Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1933)
- Date
- 1933-02-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 5 Der Israelit 2. Februar 1933 , I Münzen, kauften das dem Staate verfallene Gut ans den verstecken weg und verschöben es in die Heimat oder andere Städte des Auölanöcs. Für Angebereien gegen eilten Fremden hatten die Acmtcr stets ein geneigtes Dhr. Rabbi Rosson» der „Dattsch"» batte sich vor den Behörden in Boskowicz wie auch in R i k o l s b u r a zu rechtfertigen. Wogegen? Wessen wurde er angcklagt? Er wußte es nicht. Der dickliche, joviale Herr in der Landcskanzlei wußte es auch nicht. „So sind die Frc m d c tt “ , ärgerte er sich, „man weiß nicht einmal klar, wessen man sie anklagt . . ." „Es muß anders werden," das war alles, was der verlegene Beamte zu sagen wußte. Cr war anders wie alle anderen. Das war der Tenor aller Magen und Anklagen. In einer Eingabe hieß cs sogar, man möge den „Daitsch" nach Deutschland zurückschicken und den „Frankfurter" an seiner statt als Rabbiner hier lassen. Rabbi Rosson horchte betroffen auf. So dachten sie von seinem Mosche! Er batte sich in ihm nicht getäuscht ... Ä n d e r s als alle Anderen. Der gemütlich derbe Bezirkshauptmanlt entließ ihn mit einer gelinden Verwarnung. Warum er anders wie die anderen fein müsse? Und im übrigen mögen die Juden ihre Sachen unter sich ausmachcn und die Behörden, die heute andere Sorgen hätten, in Ruhe lassen. Er müßte, redete sich der erst verlegene Bczirkshauptmann, froh endlich ein passendes Wort gefunden zu haben, in eine leichte Erregung hinein, er müßte, wenn er „nicht anders würde" und „noch weiter anders bliebe", dahin wieder zurück, wo er hingehtzre und „anders fein könne", weil dort „alle Menschen anders" seien. Rabbi Rosson dachte über diese etwas konfuse und dunkle Eröffnung nach wie über eine schwierige Talmudstellc. Sie mußte Sinn bekommen, sie hatte einen. Er war hier anders. Auch daheim in Frankfurt war er es. Aber wie warm und wohlig war dock dort das Anderssein» gebettet in Freundschaft, Liebe, Verehrung und Gegnerschaft. Seine Schüler, sein Lchrhaus, feine Bücher, feine Rechte, und — seine Gegner. Hier war alles freind und fern wie auf einem anderen Stern. Es fror ihn bis ans Herz hinan. Das Buch Esra. Uebersetzt und erläutert von Dr. Raphael Breuer f. A.» Rabbiner in Aschasfenburg. Frankfurt a. M. (Kaufmann) 1933; 8", 65. Nachklingende Töne einer früh verstummten Harfe erreichen uns am Jahrestage des Hinscheidens dessen, der sie gesprochen. Exilswehmut und Zionssehnsucht wie die derer, welche ihr Leid an den Strömen Babels schweigen ließen, erlangen in vorliegender Schrift ihre im jüdischen Sinne wahrste Bereinigung. Raphael Breuer zeigt uns noch einmal, zeigt uns jetzt erst, wieviel Großes noch von ilnn zu erwarten war und zu wieviel Großem uns sein Geist noch anregen kann. Die Zeit des Ausbaues des 2. Tempels war versunken; die Begeisterung der ersten Ansiedler hatte nachgelassen: der Zug Esras und seiner Tausende nach Palästina und Esras nur wenige Jahre umspannender Aufenthalt im heil. Lande finden schon schwere Mißstände abzusiellen, finden und erfüllen die Aufgabe, die Thora von Neuein heimisch in Israel zu machen. Die Einzelheiten des historischen Hintergrundes jener Zert schildert B. nahezu ausschließlich auf Grund der talmudischen Quellen. Bei aller Sorgfalt im Einzelnen ist aber vor allem die große Persönlichkeit des Esra, sein wahres Führertum mit liebevoller und seelenkundiger Lebenswahrheit geschildert. Die Größe der geschilderten Persönlichkeit spiegelt untrüglich die des Schildernden. Schwierige historische Fragen bespricht B. mit aller Offenheit, auch da, wo sie Probleme bleiben. Die Ausschließlichkeit seiner talmudischen Quelle veranlaßt B. dazu, die Meinung des Jolephus. daß, Nehemia lange nach Esra und nach Jerusalem kam, völlig zu verwerfen, obwohl man, wie Marcus in Barsilai S. 321/2 nachgewiesen hat, diese Ansicht sogar zur Rechtfertigung der Massora zu Neh. Kap. 12, 11 und 21 verwenden kann. — Wenn wir mit einem Wunsche an die Herausgeber für den Teil ll (Nehemia) schließen dürfen, so sei es der, alsdann das Gesamtwert durch eine ausführliche chronologische, sprachhistorische und die halachische Situation der Zeit Esras schildernde, längere Einleitung für ein größeres Publikum zugänglicher zu machen und auch die Accentuation wieder wie früher mit in den Text zu fetzen, da die Uebersetzung ihr überall sichtlich folgte. — Auch diesem Buch legen wir, wie die posthum erschienenen Schriften des Frankfurter bi m mit dem tröstlichen Gedanken aus der Hand, daß wir hier aus einem Born gespeist werden, der noch in Generationen nicht versiegen wird und aus dem zu schöpfen unsere Aufgabe ist. B. C. Wenn er an seine Rcchle dachte, wurde es ihm eng ums Herz. Im Herbste hatte er die Heimat verlassen. Auf der Höhe des Winters hatte er die Stadt mit dem spitzen Rainen erreicht und sein Amt angetreten. wenn der Winter vom Frühling abgelöst wird, dachte er, wollte er sein Weib Nachkommen lassen. Die Wohnung, so wurde ihm versprochen, sollte vorher von Grund auf hergerichtet wedren. Unten sollten ein richtiger Lehrsaal, ein Amtszimmer angebaut, oben eine warme gemütliche Familienwohnung eingerichtet werden. Cs geschah nichts. Cs verging der Frühling und auch der Sommer, und cs kam wieder ein Herbst und ein Winter. Jetzt blühte zum zweiten Wale der knorrige Birnbaum vor der Schul und die mährischen Felder und Wiesen bedeckten sich mit Grün. Cr wußte es nun, er würde hier nie heimisch werden, auf diesem auch im Somnicr kalten Boden nie mit seinem Weibe, mit seinen Büchern und mit seinen Schülern vereinigt sein. Daß er Mosche» den Sofersfohn, bei sich hatte, war ein besonderes Gnadengeschenk vom Himmel in dieser geistigen Wildnis. Daß sie auch ihn ihm rauben wollten, ahnte er dunkel, furch» tete cs aber so wenig wie eine Mutter etwa fürchtet, das, was als Teil ihres Ichs mit ihr umgeht, wenn es Zeit ist, zu Licht und Leben zu entlassen. Merkwürdig, daß auch jener verehrungswürdrge Mann, der Große in seiner Rinderlernstube» Rabbi Schmuel» der „INachzis Haschekel", sich so kühl und reserviert verhielt! Auch er ließ bei der letzten Unterhaltung durchblicken, daß die Unzufriedenheit der Gemeinde daher komme, daß er s o g a n z a n d e r s sei. Freilich war auch Rabbi Schmuel anders, aber e r durfte es. Cr war nicht bestellter und verantwortlicher Rabbiner der Gemeinde. Cr aber, der Gemernderabbincr, durfte nicht anders sein. Warum hatte er auch sein geliebtes, warmes und wohliges Anderssein in Frankfurt verlassen, um hier Lasten ans sich zu laden, die zu schwer für seinen schwachen Rücken waren? Wenn er die Dinge so sah, konnte er die Gemeinde sogar begreifen, konnte er ihr nichts übel nehmen. (Fortsetzung folgt.) Personalien. Tilsit, 24. Jan. Frau Karoline Friedländer feierte in diesen Tagen in körperlicher und geistiger Frische ihren 95jährigen Geburtstag. Sie ninrrnt lebhaft an allen Tagesereignissen Anteil und betätigt sich noch sogar literarisch. Zu ihrem 95. Ehrentage waren zahlreiche Gratulanten von der Synagogengemeinde Tilsit erschienen. U. a. ist auch ein Glückwunschtelegramm von Oberbürgermeister Dr. S a l g e, Tilsit, eingegangen. Amsterdam, 27. Jan. Der Oberrabbiner von Nordbrabant und Limburg, Herr Rabbiner S. Heertjes beging unter großen Feierlichkeiten sein 2 5 jähriges A m ts j u b i l ä u m. Zenla, 25. Jan. Die Israelitische Kultusgemeinde Z e n t a (Jugoslawen) wählte Herrn Dr. E h r e n f e l d, Michalooce, zum Oberrabbiner. Dr. E., ein Enkel des verstorbenen Oberrabbiner in Michalooce, hat nach dem Besuch mehrerer Jeschiwös seine Studien am Rabbinerseminar in Berlin vollendet und wird das neue Amt nach seiner Verehelichung antreten. Dabeik b. Ponewisz (Litauen), 24. Jan. Rabbi Nafthal Herz S a l e w e i f ch i k ist gestorben. Er war einen der ältesten Rabbiner in Litauen und als großer bekannt. lieber 50 Jahre amtierte er in unserer Gemeinde. Bei der wurden viele Hespedim gehalten und alle Geschäfte waren geschlossen. Auch viele Nichtjuden sah man im Trauergeleite. Auf dem Friedhofe hinterließen die Worte seines Schwiegersohnes, Rabbiner M o w s ch ow i tz aus Koslow, tiefen Eindruck. n":mn. Vermischtes. Berlin, 30. Jan. Der Bachurimverein am Rabbinerseminar zu Berlin veranstaltet am 12. Februar, 11.15 Uhr, eine Wohlsahrtsmatinee zu Gunsten seines Stipendienfonds in den Bavaria-Lichtspielen, Friedrichstr. 180 (Ecke Taubenstr.). Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht der gewaltige Naturfilm „Weiße Schatten". Das Programm wird vervollständigt durch Darbietungen der Jüdischen Orchester-Vereinigung, Couplets von Herrn Dr. S. Hildesheimer u. a. — Karten sind zu haben bei den Seminaristen, im Verwaltungsraum Artilleriestr. 31 und an der Tageskasse. Berlin, 29. Jan. Der Esra-Zentrum Berlin hat vor kurzem eine Talmud-Thora für feine jüngeren Mitglieder eröffnet, um sie vor fremden Einflüssen in anderen Chadorim zu schützen, in denen sie mit den verschiedensten Kindern aus den verschiedensten Bünden Zusammenkommen. Es war daher wirklich eine gute Idee, eine eigene Lehrstätte zu schaffen. Die Talmud-Thora besteht bis jetzt aus drei Abteilungen, die zusammen von etwa 20 Kindern besucht werden. ®mn und rrivr ist der Lehrstoff. Die Lehrkräfte sind sämtlich Hörer des Rabbinerseminars. — Wir wollen hoffen, bafc sich die Talmud-Thora ständig vergrößern wird, und daß sie bald weiter ausgebaut werden kann; denn das Ziel des Esra war es ja von jeher, das Lernen zu fördern, und seine Mitglieder im wahren jüdisch-orthodoxen Sinne.zu erziehen. Köln, 25. Jan. In dem kleinen Städtchen Wahn, unweit von Köln, wurde — wie dem Central-Bsrein mit geteilt wird — seit längerer Zeit die einzige dort lebende jüdische Familie von Nationalsozialisten bedroht, verfolgt und beschimpft. Als eines Abends wiederum Naticmolsozialisten an dem Haus des Metzgers vorüberzogen und antisemitische Drohrufe ausstießen, fetzte sich der Sohn der Metzgerfamilie zur Wehr und brachte dem Anführer der nationalsozialistischen Hetzer Schläge mit einem Hausschlüssel bei. Deshalb hatte sich der Metzgersfohu kürzlich vor dem einfachen Schöffengericht zu verantworten. In der Verhandlung wurde die Leidensgeschichte der jüdischen Familie ausführlich dargestellt. Während der Staatsanwalt gegen den Angeklagten eine Geldstrafe von 50 Reichsmark beantragt hatte, gab das Gericht dem' Antrag des Verteidigers auf Freispruch statt, weil der Angeklagte in Notwehr gehandelt habe. Rhina (Hünfeld-Land), 29. Jan. Diehiesige israelitische Gemeinde konnte auf das löOjährige Bestehen ihrer Synagoge zurückblicken. Aus diesem Anlaß fand am Sonntag, den 22. Januar in der Synagoge ein Festg'ttesdienst statt, zu dem sich viele Gäste — darunter zahlreiche Nichtjuden — eingefunden Ratten. Die restlich geschmückte Synagoge war dicht besetzt. Nach dem Minchog'ttesdienst sang Herr Kantor B a ch r a ch, Eschwege (ein geborener Rhrnaer) „Somachtr b'aumrim li". In einer mehr als halbstündigen Rede sprach Herr Lehrer Oppenheim über die Bedeutung der G'tteshäuser im allgemeinen sowie über die Geschichte der jüdischen Gemeinde Rhina und ihres G'tteshauses. Zum Schluß sang — nach dem Mischeberach von Lewandowsky — der Chor Psalm 100. Abends fand eine öffentliche Feier siatt. Amsterdam, 30. Jan. Am 1. Februar beging Frau Rina de Gorter, geb. Niederhofheim in körperlicher und geistiger Frische sihren 7 0. Geburtstag. Frau de Gorter ist Frankfurter Kind, eine Tochter des in. Frankfurt unvergessenen Binjamin Niederhofheim V'sr- Die Greisin, die seit mehreren Jahren Witwe ist. nimmt lebhaften Anteil an den Weltereignissen und insbesondere an den Vorgängen in ihrer Vaterstadt Frankfurt a. M. Sie ist treue Hüterin edler Familientraditionen in einem Kreise von Kindern und Enkeln. Möge ihr ein heiterer und glücklicher Lebensabend beschieden sein. Senta (Jugoslawen), 27. Jan. Herr Rabbiner Dr. Ehrenfeld aus Michalooce, Schüler des Berliner Rabbinerseminars, ist zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt worden. Man weiß, wie schwierig heute das Friseurgeschäft im Allgemeinen ist. Doppelt schwer hat es aber der Friseur, wenn er ein Jude ist und am Samstag, dem Hauptarbeitstag für die Verschonerungskunst, streng aeschlossen hält. Um so mehr wäre es unabweisbare Bruderpflicht der Juden, solche Geschäfte zu bevorzugen und ihnen die Ausübung des Handwerks, wie die Sabbathaltung zu ermöglichen. Das Friseurgeschäft von Weiß in der R e ch n e i g r a b e n st r a st e ist am Sabbat und an jüdischen Feiertagen streng geschlossen. Herr Weiß ist besonderer Fachmann für Bartschneiden, Zwicken und jede Art von Bartentsernung ohne Rasiermesser. Das Geschäft zeichnet sich durch gute Bedienung und billige Preise aus, und es sei nochmals auf die moralische Dslicht lsingerv'resen, dieses einzige am Sabbat geschlossene Friseurgeschäft in Frankfurt nach Möglichkeit zu unterstützen. Purimspiel und M ä r ch e n st e g r e i f für ca. 8 Kinder. leicht, einstudierbar, erhalten Sie mit Aufführungsrecht für Mk. 3.— bei Irma Dresdner, Frankfurt a. M„ Gaußstr. 10, die auch jede Art von Festdichtung nach Bestellung liefert. Wochenkalender. vom 4. bis tt. Febr. 1933 vom 8. - 18. Schebat 8693 'vl' cp Samstag 4 8 5 «a Sonmag 5 9 1 Montag 6 10 n Dienstag Febr 1 mp 11 •» Mittwoch 8 12 7 Donnerstag 9 13 n Freitag 10 14 v m’iz? nnw Samstag 11 15 '