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Der Israelit · 1933-02-02 · Heft 5 (2.2.1933) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 5 (2.2.1933)
Date
1933-02-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 5 Der Israelit 2. Februar 1933 meiudeleben unterstütze, entgegen und erklärte, a u ch das religiöse Schulwesen werde von den Behörden schikaniert. Den jüdischen Massen ist der Zutritt zum Bildungswesen versperrt. Hier herrscht nicht ein Numerus clausus, sondern ein Numerus nullus. Die schwere Lage des religiösen Schulwesens wird nicht nur zu einem Zusammenbruch der nationalreligiösen Ideologie, sondern auch der staatlichen Ideologie führen. Die Regierung setzt in ihr Riesenbudget eine lächerlich geringe Summe für jüdische religiöse Bedürfnisse ein. Sie zieht nicht in Betracht, daß allein die Äguda 100 000 jüdische Jugendliche erzieht. Die Regierung läßt das jüdische' Fachschulwesen zugrundegehen, obwohl die Probuttivierung der jüdischen Massen im Interesse des Staates läge. Kultusminister I e n d z e j e w i s z erwiderte auf die Ausführungen der jüdischen Redner: „Ich verurteile kategorisch die antisemitischen Ausschreitungen, wie ich jeden brutale Akt verurteile. Der heutige geistige Zustand in der akademischen Jugend beunruhigt mich sehr, ein Strom von Barbarei ergießt sich über die zivilisierte Welt. Ich werde die Zukunft Polens verteidigen gegen ein verwildertes Geschlecht, das auf eine tiefe Kulturstufe gesunken ist. Das neue Gesetz über die Universitäten wird eine Herrschaft des Blutes und des Messers in Zukunft unmöglich machen. Oie polnische Regierung schafft Ordnung an den Hochschulen. Warschau, 27. Jan. In der Volksbildungskommission des polnischen Sejm verteidigte der Kultusminister Jendzelewicz seine Gesetzesvorlage betreffend Einschränkung der Autonomie der Hochschulen zwecks Sicherung des ruhigen Lehrbetriebs und führte u. a. aus: „Was im vergangenen und im jetzigen Jahre an den Hochschulen vorgegangen war, ist eine Schande für die polnische Kultur. Die Regierung sucht nach Mtiteln, um dieser Welle der Verwilderung und der Barbarei, die Polen überschwemmen will, zu begegnen. Das bestehende Gesetz gibt der Regierung keine hinreichende Handhabe, durchzugreifen: das neue Gesetzprojekt erstrebt eine Reinigung der Atmosphäre. Keineswegs wird das neue Gesetz die Freiheit des Lehrens und Lernens einschränken, im Gegenteil, es soll sie sichern. Die Interessen der Studentenkorporationen haben nichts zu tun mit der Freiheit der Wissenschaft, das wissenschaftliche Niveau der Hochschulen ist keineswegs von dem Grade ihrer Autonomie abhängig. Das neue Gesetz will die Würde der Wissenschaft schützen, eine Arbeitsdisziplin sichern und ein tiefes kameradschaftliches Gefühl bei allen Studierenden, unabhängig von Nationalität, Raffe und Religion, fördern." Der strenge Winkt steigert Not und Verzweiflung unter den Juden Polens. Warschau, 27. San. Der Winter mit seinen außerordentlich strengen Frösten und starken Schneefällen hat Not und Elend unter der polnischen Judenheit in Stadt und Land zu einem kaum mehr erträglichen Maße gesteigert. In Warschau selbst sind Tausende jüdische Familien ohne Nahrung und Heizmaterial. Unbeschreiblich ist das Elend der Kinder. In den Talmud Thora-Schulen und in anderen jüdischen Elementarschulen ist es eine häufige Erscheinung, daß Kinder während des Unterrichts vor Entkräftung durch Hunger in Ohnmacht fallen. Vom Hauptbüro der Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden TOZ wird mitgeteilt, daß in Warschau täglich mindestens fünf bis sechs Ohnmachtsfälle von jüdischen Kindern in den Schulklassen verzeichnet werden und daß in allen diesen Fällen Hunger als Ursache festgestellt wird. Tschecho-Slorvakei. Vereinigung der Schüler des Gberrabbiners Oufchlnski. Bratislava, 20. Jan. Das vorbereitende Komitee zur Einberufung einer Versammlung aller in- und ausländischen Schüler des gegenwärtigen Chuster Oberrabbiners I. H. Duschinsky hielt letzten Mittwoch in Bratislava eine Sitzung ab, an j der auch auswärtige Mitglieder teilnehmen. Aus den bisherigen Anmeldungen geht hervor, daß das Interesse für die geplante Bereinigung sehr rege ist und daß alle ehemaligen Talmidim den größten Wert darauf legen, die Verbindung mit ihrem verehrten Lehrer auch nach seiner Uebersiedlung ins Heilige Land aufs engste aufrechtzuerhalten. Da der Antritt des Jerusalemer Rabbinates durch Oberrabbiner Duschinsky schon nahe bevorsteht, wurde beschlossen, die Vorarbeiten zu beschleunigen, damit die Versammlung in Chust in kürzester Zeit stattfinden kann. Als Grundlage der zu schaffenden Vereinigung wurde die feststehende Tatsache angenommen, daß sämtliche Talmidim von dem Wunsche beseelt sind, mit dem Rabbi in ständigem Kontakt zu bleiben und gemeinsam untereinander in unwandelbarer Dankbarkeit den Geist der Lehren zu pflegen, den sie von ihm empfangen haben. Im besonderen soll nach einer interessanten Anregung durch diese Vereinigung größeren und kleineren Gruppen von ehemaligen Talmidim von Zeit zu Zeit auch die Möglichkeit geboten werden, dem Rabbi aus gemeinsame Kosten in Jerusalem besuchen zu können. Die Aussicht auf eine Reife nach dem heiligen Lande dürfte diesem Zusammenschluß einen eigenen Reiz und einen besonderen Wert geben. Zahlreiche andere Anregungen sollen in der bevorstehenden Versammlung besprochen und zum endgültigen Beschluß erhoben werden. Alle Talmidim, deren Anmeldung noch nicht vorliegt, werden gebeten, ihre Adressen und diejenigen der ihnen bekannten anderen Talmidim möglichst bald aus die Adresse Ephraim Kaiser, Bratislava, Urfulinergaffe 10, aufzugeben. Rumänien. Anerkennung der fephardifchen Gemeinden. Bukarest, 26. Jan. Das Kultusministerium hat die Statuten der israelitischen Gemeinden spaniolischen Ritus zu Bukarest, Ploesti, Turnu-Seoerin, Silistra, Timisoara, Calarasi, Giurgiu, Craiova, Constanza und Calafat unter geringfügigen Abänderungen genehmigt. Damit erhalten diese sephardischen Gemeinden den Charakter von Körperschaften öffentlichen Rechts. Gleichzeitig wurde auch dem Verband der israelitischen Gemeinden spaniolischen Rites der Charakter einer Körperschaft öffentlichen Rechtes. zuerkannt, bas Dberrabbinat wurde als 3enirals religiöse Behörde des Verbandes bestätigt. Eine Erez Jisroel-Bewegung in Marmaros Szighet. S z i g h e t, 30. Jan. Eine gewaltige Bewegung macht sich in der Gegend von Szighet zur Auswanderung nach Erez Jisroel bemerkbar. An einer Konferenz in Szighet nahmen vorige Woche 200 Delegierte aus allen Teilen Transsylvaniens und über tausend Gäste teil. Die Konferenz wuchs sich zu einer gewaltigen Demonstration der tätigen Erez Jisroel-Liebe aus. Es tut der Größe der Aktion keinen Abtrag, daß der erste Anstoß dazu von der unsäglichen Not in Transsylvanien gegeben ist. Die Krise eweitert sich immer mehr und der Verarmungsprozeß in der Bevölkerung, besonders unter den Juden, schreitet mit Windeseile fort. Die Geschäftsleute haben keine Geschäfte, die Unternehmer keinen Absatz, die Handwerker und Arbeiter keine Arbeit. Alles nagt am Hungertuche. Viele sind, so sie nur auf irgend eine Weise die Reisekosten erringen konnten, ausgewandert, nach Südamerika, auch nach Spanien, wo sie alle so schwere Enttäuschungen erlebten. Dagegen lauten die Briefe derer, die den Weg nach Palästina fanden, zufriedener und hoffnungsvoller. All dieses hat die Erez Iisroel-Bewegung im Lande der Karpathen gewaltig in die Höhe getrieben. Die Jugend widmete sich mit Feuereifer der Hachschara und viele Jünglinge sind bereits im Besitze ihrer Zertifikate, um in allernächster Zeit die Reise anzutreten. Eine große Reihe anderer Reisekandidaten ist schlimmer daran. Sie besitzen einige Mittel, aber doch nicht genügend, um im Sinne des Ein--! Wanderungsgesetzes als „Kapitalisten" zu gelten. Für; Zertifikate sind sie aber bereits zu alt. Cs handelt sich bei der letzteren Kategorie um hundert Familien mit ins- > gesamt tausend Seelen, arbeitswilligen Menschen, die ’ alle einen Segen für das Land bedeuten würden. Das Ziel der geschaffenen Organisation geht dahin, das ge- * meinfame Kapital dieser Familien auf 20 000 Pfund zu erhöhen, einer Summe, die nach dem von Palästina- , sachverständigen ausgearbeiteten Plane für zukunftverj heißende Ansiedlung der Emigranten ausreichen würden.! Die große Konferenz in Szighet hat eine Resolution angenommen, in der sie sich solidarisch mit den Referaten und Vorträgen der Rabbinen uns Szighet, Kaschau und Riskeve über die Gründung einer Organisation zum Zwecke der Ansiedlung gesetzestreuer jüdischer Familien aus der Gegend von Marmaros Szighet in Erez Jisroel einverstanden erklärt. Die Kolonisten verschreiben sich keiner Partei, verpflichten sich aber, i h r e religiöse Vergangenheit in Erez Jisroel fortzusetzen und dem Aufbau des Landes nur im Geiste der Thora und Tradition zu dienen. Eine weit verzweigte Propaganda soll die finanziellen Mittel für das Unternehmen aufbringen. 25.000 Lei wurden gleich an Ort und Stelle gespendet. Bemerkt sei, daß diese ganze Bewegung dem Zionismus vollkommen fern steht. Sie umfaßt durchwegs fromme Mittelständler, die gefinnungsgemätz der orthodoxen Wsltorganifaion.sehr nahe stehen. Die antisemitischen Ausschreitungen in Czernowitz. Czernowitz, 26. Jan. Drei Tage lang war die Stadt Czernowitz Schauplatz von Straßenkämpfen zwischen angreifenden antisemitischen Studenten und sich, mit Hilfe der jüdischen Studentenschaft, verteidigenden jüdischen Einwohnern. Als die Polizei den Rädelsführer der Cuza-Studenten, den städtischen Bibliothekar Costache, und einige Studenten im Zusammenhang mit dem Angriff auf das National- Theater verhaftete, demonstrierten etwa 200 Cuza-Studenten vor der Universität und vor dem Hause des Ministers für die Bukowina, Sauciuc-Saveanu, und forderten die Freilassung ihrer Führer. Ein starkes Polizeiaufgebot verhinderte einen Sturm auf das Untersuchungsgefängnis. Am nächsten Tage wurden verschiedene Roheitsakte gegen jüdische Passanten begangen. Die Cuza- Studenten versammelten sich im rumänischen National- Palast und führten von dort aus Angriffe auf die jüdische Einwohnerschaft. Aus den Fenstern des Palastes wurden die Vorübergehenden mit Holzstücken beworfen. Inzwischen hatten sich jüdische Studenten in großer Zahl am Ringplatz zu einer Gegenkundgebung versammelt. In geschlossenem Zuge zogen sie durch die Hauptstraßen des Zentrums und riefen: „Es lebe Rumänien! Nieder mit Susa!" Vor dem Rathause richtete der Generalinspektor der Polizei, Anghelescu, an die jüdischen Studenten die Mahnung, auseinanderzugehen. Die Studenten erwiderten, sie wollten niemand angreifen, sondern nur gegen den cuzistischen Terror und gegen de ungerechte Haltung der Polizei der jüdischen Bevölkerung gegenüber protestieren. Auf eine abermalige Aufforderung Anghelescus hin zerstreuten sich die jüdischen Studenten. Am folgenden Tage wurden abermals jüdische Studenten vor der Universität von Cuzisten überfallen und schwer mißhandelt. Die Polizei schritt nicht ein. (ITA.). Rußland. Beginn der Paß-Aktion in bet Sowjetunion. Moskau, 20. Jan. Am 20. Januar begann die Ausgabe von Pässen für die Einwohnerschaft der drei größten Städte der Sowjetunion: Moskau, Leningrad und Charkow. In einer Zone von 100 Kilometern um Moskau und Leningrad und 50 Kilometern um Charkow muß jede über 16 Jahre alte Person bis spätestens 15. April d. I. im Besitz eines Paffes fein. Außer den Büros der großen Fabriken wurden in Moskau 400 spezielle Büros zur Prüfung der Dokumente der um Pässe Ansucheuden eingerichtet. Zur Erhaltung eines Passes ist u. a. die Vorlage eines Zeugnisses des Unternehmens, in dem der Pahanwärter beschäftigt ist, notwendig: „unerwünschte Elemente" werden keine Pässe erhalten und gezwungen werden, binnen zehn Tagen ihren Aufenthalt auf Orte außerhalb der genannten Zonen zu verlegen. Man nimmt allgemein an, daß mehrere Hunderttausende Einwohner Moskaus, Leningrads und Charkows als „gewesene Kulaken", „verdächtige Elemente", „Händler" und „Lischenzes" diese Städte werden verlassen müssen, auch wenn sie bei ihren Kindern leben, die in die Arbeitsfront bereits eingereiht sind. Man befürchtet, daß jüdische Einwohner als frühere Händler und Lischenzes zu Zehntausenden die genannten drei Städte, werden verlassen, müssen. In den Kreisen dieser Großstadteinwohner herrscht Sorge und Verzweiflung. (Siehe auch Wochenrundschau.)

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