Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1933)
- Date
- 1933-02-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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9. Februar 1933 Der Israelit Nr. 6 Seite 3 wenn Rabb. V e r in ann, eine abgeklärte, konziliante Persönlichkeit, zu einem solchen Schritte greifen mußte, dann ist das der treffendste Beweis für die areligiöse und antireligiöse Einstellung der Machthaber in der Zewish Agency. Für diejenigen im Zjschuw, die die Dinge sehen wollen, wie sie sind, ist freilich damit nur eine alte Tatsache erhärtet worden. Man kann es der religiösen Audenheit des Auslandes — mag sie sich orthodox oder liberal nennen — nicht scharf und laut genug sagen, daß in dem zionistischen Lrzjehungswerk (Schulen, Waiseninstitutionen usw.), soweit es nicht in die Sphäre des Misrachi gehört, für die Religion keine Stätte vorhanden ist, — und es bleibt unbegreiflich, daß die Massen des Misrachi sich von gewissen Machthabern im Msirachi zwingen lassen, die unnatürliche Che mit der Iewish Agency zu erhalten, trotzdem alle Vereinbarungen und Versprechungen stets nur gegeben werden, um sie, soweit es sich ermöglichen läßt, nicht zu erfüllen." wir haben dem nichts hinzuzufügen — weil wir den wert solcher Versprechungen und Vereinbarungen seit Jahr und Tag voraussahen und voraussagten. Die Forderung der Stunde. Herr Dr. Rath an Birnbaum ersucht uns um die Veröffentlichung nachfolgender Ausführungen: Was Dr. Maximilian Landau in Nr. 4 des „Israelit" die Forderung der Stunde nennt, ist dies schon seit Jahrzehnten mehrmals oder vielleicht gar ständig gewesen. Ungeheure Katastrophen sind -auch schon früher über die großen jüdischen Massen hereingebrochen und immer wäre eine groß angelegte Aktion für eine völlige Umgestaltung der Wirtschafts- und Wohnweife der Ju- 4>en im Sinne einer Rückkehr zur Urproduktion und eines selbständigen jüdischen Gruppenlebens nötig gewesen. Und immer ist sie ausgeblieben. Warum eigentlich? Es fehlte ja nicht an einzelnen Stimmen, die nach ihr riefen. Ich selbst habe schon vor Jahrzehnten dem Gedanken Ausdruck gegeben, daß es ebenso für das jüdische Volk wie für das heilige Land nur vorteilhaft sein könnte, wenn sich auf verschiedenen Territorien Gebiete jüdischen Zusammenlebens und jüdischer Wirtschaft bilden würden. Seit Jahren erhebe ich die Forderung der Verländlichung großer Teile unseres Volkes. Gehör habe ich nicht gefunden und ich frage mich, ob ich mit Dr. Landau hoffen darf, daß unsere Forderung, „die Forderung der Stunde" wenigstens jetzt, da sie schon -alt geworden ist, sich durchsetzen wird. Ich bin natürlich einer Meinung mit Dr. Landau und mit der Redaktion des „Israelit", daß für die Initiative und die Aktion selbst ein Kongreß nicht in Frage kommt, verspreche mir aber auch nicht so viel wie Dr. Landau von den „tatsächlich bestimmenden Faktoren der jüdischen Sozialpolitik und Sogialpraxis, die durch Erfahrung, Leistung und faktischen Einfluß im jüdischen Leben hierzu legitimiert sind." Denn diese Faktoren haben im Grunde noch keinen einzigen Beweis dafür geliefert, daß sie für eine universell-jüdische Tat zu haben sind. Was sie leisten, waren bisher immer nur Hilfen, mögen diese auch manchmal in reicherem Maße geboten worden und dankenswert i sein, nie war es Hilfe, nie Kampf gegen das Schicksal des ganzen Volkes. Vorausschau, Denken in Volksschicksalen liegt ihnen ferne. Es soll damit nicht gesagt sein, daß sie nicht früher oder später in irgendeinen! Abschnitt der Aktion für nutzenbringende Mitwirkung gewonnen werden können. Nur Entscheidendes soll man von ihnen nicht erhoffen. Sieht man sich aber sonst im jüdischen Volke um, so stößt man zunächst auf die Zionisten. Kein Zweifel, daß sie den „bestimmenden Faktoren" weit überlegen sind. Nicht nur, daß ihre Leistungen weit imposanter sind, sondern sie haben eben das Schicksal des ganzen Volkes vor Augen und gegen dieses Schicksal rennen sie an. Leider sind sie aber durch eine Art Fata Morgana verhindert, den Kamps auf der ganzen Breite des Terrains zu führen. Und nicht nur das, ihr Irrtum verführt sie auchdazu, jede Siedlungsarbet, die sich nicht auf Palästina beschränken will, als gegen Palästina gerichtet anzusehen, auszugeben und zu sabotieren. Dies alles, trotzdem sie ganz gut wissen, daß selbst im günstigsten Falle nur ein kleiner Bruchteil der Juden im heiligen Lande Platz hat. Was habe ich mir Mühe gegeben, sie zu überzeugen, daß eine großzügige Lösung der jüdischen Wanderungsfrage eine Notwendigkeit, daß, wie ich mich ausdrückte, für das Palästinawerk ein Bauern-Golus besser als ein Krämer- Golus ist. Nichts half und es sieht nicht danach aus, als ob sie bald zugänglicher werden würden, besonders da sie jetzt durch die prospen'ty in Palästina in ihrem Wahne, bloß mit den Palästina-Bemühungen dem jüdischen Volke helfen, ja sogar es erlösen zu können, bestärkter denn je sind. Dabei haben ihre Stimmungen und Illusionen, ihre Besorgnisse und Einschüchterungen weit über die offiziellen Grenzen der Partei hinausgegriffen. Sie haben nicht nur die Welt der Agency erfaßt, sondern sie sind auch bis in die Redaktionsstube des „Israelit" gedrungen, wo man den glänzenden Ausführungen Dr. Landaus die alte sinnlose Angst um das Palästinawerk entgegenstellt und sogar die außerpalästinensischen arabischen Gebiete zur Besiedelung empfiehlt, als wenn die Beziehungen zwischen Arabern und Juden nicht schon trostlos genug wären. Ich glaube nun aber, daß man trotz dieser inneren und gewisser äußerer Schwierigkeiten, — die nicht vorhanden gewesen wären, wenn man vor vierzig oder dreißig, ja noch vor zwanzig Jahren an die Sache herangegangen wäre, — den Mut nicht zu verlieren und auf das epochale Rettungswerk nicht zu verzichten braucht. Man nehme sich nur ein Beispiel an den Zionisten. Auch sie haben nicht mit den „bestimmenden Faktoren" angesangen, sondern mit Aufrufung des Volkes, mit Bewegung, mit Werbung einer Armee. Auch wir müssen so anfangen. Eine Bewegung müssen wir im Volke wecken, eine Armee von Menschen, die von der großen Umgestaltungsi forderung so besessen sind, wie die Zionisten von ihrer Forderung. Ist diese Armee da, ist die Bewegung ausgelöst, dann werden auch die' „bestimmenden Faktoren" nicht fehlen. Allerdings Voraussetzung solchen Erfolges ist, daß die Idee nicht bloß als wirtschaftliche Rettung, sondern auch -als das. was sie in erster Linie ist, als Heilung der jüdischen Seele von den Nebeln des Nur- Städtertums und Nurhändlertums verkündet wird. Vielleicht ist es kein Zufall, daß die Ersten, die zu dem großen Werke ausrufen, überlieserungstreue Juden find. Vielleicht ist es kein Zweifel, daß Dr. Landau seinen Aufsatz im „Israelit" veröffentlichte, während er ihn doch folgerichtiger in einem der vielen Blätter hätte veröffentlichen sollen, die den „bestimmenden Faktoren" zugänglicher sind. Vielleicht ist doch die Orthodoxie berufen. den schöpferischen Sturm zu entfesseln, der durch die Judenheit brausen muß, damit sie zu mehr Ruhe und -Würde gelange und geeigneter werde, ihre Bestimmung als Volk der G'tteswahl zu erfüllen. Vielleicht rafft sich in Sonderheit die Agudas Jisroel doch noch auf, es an der bloßen Kopierung fremder Einseitigkeiten genug sein zu lassen und eine neue, große, stolze, eigene Losung auszugeben. Dr. Nathan Birnbaum. Wir haben hierzu einiges anzumcrkcn. Cs wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, das; eine Forderung unerfüllt bleibt, solange sie ganz allgemein, gewissermaßen u m des prinzrpes willen erhoben wird, daß sie aber aus der Traumwelt der unerfüllbaren idealen postulate in die der Wirklichkeit bcrnicdersteigt, sobald man sie konkretisiert und beschränkt. Der Ruf nach „verländlichung" ist ein bloßer Sehnsuchtsschrei und entbehrt der Adresse. Der bescheidenere Vorschlag dagegen, in Polen größere jüdisch-landwirtschaftliche Siedlungen mit Hilfe der Regierung und der kapitalkräftigen jüdischen Organisationen zu errichten, trägt einen wirklichkeitsnahen Charakter und knüpft an gegebene Möglichkeiten an. Aber er wird sofort wieder in die Lüfte der idealen Zuknnslstränine entfliehen, wenn man ihn — wie Dr. Birnbaum will — zum Gegenstände einer „Volksbewegung" macht. Der Vergleich mit dem Zionismus ist unsres Trachtens nicht zulässig. Dort wirkt eine überzeitliche, vom Atem der ganzen jüdischen Geschichte gespeiste Idee..mit, die den Zionismus als blindes, ob auch noch! so selbstherrlich sich gebärdendes Werkzeug in ihren Dienst gestellt hat und die ihre eigentliche Kraft aus der Tiefe der jüdischen Volksseele sangt. Dieser metaphysische Hintergrund fehlt dem hier vorliegenden plane völlig. Wenn bei diesem nüchternen plane die „bestimmenden Faktoren" nicht mittun wollen, dann ist das Ganze ebenso wenig ausführbar, wie bisher dem Birnbaum'schen Vcrländlichungsruf ein Crfolg beschieden sein konnte. Man soll dann in den jüdischen Massen keine Hoffnungen erwecken, die doch nur zu Cnttäuschung und Verbitterung führen müssen. Dann dürfen diese „bestimmenden Faktoren" sich aber auch nicht beschweren, wenn die gefährliche Torheit des Stephan Wise'scheu Weltkongresses bei den urteilslosen Massen Anklaiig findet, die alles verstehen, nur nicht eine Politik des Nichtstuns. Die Begeisterung für überseeische Territorien als Raum zu zusammenhängender jüdischer Siedlung vermögen wir allerdings vorerst nicht zu teilen, keineswegs weil wir davon eine Schädigung der Crez Iisroel-Siedlung befürchten, sondern weil uns die bisher vorliegenden konkreten Vorschläge, von' denen wir Kenntnis haben, mit weit stärkeren Haken und Problemen belastet zu sein scheinen als die Ansiedlung j ü d i s ch e r M a s s e n in den arabischen R a ch b a r l ä n d e r n Palästinas. Wenn Dr. Birnbaum solche Pläne verwirft, weil sie nach seiner Meinung die Beziehungen zwischen wir unentwegt auf des Heren Gnade bauen und den Mut aufbringen, mit dem Pfalmisten zu sprechen: -•>»« •>®3i 'raani 'wiv rri> o« „Fürwahr, beruhigt und gestillt habe ich meine Seele, wie ein entwöhntes Kind an seiner Mutter." Solches Stillesein, möchte es doch walten in dieser von Stürmen so bewegten Zeit allenthalben in unserer Mitte. Wir würden da wahrlich nimmer verzagen angesichts unserer Widersacher und nicht wanken im Glauben an die Zukunft unseres Volkes. Wir würden in treuer Jnnenarbeit den Segen uns sichern, der aus dem Labetrank unserer heiligen Lehre emporquillt. Die heilige Lehre ist uns die Wolkensäule am Tage und der Feuerschein in der Nacht. Mit ihr und durch sie haben wir das Himmelsmanna, das uns erquickt und verlieren wir niemals den Mut. immer wieder U'brrr nmn ira. dem Pflanzen und Sprossentreiben des G'ttesbaumes nachzugehen. Das wird die schönste Feier des Chamischo ossor, des Neujahrs der Bäume, wenn wir im Gedanken an Israels heiliges Land die Rückkehr der w'vv in Israels Mitte vorbereiten. Der jüdische Optimismus, der. uns mitten in den Stürmen des Winters Lenzeswehen und Frühlingshoffen vor die Seele zaubert, findet feine kraftspendende Nahrung nur aus dem Regensborn der G'tteslehre. Um Ihn allezeit uns zu scharen, das ist das Gebot der Zeit und das ist die Bürgschaft dafür, daß wir alle Stürme überdauern und die Zeit erschauen, wo wir von neuem G'tt dem Herrn singen: „Mein Sieg und 'Sang ist G'tt der Herr, er war mir zum Heil." (Alikdosch meak.) Unter diesem Titel läßt der bekannte hebräische Schriftsteller Mordechai ben Hilel Hakohen eine Schrift erscheinen (London. Verlag Haolam), in der er sich für Errichtung eines ZentralheMgtums an Jerusalem einsetzt. Er glaubt nicht an die bindenden Kräfte des Zionismus oder der hebräischen Sprache. Das Volk braucht ein Symbol für sein geistges Streben, so wie die Juden in der Wüste die Lade brauchten und die seßhaften Juden den Tempel. Den Verlust dieses Tempels haben die Juden nie verwunden. Er ist der wahre Grund ihrer Zerstreuung, und der neuen Regensrationsbewegung liegt es ohne Zweifel ob, einen Ersatz, ein neues Symbol zu schaffen. Verfasser denkt nicht an die Wiedererrichtung des Tempels und des Opferdienstes. Was er vorschlägt, ist die Errichtung eines Heiligtums „minderer Ordnung" (mikdafch meat), das auf einem der Berge bei Jerusalem zu errichten wäre. Dieser Tempel soll ein Bethaus für alle jüdischen Stämme und Bekenntnisformen fein. Es soll sieben große Säle enthalten, die durch hölzerne Schiebewände voneinander getrennt sind. In jedem dieser Säle soll nach einem anderen Ritus gebetet werden, nach den Riten der Sepharden, Aschkenasim. Chassidim, Jemeniten und sogar nach dem Ritus der Reform. (Das ist der Pferdefuß, der die ganze Idee zur Unwirklichkeit verurteilt. Red.). Nur bei bestimmten Gelegenheiten, z. B. beim Schofarblasen, am Simchas Thora, in der Seder - Nacht sollen die Schiebewände fortgerollt werden, so daß ein einziges Bethaus entsteht, und das ganze Volk sich gleichsam im Gebet vereint. — Das Bethaus würde eine große und ständige Anziehungskraft auf alle Juden der ÄZelt ausüben. Die Umgebung des Vethauses würde bald bebaut sein, denn viele nationale Institutionen und auch private Unternehmungen wie Hotels usw. würden das Terrain in der Umgebung des Bethauses bevorzugen. Die alte Institution des „Wanderns" nach Jerusalem zur Zeit der Feste würde neu belebt werden. Jeder Jude in den fernen Ländern der Diaspora würde einmal in seinem Leben den Seder in dem neuen Heiligtum mit Tausenden seiner Brüder und Schwestern aus fernen Ländern begehen wollen. Der Verfasser hält die Verwirklichung seiner Idee, gerade aus nationalen Gründen, für eine der dringendsten Aufgaben der Gegenwart. Er fordert Männer des öffentlichen jüdischen Lebens auf, die Sache in die Hand zu nehmen. Wochenkalender. vom 11. bis 18. Febr. 1933 vom 15, - 22, Schebat 5893 1 'vi' *i*t Samstag 11 15 , n*pB? rav n9v2 Sonnrag 12 16 K» ivv nvnn Montag 1.3 17 2' Dienstag Febr 14 tns? 18 1’ Mittwoch 15 19 V Donnerstag 16 20 10 Freitag 17 21 IO Samstag 18 22) r iirp Familiennachrichlen. Barmizwoh: Max, Sohn des Herrn Michael Birnbach, Rhönstraße 18. nrv nsna smp ras?, Synagoge Friedberger Anlage. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Hermon (8. m. b. H., Frankfurt a. M. - Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M.