Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1933)
- Date
- 1933-02-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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rr.5 \m : Licht aus dem Westen. ,k Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) ^aibbi; Nosson sah sich den Betrieb im kleinen Lehrhause an, und tiefes Heimweh packte ihn mach .seiner stillen Frankfurter Klause, Hier war das^harte/ spitze, graue Wort Boskowicz in Weihe.und Lieblich- :.keit getaucht. . Da-lag ein Foliant lauft., einem verkwaisteN: Ständer. SchonFaß Rabbi Nosson vor denr geöffneten Bande,,.verklärt und versunken in die hei-. .matlichejMelt, .die er much hier fand.!-ü > Der weistbartige Alte sagte sich: .„Will'er nicht stören, sondern -l e r n e u, dann kann ich mich freundschaftlich ZU ,ihm stetzen und ihm Ehre erweisen, im Lernen ..." ' Run saßen die beiden Männer Seite an Seite. Unterhaltungsstoff bot die aufgeschlagene Gmoro zur Genüge? Der Alte gestikulierte lebhaft wie ein Jüngling, Rabbi Nosson sprach ruhig, überlegt, abgewogen, -mithalbgefchlossenem Angem - Die Worte! saßen. Der Alte sprang .'aus, zerrte am weißen Bürte herum,, -schüttelte' züsttmmend Mit' dem' Ropse. Als hatte,er einen großen-Fund-gemacht: -! ’ i - So . angecegtj sprach stun> Mieder der Alte, laut und -lebhaft, ein wenig polternd? Rabbi Nosson nickte mit?dem Kopfe und-staunte seinerseits, -beglückt. - U'.-- „Es ist' das'-Äles richtrgu aber n i ch t n e u ", gebot ihm die Ehrlichkeit zu bemerken.' „Die'ganze Abl handlung sah Ich fast - wortwörtlich 'in einem' kürzlich - herausgekommenen" Werke, das sich „Machazis Haschekel" nennt/o Schade nur/-daß'ich das Buch.-,mit vielen anderen ^d ach>e im in Fr a n k fu r-t verbesserte er sich, „gelassen habe." ,7,'. „Kann ich aushelfen,"- -erbot-sich der-Greis ent- - gegenkommend.'-: „Die Abhandlung.' steht auf- Seite;2-9, ich habe sie? am 10. , Hernes >5540 niebevge* schrieben.." •;>. .. - . - . --.<„■■■■ 7/..... ... . wie einfach das alles' klangl^Aber-Rabbi- Hoffon -machte große erstaunte Augen. .Er stand-noch-einmal. , ehrerbietig von:-feinem Platze auf, als hätte er dem -Alten Abbitte.!zw leisten.^ „Am Lude, habe ichigar .den Verfasser des. „Kiachzts Haschekel" vor mir?" 2luf einmal war für ihn .Boskowicz die MfortH -zu, -einem Paradiese übersrdischer Freuden.-' ' .■ " '* - . '^i mIch heiße -S ch MMgab melgem.Werke den Namen „Machzis Haschekel",". bevich^w her. Greis,.fachliche einfach.:/.-Under erflärhe, /warum.er.-gerade d.iesen-, Namen gewählt) hatte..! Cs^ '„ser )a. .nur;,'eine, h-g,j,b^„Gabe. .Mgeptlich überhaupt' ^Mne/^.abe„'-,niedWeDs;heben pur „zum zrigenen/He- 'brauch - unh,; für; - die .. .Schüler, .Mipdas- .G.chachtnis immer mehr schwinde. /Und im zweiten Worte des Titels fei zudem fein, Name versteckt. Aber Rabbi Nosson konnte sich immer noch nicht fassen. ..;... „ . , .. .. ... .„Der Machzis.Haschekel"-restdiext hier,unö mich .holen.sie her, daß.ich ihr Rabbiner fei?" .. „Ich bin izicht ihr Rabhiner-und - werde,-nie rab- .binische Handlungen gusühen/ Gerade..: ch -drängte, daß ein Rabbiner,,von,Narnen,herkomme,.:piy.solcher .von euerem,.Ausmaße. Hün sei Mer-.-Tmzugin Frieden!.. . ipir-i"; Bedrückt ,und.zugleich beglückt verließ Rabbi Nosson das Lehrhaus.. In der Gemeinde eines! „Machos Haschekel" zu wirken, konnte erhöhte verantwiortung bedeuten. Aber er hatte nun,, wie daheim, den stillen Winkel,.wohin er stch aus den Bürden des ungewohnten Amtes flüchten konnte .'... - Als aber Rabbi Nosson nunmehr täglicher'.Gast des kleinen Lehrhauses wurde, setzte sich einesiTages der griesgrämige, derb herzliche Greis vertraulich zu ihm und sagte, es ehre, ihn sehr/unö es sei auch -großer Gewinn für seine. Schüler, aber, daß er, der Rabbiner, täglicher Gast seiner Schule sei,fei doch..nicht der Zweck seiner Berufung gewesen ... Wollte die Kehilla einen.Stubengelehrten, dann hätte sie sich schließlich auch mit ihm, dem alten Melamed —er wollte nichts anderes fein — begnügt, Dazu hätte auch ein „ h a-l b er Schekel".ausgereichjt! -. Aber die Gemeinde wollte einen ganzen Mann, einen Raw, einen Führer.-Was sollte sie mit zwei' Stubenhockern anfangen? „Euer Platz, Rehbe.,; ist.im-Rabbinerhause,, und inder Besdinstube, .wo Ihr gesucht, und -schon vermißt werdet. Wer die Schafe annimmt .;; .; "-■-(Ec wurde schon vermißt und er befolgte den Rat des älteren Freundes. Daß die bittersten Enttäuschungen gerade im Rabbinerhause' .seinerharrten, sollte er,,bald genug erfahrem | .... - Mählich. gelang e.s Rabbi Nosson-jedoch,! einige funge Menschenan. sich zu fesseln und dazu noch einen kleinen Stamm 'von älteren einsichtigen Mitgliedern, die.ihm auf; dem unwirtlichen Boden seiner neuen, ungewohnten Amtstätigkeit einigen Halt und Trost Ho-, ten, zumindest,eine Zufluchtsstätte, wohin er. .sich nach des Amtes Mühen und Lasten mit sich selbst und i n s i ch zurückziehen konnte. Mit diesem Dutzend Menscheu,lernte er, mit ihnen betete er in der Oberstube! seiner. Wohnung, so oft er nicht von Amtswegen gezwungen war, in. der großen Schul seinen Ehrenplatz .einzunehmen. Der junge Mqsche war bei all dem rührig und, tätig wie noch nie,, war seines Meisters Schüler und Führer zugleich!,. sein Schrittmacher,! Wegweiser und, Fackelträger. Er ebnete ihm überall, den steinigen Weg, mit einer Liebe, Beharrlichkeit und Ausdauer ohnegleichen. Cr verhandelte mit dem Vorstände, hielt die Zudringlichen im gaume,' besch.lpichstgte die Ungeduldigen, erteilte Rat und- Hilfe, stand schützend, vor .dem wehrlosen Rabbi und ver> inilielte"zwischen ihm., und seiner Gemeinde,. wußte zü binden oder zu trennen,,wie , es. gerade nottat. Cr teilte Güte' aus . und übte Strenge, alles im Namen des Meiste^rs^ und. nahm willig Tadel,. Kritik" und Vorwurf' auf' sich, wo sie in Wahrheit dem Lehrer galten...,.,^.; .. t,.;. . , - --^ . " Diele!?n"de'r Gemeinde" verloren Stimme und Sprache, und all ihre so gut eingelernten Klagen und Anklagen verstumsntenf wenn sie das verschleierte; wie aus geheimen' Tiefen schauende Auge aus dem jetzt schon stärk graüumrabmten Asketengesicht des Rabbi auf sich ruhen wüßten. Nm so freimütiger und hemmungsloser konnten sie dem jungen Bachur alles, was sie bedrückte, ins rosige Gesicht schleudern. Mosche verlor nie seine Ruhe und war damit immer der Stärkere. Es. gab auch welche,:,hie..mst ihrer. Enttäuschung über den ihnänssre!mdblMeW>en. Rabhi.-Zuflucht bei dem schöney.^Jur. alle -^)We.'tzer, Wett,ÜW,-jöes Gebens ausgeschlossenen jungen "Noscha.,fuchtcn.' / Sie, .fanden seine Freundschaft, wenn ste mst to..e,r X>u n g für) Rabbi N.offon. kämen,,.erfuhren abep. schade. Zu/, rechtweisüntz uchd ^Abwelsung,! fo.,ste nui;'. den.stisesten versuch machten,' ö.en.Schüler! gegen den Meister! aüszuspielen. Aber es war nicht zu verhindern, daß die Leute vergleiche anstellten. /,Der „ D a i t s ch " ist finster wie öle Nacht, er versteht uns nicht und wir verstehen ihn nicht," sagten, .-hie, Nörgler und. meinten Rgbbt. Nosson. - '' „Än Glück, 'dast'der F'r a n k f u r t e r " mit dabei ist, er ist,der reinste Sonnenschein," sagten die gleichen Menschen'und meinten'2Nosche Sofer. Der „Daitsch" und der „Frankfurter" wurden zu LezeichuungeN zweier Pole. Ausdruck der Abneigung uttö Ablehnung 'däs eine, der Liebe und Zuneigung -das andere Wort. - "v: 'r■' '''! ' Mosche litt schwer unter dieser Unterscheidung. Cr sah bald ein, daß das Fremd'sein und Verkanntbleiben seines Lehrers in dieser Stadt und in'diesen? Lande fast schicksalsbedingt-war, daß die 2lnfeindungen, die er in Frankfurt zu erleiden hatte, schon eine bestimmte Form der Liebe und Verehrung bedeuteten ich vergleich zu dem kalten widerstand'Und "der lautlosen Nichtbeachtung oder vorlauten frechen Widersetzlichkeit, die sein Vielgeliebter. Meister hier.auf Schritt und Tritt fand. t Frankfurt! An die, in ihrer Lieblosigkeit gegen ihn doch so geliebte Heimat, mußte auch Rabbi Nosson immer und immer stille denken, wenn er auch in Tagen bitterster Erfahrungen am. wenigsten von/sich selbst sprach. Cr hatte in Frankfurt Gegner, auch Feinde vielleicht —.es konnte nicht sein, dachte er, da er selbst keinem dort feindlich ^estpnt war. Aber die Menschen wären einmal anders/ Die ihn und sein Haus in weitem Logen umgingen, sähen noch von der Ferne zu ihm hinauf. Und -die.Menschen um ihg-herum! . . . Feuer im Geiste hatten sie und Herzen aus Gold. Unö seine Widersacher selbst! Ob Hahn oder Geiger oder Wetzlar, er konnte sie verstehen, er konnte ihnen nichts nachtragen. Es waren seine Gegner. Seine . . . Das war es. Hier; gab es außer -demMutzend der Jünglinge und Hauspäter, mit denen er unten lernte und' obcfi im Gberstocke betete, kau in einen, der sein Gegner , oder sein F r e.u n d war. , - . Cs gab .hier, in den oberen Schichten , einige Menschen von Geist und Güte^ aber er blieb 'diesen fremd, der „Daitsch". Im unteren Volke lernte er aber Tppen kennen', wie er' sie in einem jüdischen Kreise nie geahnt hätte. Was bedeuteten die paar jungen. Menschen, -die tu 'her frankfurter Gasse ullgestüm.nach Welt und Leben drängten und' die Alten 'mit änmaßender Miene und vorlauter Rede attackierten, gegen die Träger und Fuhcknechte, die sich hier auf dem Erbsenmärkte mit unflätigsten Redensarten hewarfcn und mit ihrett Raufhändeln die Rabbinerstühe! bestürmten, um sie, wenn sie nicht Recht im . Streite: erhielten, mit 'wüsten Schimpfworten und'Drohüngcn zu verlassen?! war nicht selbst Löb Chofez, genannt Chozef, der vielgefürchtete'Fleischergeselle in Frankfurt, ein Magnat von schönstem Seelenadell gegen Berko den Kazew hier,- der gestern gegen ihn, den Rabbiner, weil er sein Rind für trefa-erklärte, beinahe mit dem Messer losging? Mosche hatte ihn am Genick gepackt und so unsanft an die-Türe gesetzt; daß er wie ein Klotz auf -die Steine fiel und eine Zeitlang das Aufstehen vergaß. Die Achtung vor dem „Frankfurter" war dadurch in . der Zunft der Träger,: Fleischerburschen und Fuhrleute ins Unermeßliche gestiegen, der Andere aber blieb „der Daitsch".. Mosche gab sich Mühe, seinem Lehrer eine Freundschaftsgasse zu. jenem großen stillen Gelehrten in seiner Schule, Rabbi SchMuel Köln, dem „Machziö Haschekel", zu.-bahnem-MkeWcht, dachte, Mosche, konnte er seinem Lehrer das werden, was ihm. Rabbi Pinchos ..in -. Frankfurtwars Aber der Z greife, Rabbi SchMuel. blieb einsilbig,, zurückhaltend .und Mürrisch LehFMen4-ZunaenL., Nnh,. auch-Rabbi Nosson war nicht lherllMänn, um-Mnschen,'oiä nicht'von selbst kamen,,jtzpsdestö Brückdn, M^bästen ... Von.Msko/^huraf.Ms forderte die Bezirkshauptissannschäft einen Bericht ein über den neuen Rabbiner.! Sie habe etwas.von Unzuträglichkeiten gehört. Also .säähen''öie'MnstiMnilgkeiten den weg ^ur Oberbehörde der mährischen Hauptstadt . . . Berko, dem nach jenem Vorfall vom Rabbiner die Konzession für den Verkauf rituellen Fleisches genommen war, scheute — das wußten alle -— vor Denunziation nicht zurück . fi. Die Behörden" wären' nervös,, mißtrauisch. Die Habsburger bändelten, mit der halben. Well an unö die Kronstaaten hatten die Zechf zu zahlen, Mähren wurde nicht verschont,' wur.de von Wien ays nstt Forderungen und Verordnungen Überschüttei.'Neb^n ihrem eigenen Budget hätten Länd .und Städte /gewaltige Beiträge zu den Kriegs- und Friedensetats in Wien, zum Hofhalte, zur Erhaltung her.Heeresmacht aufzubringen. Die letzte Verordnung lautete: „Wertgegenstände in Edelmetall sind an die Krone abzuliefern." Als die Bauern ihre Silber- und Goldstücke vergruben unö die Juden ihre Säbbatleuchter pebsteckten, regnete es hohe Geld- und Gefängnisstrafen. Mit den Einheimischen war noch auszukommen. Man kannte sie, kannte ihre Schliche unö Verstecke, -konnte auch gelegentlich ein Auge zuörücken. Auf die Fremden hatten die Behörden ein wachsames 2lnge. Man sagte, sie trieben dunkle Geschäfte mit Edelmetall und