Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1933)
- Date
- 1933-01-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 6 Rr. 4 Der Israelit 26. Januar 1933 übrigens sind sie in ihrem Tun und Lassen frei. Sie haben das Recht, Steuern zu erheben, jedoch ohne Staatszwang, d. h. bei Nichtzahlung steht nur die Klage bei dem Richter wie bei jeder anderen Schuld offen, es ist also mehr eine freiwillige Zahlung, wie der Vertrag bei einem Vereine. Die Steuer ist in den meisten Gerneinden in Ueberernstimmung mit der Staatssteuer festgestellt, besonders in den großen Gemeinden, die kleinen ordnen ihre Finanzen, wie sie es wollen; trotzdem wird der Richter nur selten in Anspruch genommen. Soweit niir bekannt, hat nicht eine der jüdischen Gemeinden in ihren Statuten als Bedingung ausgenommen, daß Alles nach orthodoxen Grundsätzen geführt werden muß, trotzdem kennt man hier keine Reform, alle Gemeinden und, in ihnen alle jüdischen Institute, gleichgültig, ob sie von der Gemeinde abhängig oder autonom sind, stehen auf orthodoxem Standpunkt. Die Oberrabbiner oder Rabbiner, welche ihre Examina am hiesigen Rabbinerseminar abgelegt haben, sind für alle freikommende Stellen wählbar, da man eben hier nur orthodoxe Kandidaten kennt. Kandidaten aus dem Ausland müssen ihre Hathoras Haurooh einem Kollegium von drei hiesigen (holländischen) Oberrabbinern vorlegen, dies, um zu vermeiden, daß ein Reformrabbiner gewählt wird. Daß hierbei noch, nach der Anerkennung, ein eolleslum doctum stattfinden muß, ist meines Erachtens eine Maßregel, um unseren holländischen Kandidaten den Vorzug zu geben. Erwähnen möchte ich noch, daß bei Eheschließungen im Auslande die Kefuwoh dem holländischen Rabbinate zur Anerkennung vorgelegt werden muß, und werden häufig solche, wenn von Reformrabbinern vollzogen und nicht zwei b'iwb w-m dabei anwesend waren, nicht anerkannt. Zu bedauern ist es, daß es im Auslande noch konservative Rabbiner gibt, welche Proselytinnen zwecks Verheiratung mit jüdischen Männern, ins Judentum aufnehmen. In den meisten Fällen wissen die Damen vom Judentum nichts, denken auch nicht daran, die jüdischen Gesetze gu befolgen, trotzdem kann ein holländischer Oberrabbiner den ausländischen Rabbiner, wenn er als konservativ bekannt ist, nicht leicht desavouieren. Polen. Die Agudas Jisroel gegen Gehaltskürzung der Rabbiner und Gemeindebeamten. Warschau, 19. Jan. Die Notlage in den polnischen Gemeinden hat dazu geführt, daß ihrer manche die Gehälter ihrer Rabbinen und Funktionäre bis auf ein Minimum reduziert haben. In einem Rundschreiben an sämtliche Gemeinden des Landes weist die Landesorganisation der Agudas Iisroel auf die Uuhaltbarkeit eines solchen Zustandes und aus die sich daraus für die Gemeinden selbst ergebenden traurigen Folgen hin. Der Rabbiner, der sich um das tägliche Brot sorgen muß, ist in seiner Autorität bedroht und kaum noch imstande, die Gemeinde zu repräsentieren und die Jugend zu beeinflussen. Wie sollten die Schochtim ihren heiligen, verantwortungsvollen Dienst ausüben, wenn sie mit ihren Familien darben müssen? Es geht um die Ehre der Thora und die Aufrechterhaltung des Kaschruthwesens in der Gemeinde. Die Gemeinedvorstände werden in Zirkularen gebeten, das Gemeindebudget nicht unter Schonung der Steuerzahler auf Kosten der Beamten aufzustellen. ' Es ist nicht einmal überall die Not, die diese Maßnahmen diktiert. In vielen Fällen gehen diese Maßnahmen von Vorständen aus, die damit einen Druck auf die ihnen mißliebigen Hüter der Religion ausüben wollen. Man darf hoffen, daß das mannhafte Auftreten der Agudas Jisroel in dieser Sache nicht ohne Wirkung bleibt. wie sie die Tatsachen verdrehen. Warschau, 17. Jan. Als Antwort auf eine Rede des Innenministers P i r a ck i gegen den Terror der Nationaldemokraten hielt der nationaldemokratische Deputierte W i e r c z a k eine Hetzrede, in der er ausführte, in ganz Europa fei heute die Judenfrage brennend, in allen Ländern gäbe es antisemitische Parteien. Es fei nicht richtig, daß in Polen „Judenpogrome" stattfinden, denn es handle sich hier nicht um den Kampf einer großen Mehrheit gegen eine kleine Minderheit. In den polnischen Städten und Städte chen machen die Juden oft 60 bis 70 Proz. der Gesamtbevölkerung aus. Der Ausdruck „Juden werden über- , fallen" paffe hier nicht recht, geht es hier doch nicht um einen Kampf gegen Schutzlose, sondern um einen Kampf gegen eine starke jüdische Gruppe, wobei bewaffnete jüdische Sportorganisationen den Angriffen tätigen Wider- Die Woche. Berlin. Professor Eugen Mittwoch, der seit 1919 als ordentlicher Profe'for und seit 1928 als Direktor des Seminars für orientalische Sprachen an der Berliner Universität wirkt, wurde zum ehrenamtlichen Berater des auswärtigen Amtes berufen. B eslau. Prof. Ernst Cohn hat, obwohl am Dienstag neue Skandale ausbrachcn, seine Vorlesungen wieoer ausgenommen. Warschau. Nach amtl. Veröffentlichungen waren in den Jahren 1924 bis 1926 nur 6599 Juden in Polen ftraffällig geworden. Das macht im Ganzen nur etwas über 4 Proz. der Straffälligen in Polen aus, während die Juden annähernd 11 Proz. der Bevölkerung ausmachen. — Im Jahre 1932 sind 3721 Juden aus Polen nach Palästina ausgewandert, drei Mal so viel als im Jahre 1931. Kischinew. In der Stadt Tura Magurelle stürmten Cuziften die Synagoge, zerstörten die innere Einrichtung und schändeten auch Thorarollen. Moekiu. Der Vorsitzende der jüdischen Kollektiv-Kolonie „Roter Stern" im Rayon Kalinindorf, wurde unter Beschuldigung des Amtsmißbrauches bei Ablieferung des Getreides in seiner Kolonie zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Bukarest. Das rumänische Unterrichtsministerium hat auf jüdische Intervention angeordnet, daß der jüdische Religionsunterricht in den staatlichen Schulen obligatorisch wird. Pari?. Jacques See, Mitglied des Konsistoriums der jüdischen Gemeinden Frankreichs wurde zum Mitglied des Vorstandes der Jewish Colonisatron Association (JCA) an Stelle des verstorbenen Professor Salomon Reinach gewählt. — Die jiddische Tageszeitung „Der Tog", die in Paris von dem früheren jüdischen Sejmdeputierten Noah Prilucki, herausgegeben wurde, stellte in diesen Tagen ihr Erscheinen ein. Noch im Herbst 1932 erschienen in Paris drei jiddische Tageszeitungen: der mit dem Warschauer „Hajnt" assoziierte „Pariser Hajnt", das von Salaman Schneuer herausgegebene „Morgenblatt" und „Der Tog". Gegenwärtig erscheint nur noch der „Pariser Hajnt". London. Joint Foreign Comitee wandte sich an den englischen Arbeitsminister mit dem Ersuchen, daß für den Fall, daß die 49 A r b e i t s st u n d e n der Woche nicht auf fünf, sondern auf sechs Tage verteilt werden sollten, dem zu erwartenden diesbezüglichen internationalen Abkommen eine Klausel angesügt werde, wonach es den jüdischen Arbeitern freigestellt werde, an Sabbattagen der Arbeit fernzubleiben. Die Antwort des Arbeitsministeiiums lautete dahin, daß der Vertreter der englischen Regierung auf der Konferenz die jüdische Ansicht vertreten wird. Newyork. Richter Henry Horner ist in Sprinafleld in sein Amt als Gouverneur des Staates Jlinois feierlich eingeführt worden. Er ist der erste jüdische Gouverneur von Illinois. Seine Wahl erfolgte, ungeachtet der scharfen Kampagne seiner Gegner, die sogar antisemitische Motive nicht verschmähten, mit großer Mehrheit. Wien. Auf Anordnung des Polizeipräsidenten Dr. B"andl wurde eine von der Wiener nationalsozialistischen Partei organisierte Versammlung nattonalsozial.stijch gesinnter Polizeibeamter aufgelöst. Polizeipräsident Dr. Brand! veröffentlicht in der „Reichspoft eine scharfe Wahrnung an jene Polizisten, die sich nationalsozialistisch betätigen, und kündigte ihre Entlassung aus dem Polizeidienst an. Saloniki. Das Gericht in Saloniki verurteilte den Redakteur der „Makedonika Rea", Mifsolonghittis, wegen fortgesetzter judenhetzerischer Veröffentlichungen in seiner Zeitung zu einem Monat Gefängnis oder 1209 Drachmen Eelobuße, sowie zur Tragung der Prozeßkosten. Jerusalem. Wie das Einwanderungsbüro der Jewish Agency mitteilt, sind abgelausenen Jahre 8819 Juden in Palästina eingewandert, unter ihnen 3339, die als Touristen ins Land kamen und nachträglich von der Regierung dis Erlaubnis erwirkten, dauernd im Lande zu verbleiben. 892 sind sogenannte „Kapitalisten", die sch über den Besitz privater Mittel ausweisen konnten; 491 dieser „Kapitalisten" stammen aus den Vereinigten Staaten von Amerika. gierung dazu übergehen muß, ihren Veamtenstab zu re-' duzieren, so müsse sie auch entschlossen an die Frage Herangehen, ob Juden aus Polen auszuweisen sind. Die Polen kämpfen um ihr Brot. In Lemberg sind Juden über Polen hergejallen, trotzdem hat die Polizei polnische Studenten und Studentinnen niedergeknüttelt. Auch in Warschau und in anderen Städten Polens sielen Juden über Polen her. Den Abschluß der Debatte bildete eine Rede des jüdischen Deputierten Rosmarin, der auf die Auslassungen des Innenministers und des Nationaldemokraten ausführlich einging. Warschau, 19. Jan. In der heutigen Sitzung der Budgetkommission des polnischen Sejm wurde die vor einigen Tagen mit eineu Erklärung des Innenministers P i e r a ck i über die Schuld der Natronaldemokraten an den Lemberger Geschehnissen eröffnete Judendebatte fortgesetzt. Der Abgeordnete Oberst Arzyszewski hielt eine antisemitische Hetzrede, die in der Forderung gipfelte, bei Lieferungen an die Armee jüdische Lieferanten auszuschließen. Das Hitler-Deutschland, sagte er, fordert die Entfernung aller Fremdrassigen, Frankreich drängt die polnischen Arbeiten zurück, Amerika hat seine Tore gegen Einwanderer gesperrt, auch der polnische Staat müsse bei Vergebung von Aufträgen für Arbeit und Lieferung ausschließlich Angehörige der polnischen Rasse berücksichtigen. Wenn man, sagte er, heute Juden als Lieferanten duldet, dann werden eben diese Juden im Kriegsfälle, wenn B. eine Stadt oder ein Kreis durch Deutsche oder Russen besetzt ist, auch die feindlichen Heere beliefern, während so etwas von echten Polen nicht zu erwarten ist. Dr. Rosmarin meldete sich sofort zu Worte und widerlegte Arzyszewski, der früher Oberst im polnischen Generalstabe gewesen war, Wort für Wort. Zum Schlüsse erklärte der Kriegsminister, General Skladkowsky, die polnische Heeresverwaltung ziehe jene Heereslieferanten vor, die am billigsten und am besten liefern, ohne nach Rasse und Religion gu fragen. Damit, sagte er, sei der Streit zwischen den Deputierten Arzyszewski und Rosmarin für ihn erledigt. Ein neuer Anschlag auf das religiöse Judentum in polen. Wilna, 15. Jan. Aus Betreiben der nationalen und liberalen Kreise wurde hier ein „Verband akademisch gebildeter Rabbiner" ins Leben gerufen. Natürlich kann es sich dabei nur um einige wenige Prediger und bessere Kronrabbiuer handeln, die von Drahtziehern gegen das alte religiöse Judentum und die von diesem und der ganzen Welt als religiöse Führer anerkannten alten Rabbinen aufgerufen und in einem „Verbände" gesammelt werden. Man kann darin nur eine Fortsetzung der Versuche zur Schaffung der Oüerrabbinate in Wilna und Warschau erblicken. Das in Wilna erscheinende orthodoxe Organ „Das Wort" erklärt in einem längeren Artikel, das orthodoxe Judentum in Wilna und in Polen werde nicht umhin können, IN dieser Neugründung eine neue Kampfansage gegen die Religion, ihre Führer und ihre Anhänger zu sehen. Das religiöse Judentum wird sich jetzt um so enger und inniger seinen Lehrern und Führern .anschließen, um ihre Position zu stärken und ihnen die Führung zu erleichtern. stand entgegensetzen. Dieser Kampf ist notwendig, denn es leben in Polen vier Millionen Juden. Polen ist nicht imstande, eine so große Zahl Juden zu ertragen. Wir haben Tausende arbeitslose Intelligenzler. Wenn die Re¬ Litauen. Jawne-Ronserenz in Litauen. Kowno, 15. Jan. An der großen Erziehungskonferenz der „Jawne" nahmen vorige Wche auch Vertreter aus Polen und den baltischen Ländern teil. Der Leiter der Jawne-Zentrale in Kowno, Herr Kopelowitz, erstattete den Tätigkeitsbericht, der ein Bild emstgejr Arbeit entrollt. Der Poniwescher Raw hält eine flammende Rede gegen all die modernen Erziehungsmarimen in den jüdischen Schulen, die nur bewirkten, daß wahre Kenntnis des jüdischen Schrifttums einer erschreckenten Ignoranz Platz macht. Auch die Gäste aus Polen, so die Herren Rabbiner Schub aus Wilna, Eifermann und Seidmann aus Warschau, kamen wirksam zu Wort. Cs wird beschlossen, eine Jawne- Organisation zu bilden, die die Lehrer, Rabbiner und Elternschaft umfaßt. Weitere organisatorische Beschlüsse von