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Der Israelit · 1933-02-09 · Heft 6 (9.2.1933) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 6 (9.2.1933)
Date
1933-02-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 6 Der Israelit 9. Februar 1933 Papeterie H. OPPENHEIM ' ' ' 8ERHHQRD RUBIHSTEIH FRANKFURT A. M., 0SERMAIKSTRASSH81 Fernsprecher 48005 gegründetJ864 SPEZIALITÄT: —— Besuchskarten, Dankkarten in Lithographie, Buchdruck u. Steindruck und sämtliche Familienanzeigen Auf telefonischen Anruf komme sofort mit Muster ins Haus Gleichzeitig Annahmestelle von sämtlichen Familien- Anzeigen für sämtliche Zeitungen speziell Frankfurter Zeitung zu Originalpreisen Anstalten sich der gefundenen Kinder annehmen und sie satt machen werden. Daß bei den bekannten Verhältnissen im jüdischen Familienleben jüdische Mütter ihre Kinder aussetzen, ist Zeichen einer nicht mehr zu ertragenden Not unter den jüdischen Massen. Die Warschauer Staatsanwaltschaft hat in den letzten Wochen gegen etwa 30 jüdische Mütter, die ihre Kinder aussetzten, Strasklage erhoben. In der Regel werden diese Mütter auf folgende Weise ermittelt: Bringt eine Mutter ihr fast verhungertes Kind in das Kinderheim, so nimmt man es ihr nicht ab; setzt sie es aber aus, so wird es in das Kinderheim gebracht, wo es auch verbleibt. Nachher melden sich die Mütter im Heim, um nach ihrem Kinde zu sehen. Den Müttern wird aber erst dann gestattet, ihre Kinder wiederzusehen, wenn sie von der Staatsanwaltschaft eine Bescheinigung mitbringen, daß gegen sie wegen Kindesaussetznng Anklage erhoben worden ist. Dieses Verhalten der Kinderheime und Findelhäuser bringt eine kuriose Situation mit sich: Unglückliche, verhärmte Frauen belagern die Staatsanwaltschaft und bestürmen die Beamten, doch nur recht bald den Anklageakt gegen sie fertigzustellen, damit sie Gelegenheit haben, ihre Kinder wiederzusehen. Auf Kindssaussetzung steht in Polen eine Strafe bis zu fünf Jahren Gefängnis. Die Richter zeigen sich aber milde und verhängen verhältnismäßig geringe Strafen. Grünbaum und Oberrabbiner Lewin im Sejm. Warschau, 6. Febr. Wärhend der allgemeinen Aussprache über das Budget im polnischen Sejm verurteilte der sozialdemokratische Deputierte C z a p y n s k i die antisemitischen Unruhen in Polen, die die Staatsinteressen schädigen und die Jugend demoralisieren. I .G r ü n b a u m sprach im Namen des Jüdischen Klubs und ließ es sich nicht nehmen, der Regierung vorwerfen, daß sie den ökonomischen Ausrottungsprozeß gegen die Juden unterstütze und das innerjüdische und religiöse Leben ihren „jüdischen Knechten" (er meinte die Orthodoxie) ausgeliefert hätte. Der agudistische Deputierte, Oberrabbiner Seroin, schilderte die jüdische Not in Polen und setzte sich mit den Nationaldemokraten auseinander. Die jüdische Bevölkerung im freien Polen, sagte Rabbi Lewin, wird sich nicht zu „Bürgern zweiter Klasse" degradieren lassen, sie fordert gleiche Rechte und wird von diesem Standpunkt nicht einen Schritt zurückweichen. Rabbi Lewin forderte eine radikale Aenderung in der Steuerpolitik, Aufnahme von Juden in staatliche und kommunale Aemter, Hilfe für die jüdischen Handwerker, Milderung des Zwangssonntagsruhegesetzes, Subventionen für die jüdisch-religiösen Schulen und die Gmillus Chassodim-Darlehenskassen und appellierte an die Regierung, das schwere Los der Juden in Polen zu erleichtern. Die Angriffe Grünbaums gegen das orthodoxe Judentum wies er scharf zurück und sagte, . Grünbaum trete in die Fußtapfen der Nationaldemokratie,' diese bekämpfen die Juden in ihrer Gesamtheit, Grünbaum bekämpft das religiöse Judentum. ,'Grünbaum ries Nabbi Lewin zu, seine Partei halte sich aufrecht mit der Hilfe der „Starostas" und der. „Wojlwoden". Rabbi Lewin erwiderte, ebenso wie die Juden In der Gesamtheit vor der Nationaldemokratie keine Angst hüben, so hat das religiöse Judentum vor G r ü n b a u m k e i n e A n g st. -Für diese scharfe Austragung innerjüdischer Differenzen von der Tribüne des Sejm wird in der jüdischen Oeffentlichkeit Polens und in der Presse Grünbaum allein! die' Schuld gegeben. Rutzland. Plan der jüdischen Aufbauarbeit in Rußland für 1953. . Moskau, 1. Febr. Hauptaufgabe der Aufbauarbeit für die Juden in Sowjetrußland ist gegenwärtig die Intensivierung der jüdischen Arbeit in Biro-Bidschan, damit dieses Land gemäß Beschlüsse des Zentralexekutivkomitees und der Volkskommissare der Sowjetunion Ende 1933 als jüdisches autonomes Territorium (Republik) ausgerufen werden könne. Daneben gilt es, die jüdische Kolonisationsarbeit in der Krim und in den jüdischen Rayonen der Ukraine zu konsolidieren. Von den 25 000 Juden, die 1933 nach Biro-Bidschan gebracht werden sollen, wird der größere Teil auf folgende Wirtschaftszweige verteilt werden: Landkollektiven 2100, Randstädtische Kollektiven 1200, Gewerbekollektiven 1880, Staatsindustrie 5900, Transportwesen 1900, Staatliche Landwirtschaftsunternehmungen 3300, Kommunale Wirtschaften 2900, Gewerbekooperationen 2000. Die Heranbringung der Neusiedler nach Biro-Bidschan hat bereits begonnen. Im ersten Jahresviertel sollen nur 1500 Personen seßhaft gemacht werden. Viel Gewicht wird darauf gelegt, genügend fachlich ausgebildete Arbeiter in das Land zu bringen. Arbeitsuntaugliche Elemente werden zurückgeschickt. Das Zentralexekutivkomitee der Sowjetunion hat sich in seiner kürzlich beendeten Tagung mit dem Aufbau von Biro-Bidschan als autonomeim jüdischen Lande befaßt und beschlossen, für das Jahr 1933 eine Summe von 26 Millionen Rubel für die Arbeit in Biro-Bidschan zur Verfügung zu stellen. Etwa zehn Millionen Rubel sollen für die Entwicklung der Landwirtschaft, einschließlich Meliorationen, zehn Millionen Rubel für die Industrialisierung, 1 800 000 Rubel für Volksbildung, 1 200 000 Rubel für kommunalen Aufbau und 387 000 Rubel für Gesundheitsschutz verwendet werden. Noch im Verlauf dieses Jahres sollen große Industrie- Unternehmungen geschaffen und vor allem die Vorbereitungen zur Ausgestaltung Biro-Bidfchans als metallurgische Basis für den russischen Fernen Osten getroffen werden. Außer den von der Regierung zur Verfügung gestellten 26 Millionen Rubeln werden mehrere Millionen Rubel aus Mitteln gesellschaftlicher Verbände wie Ozet (Geserd), die Lotterien zugunsten Viro-Vidschans im gesamten Sowjetreich veranstaltet, dem Biro-Bidschon-Werk zufließen. Das Zentralexekutiokomitee beschloß, sechs Millionen Rubel für jüdische Kolonisationsarbeit in der Krim, namentlich zur Konsolidierung der jüdischen landwirtschaftlichen Kollektiven, zur Verfügung zu stellen. Die jüdischen Kollektiven in der Krim werden in diesem Jahre mindestens 200 Hektar Gemüsegärten und 100 Hektar Weingärten, ferner 115 000 Hektar landwirtschaftlichen Boden bearbeiten. Man rechnet damit, daß Agro-Ivint in Amerika seinerseits in diesem Jahre zwei Millionen Rubel dieser Arbeit zuführen wird. Die Moskauer Zeitung „Emeß" veröffentlicht einen Aufruf zur „Selbstmobilisierung" jüdischer Fachleute und Intellektueller aus Moskau, Kiew, Leningrad und Charkow zur Führung des Aufbauwerkes in Biro-Bidschan. Es fehlen Bauarbeiter, Traktorführer, Agronome, Ingenieure, Bautechnitzer, Äerzte, Dentisten, Viehärzte, Lehrer usw. Diesen „Spezialisten" werden Gehälter in Höhe von 250 bis 500 Rubel monatlich samt Wohnung und Nahrungsmittelversorgung auf staatlicher Grundlage zugesichert. Der-Endtermin für Paßbeschaffung. ' M o 5 I a u, 2. Febr. Gemäß Verordnung des Rates der Volkskommissare ist der Endtermin zur'Beschaffung von Pässen für Einwohner der Großstädte vom 15. April äuf-den'15. Juni, die Anmefdpng der Pässe auf den 15. Juli 1933 verschoben wordpn- Durch diese Verordnung^ hat die Lage von 3el)ntausenden ,jüdischen..Einwohnern . in; Moskau, Leningrad, &fyariom, kicy. und anderen Städten und Industriezentren eine gewisse Erleichterung erfahren. - ... Äläzzöth-Bcrckien in Rußland erlaubt. i s -i London/ 3. Febr. Der Rußland-Vertreter der Londoner Föderation jüdischer Hrlfsgesellschaften. teilte der Föderation, auf ihre .Anfrage mit, daß die Meldung,palästinensischer..Zeitungen, wonach die Sowietbehörden in diesem Jahre das Backen von Mazzoth zum Peffachfest verboten haben, jeder Grundlage entbehrt. Die zuständigen Sowjetbehörden versichertender Föderation, daß an ein solches Verbot nie gedacht worden ist. Auch seitens der Botschaft der Sowjetunion in London wurde die Föderation benachrichtigt, daß das Backen von Mazzoth in Rußland durchaus erlaubt ist.. Rumänien. Oer rumänische Patriarch an die christliche Studentenschaft. Bukarest, 1. Febr. Die Regierung hat nach Fühlungnahme mit dem Patriarchen als Oberhaupt der orthodoxen Kirche Rumäniens und' den Führern des „Heldenkultverbandes" die Niederlegung eines Blumengewindes in Kreuzesform durch die „Eiserne Garde" auf dem Grabe des „Unbekannten Soldaten" bewilligt. Patriarch Dr. Miron C r i st e a hielt in der Metropolitan-Kirche vor Taufenden Studenten und „Eisengardisten" eine Ansprache, die mit den Worten schloß: „Indem ich euch meinen Segen erteile, bitte ich G'tt, er möge euch beistehen und euch die seelische Kraft verleihen, auch in Zukunft den christlichen und rumänischen Charakter dieses Landes zu wahren, ohne die Angehörige n anderen Volkstu in s und anderen Glaubens zu verletzen, die G'tt verpflanzt hat auf dieselbe heilige Erde des gemeinsamen Vaterlandes, mit dem wir sie physisch und seelisch verknüpfen wollen, auf daß auch sie ein glückliches Dasein finden im Heim unserer rumänischen Massen." Der Belagerungszustand in Rumänien und die Juden. Bukarest, 5. Febr. Die rumänische Kammer beschloß, im Hinblick auf erwartete Streiks und Unruhen den Belagerungszustand über gewisse Teile des Landes zu verhängen. In der Debatte vorher sprach sich der jüdische Abgeordnete Michael Landau entschieden gegen die Verhängung des Belagerungszustandes aus, indem er darauf hinwies, daß bei einem solchen Zustand die Juüenheit, besonders die in Veßarabien, mannigfachen ungerechtfertigten Schikanen und Unterdrückungen seitens der Behörden ausgeetzt ist. Im übrigen erkannte er an, daß es der nationalen Bauernregierung im allgemeinen gelungen ist, riedliche Zustände zu sichern. Andere Redner, die ebenalls gegen die Verhängung des Belagerungszustandes 'prachen, betonten, daß für Rumänien die Gefahr von rechts, d. h. von der Seite der Cuzisten und Eifengardisten größer sei als die Gefahr von links. Der Präsident des Senats, Chostachescu, sprach für den Belagerungszustand und verwies auf die letzten antisemitischen Unruhen in Jassy, wobei er erklärte, daß die Demolierung eines jüdischen Hauses eine große Schmach für das Land sei. Wie aus Jassy gemeldet wird, gibt der Chef der Jassyer Polizei in einer Kundgebung zu, daß sich die Polizei bei den antisemitischen Unruhen in Jassy passiv verhalten hat. Wenn es sich auch, sagte er, um einen Exzeß jugendlichen Enthusiasmus handelt, sei eine solche Passivität vom Standpunkt des Gesetzes bedauerlich. AntiMifche Unruhen in Jassy und in Großwardein. Jassy, 1. Febr. Antijüdische Unruhen bedenklicher Natur ereigneten sich in Jassy anläßlich eines von. Mitgliedern der Eisernen Garde am Grabe des Unbekannten Soldaten, veranstalteten G'ttesdienstes, der vom Jassyer Metropoliten geleitet würde. Nach Schluß des G'ttesdienstes zogen die Teilnehmer zürn Haufe des jüdischen Bürgers Aranooici in der Äähe der-Kirche Nicolae Domnesc. Unter den Rufen: „Ein Judenhaus darf nicht in der Nähe der.^Kirche. stehen!" demolierten, sie das- Haus bis auf den Grund. - . :, . , - Das, Haus, des Aranovicr war schon Um! vergangenen Jqhre. en Angriffsziel der-Jassyer Antisemiten. Es wurde zum grpßen Teil durch,..Mitgliedes -:her-,Msernen Garde zerstört, wöbest die „Eisengardistön" die Gendarmen, die ie an ihrem Zerftörungswerk hindern wollten, überwältigten, aber schließlich doch von ihrem Treiben lassen ckußten. Aranovici konnte sein Haus wieder in Stan-djetzen, das diesmal öeT ZerfkörüNgswüt des Pöbels völlig zum Opfer fiel. 70

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