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Der Israelit · 1933-02-09 · Heft 6 (9.2.1933) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 6 (9.2.1933)
Date
1933-02-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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T.ViVi Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) XIII. Trüber Abschied. Im Oberstocke batte Mosche sein bescheidenes Zimmer. Diesen: gegenüber.lag der kahle Raum, in dem Rabbi Roffon mit seinen zehn Jüngern jeden Morgen und am Sabbat mit Taganbruch Frühg'ttesdimst abhielt. Dort waren auch seine einzigen Kleinodien aufbewahrt: Seine selbstgeschriebene Thorarolle mit den schweren Silberbeschlägen an den Griffen, der kostbaren Silberkrone, den Glöckchen, Schildern und Deutern, welche nur am Feiertag aus hem verschlossenen . Schrein unter der Lade zur Schmückung der Thora herauskamen. Mosche schlief im kleinen Gemache gegenüber, um jene Kostbarkeiten nachts nicht unbewacht zu lassen. Cinmal wurde in vorgerückter Stunde Mosche von einem harten Geräusch aus dem ersten tiefen Schlafe geweckt. Tr setzte sich im Lette auf und horchte. Schwere Schritte waren im Rebenraume, in der Betstube, deutlich zu vernehmen. Jetzt kam es wie wuchtige Hammerschläge, Diebe? Das kostbare Silber, ging dem Bachur -durch den Kopf. Tr wollte Alarm schlagen, aber bei aller Angst und Trregung zögerte er doch, den Rabbi vielleicht unnötig aus dem Schlafe zu stören. Tr wartete noch eine Weile. Da die Geräusche nicht aufhörten, richtete er sich ganz auf, fasste Mut. Die Arme, die mit einem Berko, dem Fleischerburschen, fertig wurden, konnten es vielleicht auch mit dem Diebe aufnehmen. Schon stand er in den Kleidern und stürzte aus der Türe: „Wer da?" Die Stimme versagte ihm, als er im matten Scheine der Talgkecze eirren gebeugten alten Mann ullt einem Sacke auf dem Rücken die Treppe hinuntcrkeuchen sah. Hatte sich der Mann eine Maske ums Gesicht gebunden? vielleicht aber war das Ganze nur ein böser Traum. Tr griff sich an den Kopf, er war doch wach. Ts war also wirklich und wahrhaftig so, wie er es sah. Der da gebeugt mit seiner Last bei mattem Lichte gespenstisch die Treppe hinunterkeuchte, war der-Greis, der große Rabbi Schmuel Köln, der „Mächzis Haschekel". Ts schien sogar Mosche, als hätte der Alte ihn gesehen, als hätte er den Finger an den Mund gelegt, was heißen sollte: Kein Wort darüber. Im Momente wäre der schlaftrunkene Bachur auch kaum eines Wortes fähig gewesen. Bestürzt und verwirrt wie nie im Leben, begab sich Mosche wieder in sein Zimmer. Cwas hinderte ihn, im Bethanse nachzusehen. Tr suchte sein Bett auf, fand aber keinen Schlaf mehr. Cr suäste sich einznreöen, daß das ganze Trieben nur ein Traumgebildc war, aber es gelang ihm nicht, die harte greifbare Wirklichkeit aus dem Erlebnis auszustoßen. Was hatte der Alte da mitternachts mit Hammer und Zange zu schaffen, was hatte er im Sacke? Was bedeutete das Ganze? Tr griff nach einem Talmudbandc, wollte die Zeit bis zum Morgengrauen mit dem Studium ausfüllen. Auch das gelang nicht. Satan, der Versucher, hatte einen weißen Bart und die Gestalt des greisen Lehrers' in seinem abseitigen Lehrhause. Tr, der Versucher, klopfte mit seinen dürren, knochigen Fingern auf die aufgeschlagene Talmudseite. „Hast du es nun mit eigenen Augen gesehen?" Ts war alles verworren und verschoben, die Welt ein Rarrenhaus. Das machte alles diese merkwürdige Stadt rnit dem spitzen Rainen und den spitzen Menschen. Hier war alles möglich. „Rein, es war nicht möglich! . . Cs fiel ihm nicht leicht, das Geheimnis der Rächt Rabbi Rosson gegenüber zu wahren. Cr war betrübt, zerschlagen, zerstreut. Rabbi Rosson merkte es und deutete es auf seine Art. „Du darfst dir meine Crfahrungen nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Die gleichen, die mich nicht mögen, lieben d i ch. Zu den heiligen pergamenten, die man allein nicht rollen kann, gehören die Holzgriffe und die schönen Beschläge dazu. Mir sind sie von der Vorsehung nicht gegeben. Du wirst eine Thora mit Griff und Beschlag, mit Krone und Schild sein, die den Inhalt der heiligen Pergamente in Anmut und Schönheit den Menschen nahebringt ..." Justament musste der Rabbi beute von den Griffen und Beschlägen, von den Kronen und Glöckchen sprechen. Cs war alles voll unheimlicher Verwirrung in diesem Hause, in dieser Stadt, in diesem Lande. Roch konnte er sich nicht entschließen, im Bethause nachzusehen, aber wenn morgen, Donnerstag, die Thora ausgehoben werde . . . Cr wagte nicht den Gedanken weiter zu denken . . . An diesem Abend war Mosche beim gemeinsamen Studium mit den: Meister zum ersten Male nicht ganz bei der Sache. „Was sie mir antun," dachte Rabbi Roffon, „ist nicht wichtig, gelingt cs ihnen aber, auch dieses aussteigende Licht zu verdüstern, dann wäre, es wohl an der Zeit, dieses stcherzustellen ..." Der Abend nahm einen ganz ungewohnten Abschluß. In vorgerückter Stunde polterte.ein polizcikommissar in Begleitung eines Gendarms und eines Sekretärs des Magistrats säbelklirrend ins Zimmer. Der Kommissar grüßte kurz, bat, die Störung zu entschuldigen und sagte in trockenem Amtstone, er habe hier eine Amtshandlung, will heißen eine Haussuchung vorzunchmen. Cs sei ihm unangenehm, aber Dienst sei Dienst'. Cine Order auf Grund einer Anzeige. „was wünschen die Herren bei mir zu suchen?" sah Rabbi Rosson sanft ohne Scheu vom Folianten aus, „ich könnte ihnen die Arbeit erleichtern." „Cs mußnach Gesetz," erklärte der Kommissar, „alles Gold und Silber, auch Gerät aus jeglichen: Edelmetall an die Krone abgegeben werden. Das Gesetz wurde seinerzeit zu Recht erlassen und ordnungsgemäß verkündet. Wer zuwiderhandelt, wird mit Gefängnis bis zu drei Monate»: bestraft und geht außerdem der Gegenstände wie ihres Gegenwertes verlustig." Rabbi Rosson lächelte: „Ich bin nicht mit Gold und Silber beladen hireher gekommen. Meine einzigen Wertgegenstände liegen hier vor aller Welt. Mm: wird schwerlich etwas darunter finden, was an die Krone abzuliefern wäre." Der Kommissar holte einen Konzeptbogen heraus: Seine Order, wohl auch die Anzeige. Cr deutete mit den Fingern auf eine Stelle: „In: Oberstock'ist ein Zimmer, in denn der deutsche Rabbi wertvolles, kunstvoll gearbeitetes Silber aufbewahrt, ohne es je der Behörde angemeldet zu haben." Rabbi Rosson erblaßte. Run begriff er. Aber Mosche, dem Bachur, schimmerte eine Erkenntnis auf. Roch war alles so verworren, daß man es nicht nüt Worten sagen konnte. Soviel begriff er indes, daß jetzt jedes Wort von Schaden wäre. „Ich habe oben meine Andachtsstube," versuchte Rabbi Rosson etwas zu erklären. Mosche fiel ihm ins wort. Zum ersten Male in seinem Leben. „Hier der Schlüssel, zum Obcrgemach," sagte er rasch und lauter als nötig, „ich darf die Herren hinaufführen." Der Kommissar hatte aber das Wort von der Anöachisstube gehört. Cr deutete wieder auf eine Stelle im Aktenbogm und las: „Sollte der deutsche Rabbi sich darauf berufen, daß cs unentbehrliche Kultgegenstände feien, so sei demgegenüber betont, 'daß Kultgcräte in die Synagoge gehören und auch solche angezeigt werden müssen. Das Obergemach des deutschen Lehrers aber ist keine Synagoge und hat keinen Anspruch aus Sonderrechte!" Schweigend gingen sie die schmale Treppe hinauf. Mosche voran mit Licht und Schlüssel. Mau suchte in den Pulten undunter den Bänken. „Oeffneir," kommandierte der Kommissar. Als der Gendarm an die Heilige Lade heranwollte, kam ihm Rabbi Roffon eilends zuvor, küßte, ein Gebet auf den Lippen, den Vorhang, zog ihn zurück, öffnete. Seine Beine schlotterten, sein 'Auge heftete sich auf die Thorarolle. Was war das? Beinahe hätte er im ersten Schrecke aufgeschrieen: „Wo sind die Silberbcschläge?" Aber er faßte sich rasch und sagte nur: „Hier meine heilige Thorarolle, habe sie ans der Heimat mitgebracht." „Und wo ist das Silber?" „Cs ist," wie die Herren sehen, „kein Silber daran," beeilte sich Mosche zu antworten. „Wo habt Ihr das Silber verwahrt?" Schon deutete Rabbi Roffoit auf den unteren Schrein. Eilig bückte sich Mosche, die Angst des Lehrers verdeckend, und schloß dm Schrein auf. Cs war nichts drin, außer einigen bestickten Wimpeln, einem alten Talith und einem älteren Thoramäntclchen. von Silber keine Spur. Der Kommissar ließ sich Tinte und Feder geben, schrieb etwas aus den gleichen Aktenbogen und ließ es von : seinen Begleitern unterschreiben. „Cs gibt böse Menschen auch unter euch," entschuldigte er sich, „man hat euch verleumdet und uns irregeführt. Verzeiht die Störung und gute Rächt ..." Als die Beamten gegangen waren, sahen sich Lehrer und Schüler mit langen Blicken schweigend an. Mosche wußte nun alles, Rabbi Roffon begriff nichts. Ciu Wunder war vor seinen Augen geschehen. Aber wo war das kostbare Silber? Mosche schwieg. „Wenn gestohlen, so danken wir G'tt dafür. Was der Himmel einem beschert, ist zum Guten. Wie hat doch dag Talmudwort wieder einmal Recht behalten!" „Cs kann sich vielleicht auch wieder einstellen," tröstete der Schüler und suchte nach einem Uebergang zum Berichte über seine nächtliche Wahrnehmung. Cs wurde ihn: dies erspart, denn nun ging die ' Türe auf und über die Schwelle trat der Greis aus der Lernstube, das Säckchen ans den schwachen Schultern. Kurz und brummig legte ec das Säckchen auf dm Tisch: „Hier, Rebbe, Cuer Silber. Ihr werdet guttun, es in die Heimat zu schaffen, hier ist es nicht sicher ..." In die Heimat schaffen! Rabbi Roffon schüttelte den Kops. Tr glaubte gehört zu haben, er möge je rascher je besser sein Silber selbst in die Heimat bringen ... Mosche sah zum Alten hinauf. Cr hatte ihn: in: Herzen etwas abzubitten. In Talmudberichtcn hatte er oft gelesen, daß rn Stundei: größter Rot ein Engel oder Clljahu, der Prophet, erschienen war, zumeist in der Gestalt von bekannten Menschen, um die Rettung im letzten Augenblick, das Hell vor den: Schlage, zu bringen. Clljahu, der Prophet, war in jener rätselhaften Rächt mit Hammer und Zange erschienen und batte die Gestalt des „Machzis Hafchekcl" ange-. nommen. Davon ließ er sich jetzt durch die leibhafte Gestalt des Lehrers und feinem brummigen Bekenntnis zu der Tat nicht mehr abbringen. Die beiden Lehrer aber warm schon vertieft ins Gespräch, in eine weit verwickelte halachische Abhandlung, ob und inwieweit man nach dem Ausspruch von Samuel im Talmud über die religiöse Rechtsgültigkeit des Staatsgesctzcs einer behördlichen Beschlagnahme entgehen dürfe, wenn sie sich auf Gegenstände bezieht, die der Thora dienen. Cs häuften sich Argumente und Gegenargumente, und zun: Schluffe waren beide Lehrer wie der Schüler darüber einig, daß in diesem Falle, wo das Gesetz selbst Kultnsgegenstände von der Erfassung ansniinint, und. nur böswillige Verleumdung mit im Spiele war, Geräte der Thora ihres heiligen Charakters zu entkleiden, daß in diesem Falle es sogar im Sinne des Gesetzes liege, sie ibrer heiligen Bestimmung zu erhalten.

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