Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1933)
- Date
- 1933-02-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450756-2450762--79381-2537129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Nr. 6 Der Israelit 9. Februar 1933 Arabern und Juden hoffnungslos zu -verschlechtern geeignet seren, so halten wir das Gegend teil für wahrscheinliche r. Der fjcij; und das Mißtrauen des arabischen Nationalismus heftet sich an die Lalfour - Erklärung . und,. die durch sic hervorgerufenen zionistischen Großsprechereien, weil in dem kleinen Palästina jede „öffentlich-rechtlich" favorisierte jüdische Massencinwanderung als 'Auftakt zur Errichtung eines souveränen jüdischen Staatswesens mit arabischer lllin* derheit beargwöhnt wird. Dieses Mißtrauen würde sehr rasch schwinden, sobald die jüdischen Pläne auf e i n nun kulturell und religiös a u t o n o m e j ü d i s ch e S i c d l u n g in einem G r o ß - A r a b i e n oder groß-arabischen Staatenbnnde gerichtet wären. Daß aber eine solcke jüdische Siedlung tausendmal größere Aussichten auf Entfaltung und Erhaltung, jüdisch-nationalen Eigenlebens im traditionellen Sinne böte als ein paar erotische Iudenkolonien in Amerika oder Australien, wird wohl auch Herr Dr. Birnbaum zugeben. Ueberdies könnten die Juden dort in ganz anderem Sinne pronierdienfte leisten und sich die Dankbarkeit ihrer Umgebung erwerben als in irgendwelchen sonstigen Crdenwinkeln, wo sic noch dazu viel unmitelbarer zwischen die Pranken der imperialistischen und kapitalistischen Gegensätze der Weltpolitik geraten würden als im Orient. Herr Dr. Birnbaum spricht mit besonderem Respekt von den imposanten Leistungen der Zionisten — wir schlagen das subjektive Verdienst an diesen Leistungen viel geringer an, aber wenn man die als notwendig erkannten Rettungspläne im Einklang und in Sympathie mit den Zionisten verfolgen kann, statt im Gegensatz zu ihnen, so scheint uns das gewiß ein erheblicher Vorteil zu sein. Für uns ist das ein Moment mehr, das für den energischen Versuch spricht, soweit sekundär Auswanderung aus den gegenwärtigen Wohn ländern überhaupt in Betracht kommt, dafür allein den Orient, die Nachbarländer Crez Iisroels, ohne politische Aspirationen in Betracht zu ziehen. Hauptaufgabe der von Dr. Landau im Einver- .nehmen mit der „Aguöas Iisroel" angeregten Konferenz der Organisationen scheint uns indessen nach wie vor die ö k o n o m i s ch e H i l f e i n d e n L ä nö e r n der jüdischen Massensieölung zu s e i n, wo es der Aufgaben genug zu lösen gibt. «Mahnrufe aus Erez 3jsrod.“ Von Menachem Lewinski in Tel-Awiw. Unter dieser Ueberschrist beschäftigt sich der „Israelit" in Ur. 85 v. 29. Dezember v. I. mit meinem in Rr. 46 v. l 6. November gebrachten Wirtfchaftsbericht und glaubt Beweise dafür erbringen zu können, daß mein Bericht zu optimistisch gehalten sei. Ich gestatte mir auf diese „Beweise" etwas näher einzugehcn. Wenn der „Israelit" von mehreren Zuschriften „anderer Korrespondenten aus dein . heiligen Lande" spricht, die die Wirtschaftslage pessimistischer betrachten, so hätte es doch sicher um Interesse dieser eminent wichtigen Angelegenheit gelegen — handelt es sich doch um Uebersiedeln, oder nicht Uebersieöeln nach Crez Iisroel — diese Zuschriften unter Namensnennung zu. veröffentlichen. Ich hätte dann Gelegenheit, den Inhalt dieser Zuschriften auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Solange diese Zuschriften nur im Archiv der gesch. Redaktion ausbewäbrt werden, muß ich annehmen, daß es sich um Meinungsäußerungen nicht veranwortlich sein wollender, nicht im pulsierenden Geschäftsleben stehender Menschen, handelt. Ist es doch sogar nichts Seltenes, daß Leute, die sich niemals um Palästina gekümmert haben, plötzlich eine Mittelmeerreise machen, dabei zufällig einen palästinensischen Hasen anlaufen, drei Tage das heilige Land mit dem Auto durchrasen (in einem bekannten Falle noch kürzere Zeit) nunmehr heimkehren und jetzt die Welt durch Berichte, vereinsreden und auch mit Broschüren über die politische und wirtschaftliche Lage Palästinas beglücken. Aber auch in ^XYiP*’ px selbst gibt es gar viele Menschen, die, obwohl mit dem Wirtschaftsleben in keinerlei Verkehr stehend, sich berufen fühlen, Alarmberichte in die Welt hinauszuposaunen. Diese Art „Berichterstatter" kann man nur als Schädlinge des heiligen Landes bezeichnen. Ein objektiver, von keiner parteibrille getrübter Wirt- .fchaftsbericht kann nur von jemand gegeben werden, -der dauernd mit allen Wirtschaftszweigen persönlich in Fühlung steht, und. so das Wirtschaftsbarometer täglich beobachten kann. Als einen weiteren Beweis meines Optimismus glaubt der „Israelit" mir den Albdruck eines Artikels von Mosche Smilansky aus Rechowoth entgegenhalten zu können, einen Bericht, den die „Jüdische Rundschau" der Kolonialzeitschrift „Boustenai" entnommen hat. Ich kenne diese Kolonialzeitschrift nicht, ich weiß daher nicht, ob sie antisemitische Tendenzen hat, würde cs aber, sehr gut verstehen können, wenn dieser Bericht Smilanskys in einem „Hitlerblatte" erschienen wäre. Der jüdische Schriftsteller Sm. wagt es in seiner Zuschrift, das heilige Land, als ein Land von Schiebern und Spekulanten hinzustellen, als ein Land, in dem es ehrliche Geschäfte kaum gibt. Ich würde es der „Jüdischen Rundschau" überlassen, sich mit diesem jüdisch sein wollenden Schriftsteller auseinander zusetzcn, wenn nicht auch der „Israelit" dieses „Pamphlet" als Gegenbeweis meines Berichtes gebracht hätte. Sm. spricht von „einem Schreck- und Teufelstanz, einer schmählichen Spekulation in Grundstücken und schmutzigen Geschäften", während ehrliche Geschäfte seiner Meinung nach überhaupt nicht getätigt werden. Weiß denn Sm. nicht, daß Palästina jährlich für sechs Millionen Pfund ehrlich erworbene Waren ins Land einführt, weiß ec nichts davon, daß für ca. 2 400 000 Pfund Waren, insbesondere Weine und Früchte, ausgeführt werden, deren Erzeugung nur durch schwere, ehrliche Arbeit ermöglicht werden kann. Weiß denn Sm. nicht, daß es hier zehntausende Ehaluzim und Arbeiter, tausende Kaufleute, zahlreiche Fabrikanten und Akademiker gibt, die sich ihr Brot ehrlich verdienen. Allein in der Leder- und Schuhbranche beschäftigen sich mehr als zehntausend Menschen. Dennoch wagt es Sm., zu behaupten, daß Grundstücksspekulation und andere schmutzige Geschäfte das in die Augen springende Bild der Alijah sei. Ist es denn dem „Israelit" nicht bekannt, daß Smilansky hier im Lande von niemand mehr ernst genominen wird? Man weiß es hier wohl, ginge es nach den Prophezeiungen Smilanskys, so wäre das neu erbaute Palästina rn schon zehnmal untergegangen. Es ist wohl wahr, daß, wie ich dieses in meinem Bericht v. 10. Nov. v. I. hervorgehoben habe, die. Bodenpreise im Durchschnitt um 50—50 Prozent gestiegen sind und der Preis der Wohnungen dadurch um etwa 20—55 Prozent gestiegen ist. Zieht man aber in Betracht, daß fast sämtliche Baustoffe aus dem Ausland bezogen werden müssen und das Pfund nur noch knapp 70 Prozent der früheren Kaufkraft hat, so ist diese Steigerung als ganz normal zu betrachten und kann hierbei weder von Wucher, noch von „Schreck- und Teufelstanz" gesprochen werden.- Ich überlasse es der „Jüdischen Rundschau", ihre Leser mit derartigen Schreckberichten zu speisen und überlasse es auch dem Empfinden der „Rundschau", ob solche, wenn auch nicht ernst zu nehmenden Berichte im Interesse des von ihr stets geforderten Aufbaues liegen. Ich möchte noch auf einige „Beweise" eingehen, die mir ob meiner angeblich zu optimistisch gehaltenen Berichte entgegen gehalten werden. Vorweg möchte ich bemerken, daß ineine Berichte in der Hauptsache für unsere d^xy, für p’S’anwdie auf dem Boden bcx-mipn nnn stehen, abgestimmt sind. Unsere Gesinnungsgenossen im heiligen Lande haben ein spezielles Interesse daran, daß recht viele auf dem Boden der Thora stehende Menschen ln das heilige Land zurückkehren. Von dieser Anschauung heraus sind nreine Berichte zu betrachten. Wenn ich nun in meinen Ausführungen vom!0. Nov. v. I. gesagt habe, in einigen weiblichen Berufen sind noch gute Aussichten vorhanden, so ist es natürlich auch mir bekannt, daß hier im Lande genügend „Anwärterinnen" vorhanden sind -— genügend Angebote wohl — aber woran es mangelt, das sind genügend ausgebildete Bewerberinnen. Besonders im Haushalt fehlt es an frommen, in der Wirtschaft gut ausgebildeten junt gen Mädchen, mit deutscher. Gründlichkeit und Sauberkeit, derselbe Mangel herrscht fast in allen männlichen und weiblichen Berufen und deshalb werden trotz oft genügender Anwärter, deutsche Bewerber,' mit guter Ausbildung, ohne weiteres bevorzugt. Nicht so günstig liegen, wie ich immer wieder hervorheben muß, die Verhältnisse für kaufmännische Angestellte, deren es hier im Lande genügend gibt und von vornherein sprachkundiger als unsere neu einwandernden sind. Ich würde allen jungen Kaufleuten, die Herkommen wollen, raten, umzusatteln und ein Handwerk gründlich zu erlernen. Ich habe auch niemals bestritten, daß genügend Aerzte und sonstige Akademiker im Lande sind, ich habe immer nur hervorgehoben, daß für einige tüchtige deutsche Chirurgen und Spezialfachärzte. Platz vorhanden sei. Tatsache ist, daß die Aerzte im allgemeinen und die hier wohnenden deutschen Aerzte insbesondere, gut beschäftigt sind. Ebenso muß ich es bestreiten, daß, wie Smilansky behauptet, es heute schon mehrere hundert Familien gibt, die auf keine Weise eine Erwerbsmöglichkeit finden können. Selbst wenn ich diese Zahl als richtig unterstellen würde, so liegt die Schuld in solchen Fällen wohl meistens an diesen Familien selbst, die entweder ohne jegliche Mittel ins Land gekommen sind, oder sich trotz vorhandenen Kapitals, zu nichts entschließen können. (Cs soll auch in px1? rmn solche unentschlossene Menschen geben). Ich selbst kenne hier viele solcher Familien, die sich zu keinem Projekt — sei es auch das vorteilhafteste —' entschließen könnet) und lieber ihr Kapital aufzehren. Ich kenne aber auch viele, viele Familien, die nur mit einigen hundert Pfund hergekommen sind und sich sehr guter Existenzen erfreuen. Ich wiederhole ausdrücklich, daß es sehr gut möglich ist, sich mit einigen hundert Pfund in Crez Iisroel eine Existenz zu begründen. Voraussetzung, ist jedoch Entschlußkraft und Anpassungsfähigkeit, auch muß man die Sehnsucht oder gar das Verlangen, in Crez .Reichtum schaffen zu wollen, bevor man den Boden Palästinas betritt, an der Grenze in pxV n-Hrt zurücklassen. Man muß sich hier mit einer bescheidenen, ruhigen aber soliden Existenz begnügen. Palästina ist eben von wenigen Ausnahmen abgesehen, das Land der Klein- und Mittelexistenzen. Nach obigen Ausführungen glaube ich wohl mit Recht den Vorwurf der optimistischen Berichterstattung zurückgewiesen zu haben, es ist mir aber auch bewußt, daß es immer Menschen geben wird, die nicht überzeugt sein wollen, diese gibt es leider nicht bloß in px^> nsiri' sondern auch bei uns im Lande. Cs sind dieses Menschen, deren Gehör es nicht aufzunehmen vermag, daß es in rra bx.w px vorwärts geht, Menschen, die in *?x-w> px nur Schlechtes suchen und wenn sie nicht genügend finden, selbst Erfinder werden. Ich werde mich aber durch diese sonderbaren »p’2 ■’amx" auch in Zukunft nicht beeinflussen lassen, meine auf jahrelanger Erfahrung beruhenden Berichte — von jeder Parteibrille frei — ganz objektiv zu geben. Lange genug haben es die trxY unterlassen, dem Rufe. nach ■»"x zu folgen und haben so, nicht nur die Urbarmachung und den Aufbau, sondern auch die religiöse — oder nicht religiöse — Einstellung den anderen zum größten Schaden unserer manpn min überladen. Jetzt, wo sich das Häuflein unserer Gesinnungsgenossen zu vermehren beginnt, wo uns jede Woche neuen Zuwachs bringt, jetzt hoffen wir auch vom „Israelit", daß er diese Alijah fördert, nicht aber durch derartige Alarmartikel Zweifel in die Seelen unserer zur Alijah entschlossenen d^xy hineinträgt. Wir Gesinnungsgenossen in ‘?x"W’ px rufen Euch D’XY in px1? nürin zu, kommet in Massen nach i?x*w’ px und rrnpn wird Euch alle mit nv^2 beglücken. (Wir bedauern sehr,.daß unser Gewissen uns nicht gestattet, die Hinweise auf gewisse Schatten in dem von Herrn Lewinsky doch allzu glänzend gezeichneten palästinensischen Wirtschaftsbilöe einfach in den Wind zu schlagen, wie Herr Lewinsky dies wünscht. Die uns zngekommenen Einwände gegen seinen ersten Artikel ftamniten nicht von Touristen oder „Antisemiten", sondern von sehr ernsten Beurteilern, die das Land seit Jahren kennen. Die Wahrheit liegt hier, wie so oft, in der Mitte. Red.).