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Der Israelit · 1933-02-09 · Heft 6 (9.2.1933) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 6 (9.2.1933)
Date
1933-02-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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9. Februar 1933 Korrespondenzen « nacftricbien. Dstzrksches Reich. Die neue Notverordnung. Berlin, 7. Februar. Die neue Notverordnung zum Schutze des deutschen Volkes enthält u. a. folgende Bestimmung: „Druckschriften, deren Inhalt geeignet ist, die öffentliche Sicherheit oder Ordnung zu gefährden, können polizeilich beschlagnahm t und eingezogen werden, u. a. wenn in ihnen eine Religionsgefellschaft des öffentlichen Rechts, 'ihre Einrichtungen, Gebräuche oder Gegen ft ände ihrer religiösen Verehrung beschimpft oder böswillig verächtlich gemacht werden." Danach darf man hoffen, daß der größte Teil der nationalsozialistischen Presse sich umstellt oder schleunigst verboten wird. Ausländer in Berlin. Berlin, 7. Febr. Entgegen ausländischen Berichten über eine „Massenflucht von ausländischen Juden aus Berlin" nach Gründung des Hitlerkabinetts, weiß die ITA. auf Grund einer Leim Polizeipräsidium eingeholten Auskunft mitzuteilen, daß die Angaben aus der Luft gegriffen feien. Es habe stch seit Juli 1932 in der Behandlung der in Berlin lebenden Ausländer nichts geändert und würde sich in nächster Zeit auch nichts ändern. In der Behandlung der in Berlin arbeitenden Ausländer trete zunächst sogar eine Erleichterung ein; während bisher von ihnen sowohl der Vorweis der Aufenthaltsbewilligung wie der der Ar- Leitsbewilligung durch das Landesarbeitsamt gefordert wurden, wird in Zukunft der Besitz eines dieser beiden Dokumente für die Zulässigkeit ihrer Anstellung als hinreichend angesehen werden. Ernst Cohn wird geopfert. Breslau, 1. Febr. Wie nachträglich bekannt wird, hat der Rektor der Breslauer Universität, Professor B r o ck e l m a n n , der bei ihm erschienenen Abordnung der nationalsozialistischen Studentenschaft, des Studentenrings und der übrigen reaktionären Studentenschaft das Versprechen gegeben, daß er sich mit seiner ganzen Person für die Erfüllung der in dem ihm übergebenen Schreiben enthaltenen Forderungen einsetzen wird. Diese Forderungen enthalten auch das Verlangen, daß die Vorlesungen von Professor Ernst Cohn bis zur endgültigen Entscheidung durch das neue preußische Kultusministerium unterbrochen werden sollen.; Der „Völkische Beobachter" weiß zu melden, daß Professor Ernst Cohn, der am Dienstag an der Breslauer Universität noch gelesen hatte, bis auf weiteres keine Vorlesungen mehr halten wird. Inzwischen hat auch - der - deutschnationale kommissarische preußische Kultusminister, Pros. Dr. Kaehl e r, dem nationalsozialistischen Studiendirektor Dr. Rust aus Hannover weichen müssen, nachdem sich Dr. Kaehler durch die Genehmigung der belgischen Kunstausstellung und durchs sein Eintreten für Professor Cohn- Breslau in nationalsozialistischen Kreisen äußerst mißliebig gemacht hat. > Breslau, 2. Febr. Der Fall des Professors Ernst Cohn hat am 1. Februar eine neue Zuspitzung erfahren. Nachdem der Rektor der Breslauer Universität den Wünschen der nationalsozialistischen Studenten auf Zurückziehung der Kriminal- und Kontrollbeamten aus der Universität Folge geleistet hat, ist es am Mittwoch von neuem zu Kundgebungen und Tumultszenen gegen Professor Ernst Cohn gekommen. Nunmehr hat Rektor Brockelmann an Professor Cohn ein Schreiben gerichtet, in dem er ihm mitteilt, daß er den Schutz seiner Vorlesungen und die Sicherheit von Leib und Leben seiner Hörer nicht mehr gewährleisten könne. Er würde es deshalb für richtig halten, wenn Professor Cohn seine Vorlesungen für die Der. Israelit Nr. 6 Seite 5 Die Woche. Verkitt. Der L u b a w i t sch e r R c b b e, Rabbi Schneiersohn, ist aus Riga in Berlin eingetroffen, wo er sich einer Kur unterziehen mutz. — Die zweite Auflage des vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten herausgegebenen Gedenkbuches der jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres 1914—1918 ist nunmehr erschienen. Die erste Auflage war bereits unmittelbar nach ihrem Erscheinen vergriffen und auch von der neuen Auslage sind einige Tausend Eremplare vorbestellt. — Voraussichtlich wird auch diesmal eine Fülle von Flugblättern und Broschüren erscheinen, in denen die verschiedenen Parteien Deutschlands zur Iudenfrage Stellung nehmen. Das G e s a m t a r ch i v der deutschen Juden (Berlin N. 24, Oranienburgcrstratze 24) bittet, wie bei früheren Gelegenheiten, auch diesmal ihm solche Flugschriften und Flug-- blätter, möglichst in mehreren Exemplaren, zur Verfügung zu stellen. — In der Nacht zum 2. Februar verstarb in Berlin an den Folgen einer Grippe Iustizrat Felir M a k o w e r 'im 70. Lebensjahre. Als ein angesehener Rechtsanwalt beteiligte er sich an den großen Organisationen der deutschen Iudenheit und war der letzte Vorsitzende des ,,Verbandes der deutschen Juden". — In der am 31. Januar stattgefundencn Vorstandssitzung des Deuts ch- Israelitischen Gemeinde - Bundes ist Direktor Heinrich Stahl, Mitglied des Vorstandes und Leiter des Wohlfahrtswesens der Jüdischen Gemeinde Berlin, als Nachfolger von Professor Moritz Sobernheim zum ersten Vorsitzenden des Bundes gewählt morden. Hamdnrg. Am Samstag vormittag wurde ein jüdischer Kaufmann beim Verlassen der Synagoge von uniformierten N. S. angefallen und schwer verletzt. — Der Verlag des „Israelitischen Familienblattes" hat einen Preis von 2000 Mark für Ermittlung der Urheber des Anschlags auf Esriel Carlebach in Hamburg ausgesetzt. Der Ileberfallcne konnte inzwischen soweit wiederhergestellt werden, daß er demnächst seine Tätigkeit teilweise wieder ausnehmeit wird. Darmstadt. In Friedberg (Oberhessen) sind in der Nacht zum Sonntag zum dritten Male innerhalb einiger Wochen an einem jüdischen Kaufhause sämtliche Erkerscheiben eingeschlagen worden. Die Täter konnten bis jetzt nicht ermittelt werden. Königsberg. Die Deutsche Studentenschaft au der Handelsschule zu Königsberg hat eine Entschließung gegen Professor Artur Feiler gefaßt. Es wird schon lange versucht, ans dem Fall Feiler einen Königsberger „Fall Cohn" zu machen. Professor Feiler ist den Frankfurtern als früherer Wirtfchaftsredakteur der „Frankfurter Zeitung" und aks einer der feinsten Köpfe in unsrem politischen und Wirtschaftsleben bekannt. Mit Juden und Iudeutum hat er nie etwas zu tun gehabt. Breslau. Bei Ausschreitungen im Anschluß an eine Kundgebung der „Eisernen Front" wurde am 5. Februar auf dem Reichspräfidentenvlatz der jüdische Student Walter S t e i n s e l d , Sohn einer geachteten Breslauer Familie, n i e d e r g e st o ch e n. Stciiifeld befand sich aus dem Heimwege und war au der Demonstration nicht beteiligt. Zwei Nationalsozialisten, die der Bluttat verdächtigt sind, wurden verhaftet. Amsterdam. Im Alter von 54 Jahren verstarb soeben Ingenieur Dr. F. C. van L i e r, Bürgermeister von Macas - s a r, der Hauptstadt der Insel Celebes in Holländisch-Ostindlcn.' Er war der erste Jude, der ein Bürgermeisteramt in Holländisch-Ostinvien bekleidete. Die Juden Hokkänd'isch-Indiens verehrten in ihm ihren Führer. Genf. Im Alter von 73 Jahren verstarb der G ranL R a b b i n von Genf S. B a l i z e r. Er war. ohne über seinen Wirkungskreis 'hinaus besonders öffentlich heroorziltreten, in seiner Gemeinde sehr populär. Paris. Die Pariser russischjüdische Kolonie feierte am 31. Januar den 70. Geburtstag Henri Sliosbergs, der im jüdischen Leben Nußlands eine große Rolle gespielt hat. Jahrzehntelang kämpfte er gegen die Willkür der Verwaltungsorgane. Bei der Ikntersuchlliig in der Nitualmordaffäre in Wilna 1900 spielte er eine führende Rolle und setzte die Freisprechung des Angeklagten Blondes durch. Nach den Pogromen in Kikchincw 1902. und Homo! 1903. organisierte er die Anklageerhebung gegen die Pogromschuldigen, auch an der Verteidigung im Kiewer Nitnalmordprozeß B e i l i s uahin er' hervorragenden Anteil. Paris. Am 16. Tewcth war der 100. Geburtstag von Baron Harare von Ginzburg. Aus diesem Ansatz ist-am Samstag Abend ein feierlicher G'ttesdicuft in der Pariser Hauptsyncigoge und am Sonntag daraus eine große Traucrfeier abgehalten worden. nächsten Tage aussetzen wollte. Rektor Brockelmann zog selbst die Schutzmaßnahmen zurück, die ihm nach den Weihnachtsferien der Kommissar für das preußische Kultusministerium Prof. Kaehler empfohlen hatte, und erklärte, daß Professor Cohn nunmehr die Verantwortung, für etwaige Zwischenfälle tragen werde. Die national» sozialistischen Studenten drohten, sie würden nunmehr jeden Studenten, der es wagen sollte, bei Cohn zu hören, aus dem Fenster werfen. Professor Cohn hat sich beschmerdeführend an das Ministerium in Berlin gewandt und am Schwarzen Vrett der Universität bekannt gegeben, daß er sich entschlossen hat, bis zur Entscheidung des Ministeriums keine Vorlesungen abzuhalten. — Man darf bei der heutigen Windrichtung in Berlin darin den unrühmlichen Abschluß des Falles Cohn sehen. Das soziale werk der Hamburger Jüdischen Gemeinde. Hamburg, 1. Febr. Zum ersteu Vorsitzenden des Repräsentantenkollegiums der Deutsch-Israelitischen Geineinde Hamburg wurde Dr. F r ä n k e l wiedergewählt, zum zweiten Vorsitzenden wurde Alexander L e v y , zu Schriftführern wurden Heinemann und Dr. Kalmus gewählt. In der darauffolgenden vertraulichen Sitzung wurde der bisherige erste Vorsitzende des Vorstandes, Alfred Levl), dessen Amtszeit abgelaufen war, wiedergewählt. Das Repräsentantenkollegimn bewilligte dem Vorstand des A l t e n h a u s e s in der Sedänstraße 10 000 Reichsmark zum Ausbau des zweiten Stockwerks, wodurch weitere sieben Zimmer beziehbar werden, die dringend benötigt wurden, da auf die Ausschreibung eines Zimmers sich in -letzter Zeit 60 bis 80 Bewerber einfanden. Ein Antrag auf Gründung einer selbständigen Darlehnskasse wurde angenominen. In zweiter Lesung wurde das neue Steuerprojekt der Gemeinde angenomnren. Danach wird nicht nur die Einkomlnensieuer, sondern auch die Bermögenssteuer herangezogen, aber nur eine, die höhere, Steuer bewertet. Oesterreich. Protest gegen das Frauenwahlrecht. Wien, 1. Febr. Der Vorstand der Wiener Agudah-Organisation faßte die folgende Entschließung: „Der Vorstand der Agudas Jisrool hat mit Bedauern und Entrüstung davon Kenntnis genommen, daß der neugewählte Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in seiner ersten Sitzung den Veschlliß gefaßt hak, den Frauen das passive Wahlrecht für den Kultusvorstand zu verleihen. Es ist tief zu beklagen und muß schmerzlich berühren, daß eine Körperschaft, die durch das Gesetz verpflichtet ist, die religiösen Ausgaben der Wiener Judenschaft zu vertreten, sich in — nach dem einhelligen Gutachten maßgebender Autoritäten — so schroffen Gegensatz zum Religionsgesetz stellt. Die Agudas Jisroel, als Zusammenfassung der glaubenstreuen Judenschaft, legt gegen diese schwere Verletzung des religiösen Empfindens den schärfsten Protest ein und erwartet von allen Körperschaften, die den religiösen jüdischen Gedanken Hochhalten, daß sie sich diesem Protest anschließen." Schweiz. Frauelt- und Mädchenhandel tm Grient per dem völkcrbundsrat. Genf, 2. Febr. Der V ö l k e r b u n d s r a t hat in feiner heutigen Sitzung den Bericht der Untersuchungskommission zur Kenntnis genonnnen, die der Völkerbund nach dem Orient zur Erforschung der Probleme des Frauen- und Mädchenhandels entsandt hat. Bon dem 530 Seiten starken Bericht sind 20 Seiten der Lage in Palästina' gewidmet. In Palästina gibt es keine Bordelle, die Prostitution ist nicht reglementiert, sie ist einfach v er - boten. Es gibt aber eine geheime Prostitution in den Hafenstädten Haifa und Jaffa, an der Jüdinnen kaum beteiligt sind. Polen. Zahlreiche jüdische Aiütier wegen Aussetzung ihrer Kinder vor Gericht gestellt. Warschau,, 2. Febr. In der letzten Zeit kommt es häufig vor, daß jüdische Mütter, die kein Brot für ihre hungrigen kleinen Kinder beschaffen können, in ihrer Verzweiflung die Kinder aussetzen: sie tun dies in der Hoffnung, daß die öffentlichen

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