Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1933)
- Date
- 1933-01-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Rr. 4 Seite 3 26. Januar 1933 Der Israelit rvußtz starke, Widerstände entgegensetzen. Aber diese Gegnerschaft würde auf falschen Voraussetzungen beruhen. Zunächst einmal ist es eine unbestrittene Tatsache, das; Palästina keine Lösung öer materiellen Iuöenfrage bieten kann, daß dem dortigen Aufbauwerk gewisse innere wesensnotwendige Grenzen gesetzt sind, die bald erreicht sein, dürften, und daß seine Forcierung infolge der hierdurch zu erwartenden Verschärfung der sozialen und politischen Spannungen nur da» Gegenteil des beabsichtigten Zweckes bewirken und zu einer vollständigen Schließung der Grenzen führen würde. Palästina ist nach Lage der Dinge auf ein ruhiges, stetiges, langsames Wachstunr angewiesen. Ueberftürzte Eingriffe können nur auch das bisher Erreichte gefährden. Wenn ein zäher nationaler Heroismus diese Tatsache, um des großen nationalen Zieles willen in Kauf zu nehmen bereit ist, so muß dem entgegengehalten werden, daß das verelendete jüdische Volk nicht die Zeit bat, so lange zu .warten, und daß überhaupt bei der Ausgabe, die materielle Rot der Iudcnheit zu beheben, zu der alle jüdischen Gruppierungen aufgerusen werden, wirtschaftsfremde Erwägungen welcher Art auch immer, vollständig auszuscheiden haben. Die Lösung der ökonomischen Iuöenfrage muß aus der Linie des geringsten Widerstandes bei Erzielung des größtmöglichen Effekts liegen. Das ist, wie jeber einsehen wird, in einem menschenleeren Territorium, das nicht wie ein Hexenkessel von gefährlichen politischen Spannungen durchzogen ist und in welchem der Boden nicht zu Phantasiepreisen erworben werden muß, naturgemäß sehr viel leichter möglich. Aber auch die Argumentation, daß durch ein großzügiges Hilfswerk in der Diaspora Palästina vernachlässigt oder geschädigt würde, ist durchaus unzutreffend und zeugt von kurzsichtiger Anschauung. Palästina wird durch eine Sanierung des Golus nicht nur nicht „geschädigt", sondern kann dadurch nur gewinnen. Palästina kann nicht „auf den Trümmern des Golus" gebaut werden, sondern kann sich auf d i e D a u e r nur Hand in Hand mit einer wirtschaftlich gesunden Diaspora entfalten. Vorübergehende zufällige Konjunkturen können diese Grundtatsache des jüdischen Volkslebens nicht verdecken. Wer die dynamischen Tendenzen und die verschlungenen Energieckanäle der jüdischen Volkspsychologie und Daseinswirklichkeit aufmerksam verfolgt, wird zu keinem anderen Ergebnis kommen können. Erez Iisroel wird nie aus dem Herzen des jüdischen Volkes verschwinden. Gedeiht der einheitliche, untrennbare jüdische Wirtschaftsorgantsmus, fo werden Erez Iisroel, seinem kostbarsten Gliede, seine reichen Säfte von selbst Zuströmen. Ebenso irrig ist ferner der Gedankengang, der won einer großzügigen überseeischen Aiassenkolonisaüion, die sich auf verschiedene Territorien zugleich erstrecken kann, eine weiterö Zerstreuung der schon jetzt genügend zersplitterten Diaspora befürchtet. Das Gegenteil ist der Fall. Vicht eine Erweiterung der Diaspora wird die Folge dieses „polyterritorialismus" — wie man zutreffend formuliert hat — sein, sondern eine stärkere Konzentration der Iudenheit. Cs kann für niemanden ein Zweifel sein, daß bei der geringngstcn Lockerung der Cinwanöerungsschranken die verzweifelten jüdischen Massen wie ein Bienenschwarm aus ihren überfüllten Wohnländern ansbrechen und in einer regellosen Wanderungswelle, sich in jeder nur sichtbaren Ritze einnistend, über die ganze Welt zerstreuen werden. Dem soll gerade durch eine planmäßige Emigration und Kolonisation, die auf große kompakte Alassensiedlungen abzielt, vorgebeugt werden. Cs handelt sich somit lediglich um eine Umgruppierung der Diaspora, die notwendigerweise auch mit einer stärkeren Konzentrierung verbunden sein wird. Damit sind ungefähr die Aufgaben einer alljüdischen Wirtschaftskooperation skizziert. Die Aufgaben sind groß, aber auch die Rot, aus der sie geboren sind, ist unermeßlich. Die gesamtjüdische Wirschaftskooperation ist der einzige Ausweg aus der verzweifelten Lage. Einen anderen Weg gibt es nicht. Die jüdische Lehre will nicht, daß wir uns auf Wunder verlassen. Helfen wir uns selbst, dann hilft uns der Himmel. Wochenrundschau. Die Forderung der Stunde. Die an leitender Stelle der heutigen Rümmer veröffentlichten Ausführungen geben Gedankengängen Ausdruck, die heute in der Luft liegen, aber bisher keine adäquate, zur Tat führende Klärung und Gestaltung gefunden haben. Sie haben sicherlich z u m Teil auch die Initiatoren der unglückseligen Weltkongreß-Idee bewegt und sie zu dem Glauben verleitet, die Zeit sei ihren — im Grunde aus ganz anderen Beweggründen geborenen — Plänen auf alle Fälle günstig. Darum gilt es vor allem eiinnal, den Vorschlag Dr. Landaus in aller Schärfe gegen den „Weltkongreß"-Anschlag abzugrenzen. Dieser will allgemeine demokratische Wahlen, eine politische Aufwühlung und Parlamentarisierung des jüdischen Volkes über alle Ländergrenzen hinweg, die Aufrichtung Zigarre» 49 Wolf _ Tel. Hansa 27930 einer Schwatzbude, in der von den gewählten Volksvertretern pflichtschuldigst agitatorische Reden zum Fenster hinaus gehalten werden, damit daraus dann dem mit Reden berauschten jüdischen Volke eine dauernde politische Repräsentanz (natürlich unter zionistischer Vormundschaft) nach außen und eine durch kein Thoragesetz behinderte Zentralbehörde nach innen erstehe. Was Dr. Landau — im Einklang mit Erwägungen und Beschlüssen der Exekutive der „Agudas Iisroel-Welt Organisation" — vorschlägt, ist das Gegenteil von all dem. Cs sollen die Berufenen, das heißt die Sachkenner und die Erfahrenen, geräuschlos, ohne Wahlen und Wühlen, zusammentreten und im ernsten Gedankenaustausch prüfen, was geschehen kann, um der Pflicht der Stunde zu genügen. Um es gleich deutlich herauszusagen: ohne Zustimmung und Teilnahme derjenigen Körperschaften, die nun einmal seit Jahrzehnten die ökonomischen Interessen der jüdischen Volksmassen betreuen und die allein über Erfahrung, Sachkunde und wirtschaftliche Rlöglichkeiten verfügen, ist der Gedanke nicht ausführbar. Darin liegt seine Schwäche. Wenn sich J. C. A., American Jewish Commitee, Joint, Alliance Israelite, Board ok Deputies, Hilfsverein, Ort und einige wenige andere bewährte Organisationen nicht entschließen sollten, noch einmal zur unbefangenen Prüfung der ganzen Lage ab ovo und ohne den natürlichen, aber immer gefährlichen abgebrühten Ersahrungs - Pessimismus des „alten Praktikers" mit ein paar Vertrauensmännern der ostjüdischen Volksmassen zusammenzutreten, dann kann „Agudas Iisroel" und kann die jüdische Presse nur sprechen: nrn oyn nx xb irr* wir wollen nicht sagen, daß wir mit jeder Einzelheit der Ausführungen Dr. Landaus vollkommen übereinstimmten; insbesondere glauben wir, daß die Welt- und Zeitlage in viel höherem Rlaße auf einer gesamtjüöischen kolonisatorischen Kraftanstrengung zur Besiedlung Erez Iisroels und seiner arabischen Rachbarländer hinweist als auf die Schaffung neuer Iudenzentren an den sonstigen „vier Enden der Erde." Entscheidend ist aber eine produktive U m - schichtungöpolitik in den Ländern der jüdischen Rlassensiedlung selbst — dort und nicht auf dem Wege der Emigration wird sich — soweit natürliche Faktoren mitsprechen — das ökonomische Schick- ' sal des jüdischen Volkes entscheiden. Hier gilt es zu raten und zu taten. Eines Nachts wurde ich durch Pochen an merne Türe geweckt. Da ich mir nie etwas Ungesetzliches habe zuschulden kommen lassen, fühlte ich mich völlig sicher und nahm an, "daß das Klopfen von einem Nachbarn herrühre. Als ich öffnete, sah ich mich Polizisten gegenüber, die mir befahlen, ihnen zu folgen. Ich wurde zur Polizeiwache gebracht, wo sich bereits mehrere unter ähnlichen Umständen Verhaftete befanden. Wir wurden ins Gefängnis gebracht, mehr als 50 von uns wurden in eine einzige Zelle hineingepfercht. Ein Beamter der G. P. U. „verwarnte" mich, und fügte mir, die G. P. U. wisse alles über mich, insbesondere, daß ich ausländische Noten gelaust habe. Ich sollte das Geld aushändigen, sonst würde ich das. Gefängnis nicht lebend verlassen. Sollte ich die ausländischen Noten wieder verkauft haben, so solle ich den Käufer nennen, um nlich und meine Familie zu retten. Wer von den Gefangenen der G. P. U. das Versprechen gab, seinen ganzen Besitz der G. P. U. zu übergeben^ wurde vor den Staatsanwalt gebracht, der seine Freilassung verfügte. Alle anderen blieben im Gefängnis. Die Zelle, in der wir zusammengepfercht saßen, hatte weder Tische noch Stühle. Die Gefangenen hockten aus dem Boden, immer einer zwischen den Beinen seines Hintermannes eingeklemmt. Wurde ein neuer Häftling in den Naunr gebracht, wo kein Platz mehr war, so wurde er von dem Aufsichtsbeamten und seinen Gehilfen wie ein Ball hin und her geschleudert, bis er bewußtlos, oft mit Knochanbrüchen, trogen blieb. In der Zelle gab es weder eine Veleuchtungsnoch eine Herzungsanlage. Oft ertönte mitten in der Nacht die Stimme eines Beamten, der dauernd die Worte wiederholte: „Wenn ihr euch weigert, der G. P. U. euer Gold auszuliefern, werdet ihr diesen Ort nicht lebend verlassen!" Nicht selten trat der Staatsanwalt selbst in die Zelle und richtete an die Gefangenen die gleichen Worte. Diese Häftlinge waren nicht -etwa nur frühere Kaufleute, sondern auch Mediziner, Ingenieure, Angestellte öffentlicher Institutionen usw., einige waren Arbeiter. Sämtliche Verhöre wurden nachts geführt, die Gefangenen wurden so lange einem Kreuzverhör unterzogen, bis sie erschöpft zusammenbrachen. Verharrte ein Gefangener in Schweigen, so befahl der Staatsanwalt. daß ihm 50 Haare ausgerissen werden, zuweilen wurden zwei Gefangene Gesicht zu Gesicht aneinandergebunden, wodann ihnen befohlen wurde, auf einander zu spucken. Im Sornmer wurden die Häftlinge, jeder in zwei schwere Mäntel gesteckt, dazu in zwei dicke Pferdedecken eingewickelt und gezwungen, in dieser Vermummung mit einem Besen in der Hand, oft 36 Stunden hintereinander, stramm zu stehen. Im Winter wurde diese Prozedur wiederholt, aber dann mußten die Gefangenen in dünnen Unterkleidern 'kn einem ungeheizten Raum, dessen Fenster zerbrochen waren und kalte Luft einließen, stramm stehen. Zuweilen wurden 100 Gefangene in einen Raum gesteckt, der kaum 40 Personen fassen kann, so daß man Kops an Kops zusammengedrängt stand. Im Sommer herrschte eine unerträgliche Hitze, die Häftlinge schrien fortwährend nach Luft, mehrere von 'ihnen wurden ohnmächtig. Infolge dieser Behandlung sind viele der Häftlinge irrsinnig geworden. Am 29. Tage meiner Haft wurde ich zum ersten Male aus der Zelle gebracht. Ich und die mit mir ins Freie traten, wurden von dem ungewohnten Licht so geblendet, daß wir hinfielen. Man ließ uns mehrere Stunden liegen, bann brachte man uns in die Zelle zurück. Kurz darauf erschien der Staatsanwa't ui'.d wiederholte seine Forderung, ihm die m unserem Besitz befindlichen ausländischen Noten auszuhändigen. Nach sechsmonatiger Haft wurde ich freigelassen, da sich die G. P. U. davon überzeugt hatte, daß ich wirklich .keine Valuta besitze. Bevor ich aber endgültig aus der Hast entlassen wurde, wurde ich gezwungen, zu meinen früheren Zellen-Eenossen zu treten und ihnen za sagen, daß ich der Aufforderung der E. P. II. entsprochen und ihr all mein Geld übergeben habe, und daß ich meinen Zellen-Genossön rate, das gleiche zu tun, damit auch sie ihre Freiheit erlangen. All dies geschah in einer der größten Städte Rußlands. gleichsam unter den Augen der Zentralbehörden. In den kleineren Städten und Dörfern liegen die Dinge in dieser Beziehung noch viel schlimmer. Soweit der Bericht des Auslandskomitees der Zio-- msten-Sozialisten Rußlands. Das aus Ehaim Nachman Bialik, I. L. Goldberg und Ben Zion Katz zusammengesetzte Komitee zur Aufklärung der Öffentlichkeit über Valuta-Inquisition in Rußland veröffentlicht neue Dokumente über die Leiden der der Valuta-Inquisition Unterworfenen in einer der größten Städte der Ukraine. U. a. wird ein mit einem aus Rußland in Palästina cingetroffenen Juden aufgenommenes - Protokoll veröffentlicht, in dem das Verfahren der G. P. U. gegen Personen, die des Valuta-Briitzes verdächtig find, in der gleichen Weife geschildert wird, wie das in der Erklärung der Zionisten-Sozialisten erwähnte. Dteser Jude, der die Zeit vom 20. August bis 7. Oktober 1932 in der „Valuta-Haft" zugebracht hat, versichest, daß unter den wegen angeblichen Valuta-Besitzes Verhafteten 90 Proz. Juden find. Zamiliennachrichken. Geburtstag: Salomon Schuhman, Mönchsrüth, 88 Jahre. — Elicfer Klau, Teilheim i. Utfr.. am 4. 2. 33 30 Jahre. — Abraham Selig, Hardheim t. B., 65 Jahre. Goldene Hochzeit: Moritz Pciser und Frau Amalie geb. Stern, Fürth i. B., Nosenstraße 24, am 30. 1. 1933 (früher Koschmin, Provinz Posen). m