter. Darum spricht der Feldherr Iosua, als er auf dem Schlachtfeldc zu Gibeon den Tag fcsthalten will: waw ovt das beißt: „Sonne in Gibeon schweige!" Nicht „bleibe stehen", sondern schweige! " Denn wenn die Sonne schweigt und nicht singt, dann steht sie still, und der Tag rückt nicht weiter, die Nacht kommt nicht. Darum heisst es auch im Hallel-Liede: „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergange wird gepriesen der Name G'ttcs". will heißen; Die Sonne preist und lobt im Gesänge G'tt von ihrem Aufgange bis zu ihrem Untergange. Im Falle Iosuas ging die Sache nicht so glatt vor sich. Die Sonne sträubte sich, lehnte sich auf, wollte nicht schweigen und wollte nicht stehen bleiben. Was?" sprach sie, „du, ein kleiner, schwacher Mensch, wagst es, mir» der großen leuchtenden Sonne, zu befehlen, „Stillgestanden" zu bieten? Lin ich doch schon am dritten Schöpfungstage von G'tt an den Himmel gehängt worden, um der Welt Licht zu spenden, und eigentlich war mein Licht schon am ersten Tage da. Damit hat es doch begonnen: „Ls werde Licht!" Du aber, Mensch, bist zu allerletzt, am sechsten Tage, nachdem alles fertig war, gekommen. Dein Leben ist kurz und voller Leid, und du willst dich anmaßen, mir, der großen, ewigen Sonne, die die ganze Welt umfasst und mit Licht und Leben versorgt, vorzuschreiben, wann ich gehen und wann ich stehen, wann ich singen und wann ich schweigen soll?" Iosua aber sagte: „Hast du, große Sonne, auf deinem täglichen Lrdenwallen nicht schon oft genug gesehen, wie Kinder, wenn sie frei geboren sind, alten Sklaven befehlen? Sind wir Menschen auch klein und winzig im vergleich zu den gewaltigen Himmelskörpern, so sind wir doch vielleicht mehr wie sie. Jene ihnen von G'tt gegebenen Gesetz, durchlaufen eine Lahn, die ihnen vom ersten Tage an vorgczeichnet ist und finden keine Störung, kennen keine Mühe, noch Kampf. Wir Menschen aber folgen den Gesetzen des gleichen G'ttes und müssen uns dabei die Lahir selber brechen. Auf Schritt und Tritt stoßen wir auf Heinmungen und Störungen, und in unserer Lrust sitzt neben dem guten Triebe auch der „böse Trieb", der uns immer zur Abkehr und zum Ungehorsam verleiten will. Wenn wir aber dennoch den Weg des Guten gehen und die Gesetze G'ttes befolgen, so wird es uns höher angerechnct, als den Engeln und den Planeten. Wir tun es mit Willen und Lewnßtfein, sie aber sind gebunden an ewige, unveränderliche Gesetze." Dagegen konnte die Sonne nichts erwidern. Aber sie fragte voller Sorge: „wer wird G'tt ein Lob singen, wenn ich stehe und schweige?" „Ich, der Mensch, werde ihm Lieder anstimmen," sagte Iosua. Darum heißt es auch gleich darauf: naT TN yunrp „D a m a 1 s redete Iosua." wo aber eine Rede mit irr eingcleitet wird, ist cs immer ein Gesang, wie es auch beim Liede am Roten Meere beißt: rwa TB” TN* Versteht Ihr, liebe Kinder, den tieferen Sinn dieses Midrasch? Jeder an seiner Stelle leistet, was er kann. Und auch wenn das Kind mit seinen schwachen Kräften in seiner Art G'tt dient, die Gesetze befolgt und Gutes tut, so 'nimmt es G'tt auf wie einen köstlichen Lobgesang, so schön und köstlich wie Gesang von Sonne, Mond und Sternen, ja noch schöner, noch köstlicher ... ‘ Chamischo-Ossor. Winter ist's noch, es [türmt und schneit. Die Bäume tragen ein weißes. Kleid; Kahl stehen sie in dem Garten dort, Die Sonne bescheint keinen einzigen Ort. Doch kommt Chamischo-ossor heran, So fängt es in ihnen zu sprießen an. Es füllet sie neue Lebenskraft; Es steigt in die Zweige hinauf der Saft. Nun wird der Frühling bald erscheinen Mit Blüten und Blättlein den seinen; Drum essen wir Früchte heut' süß und fein Und wollen alle fröhlich sein. Jakob Löwenthal, Frankfurt a. M. Israelitische Volksschule, Klaffe 5b. Die Lösung des hebräisch e n Rätsels in N r. 4 lautet: Feind. Dränger Gewürz ,^2 Altorientalkscher Mann Land mit berühmteni Fluß Richtige Lösungen sandten bis jetzt ein: Josef Brandstätter. Lotte Wreschner, Louis und Richard Feist, Olga Lea Schachnowitz. Frankfurt a. M.; Maier Franz Berlin; Eva Lehmann, Josef und Salomon Frank, Fulda; Ilse Lewin, Tilsit; Dawid Wilder. Dresden; Leo Katz, Nürnberg: Samson Lewin, Hoppstädten; Fanny und Erich Levy; Berlin; Gottschalk Schlesinger. I. L. Liebernrann, Wien; Kurt Thalmann, Kattowitz; Geschwister Rosenthal. Berlin. 1 T,- i y ( -yj ’i \;•'!je*.;fy’ ||t!>' ■; ■ ■ ■ fr : •jjT’