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Der Israelit · 1933-01-26 · Heft 4 (26.1.1933) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 4 (26.1.1933)
Date
1933-01-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Schon häufte er ganze Berge von Einwendungen,: zu entgehen, morgens und mittags in der kleinen Kra- Zitaten, Fragen und Argumenten an, um jene Cr- | kauer Schul, in der unter stillschweigender Duldung klärung zu entkräften. Wie oft war es überhaupt vorj des Dbcrrabbiners der fefardifche Ritus dominierte. mm Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) XI. Ein Schüler nur. Rabbi Iecheskel Landau war nicht wenig überrascht, sogar "ein bißchen betroffen, als am nächsten Tage ein ganz junger Mensch, halb ein Knabe noch, ihm die Blätter im Aufträge Rabbi Roffons überbrachte. War das der Reisebegleiter, mit dem er über diese tiefen Dinge sprechen sollte? „Und wann gedenkt. Rabbi Roffon mir seine Bemerkungen oder Einwendungen mitzuteilen?" fragte Rabbi Landau etwas verstimmt. „Ich habe die'Bemerkungen und Einwendungen gleich mitgebracht und soll sie hier dem Prager Raw unterbreiten und begründen." „Du? Wohl auch einer von den großen Frankfurter Gelehrten!" Cs klang reichlich ironisch. „Ich bin einer der geringsten Schüler von Rabbi Rosson und Rabbi pinchos," gab Mosche prompt zurück. Merkwürdig, wieder diese Art von stolzer Bescheidenheit, wie sie immer nur den Frankfurtern eigen war. Der große, greise Dberrabbiner von Prag fühlte sich gleich' entwaffnet. „Und was hat mir dein Lehrer zu sagen?"- „Zunächst," fing Mosche an, „die hier angebrachte Bemerkung zu Raschi in pessachim 47a. Raschi sagt so nebenbei, daß es zur Zeit des Schaubrote» (des Tempels) keine zwei Festtage in Erez Israel, gab, und der Prager R-aw wundert sich über diese Fassung,-als habe das Cintagsfest in Palästina mit der Tempelzerstörung aufgehört, wo doch in Wahrheit im heiligen Lande auch nach der Zerstörung und auch jetzt noch nur ein Feiertag gehalten wird." „Run, wie will dein Lehrer diese Schwierigkeit erklären und die Raschistelle verstehen?" „Wir sind der Meinung ..." „Wir? " entfuhr es dem gestrengen Rabbi unwillkürlich. Mosche errötete und korrigierte sich: „Mein Lehrer, Rabbi Rosson, neigte der Meinung zu, daß es ' wohl zu Zeiten, vorübergehend, auch in Palästina zwei Feiertage gab. Beweis: Mifchna Iebamoth, l 12, wo Rabbi Akiba berichtet, daß er einmal, wohl unter dem. Druck der Hädrianischen Verfolgungen, in Rehardäa in B ä b"y l o n 6en‘ Iahreskalender festsetzen mußte. Als es ihm Spätere nachmachen wollten und sich dabei auf Rabbi Akiba beriefen, verbot man es Ihnen, wie in Berachoth 63 berichtet wird, mit dem Worte: „Anders Rabbi Akiba, der seinesgleichen in Erez Israel nicht Hinterlasten hatte." „Und nun?" warf Rabbi Länöau etwas ungeduldig ein. - ' 1. „Dasind tr»ir . »i ., ist mein Lehrer der Meinung, daß man IN; solchen; Jahren, in dc'ncn der Iahreskalender au ß e r'h a l b Palästinas festgesetzt wurde, so daß man die Boten,'umgekehrt als sonst, von Babylon nach Erez Israel zu schicken Hatte, eben gerade in Palästina zwei Feiertage gehalten hatte. Genau aus dem gleichen Grunde, aus dem. man in nor- ' malen Jahren^ wenn die Bekanntmachung von Palästina ausging, in Babylon zwei Tage zu feiern chatte. Raschi konnte, um ganz präzise zu sein» von einer absoluten Unmöglichkeit des doppelten . Feiertages in Palästina nur für die Zeit des Tempelbestandes sprechen ..." Rabbi Iecheskel Landau überlege eine weile. Cs war eine Meinung, die immerhin nicht zu verwerfen war. Aber er war von Ratur aus kein Mann des : leichten Rachgebens, der Dberrabbiner von Prag. gekommen zur Zeit der Tannaim, daß man über die Grenze ging, um außerhalb Palästinas über Festsetzung der Monate und Jahre zu entscheiden. Gleich konnte ihm der Frankfurter Bachur mit einem Dutzend Ramen dienen, die im Zusammenhang mit solchen Dienstreisen an verschiedenen Stellen gebracht werden. Rabbi Iecheskel — er hatte längst vergessen, daß er es mit einem jungen Bachur zu tun hatte — gabnicht locker. Mosche setzte ihm Schritt für Schritt hart zu, breitete-die ganze Literatur und das gesamte Material über die Heiligung des Monats aus Talmud und Maimouidcs vor dem großen Rabbi aus, als trüge er es wie ein Tuch in feiner Tasche herum, wie aus einer Betäubung erwachte Rabbi Iecheskel: „Hast du auch das alles von deinem Lehrer? wie konnte er wissen, was ich feiner Ansicht entgegenhalten werde und was dem zu erwidern fei?" Mosche Errötete und stotterte etwas. „Kommt der Hinweis auf Rabbi Akiba zur Behebung der Schwierigkeit in Raschi überhaupt von deinem Lehrer?", schöpfte Rabbi Iecheskel verdacht, und feine Augen ruhten wohlgefällig und bewundernd, fast abbittend, auf dem immer mehr errötenden Gesichte des Frankfurter Bachur. Jetzt, mußte Mosche verlegen eingestehen, daß, als sie, Meister und Schüler, die Blätter studierten und an dieser Stelle gelangten, er, Mosche, zuerst an Rabbi Akiba in der Mifchna dachte und diese zur Erklärung der Raschibemerkung anführte. Rabbi Rosson erwog die Ansicht, fand sie gut und richtig und beauftragte ihn, sie'dem Prager Raw in seinem eigenen Ramen zu überbringen. Dazu fehlte ihm aber der Mut, und das leise angesetzte „wir" scheiterte an der Gegenfrage des Rabbi. was aber der Bachur nachträglich zur Sache dem Prager Raw zu sagen hatte, war sein ureigenes Geistesgut. Er hätte von je her der Frage des „Ibbur" (Kalenderfestsetzung) das größte Interesse zugewendet, sagte er, als müßte er feine Belesenheit entschuldigen. Es gab aber noch andere Dinge zu besprechen, für die der Frankfurter Bachur weitgehende Vollmachten hatte. Rabbi Iecheskel hatte in feinem Manuskripte die Frage berührt, ob e i n K o h e n n i ch tjüdische Gräber betreten dürfe. Im Iore Dea wird erschwerend entschieden. Demgegenüber glaubte Rabbi Iecheskel sich auf Abraham >ben Dawi'd (Rawad) berufen zu können, der die (Reinhaltung des Kohen und feine Fernhaltung von Toten und Gräbern in der Jetztzeit,als eine nur rabbin i f ch e M a ß n a h m e ansieht, die sich auf jüdische Gräber beschränke. Auf dieser ureigenen Domäne Rabbi Rossons, des großen Kohen,. mußte sich der Prager Raw vom diesem belehren lassen, daß auch besagter Rabbi Abraham gar nicht daran denke, die „schriftlichen" Bindungen für den Kohen in der Gegenwart anzutasten und ihm den weg zu nichtjüdischen Gräbern freizugeben. So präzis und überzeugend konnte der Schüler die Ansicht des Lehrers vortragen und vertreten, daß der große, selten zum Rachgeben geneigte Rabbi Iecheskel am Schlüsse den Gänsekiel in die Tinte tauchte und unter seine Abhandlung die Bemerkung setzte: „Rach Aussprache mit anderen großen Gelehrten über diesen Gegenstand,, wage ich jedoch nicht mehr, bei meiner erleichternden Ansicht zu verharren ..." An diesem Tage war auf dem schwarzen Brett im Vorraum der Prager Altschul die seltene Bekanntmachung zu lesen: „Am Sabbat nach dem Minchogebet wird der große Adler, ein Gaon unseres Zeitalters, Rabbi Rosson aus Frankfurt, einen Vortrag halten." Das war ein Rovum für die Prager große Schul, in der die Kanzel ansonst einzig dem Dberrabbiner Vorbehalten blieb. Rabbi Rosson war, als sich am Sabbat nachmittag die große Schul von Menschen in gespannter Erwartung füllte, nicht zu sehen. Cr hatte, um Ehrungen gebetet. Eine Delegation aus den Männern des Rabbinates und Vorstandes mußte ihn erst aus der Klaus holen und mit sanfter Gewalt auf die Kanzel stellen. Der Vortrag enttäuschte ein wenig. Rabbi Rosson sprach leise, unter Verzicht auf jede rednerische Wirkung. Die Materie war verzwickt und kompliziert, die Argumente in Tiefen und Höhen führend, in die ihm nur einige Auserwählte folgen konnten. Die große Masse weidete sich nur am schönen Ahronsgestcht, hörte tiefe Worte aus heiligem Munde, ließ sich von der weihe der Stunde tragen, ohne das Ganze, über einzelne unzusammenhängend? Bruchstücke hinaus, zu erfassen. Er ging nach dem Vortrag, etwas ermüdet, ängstlich jeder Beifallskundgebung ausweichend, Hand in Hand mit dem Dberrabbiner aus der Schul. Die Gemeinde blieb, teilte sich in Gruppen und diskutierte über das Gehörte, Rur wenige, die die Probleme aufnehmen und die Gedanken weitecfpinnen konnten, viele waren es, die sich nur über den Redner, feine Art, ferne Geschichte, seine Frankfurter Erlebnisse, fernen weg nach Boskowicz unterhielten. In der Gruppe der verstehenden stand Mosche, der Frankfurter Bachur, holte mit den Händen aus, erklärte dunkle Worte feines Lehrers und griff überall berichtigend ein, wo er ein Mißverständnis oder eine Mißdeutung wahrnahm. Seine Stimme klang so hell, seine Worte so feurig, daß der Kreis um ihn immer größer und größer wurde. „Cr soll auf den Almemor gehen, es laut sagen, es uns allen erklären," erhoben sich Stimmen aus der Menge. Unversehens war Mosche aufs Podium gedrängt. Es war noch eine Stunde bis zum Sabbatausgang. Und diese Stunde wurde ausgefüllt und verklärt von einem lichtvollen Vortrag des Frankfurter Bachurs, den nun alle, auch die weniger Gelehrten, verstanden. Mosche schloß mit den Worten: „Das alles, nicht mehr und nicht weniger, hat vorhin mein Rebbe, Rabbi Rosson, gesagt. Ich bin nur sein Metucgeman (Interpret)." In den folgenden Tagen sprach man in den Gassen und Gäßchen, in den Schulen und Lehrhäusern der alten Stadt Prag ebensoviel vom Schüler wie von seinem Meister. Die Sache mit Boskowicz zog sich hinaus. Die mährischen Behörden waren dahintergekommen — gab es auch dort schon Feinde und Gegner des Frankfurter Rabbi, die sogar das Ghr der Behörden suchten? —, daß nach einer alten Verordnung Ausländer kein rabbinifches Amt im Lande bekleiden durften. Rabbi Rosson drängte nicht, er hatte noch gar keine Vorstellung von feinem neuen Wirkungskreis und wußte immer noch nicht recht, wie man dahin kommt. Aber von Boskowicz kamen Deputationen, die ihren Rabbi je eher je lieber in ihrer Mitte haben wollten. Man mußte noch warten.' Aber die wartctage in Prag gestalteten sich zu Triumphtagen für die Gemeinde, für das Haus von Rabbi Gerfon Libeles, für den Meister und den Schüler, für Gastgeber und Gäste zugleich. Xll. InBoskowicz. Eine lange, breite Straße und zwei parallel laufende schmale Gassen, flankiert von kleinen niederen Häuschen und Kramläden; an der Peripherie auf der einen Seite bis zum Wasser der Bicla» auf der anderen Seite bis zur Anhöhe mit der Burgruine ein paar Hütten und Katen, gassenlos und formlos hingeworfen, das war die mährische Stadt Boskowicz. In der Langen Gasse standen die Juden und Jüdinnen in und vor ihren Kramläden, im Winter bei glühenden und rauchenden Kohlenpfannen; in den Gäßchen daneben hatten sic ihre kleinen Häuschen, in denen Rot, Arbeit, Sorge und Streit am grauen Werktage, Frieden und Frohsinn am Sabbat wohnten. Kinder gingen ins Theder, Jünglinge ins Lehrhaus. Cs waren über zweitausend jüdische Menschen, die so ihr hartes kleines Leben zwischen öder Trübseligkeit und geistiger Verzückung lebten. Draußen in

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