Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-02-02 · Heft 5 (2.2.1933) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 5 (2.2.1933)
Date
1933-02-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450761--79366-2537113
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Nr. 5 Der Israelit 2. Februar 1933 herige Oppositionsstellung. Den Mitkämpfern von gestern, den Parteifreunden, vermag der neue preußische Immimimsm durch Erneuerung des großen Beamtcnkörpers in nationalsozialistischem Sinne viel realere Dienste zu leisten als durch offene Zugeständnisse an den brutalen Judenhaß. Trotzdem wäre es sträflicher Optimismus, sich des itni ft e s der Lage nicht bewußt zu fein. Je weniger die tteuett Männer dein mit Hunger und Hot verzweifelt ringenden deutschen Volk durch gesetzgeberische Wunder wirkliche Hilfe zu bringen vermögen, desto näher liegt für sie der Wunsch, ut aliquid feci videatur doch wenigstens ein paar A b f ä tz e aus dem r a f f c n t h e o r e t i f ch e n Programm der Partei in die politische Wirklichkeit. umzusetzcn, was ohne sensationelle und kompromittierende Iudengesctze auf dem Wege des „trockenen Pogroms", der systematischen Aussperrung und Aushungerung der Juden im wirtschaftlichen und kulturellen Leben leicht geschehen kann. Inwieweit in einem nationalsozialistischen B c - a m tenkörpe v bas alte preußische Beamtenpslichtgesühl über die so lange gepflegten antisemitischen Instinkte Herr werden und Schikanen und Rechtsvcrkürzungen gegenüber Juden ausschließen wird, inwieweit eine Polizei, die einen Aationalsozialisten als obersten Chef über sich weiß, in jedem Cinzclsall zuverlässig und unparteiisch bleiben wird, wenn es sich um Juden (oder gar um sozialistische oder kominunistische Staatsbürger) bandelt — das sind Fragen und Zweifel, über deren Berechtigung nur die Zukunft entscheiden kann. wie die Dinge liegen, scheint es uns noch das kleinere Nebel zu sein, daß durch Tolerierung der neuen Regierung von seiten des Zentrums die parlamentarische Basis und Nontrolle — trotz eines befristeten Ermächtigungsgesetzes — wenigstens grundsätzlich aufrechterhalten bleibt (man denke zum Beispiel nur an die Gefahren, die sonst der nv'Nw drohen), als wenn ein Mißtrauensvotum des Reichstags di» Auflösung mit allen ins Uferlose sich erstreckenden Aspekten auf Diktatur und Staatsnotstands-Cxpecimenten berbeiführt. Arbeiterkonflikte in Palästina. Die Konflikte zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in Palästina, mit all ihren unvermeidlichen und unangenehmen Begleiterscheinungen, wie Teilstreiks, Aussperrungen, Krawallen und Verhaftungen, mehren sich in den letzten Tagen in bedenklicher weise und werfen einen düsteren Schatten aus das Lichtbild des Ausbaus. Daß solche Kämpfe unjüdisch sind und auf dem historischen Loden, auf dem einmal ein Boas seine Arbeiter mit „G'tt mit euch!" grüßte und im Chore den Gegengruß erhielt: „Cs segne dich G'tt!" nie gekannt waren, braucht nicht erst gesagt zu werden. Aber sehen wir von allen historischen und ethischen Reflexionen ab: Unter rein materiellen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten muß eine Verpflanzung des unseligen Kampfes von Europa nach Palästina von jedem, dem das Heil und die Zukunft Palästinas am Herzen liegen, ob 'Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, als eine Katastrophe für Land und Leute angesehen und abgelehnt werden. Nirgendwo aus der Erde ist beute der 'Arbeiter so sehr auf den Unternehmer, der mit Kapital und Initiative jenem die Arbeitsstätte errichtet, angewiesen, wie in Palästina, wo der Aufbau sich zur Zeit, wie ein g'ttliches Wunder, sozusagen aus dem Nichts heraus vor unseren Augen vollführt. Mit aller Liebe und Begeisterung, mit aller Aufopferungssreude und Tatkraft, die die jungen Arbeiter mitbringen, werden sic kein Brot aus dem Boden zu zaubern vermögen, wenn sie kein Feld und keinen Betrieb vorfinden, um sich zu betätigen. Andererseits aber werden die 'Arbeitgeber wenig aus ihrem Kapital und ihrer Initiative profitieren, ohne die starke, arbeitende und werte produzierende Hand des Arbeiters. Das ist natürlich in Europa und an allen anderen Enden der Welt im Grunde nicht anders. Aber dort hat sich in das kleine Vakuum, das einmal sozial und gesellschaftlich zwischen Kapitalist und Proletarier besteht, in die große Politik hineingeörängt und mit starken Armen immer mehr die beiden aufeinander angewiesenen Teile auseinandergerissen. Bei den Kämpfen, die in der Folge entstanden und nunmehr auch schon längst historisch sind, läßt sich kaum noch Ursache von Wirkung unterscheiden. Cs kam die Uebersteigerung des Kapitalismus bis zum Weltkriege hinzu, mit der naturgemäß auch die politischen und sozialen Ansprüche der Arbeitermassen wachsen mußten — und dennoch unerfüllt blieben. Cs kam die furchtbare Weltkrise nach dem Kriege, die Millionen den Loden der Existenz unter den Füßen entzogen hat und aus einem Heere der unzufriedenen eingestellten ein noch größeres Heer von erbitterten, kampfbereiten Uichtangestellten machte. All das wäre in Erez Israel, eitler»! Ueuland des aus Arbeit und Unternehmen bestehenden Ausbaus, an sich nicht gegeben. Der Kampf wird künstlich von denen geschürt, die ihn aus der Heimat mitgebracht haben und ohne ihn nicht leben zu können glauben. Hier kann von einer Uebersteigerung der Wirtschaft und des Kapitalismus nicht die Rede sein. Arbeitgeber und Arbeitnehmer finden sich in eine in Ideal, in dem willen, das Land der Väter für die Kinder aufzubauen, und dieses gemeinsame Ideal sollte gute Brücke sein zwischen Besitz und Arbeit. Einzig die Politik ist es, die auch hier die Sitten verdirbt, indem sie glaubt, die Sitten von Europa ohne Rot einführen zu müssen. wir wollen uns hier nicht im Prinzipe gegen den Gcwerkschaftsgedanken, gegen eine Verbindung der Arbeiter zur Wahrung ihrer Interessen durch eine starke Organisation aussprechcn. Aber eine solche jüdische Gewerkschaft in Palästina bleibe jüdisch, lasse sich von politischen Drahtziehern nicht zu ihren Zwecken ausnutzen, halte sich fern von dem mißverstandenen und je nach Bedarf mißdeuteten Marxismus, der in Europa von einern Schutzmittel zu einer Kampfparolc geworden, ist. Daß es auch einen solchen jüdischen Sozialismus gibt, und daß er die Tragbalken für eine große Organisation abgeben kann, zeigt das Beispiel Polens, wo die p o a l c Agu - d a s I i s r o c l sich eine höchst achtbare Stellung im jüdischen Leben errungen haben, was hier in der alten polnischen weit noch aus widerstand stößt und einigen Kamps auslöst, müßte in Erez Iisroel seine natürlichste friedlichste Lösung finden, wir halten den Zeitpunkt für gegeben, insbesondere angesichts der großen orthodoxen Alijah aus Polen, eine solche orthodoxe Arbeiterorganisation, womöglich im Einvernehmen mit den orthodoxen Arbeitgebern zu schaffen. Ihre Parole müßte beißen: Recht und Arbeit! Die Arbeit am G'tteslande als Basis des G'ttesrechtes! Püffe in Sowjetrutziand. Der „paß" gehörte im tiefsten Frieden zu Rußland, wie sein „Lorscht" und seine Juchten. In einen Zeit, da in der ganzen Welt Jedermann frei und paßlos sich bewegen und die Grenzen passieren konnte^ durfte im großen Rußland sich kein Mensch ohne Paß auf die Straße wagen. Richt die Tatsache seines Daseins, sondern der mit Bild und Personalien und Guittung für die erlegten hohen Stempelgebühren versehene Bogen hatte dem Bürger, auch in seiner engeren Heimat, zu bestätigen, daß e r e r sei. Alle Erdteile standen einen! bis zur großen Völkertrennung im August 1914 offen, nur wenn man über Eydtkuhnen nach der Welt des Ostens wollte, erfuhr man, daß die mittelalterliche Institution des Passes noch nicht ganz aufgehoben sei. wie die Geleise von dieser Station ab anders und breiter angelegt waren, damit kein Zug aus dem Westen sie berühre, so waren die Grenzen mit einem dichten Kordon geschützt, daß kein paßloser durch diese chinesische Mauer schlüpfe. Die Gefängnisse in Rußland füllten in jenen glücklichen Zeiten vorwiegend Menschen, die das große Verbrechen begingen, paßlos durch die Welt zu laufen. Cin ungeheurer Beamtenstab lebte von dieser hohen Staatsweisheit, die einen Passanten ohne Paß zu einem „Peter Schlemihl ohne Schatten" machte . . . Cs hat sich seitdem mancherlei in der Welt und erst recht in Rußland geändert. Man hat viel experimentiert in diesem Lande, wo man alles niederriß, Einer sah den andern nicht. Zu Sidrah: xj. Das Schicksal Aegyptens vollendet sich. Die Auseinandersetzung zwischen dem typischen Land einer Kasten- Ordnung und der in seiner Mitte emporwachsenden Idee „Sinai" findet ihre letzten, gewaltigen Ausmaße, — bas System Mizrajim empfängt Strafen, hervorgerufen aus Zusammenhängen, die der einfache Teilnehmer an jenem Geschehen nicht zu überschauen vermag. Was war die Aufgabe Israels? Was war der Sinn jenes Vorgangs, den wir historisch den „Auszug aus Aegypten" nennen, — eine Formel, die niemals totes Datum sein sollte, sondern vielmehr immer wieder und immer wieder im Werden Israels an die starre Wand der Geschichte geschrieben wurde? Die präziseste Antwort: ia^ ’tb an -o, zu der S R. Hirsch grundlegend sagte: „ . . denn wir haben an, einen Kreis u m G ' t t zu bilden. Das ist die Vorausahnung der großen sinaitischsn Antwort auf alle Probleme Aegyptens und ägyptischer Ideologien." Der Kreis ist das jüdische Ziel. — der Kreis, der nur einen Mittelpunkt haben kann, — eine Linie in ihrer schönsten Vollendung, — jeder Punkt dieser Linie in gleid)em Abstand vom Mittelpunkt. Die ägyptische Situation malt der Satz: „Einer sah den andern nicht, und niemand stand von seiner Stelle auf drei Tage lang . . ." Der jüdische Kontrast hierzu: „ . . . Aber allen Söhnen Israels war Licht (mrr) in ihren Wohnungen." Der Begriff nirr zwingt zum Nachdenken, besonders im Zusammenhang mit der Charakterisierung jener Finsternis, jener Denkweise und Auffassung, die diesem Ideal — mrr: „die größere Helle des Lichts als Wirkung des aufsteigenden Fortschritts der menschlichen Sitte . . ." (Dr. Wolf) — völlig entgegengerichtet ist. Hier innerhalb eines Verses der Zusammenstoß zweier Weltanschauungen, aber auch das Dokument der A u s s ch l i e ß l i ch k e i t (ab d) des Indischen. Auch am Sinai waren es drei Tage des Stillhaltens und Erwartens. Dort schloß sich der jüdische St r e i s; dort vollzog sich das jüdische Schicksal. Dort wurde die große Tatsache: „Den Söhnen Israels allen war Licht in ihren Wohnungen . . ." Dort erst war der allerletzte Sieg ersochten über Aegyptens Auffassung: „ . . . einer sah den andern nicht . . " Dort, am Sinai, — endgültige Ueberwindung des ägyptischen Systems, des Staates der Kasten und Jnteressentengruppen. Wesentliche Ueberlegung bietet das für unsere Zeit, — die den Kreis um G'tt entweiht und zerstört und viel Aegyptisches wieder in den jüdischen Bezirk hineingezogen hat. So muß eben diese permanente Erinnerung an den „Auszug aus Mizrajim", an die Loslöfung vom Fremden und Wider-Jüdischen mit Recht jeden Tag als neue Weg-Parole an uns und unsre Menschen gestellt werden. 'ab an Der Kreis um G'tt — in dem einer den andern sieht — muß geschaffen werden. R—e. Aphorismen aus dem neuesten Werk des Herrn Obercabbinec Dr. 3. Carlebach: Die drei großen Propheten Jesajas, Jirmija und Iecheskel. Zusammengestellt von Llkan Hirsch in Hamburg. Wie ein ragender Fels im Meer der Zeit ist das Wort der großen jüdischen Propheten. * Wir erkennen keine Kunst an, in welcher eine schöne idealisierte Lüge der Wirklichkeit eine Scheinwelt entgegensetzt, die zwar der Erde ihre Farben entleiht, aber Tragik und Schönheit des Lebens in die übermächtige Gewalt des Fatums statt in die Kraft menschlichen Willens verlegt. * Alles Große und Geniale ist Intuition. Schau über das Gegebene hinaus, plötzliche, sprunghafte Erfassung des Fernen, Ergreifung und Ergriffenwerden von dem über gewohnte Sichtweite Hinausreichenden. * Die Intuition bringt uns dem Weltgeist näher, erschließt die Seele, befreit sie von ihren Erdenhüllen, daß sie Gesäß des Unendlichen werden kann. -i- . Wie ein Adler seine Jungen weckt, sie auf seinen Fittichen emporträgt, so reißt uns Jesajas zur'höchsten Perspektive der Welt und Menschheitsbetrachtung empor. * Es gibt auch eine religiöse Blindheit, die das echte Gold der Wahrheit mit dem einschmeichelnden Schein der Jrreligion verwechselt, Religion in Heidentum ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.