Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1933)
- Date
- 1933-02-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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2. Februar 1933 'B e i Israelit Nr. 5 Seite 7 England. Oer Lan-au-Skandal in Südafrika. ' - London, 15. Jan. Ein literarisch-religiöser Skandal, der sich schon im Herbst v. I. in Johannesburg (Südafrika) abgesipelt hat, zittert in den Spalten der dortigen Presse immer noch nach und hat auch in englisch-jüdischen Blättern seinen Widerhall gefunden. Sein Mittelpunkt ist der sogenannte „Oberräbbiner" von Johannesburg, Dr. Landau, ein aus Galizien stammender Liberaler, der schon in einem kurz vor dem Kriege erschienenen hebräischen Memoiren-Buche seinen Radikalismus und feine tiefe Abneigung gegen die Tradition gezeigt hat. Was er sich jetzt leistete, übersteigt aber die Grenzen des von einem „Rabbiner" noch Erträglichen sehr erheblich. In Johannesburg hielt ein zu Besuch dort weilender englischer Gelehrter, der Paläontologe Dr. Robert Broom, wissenschaftliche Vorträge und äußerte sich dann bei einem zu seinen Ehren veranstalteten Bankett in einer ebenso oberflächlichen als radikalen Art und Weise über die Probleme der Ehe und der Bevölkerungsvermehrung. Als sein Ideal erklärte er die sowjetrussischen Zustände, unter deren Herrschaft die Ehe ein Taubenschlag ist, in dem man nach Belieben ein- und ausfliegt, der aber den nach Dr. Broom erheblichen Vorteil bringe, daß „mehr Kinder auf die Welt kommen" und daß das Leben nach freiem Belieben genossen wird. Die Aeußerungen Dr. Brooms wurden gegen seinen Willen in der Presse veröffentlicht und riefen einen Entrüstungssturm insbesondere unter den Geistlichen aller Konfessionen hervor, nachdem Dr. Broom u. a. auch erklärte, mit Eheangelegenherten dürfe die Kirche überhaupt nichts zu tun haben, sie gehörten in das Gebiet der — Biologen. Nur der sogenannte „Chief-Rabbi" von Johannesburg, der eben erwähnte Dr. Landau, fühlte sich berufen, der erstaunten südafrikanischen Lesewelt die Behauptung zu offenbaren, die Aeußerungen Dr. Brooms ständen im vollen Einklang mit dem — Standpunkt des jüdischen Religionsges e tz e s! Er, der Rabbi, schließe sich ihnen, abgesehen von einigen sensationellen Uebertreibungen, vollkommen an. Nach jüdischer Religionsvorschrift bedürfe es überhaupt keiner religiösen Eheschließung und ein ohne solche Eheschließung von Mann und Weib geführtes gemeinschaftliches Leben bedeute genügende Bindung, um nachher einen Scheidebrief erforderlich zu machen. Man kann sich denken, welche Erregung selbst der halbentfremdeten liberalen und zionistischen Kreise Südafrikas, erstrecht der orthodoxen, sich bemächtigte, als diese wahrheitswidrige Bloßstellung des Judentums vor den Augen der ganzen Welt durch einen Menschen erfolgte, der amtlich doch wenigstens zur Wahrung der Ehre seiner Religion verpflichtet wäre. Mit Dr. Landau, der besser Stiefelwichser als „Rabbiner" wäre, zu rechten oder gegen ihn zu polemisieren, lohnt wahrhaftig nicht, aber der Zeiten Schande muß festgestellt werden, die es zuläßt, daß Individuen von der Gesinnung eines Dr. Landau sich Rabbiner nennen, ja sich sogar mit dem Titel eines Chief-Rabbi schmücken dürfen, ohne daß irgend eine Behörde in der Welt diesen Amtsmißbrauch verhindern könnte. Palästina. Brief aus Palästina. Dord Melchett. — Die orthodoxe Tageszeitung. — Der neue Oberrabbiner. — Lhanukahlichker am Sabbat. Jerusalem, 23. Jan. Der Besuch des Präsidenten des Welt-Makkabi, Lord Melchett, gab der „Agudas Jisroel" Veranlassung, sich mit einem in freundlichen Formen gehaltenen Schreiben an den englischen Gast mit der Bitte zu wenden, er möge seinen Einfluß zu Gunsten der Einstellung der Chillule Schabbos durch die Fußballspiele geltend machen. In dem Briefe wird darauf hingewiesen, daß selbst die nichtjüdischen Sportkreise sowie die palästinensische Regierung selber die religiösen Gefühle der Juden soweit gewürdigt hätten, daß sie es ablehnten, sich an der Sabbatentweihung durch die Fußballspiele zu beteiligen. Den Angehörigen der britischen Militär- und Polizeimacht sei diese Beteiligung mit Rücksicht auf die religiösen Empfndungen der Orthodoxie verboten worden. In um so höherem Grade dürfe man doch von europäischen Glaubensgenossen erwarten, daß sie dem n i ch t j ü d i s ch e n Beispiele folgen und der brutalen Verletz ring des religiösen Gefühles eiltgegentreten. Leider ist dieses Schreiben ohne Eindruck geblieben. Lord Melchett selber traf ausgerechnet Freitag Nacht mit feinem großen Gefolge in Jerusalem ein und am darausfolgenden Sabbat mußte Jerusalem wiederum das beschämende Schauspiel des Herumtrampelns auf der Heiligkeit des Sabbats über sich ergehen lassen. An den Vorbereitungen zur Herausgabe einer o r - thodoxen Tageszeitung wird eifrig weiter gearbeitet. Von Seiten einiger Mitglieder des Misradharabanuth wurde ein öffentlicher Aufruf erlassen, worin die dem Misrad-harabanuth nahestehenden orthodoxen Kreise gewarnt werden, sich an dem Zeitungsunternehmen ohne genügende Garantien für die^ neutrale Haltung des Blattes in den innerhalb der Orthodoxie strittigen gemeindepolitischen Fragen zu beteiligen. Man hofft trotz dieses Zwischenfalls, das Projekt weiterfördern zu können, da in der Tat die ehrliche Absicht auch auf Seiten der Jerusalemer Agudo besteht, die strittigen Fragen völlig auszuschalten, um eine gemeinsame Front der Orthodoxie gegenüber den religionsfeindlichen Strömungen zustande zu bringen. Große Freude löste die Nachricht aus, daß Oberrabbiner I. H. D u s ch i n s k i in Chust nunmehr dem ihm im Aufträge der Gemeinde von Herrn Rabbiner Jonathan Horovicz überreichten Rabbonusbrief entgegengenommen und die feste Zusage erteilt hat, sein Amt in Jerusalem mit G'ttes Hilfe zwei Wochen vor Schewuos anzutreten. Eine größere Anzahl von Verehrern und ehemaligen Schülern wird den neuen Oberrabbiner nach Erez Jisroel begleiten. Ein Fall, der sich in der kleinen Kolonie Giwath Edah zugetragen hat, erregt hier immer noch die Gemüter, denn er ist typisch für den Geist mancher nationalen Schulen und der Lehrer und Leiter, die über diesen Geist zu wachen haben. Versammelt da die Lehrerin in Giwath Edah am Sabbat Nachmittag ihre Schuljugend um sich, erzählt ihnen die Chanukahgeschichte, wie sie sie versteht, und zündetzuletzt am Sabbatnachmittag unter feierlichem Segensspruch die Chanukahlichter an. Erst später erfuhr man diese Schandtat in Jerusalem. Man hat nicht gehört, daß die Proteste von gesetzestreuer Seite den Waad Leumi, der heute verantwortlich für das jüdische Schulwesen ist, veranlaßt hätten, gegen die Lehrerin irgendwie einzuschreiten. Deutsches Reich. Antisemitische Ausschreitungen. Berlin, 1. Febr. Sind auch im Ganzen die Fackelzüge in der Montagnacht ohne besondere judenfeindliche Note abgelaufen, so fehlte es doch nicht an kleinen Exzessen rein antisemitischen Charakters. Im Stadtbahnhof Bellevue verursachte ein Trupp SA-Leute einiges Aufsehen, indem er beim Einsteigen in den Wagen „Juden raus!" rief. In der Goethestraße verhöhnten und bedrohten einige SA-Leute eine jüdische Trauergemeinde, so daß eine weibliche Familienangehörige des Verstorbenen Schreikrämpfe bekam. In der Oranienburger st raße wurden die Schaufenster der hebräischen Buchhandlung Ganzer (in unmittelbarer Nähe des Gemeindehauses und der Neuen Synagoge) in der Nacht von unbekannten Tätern eingeschlagen. Am Dienstag vormittag veranstaltete der btation a l s o z i a l i st i s ch e S t u d e n t e n b u n d auf dem Hegelplatz in der Nähe der Universität unter Vorantritt der SA. einen Demonstrationszug, der über die Linden nach der Börse zog. Vor der Börse wurde Halt gemacht und eine Rede gegen die „Börsenjuden" gehalten. Dann begab sich der Zug zur Universität zurück. Einzelne jüdische Studenten wurden mit Gewalt aus dem Gebäude entfernt. Der Rektor, Prof. K o h l r a u f ch, hielt eine beruhigende Ansprache. In Breslau sammelten sich nationalsozialistische Studenten vor der Universität an, sangen nationalsozialistische Lieder und hißten am Portal U eine Hakenkreuzfahne. Der Nationalsozialistische Studentenbund legte dem Rektor der Universität, Breslau, Prof. Dr. Brockelinann, seine Forderungen vor. In der Hauptsache wurde die Beurlaubung Professor Cohns verlangt. Vermischtes. Auswirkungen des Schächtverbots in Bayern. München, 15. Jan. In dem in München erscheinenden Blatte „Der Bayrische Metzgermeister" vom 31. Dezember wird in einer Auseinandersetzung über die Sch ächtfrage nach Anführung aller bekannten Argumente und wissenschaftlichen Gutachten zugunsten der Schächtmethode noch gesagt: D i e Tatsache, die den Gewerbetreibenden und den Volkswirt am meisten interessiert, steht fest: Daß Bayern durch das Schächtverbot wirtschaftlich einen ganz gewaltigen Schaden erlitten hat und dauernd erleidet. Die Schächtgegner haben erklärt, Tierschutz treiben zu wollen. sie sind aber darüber, daß so und so viele Menschen, die Inhaber und die Angestellten der jüdischen und zahlreicher christlicher Betriebe geschädigt und gequält werden, hinweggegangen. Ein Teil der Betriebe ist vollkommen ruiniert, der andere auf das schwerste geschädigt. Für die Landwirtschaft ist das Wesentliche die Tatsache, daß das Gesetz den bayerischen Viehabsatz stark geschädigt hat. Es wird um Mrllionenbeträge Vieh außerhalb Bayerns gekauft, das sonst in Bayern gekauft worden wäre. Daneben leiden alle Gewerbe, die mit dem Fleischergewerbe in Verbindung stehen. Sehr bedeutend ist der Entgang an Gebühren, der durch das Schächtverbot den bayerischen Städten entsteht. Ein Betrieb, der einen Teil der Schächtungen für Bayern aussllhrt (und der zu diesem Zweck auch mit dem übrigen sehr bedeutenden anderen Schlachtbetrieb nach Württemberg auswandern mußte), hat im Jahr einen Schlachtviehumsatz von über 2 Millionen Reichsmark. Die von der Firina in Württeinberg gezahlten Schlachthof-, Viehhallengebühren, Tierärztegebühren, Schlachtversicherungsprämien machen zusammen rund 125 000 RM. im Jahr aus. Der von der Firma in Württemberg gezahlte Arbeitslohn an Lohnschlächter und die in Württemberg gezahlten Autokosten machen rund 90 000 NM. im Jahr aus. Der Wert der an württembergifche Häute- und Fettverwertungsgenossenschaften abgelieferten Häute- und Fettmengen dieser einen Firma macht fast 200 000 RM. im Jahre aus. Dazu kommt für das Land Bayern der Ausfall an S ch l a ch t st e ue r. Wir sind keine Freunde der Schlachtsteuer,- hoffentlich fällt sie in absehbarer Zeit wieder weg. Solange sie besteht, ist aber der Ausfall von Schlachtsteuer durch das Schächtverbot in Rechnung zu stellen. Die eine Firma, die wir erwähnten, zahlt in der Woche 1800 RM. bis 2000 RM. württembergifche Schlachtsteuer, die Bayern entgeht; das macht allein bei dieser Firma im Jahre rund 100 000 RM. Schlachtsteuer aus. Hierin enthalten ist die Schlachtsteuer für die Schächtungen und den übrigen sehr erheblichen Betrieb dieses Unternehmens, das wegen des bayerischen Schächtverbots ganz nach Württemberg auswandern mußte. Das sind die Zahlen von nur einem Betrieb. Mit Recht schrieb eine Regensburger Zeitung: „Der Ausnahmezustand des Schächtverbotes bringt dem bayerischen Staat jährlich einen Verlust an Hunderttausenden an'Gebühren. Württemberg aber macht ein Geschäft damit. Wie lange wird der bayerische Hias noch zufehen können, daß der schwäbische Wastl den Rahm abschöpft!" Staat und Gemeinden haben kein Geld, um der dringendsten Rot abzuhelfen. Man muß Hilfsaktionen und Straßensammlungen veranstalten und kleinste Spenden annehmen, um nur ein wenig helfen zu können. Wievielen Notleidenden könnte mit den enormen Beträgen geholfen werden, die jetzt Bayern^ seinen Städten und Gemeinden durch das verkappte schächtverbot verloren gehen! Gibt dies unseren Volksvertretern nicht zu denken? Die schweren wirtschaftlichen Schäden, die das Schächtverbot für Bayern gebracht hat. haben bekanntlich den Bezirksverein Bayern im Deutschen Fleischerverband veranlaßt, sich energisch für eine entsprechende Abänderung des Schlachtgesetzes einzusetzen. Warschau, 27. Jan. Die Agudas Jisroel- Ortsgruppe Warschau, hie sich stark auf sozialem Gebiete betätigt, hat dieser Tage ein Ambulatorium eröffnet, das unbemittelten Kranken unentgeltlich ärztliche Hilfe und Behandlung durch eigens hierfür angeftellte Spezialärzte angedeihen läßt. — Im Anschluß an die Ortsgruppe wird jetzt ein erweiterter a g u d i st i - scher Lokalrat gebildet, dem die Vertreter der Warschauer kleinen Synagogen und Bothe Midrasch angehören sollen. — Auf Ersuchen des a g ü d i st i s ch e n S e j m k l u b s hat der Unterrichtsminister verfügt, daß die jüdischen Schüler der öffentlichen Schulen im Wintersemester erst eine halbe Stunde nach Schulbeginn zu erscheinen brauchen, damit sie ihr häusliches Gebet vorschriftsmäßig zu Hause verrichten können. (Weitere Vermischtes siehe Seite 10.) Briefkasten. M. G. '»0. 1) Nieuw Israelitisch Weekblad, Amsterdam, Joodenbreetstr. 63. 2) Weekblad vor Jsrnelitisckie Huisgezinnen, Rotterdam, Keizeregracht 27 3) Kol Jisroel, Jerusalem, P. O- B 513. 4) Doar Hajnm, Jerusalems P. O. B. 255. 5) Kommentar zu Jesajas van Julius Hirsch, zu Jirmija und Jecheskel von Dr. Joseph Breuer ferner Carlobach: Die drei großen Propheten, Hermon- Verlag.