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Der Israelit · 1933-01-26 · Heft 4 (26.1.1933) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 4 (26.1.1933)
Date
1933-01-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 4 Der Israelit 26. Januar 1933 in den Parlamenten. Wohin auch das Auge schaut, überall.taucht in der Parlamentsdebatte der Jude auf, weniger als Redner, als Politiker, als Führer und Aufrührer, viel nrehr als Objekt der Debatte. Ls belebt ein wenig die Verhandlung und die Diskussion, wenn man zwischendurch „den Juden tanzen läßt". Ls geht hierbei oft nach der alten östlichen Anekdote: „Werft den Wann hinaus. Lr ist nicht da? Dann holt ihn und werft ihn hinaus ..." In p o! e n tobte dieser Tage im Sejm eine I u d e n a u s s p r a ch e, d. h. eine Aussprache über die Juden. Dort sind es die Nationaldemotraten, die es nicht dulden mögen, daß eine Verhandlung, egal über welchen Gegenstand, ohne etwas für die Iudenhetze einznbringen, abläuft. In L e mb e r g gab es vor einiger Zeit pogromartige Ausfchreitungen, und es fiel den Rationaldemokraten nicht schwer, nach überall bekannten Wethoöen im internationalen Reiche unter dem Hakenkreuze, in dem „die Sonne nie aufgeht", nachzuweisen, daß die Juden einzig und allein den Pogrom — gegen sich — gemacht haben, um Polens Ansehen und Kredit zu schädigen. Der Innenminister pieracki hätte schon etwas stärkere Töne anschlagen können, um die Herren in die Schranken zu weisen, sicherlich übte er nur deswegen Zurückhaltung, um den jüdischen Abgeordneten nicht ins Handwerk zu pfuschen. Diese besorgten es allerdings den Worthelden, deren einer sogar das „Hitlerdeutschtum" als Wüster für Polen empfahl, ganz gründlich. In Budapest zankt man sich im Parlamente um den ewigen Numerus clausus. Zum Glück geben öle Dinge in Ungarn heute sonst nicht viel Anlaß zu ungarisch gepfefferten Iudendebatten. Um so toller geht es in Bukarest, der Hauptstadt Rumäniens, zu, wo die sogenannten Euzisten die Situation beherrschen. Leider nicht allein im Parlamente, sondern im ganzen Lande, insbesondere in B e ß a r a b i e n , wo der grimmige Judenhaß aus der russischen Zeit unter sorglicher pflege der Rumänen aufs Beste gedeiht. Kischinew, das die Ehre hat, die erste pogromstaöt zu sein, macht ihrem Rufe heute noch alle Ehre. Ueberfälle und Wordtaten sind dort in der Gegend an der Tagesordnung. B o r s ch a ist noch nicht vergessen. Nicht weniger schlimm sieht es in Ezernowitz, der Hauptstadt der rumänischen Bukowina, aus, wo kuzistische Studenten die von Juden bewohnten Straßen besetzt halten. Wan wird bald in der Kammer zu Bukarest zu hören bekommen, daß dies alles die Juden selbst angezettelt hätten, um die braven Rumänen als Vandalen in der Welt zu stempeln. Auch in den w e st l i ch e n Ländern gibt es zur Abwechslung Parlamentdebatten über die Juden. In London beschränkt sich die Judenöebatte im Ober- und im Unterhause stets nur .auf palästinafragen, rmd der Vorgang ist schon - gewissermaßen stereotyp: Ein liberaler Abgeordneter fragt, wieso es komme, daß das-unö das in:Palästina passiert sei und ob die Regierung Auskunft zu geben bereit sei, was sie in der und der Sache zu tun gedenke ... Darauf der zuständige Kolonialminister: „Wir wissen nichts, hörten nichts und taten nichts; warten Bericht ab . . ." Sogar in W a d r i d-, der Hauptstadt Spaniens, ist in letzterer Zeit der Jude als Punkt der Tagesordnung parlamentsfähig. Bald 450 Jahre Nach der Austreibung unterhalten sich die Herren Senatoren und, Deputierten über die Wöglichkeit, die fephardischen Juden, die treuesten Hüter .der spanischen Kultur im Orient, für Spanien zurückzugewinnen, als Wiedergutmachung und auch — im Interesse der spanischen Finanzen. Das nimmt sich hier wie in London sehr gemütlich und harmlos aus im Vergleiche zu dem Niederschlag, den — sehr oft im ganz wörtlichen Sinne —der Haß tagtäglich in den Parlamenten zu Warschau und Bukarest findet. Zwischen Oft und West steht Deutschland mit seinem Hitlertum als Ouelle des Unheils, die alle Haßzentralen, unter welchem Namen sie auch von Warschau bis Bukarest wirken, geistig nährt. In der gegenwärtig fast parlamentslosen Zeit in Deutschland! ist der Anlaß zu solchen (Ausbrüchen wenig gegeben. Immerhin wird auch hier jede spärliche Gelegenheit weidlich ausgenützt, das Parlament mit den Juden zu beschäftigen. So-haben es in der-letzten kurzen Session des p r e u ß i sich e n Landtags die Nationalsozialisten verständen, mit ganzen Stößen von „kleinen" und „großen" Anfragen, von Anträgen und Interpellationen das Interesse von den brennenden Lebensfragen der Nation auf die Iudengasse zu lenken. Die Theater- und Kunststätten, auch der Rundfunk sind den Herren immer noch nicht Judenrein genug, also hätten Landtag und Regierung die Säuberung der Bühnen und auch der Lust, durch die die Wellen die Wetterberichte und die nächtliche. Jazzmusik in die Häuser tragen, zu besorgen. Dann kommt der — sogar angenommene -— Antrag auf Registrierung aller in den staatlichen Kunststätten beschäftigten Ausländer und all der Ausländer auch außerhalb der Kunst, die erst nach 1913 ihre Staatsangehörigkeit erworben haben. Noch vieles andere von dieser Art kommt dazu. Der so gesäuberte Rundfunk wird nun allabendlich verkünden können: „Cin Tief liegt über dem östlichen, und mittleren Teil Europas.! ..." Oft und West im Ringen um jüdische, Erziehung.') Von Dir. Dr. 2R. Elias in Frankfurt a. 21t. III. (Fortsetzung.) Zu den Grundtendenzen der neuen Bewegung gehört auch die Ueberzougung, daß für die-religiöse Crziehung der jüdischen Wädchen mit demselben Trufte und derselben Energie gearbeitet werden müsse wie für die Knaben. Davon zeugt auch „das Programm von dem Jahaduth-Limuö für die Beth-Jaakob-Schulen in Polen". Soweit ich die Sache von Hier aus beurteilen kann, handelt es sich dabei um Religionsschulen, die neben der allgemeinen Schule den Wädchen. einen intensiveren jüdischeren Unterricht Zufuhren. Zur Crgänzung des gebundenen Unterrichts in Siddur, Thumefch und jüdischer Geschichte haben diese. Schulen für zwei bis drei Wochenstunden auch eine Art freierer Unterweisung im Geiste jüdischen Gesetzes, jüdischer Literatur und Weltanschauung vorgesehen. Um diesen Unterricht systematisch zu einem Weltbilde werden zu lassen, um ihn über zufällige Eingebungen von Lehrern und Schülern zu erheben, hat der bekannte ostjüdische Schulmann und derzeitige Direktor des Beth-Jaakob-Seminars in Krakau, Orlean, seinerzeit ein Heft herausgegeben, das den ganzen Stoff des „Jahaduth"-Programms auf sechs Jahrgänge verteilt und in Wochenpensen darstellt. Auch hier zeugen schon die Eingangsworte von dem ernsten und freudigen Willen.zu einer neuen Erziehung. Trockener Lehrstoff und abstrakte Begriffe sollen draußen bleiben, das in der Geschichte Gelernte und im jüdischen Jahr Erlebte'soll religiös ethisch ausgewertet, das in der weltlichen Schule Gehörte von der jüdischen her revidiert werden. Anschaulichkeit, Lebensnahe und eigene Erfahrung der Schülerinnen sollen den Unterricht stützen, der in methodischer Ordnung aufbauenö die verstreuten Waterialien jüdischen Lebens sammeln soll. Dem Gerede von dem Staub der Jahrhunderte auf aller Tradition soll' durch Heranziehung dichterischer Darstellungen , und durch Verinnerlichung traditionellen Lebens, entgegengetreten werden, die Schönheit und Aktualität jüdischer Ueberlieförung in Lehre und Leben aufleuchten. Aus diesen Grundsätzest baut sich die jüdische Erziehung in den Beth-Jaakob-Schülen auf. / 2lls Illustration dafür gelte die letzte Seite des Programms. Sie führt uns in die oberste (sechste) Klasse. Tamus, der drittletzte Wonat wor Jahresschluß, ist herangekommen. An der Hand des „Chaurew" beschäftigen sich die Schülörinnen mit der Frage, welche Pflichten der Einzelne in- und für Zibbur hat. *) Unfer dem Ollen ist -hier ausschüchlich Polen-zu versieben. Auch da sind die Verhältnisse nur auf Grund der mir zügelnd len Schriften, nicht auf Grund eigener Anschauung beurteilt. Sowohl den Tatsachen als aüch der Beurteilung nach lind Jrrtümer möglich, für deren Nachweis ich dankbar bin. Daran anschließend wird in der! nächsten Woche die- Verantwortung, die der einzelne fürs Ehurban trug, behandelt. Die Trauerwochen sind vor der Türe. Wan denkt an Palästina, vergegenwärtigt sich die heiligen Stätten: n^saan .rma '^m 12p ^rn> und wie diese drei Wonumente sich in den Erzählungen unserer Weisen spiegeln. Das Problem des Galuth taucht auf, die Frage wird laut: welches Ziel kann G'tt mit dem m1?} verfolgen, welche Bedeutung hat es für uns, liegt, wie unsere Weisen sagen, wirklich eine Wohltat darin, daß wir unter die Völker verstreut sind? Und zur Beantwortung werden — die!9 Briefe herangczogen. In der nächsten Woche wird der Prophet des Jecheskel, zitiert. Die drei Hauptkapitel werden besprochen: Von der Angleichung an die Völker, von!den dürren Gebeinen, und von der.iaiV.n- Der Cllul!gibt dem letzteren besondere Aktualität, Wussarbücher \ werden genannt, über nianVn niain und wiV" n’r’D»! wird gesprochen. Das Rauschhaschono-Wachsor wird!zur Hand genommen. Die Pajtanim und ihre glänzendsten Vertreter und ihre schönsten Dichtungen kommen zu Worte. Die NlipS fuvav von nwn tPKl aber entfacht eine Debatte über die Zukunft des jüdischen Volkes im Rahmen der Wenschheitsentwicklung unter Zugrundelegung von Aussprüchen. Waimonides Die Würdigung, von nisa dt» und maio bilden den krönenden Abschluß des Jahres.- Die,1112» wird lebendig, das bevorstehende haften zwingt zum Nachdenken über den Sinst der Verselbständigung mit 12 Jahren (mxo na)- In den letzten zwei Wochen wird n*?mp> durchgenommen, die Gestalt des königlichen Philosophen Vergegenwärtigt, und seiner Persönlichkeit und seiner Zeit gegenüber die naiv als Symbol für die Unzulänglichkeit von rmy und — im Einklang mit dem Widrasch als Symbol des Goluslebens betrachten gelehrt. In dieser Weise wird mit dem ntf* in der,Hanb und mit jugendlicher Aufgeschlossenheit das gesetzestreue Judentum zu einer erlebten Wirklichkeit. Einen imponierenden Eindruck erhält der Leser von dieser Wirklichkeit, wenn er. die Halbmonatsschrift „Beth Jaakow, Literarisches Familienjournal" öurchblättert, das, von Friedenson redigiert, 10 bis 20 Seiten stark, jeden zweiten Freitag in jedem O'rt an alle Ehaweroth aus den Beth-Jaakow-Schulen verschickt wird. Trotz der drückenden materiellen Lage scheinen unsere Gesinnungsgenossen dort noch ein gewaltiges Reservoir tüchtiger Kräfte, führender Schulmänner und rühriger Organisatoren zu haben. Ein starkes Streben, ein ernster Wille und eine freudige Zuversicht spricht aus diesen Heften. Freilich, auch an ernsten Symptomen fehlt es nicht, wenn man das Leben, wie es sich etwa in öec Ehinuch-Nummer spiegelt, sich vergegenwärtigt. Dä ist ein Aufsatz: „Der Gymnasium-Götze^ von dem oben erwähnten Schulmann Orlean. Wan versteht: Die verschiedensten Richtungen, Agudismus, Zionismus und Chassidismus, haben die Wasse während und nach dem Weltkrieg mehr und mehr aktiviert und politisierst Es wimmelt von Schulen. Europa hat das Land auf seine Fittiche genommen und die Jugend in Bewegung versetzt, die nicht so leicht.zum Stillstand zu bringen ist. - , Tlle Beth Jaakow-Schulen haben, wie oben geschildert, die Aufgeschlossenheit der heutigen weiblichen Jugend im Dienste der Gesetzestreue zu nutzen versucht. Aber bei Ehaurew und 19 Briefen kann man nicht stehen bleiben. So ersteht aus der Aktivierung des Geistes der weiblichen Jugend, die gewiß von öec 2>eit und r>on den Umständen gefordert wird, ein ernstes Problem. Die geweckten. Wädchen, klagt Orlena, wollen nach Beendigungder Beth Jaakow- Schule nicht.aufhören, zu studieren, jetzt wollen sie ins Gymnasium. Und wenn es auch kein Gymnasium des Abfalls ist, — Wesusoth sind angebracht — die naive Gläubigkeit^ die wir am Osten so schätzen, sie muß verloren gehen und das Studium tut das Uebrige. Glühend vor Begierde, zu lernen, halb närrisch in dem Gedanken, daß wissen dem Wenschen Wacht, und Bildung ihm erst eine Stellung in der Welt gewährleiste, ruhen sie nicht, bis daß die (meist chassiöisckien) Eltern nachgeben, und ihr Kind ins Gymnasium schicken. Die Aussicht, auf diese weise zur Erwerbstätigkeit zu gelangen, ist gering, wie Orlean überzeugend nachweisi. Aber die Eltern wissen einfach nicht

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