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Der Israelit · 1933-02-02 · Heft 5 (2.2.1933) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 5 (2.2.1933)
Date
1933-02-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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2. Februar 1933 .Der Israelit Nr. 5 Seite 3 um alles von neuem aufzubauen. Don Lenin bis Stalin ist ein weiter Weg. Man lernte und lernt dauernd um, und alles bleibt im Flusse. Wan schaffte düs Kapital ab und schaffte es wieder an. Wan erklärte Krieg dem Kriege und übersteigert sich so sehr in Kriegsrüstung, daß sogar der geheiligte „Fünfjahrplan" darunter notleidet. Wan hat den Zaren erschossen und rote Diktatoren eingesetzt, mit Vollmachten, wie sie kein Zar besäst. Wan hat die Wänner der alten O ch r a n a (zaristische Geheimpolizei) mit Stumpf und Stiel ausgerottet und dafür die Tscheka (bolschewistische Geheimpolizei) eingesetzt, die Peter Paul-Festung, diese verruchte Inqulsitionshölle der zaristischen Zeit, hat man geschlossen, aber den Schrecken von dort auf die L i u b a n k a in W o s k a u (die tiefen' Keller der Tfcheka) übertragen. Cs läßt sich mit den alten Wethoden ganz gut arbeitet!. Runmehr koiumt auch der Paß wieder, wie könne auch Rußland Rußland fein, wenn ibm der Paß fehlte? ' ■ . Die sowjetische Polizei bekommt Arbeit, viel mehr als sie die zaristische gehabt hat. Denn es gibt heute in Woskau und in den anderen Großstädten Rußlands bei weitem mehr Wenschen ohne Wohnrecht, d. h. ohne Paß, als damals: Alle Deklassierten, alle Kultusbeamten, alle, die statt Schwielen an den fänden nur Runen an der Stirn aufweisen können, ohne damit ihre Einordnung in den großen Aufbauprozeß beweisen zu können ... Cs ist ein großes Peer von paßlosen, denen inan nun den Paß: den Laufpaß geben kann, den fürs Gefängnis oder Ctappenabschub irgendwohin nach einem Dorf oder Städtchen, wo man. wie in der Stadt, ohne Paß keine Brot- und Kohlenkarte bekommt und keinen Regierungsladen betreten kann, um etwas für den Lebensbedarf zu erstehen. In der zaristischen Zeit waren die Wohnrechtgesetzc speziell gegen die Juden erlassen, und der Jude konnte entweder in die Tscherta (Iudenrayon) gehen, um dort mit seinen Brüdern zu leben und zu leiden, oder nach Amerika auswandern, oder, wenn er. Geld und Beziehungen hatte, sich dennoch in Petersburg und Woskau halten, Heute haben solche Gesetze keine direkte Spitze gegen Juden. Ausnahmen gibt es nicht, und der Antisemitismus wird offiziell bekämpft, aber <1 e facto trifft dieses neue Paßgesetz Juden und nur Juden, die heute weder einen Iudenrayon finden, noch auswandern können, (da man für einen Auslandspaß 500 Dollar entrichten muß und obendrein die Ueberseeländer gesperrt sind). Das neue Paßgesetz, von dem die Behörden formell mit Recht sagen können, er habe mit Inden nichts zu tun, bedeutet in seiner Auswirkung ein A u s h u n g e r u n g s e d i k t für Hunderttausende Juden in Rußland, die die Großstädte verlassen müssen. kehrt und die Pflichten des Herzens zum Talisman erniedrigt. Das Leid der Welt ist unerträglich, wenn es sinnlos ist. Aber alles Leid und alle Qual der Welt find für den Edlen leicht zu tragen, wenn sie den letzten höchsten Zwecken des Daseins dienen. * Der (S'tt, der die Welt ins Dasein und die Völker zu ihrer Bestimmung rief, ist ein ewig neu sich offenbarender G'tt, ist ewige Vorsehung, die iw jedem Augenblick neu in das Irdische eingreift, um die Endgültigkeit des Weltziels zu sichern. * Der G'ttesgedanke muß lebensbeherrschend sein, oder er wird zur Karikatur, denn G'tt prüft Herz und Nieren. G'tt ist ein G'tt der Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Glücklich, wer sein Ideal verwirklicht oder langsam wachsen sieht, wer im Erfolg des Berufes dessen Lohn und Bestätigung erfährt. In der Träne zerbricht der Trotz des stolzen Herzens, in ihr wird das Leid zur Sühne geweiht. * In jedem Moment steht die Seele für sich frei da und kann über ihr Verhältnis zu G'tt zum Bösen oder zum Guten die Entscheidung treffen. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S> Schachnoroitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. D.: S. Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M. Jüdischer Sozialismus. Von 3. Raphael in Beckum. Line Zeitschrift von Riveau und Format ist das Organ von Professor Friedrich Wilhelm F o e r st e r „Die Zeit". Im Januarheft veröffentlicht Felix Stoeßinger eine Arbeit „Ämos, ein Prophet für heute", — wohl anfechtbar vom Standpunkt eines unbedingten jüdischen Blicks, aber dennoch interessant in den Acußccungen zumiiri->N2 nrix-Für weite kreise des Lesezirkels der „Zelt" wird es geradezu neu sein, wenn Stoeßinger sagt: „Und doch gibt es auch für Amos eine Besonderheit Israels, die er seinem Volke nicht abspricht. Cs hat unleugbar auserwählten Charakter. Aber wie deutet Amos die Idee der nationalen Ueberwertung? Sie ist für ihn vor allem eine Verpflichtung. Wit Recht, das können wir auch heute sagen, gibt es eine Crwähltheit sowohl von Individuen wie von Völkern. Rur ist diese Crwähltheit nicht ein Crbgut, das den Besitzer billig über alle erhöht, sondern eine Begnadung, die verpflichte t." (Die Hervorhebungen in diesen! Zitate stammen von mir.) Die jüdische „Auserwähltheit" (eine übrigens bloß recht dürftige „Uebersetzung" des Begriffes „Ain ßeguloh") basiert zunächst auf einer sehr bestimmten Art und Auffassung von „Unabhängigkeit". Judentum ist eine abseits und jenseits von allen sogenannten Zciterscheinungen und vorüberbrausenden „Bewegungen" fest uinrissen formulierte Unabhängigkeit, — eine Totalität im Denken, Wollen und Handeln, die niemals ln „aktuelle" Rahinen restlos hineingepfercht werden kann. Wan darf es sich darum nicht zu leicht inachen, wenn man politische oder soziale Thesen und Terminologien der Gegenwart, respektive der letzten l00 Jahre — was ist das schon?? — in irgend eine Beziehung zuin Wesen des Judentums bringen möchte. So ziemlich alles, was auf dem Warktplatz der Zelt und vor allem des verflossenen Jahrhunderts umhergetolltist, hat man versucht, „synthetisch" mit dem Judentum zu verarbeiten. Uns interessiert als brennende Streitfrage die Ucberlcgung: wie ist es mit dem Sozialismus? In diesen Blättern hat „ein jüdischer Sozialist" vor einigen Wonaten erneut der „regen Witarbeit" jüdischer und vor allem gesetzestreuer Wenschen im „Sozialismus" das Wort geredet. Das mag auf den ersten Blick gut und richtig sein. Cs bedarf jedoch einer gründlichen Ueberprüfung der Gegebenheiten und natürlich erst recht einer noch gründlicheren Crarbeitung des jüdischen Fundaments. Wit der einfachen und sachlichen Aufforderung, am Aufbau einer gewiß zeitnahen Gesinnung und einer „besseren" Ordnung aktiv teilzunchinen, ist es schon deswegen nicht getan, weil in erster Linie der Begriff des „Sozialismus" immerhin ein recht umstrittener ist und alles andere als eine klare und säuberlich geglättete Leinwand darstelit, auf die nun die Ideen einer menschheitlichen Vervollkommnung zu projizieren sind. Was versteht man heute unter diesem Wort „Sozialismus"? Kampf und Erziehungsarbeit für einen Zustand und für ein System, in dein -— banal ausgedrückt — Gemeinnutz vor Eigennutz geht. In diesem Sinne ist heute jede Bewegung „sozialistisch". Keine Gruppe vermag in das, Geschehen heute einzugreifen, ohne sich mit einer „sozialistischen" Wentalität zu gürten. Da existieren nur verschiedene Ruancen. Da tritt der nationale Sozialismus vor die Rampe, da der internationale, da der revolutionäre und dort der demokratische Sozialismus, schließlich gibt es auch unter diesen Ruancen wiederum Wischungen und Unter-Arten. Und zum guten Ende ist das Systein des „religiösen Sozialismus" aufgctaucht, das in sich ebenfalls marxistischmaterialistische und idealistische Strömungen produziert hat. Wir dürfen weiter nicht übersehen, daß mit dem Attribut „religiös" nur vorsichtig operiert werden darf; denn gerade die Sozialisten pur excellence werden nicht leugnen, daß in jede m Sozialismus ein Ouantum Religiosität vorhanden ist. Ja, — cs sind sozialistische Wethoden in Erscheinung getreten, die durchaus als Religions-Ersatz und von ausgesprochen „orthoöox"-sozia!istischem Gesichtswinkel aus als „neue Religion" betrachtet werden. Der Rat zur „Teilnahme" ain Sozialismus mutz also präzisiert werden, und wenn man „Mitarbeiten" will, muß man erst wissen: au w c l ch c m sozialistischen S y st e in? Für den traditionellen Juden wird eine gegenwärtige Beteiligung am revolutionären Sozialismus, sei er national oder international, schon wegen der antireligiösen Taktik der kommunistischen Parteien ansschalten. Reberhaupt undiskutabel ist eine Einreihung in die Front der nationalen Sozialisten. Bleibt der Sozialismus im demokratischen oder religiösen Lager. 2lber auch hier muß man Unterschiede zu machen wissen und die „Einstellung" zum Bereich des Jüdischen kennen. Der deinokratische Sozialisinus — im übrigen kaum ernst genoinmcn im Stadium einer Auflösung aller demokratischen Werte — hat zahllose unsrer jüdischen Wenschen absorbiert, bat ihnen, den jüdisch Entwurzelten, eine Heimat oder zumindest den Ersatz einer Heimat geschenkt. Diese Wenschen sind tadellose Sozialdemokraten geworden, eventuell sogar überzeugte Warxisten; denn Kommunismus und demokratischer Sozialismus sind beide Sachwalter der marxistischen Ideologieen. Was hat aber diese „2lbgabe" unserer jüdischen Wenschen an jene Lager mit einem Kampf um Verlebendigung und Verwirklichung des Judentums zu tun? Sind wir dazu da, unsere Wenschen — und oft sind es die aktivsten und kämpferischsten Raturen — ostentativ an die „sozialistischen" Lager a b z u g e b e n? Haben wir nicht vielmehr die Pflicht, alle unsere Energien und Kräfte und nicht zuletzt den Elan der Jugend für die Durchsetzung unsrer jüdischen Idee zu mobiiisieren? Warxistische 2luffassungcn (das hat -der „jüdische Sozialist" in Rr. 47, Iahrg. 1952, dieser Zeitung leider nur koutureuhaft und unfertig angedeuct!) widerstreiten in zahllosen Punkten den eleinentarsten Prinzipien eines lebendigen Judentums. Gefühlsmäßige Betrachtungen müssen außer acht gelassen werden. Zu erwähnen ist nur kurz, daß allein die zu unerhört unjüdischen Feststellungen komincnde marxistische Geschichtsauffassung einen „2lnschluß" 'an den demokratischen Sozialismus erschwert, gelinde ausgcdrückt. Ein positives und offensives Judentum müßte darüber hinaus hier mit einem unmißverständlichen K a in p f auf den plan treten. Eine „Gemeinschaft" mit den Reihen des religiösen Sozialismus ist vom jüdischen Bereich aus nicht ohne weiteres gutzuheißen. Der Jude kann sich nicht in einen pan-religiöscn Sozialismus stellen, — aber auch nicht in ein System, das in irgend einer Form eine Verquickung christlicher Grundanschauungen und marxistischer Erkenntnisse repräsentiert. „Den" religiösen Sozialismus kann es nicht geben. Das unüberlegte „2lbgeben" unsrer Wenschen als Einzelkämpfer an die Gruppen der religiösen Sozialisten ist keine. Lösung und bleibt eine Gefahr für eine gesamtjüdischc 2lrbclt. Run spricht in dein bereis inehrfach erwähnten Artikel von Rr. 47 der „jüdische Sozialist" erst zu allerletzt und nur in eine in Satz vom „ j ü d i s ch e n Sozialismus ". Wenn darunter nichts anderes zu verstehen ist als ein Gremium von jüdischen Wenschen, das sich im jüdisch-käinpfcrischen Sinne in -die diversen a l l g e m e i n e n sozialistischen Organisationen stellt, — dann ist diese Tendenz grundsätzlich abzulehnen. Das ist weder jüdischer S o z j a l i s - m u s , noch überhaupt eine Wöglichkcit, der Verwirklichung des Judentums den Weg zu ebnen. Und gerade diese 2lufgabc, das I u d e n t u m zu einem Faktor der Lebensgestalung zu machen, diese gewaltige 2lrbeit, die Unabhängigkeit im Geiste zu erstreiten, hat im Wittelpunkt unserer Auffassung um das Ringen zwischen Katastrophe und Vervollkonunnung zu stehen. Richts sonst. Jede andere Gesinnung hat eine Reben- Gesinnung und wirkt sich „assimilatorisch" aus. Im schlechten, degradierenden Sinne . . . was wir — um nun die „zeitgemäße" Formel noch einmal auszugreifen — unter „jüdischem S o -

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