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Der Israelit · 1933-01-26 · Heft 4 (26.1.1933) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 4 (26.1.1933)
Date
1933-01-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 4 Der Israelit 26. Januar 1933 Fiktion ift, zu verzichten und stattöessen die tatsächlich bestimmenden Faktoren der jüdischen Sozialpolitik und Sozialpraxis, die durch Erfahrung, Leistung und faktischen Einfluß im jüdischen Leben hierzu legitimiert sind, ohne viel äußeren Applomb miteinander Fühlung nehmen zu lassen. Das schließt durchaus nicht aus, daß auch die Nichtorganisierte jüdische Gesellschaft in irgend einer Form an der Zusammenarbeit beteiligt wird. Im Gegenteil kommt dadurch ein frischer Zug und ein lebendiger Impuls hinein, der der zur Schematisierung und Bürokratisierung neigenden Tätigkeit der Organisationen nur förderlich sein kann. Aber von dieser stillen, sachlichen Kooperation aufgrund eines von allen ideologischen Tendenzen und Nebenzwecken freien, ausschließlich wirtschaftlich orientierten Arbertsprogramms sollte sich keine jüdische Organisation sernhalten: der Trust der Stunde verlangt unbedingt, daß der kleinstädtische Thewra-Partikularismus, der in den meisten unserer Organisationen heimisch ist, endlich überwunden wird. Die konkreten Aufgaben, die Gegenstand einer alljüdifchen Wictschaftskooperation sein können, werden sich aus der gemeinsamen Trörterung von selbst ergeben. Die Kooperation soll nicht unter der Fessel einer gebundenen Marschroute ins Leben treten, sondern sie soll sich ihre Aufgaben in souveräner Weise selbst stellen, und ihren Ergebnissen soll hier nicht vorgegriffen werden. Aber soviel ist klar: wenn sie eine wirklich durchgreifende Lösung anstrebt, so wird sie ihre Tätigkeit auf jeden Fall unter den obersten .Gesichtspunkt einer Konsolidierung und einer auf Dauer berechneten Sicherung des jüdischen Wirtschaftslebens stellen müssen, d. h. im Sinne einer grundlegenden Aenderung der jüdischen Wirtschaftsstruktur, der Berufsumschichtung und pro Kultivierung der jüdischen Klassen, ihrer allmählichen Loslösung von der Markt- und Geldwirtschaft und stärkeren Verbindung mit der Erwirtschaft. konkret gesprochen bedeutet das die Notwendigkeit einer großzügigen landwirtschaftlichen Siedlungsaktion, wobei nicht notwendig an eine einseitige Agrarisierung gedacht ist, sondern eher an neue ge-, mischtwirschastliche verbindungsformen von Landwirtschaft mit Handwerk und Gewerbe. Diese Aktion, auf planwirtschaftlicher, genossenschaftlicher Grundlage errichtet, wird in Anlehnung und Benutzung der in den einzelnen Ländern geltenden Siedlungs- und Agrarreformgesetze erfolgen können, wobei die Besiedlung von kultivierbarem Moor- und Oeöland besonders ins Auge zu fassen ist. Ferner bedeutet das die Schaffung eines handwerklichen und industriellen produktivgenossenschaftswesens, das in einem gleichwertigen Konsumgenossenschaftssystem die entsprechende Ergänzung und den unentbehrlichen festen Ab-- nehmerstamm fände und aus einem gut organisierten Fachschul- und Lehrstättenwesen die vorgebildeten Kräfte bezöge. Das schließt weiter ein den Ausbau eines gemeinnützigen Kreditwesens, das von der staatlichen oder sonst einseitig festgelegten Kreditpolitik weitgehend unabhängig machte. So ließe sich noch eine Reihe von weiteren Aufgaben aufzählen, die bei unverrückbarem Festhalten an den vorgenannten obersten Gesichtspunkten und bei einheitlicher, systematischer, die Mittel und Kräfte klug verteilender Planung eine nachhaltige Gesundung und entschiedene Besserung der jüdischen wirtschaftlichen Lage herbeisühren müssen. Freilich dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, als ob durch das Hilfswerk in den jetzigen Wohnländern der jüdischen Massen allein die ökonomische Iudenfrage restlos gelöst werden könne. Solange die Juden in einen fremden Wirtschafskörpec hineingesprengt sind, ist ihr wirtschaftliches Schicksal mehr oder weniger von dem ihrer Umwelt und von den besonderen Bedingungen und Gestaltungen ihres Wirtslandes abhängig. Es können wohl schöne Teilerfolge erzielt werden, es kann sich eine weitgehende graduelle Verbesserung der jüdischen ökonomischen Lage einstellen, aber eine grundlegende, wesentliche Aenderung der jüdischen Wirtschaftsftruktur bloß durch Innenkolonisation und Reformen innerhalb des alten Wirtschaftsverbandes ist kaum zu erwarten. Darum fordert das an „Ort und Stelle" geführte Hilfswerk unbedingt als Ergänzung eine großzügige Emigration und Massenkolonisation in U e b e r s e e. Die Errichtung kompakter jüdischer Massensiedlungen aus geeigneten überseeischen Territorien, wodurch die europäischen Iudenlünder entlastet und der Reuaufbau einer von Grund auf gesunden jüdischen Wirtschaft ermöglicht wird, das ist die eigentliche, die große Aufgabe der alljüdischcn Wirtschaftskooperation. Das Ziel ist keineswegs so utopisch, wie man glauben mag. wenn die Fehler früherer üolonisationsversuche vermieden werden, die stets zum Scheitern führen mußten, wenn die bisherigen unzulänglichen Siedlungsmethodcn durch modernere und zweckmäßigere ersetzt werden, wenn das Prinzip der philantropischen, planlosen, privatwirtschaftlichen Individualsiedlung vertauscht wird mit dem einer nach planwirtschaftlichen Gesichtspunkten geleiteten, genossenschaftlich aufgezogenen agro-induftriellen Massenkolonisation auf der Grundlage wirtschaftlicher Rentabilität und Selbstversorgung, ist das Gelingen eines solchen Plans in hohem Maße wahrscheinlich. Cs gibt genug fruchtbare und klimatisch günstige Territorien in der ganzen Welt, in denen die Voraussetzungen für eine solche Kolonisation, nämlich menschenleere Räume und unentgeltlicher oder ganz billiger Boden aus der Basis einer Konzession, vorliegen. Gegenüber einer planmäßig durchgeführten Immigration, die sich die Erschließung noch nicht ausgenutzter Gebietezum Ziel setzt, werden in den weitaus meisten Ländern alle Elnwanöcrungsbeschränkungen fortfällen. An brachliegenden Kapitalien, die nach einer Anlage- Möglichkeit ausschauen, fehlt es heute weniger denn je, und alle Häfen der Welt sind voll von unausgenütztem Schiffsraum. Die Regierungen der großen europäischen Iudenlünder werden die Möglichkeit einer Entspannung ihrer inneren Iudenfrage begrüßen und zur materiellen und moralischen Unterstützung des Plans geneigt sein, und schließlich wird angesichts der internationalen Bedeutung des Projekts, das außer der teilweisen Entwirrung der allgemeinen Iudenfrage in gewisser Weise eine Ankurbelung der Weltwirtschaft durch Schaffung neuer gesunder Konsumentengruppen mit hochqualifizierten Bedürfnissen öacstellt» auch eine Finanzmacht wie die Basler B. I. Z. ihre Mkihilfe nicht versagen können. Die scheinbaren Schwierigkeiten und das Kühne und Gigantische des Plans sollten eine Generation, die Zeuge der ungeheuren Menschenverschiebungen des Weltkriegs, des griechisch-türkischen Levölkecungsaustauschs, der sowjetrusstschen Wirtschaftsentwicklung gewesen ist, gewiß nicht abschrecken. Konkrete Vorarbeiten liegen bereits vor und sind nur noch auszubauen und durchzuführen. Gerade jetzt, wo die jüdische Oekonomik stark gelockert und fast aus den Fugen ist, wo die allgemeinwirtschaftliche Entwicklung im Fluß ist, ist ein radikaler Umbau der jüdischen Wirtschaft viel leichter zu bewerkstelligen als in Zeiten der wirtschaftlichen Erstarrung. Einen Versuch in der hier gewiesenen Richtung hat bereits Sowjet-Rußland unternommen durch die Gründung von Bico-Biöfchan. Aber Bico-Bidfchan wie überhaupt die russische Iudenheit muß bei den konstruktiven Aufgaben der alljüdischen Wirtschaftskooperation außer Betracht bleiben, weil die russische Iudenheit den besonderen Gesetzen der Sowjetwirtschaft unterliegt, und bei der bekannten Elastizität der Sowjetpolitik eine Kontinuität des jüdischen Aufbauwerks nicht gewährleistet ist. Vor allen Dingen ist es fraglich, ob nicht die lediglich auf taktischen Gründen beruhende Förderung geschlossener nationaler Wirtschaftseinheiten in dem üblichen Zickzackkurs plötzlich durch eine Politik der gewaltsamen Assimilierung und- Zerstreuung im Riesenreich ersetzt werden wird. Ein besonders schwerwiegender Einwand den hier skizzierten Plänen gegenüber wird für viele in dem Hinweis auf das in schönem Aufblühen begriffene Aufbauwerk in Palästina liegen, das — so lautet die Argumentation — die Konzentration aller verfügbaren Kräfte erfordere und nicht zugunsten anderer Projekte vernachlässigt werden dürfe. Möglicherweise werden viele palästinafreunde, gerade wegen ihrer großen Liebe zu Crcz Iisrocl, einem Aufbauwerk in der Diaspora bewußt, und noch mehr nnbe- Aus dem ‘IST’ von V7N Von 2i. Mannheimer in Dekkelbach. Im Jauzer von rri befindet sich eine Stelle, zu der Bar in seiner d'-w n^an eine kurze Erläuterung in hebräischer Sprache gibt, mit der Begründung, eine Erklärung in deutscher Sprache würde zu weitläufig und überdies dem Laien kaum nutzbringend sein. Wir wollen es versuchen jene Stelle in leichtverständlicher Art zu erläutern, sodaß auch der Laie sie mit Nutzen lesen kann,' denn in der Tat ist die Piutstelle leicht faßbar, sie konnte nur aus raumökouomischen Gründen von Bär b"i> nicht näher beleuchtet werden in unserer Muttersprache. Zunächst sei bemerkt, daß wir sowohl für Sonne als Mond einen Kreislauf oder Zyklus kennen, hebräisch -mn». Während eines Kreislaufes kommen Sonne und Mond wieder an ihren alten Ausgangspunkt zurück, den sie bei Erschaffung der Welt einnahmen. Bei der Sonne nach 28 Jahren, beim Monde nach 21 Jahren. So war beispielsweise im Jahre 1925 — nenn — und zwar am 6. Nissan der 203. Kreislauf der Sonne beendet und wir nahmen das nann pnp.bie „Weihe der Sonne" vor. Dieser Akt wird somit 23 Jahre nach 1925, das ist im Jahre 195J, erst wieder einmal stattfinden können. Den Kreislauf der Sonne nennt man auch Ima nrnn, den „großen Zyklus", weil er länger ist als jener, des Mondes, den -man ivv “nmn, nennt, den „kleinen Kreislauf." Er dauert 19 Jahre nur und wir haben während einer solchen Periode 7 Schaltjahre mit einem 2. Adar. Gegenwärtig sind wir im 300. Mondzyklus. Doch nicht von diesem, uns durch das Luach bekannten, 19 Jahre uinspanuenden Mondkrcislauf spricht der Jauzerdichter für »an wk-i mw- Tatsächlich kennt der Mond einen noch etwas längeren oder „größeren" Zyklus, der uicht 19, sondern 21 Jahre umspannt. Nach 21 Jahren nämlich trifft der Mond wieder — wie beim Wellbeginn — mit dem Planeten v,3!P, b. i. dem Saturn zusammen. Im Jauzer sucht der Dichter nun die Zahl 28 für die Sonne und 21 für den Mond durch eine kunstvolle Zusammenstellung der Buchstaben des Mischen Alphabets darzustellen. Wie macht er das? Da die jüdischen Buchstaben auch Zahlenwert besitzen, stellt er sie in 3 Reihen zusammen: in der. erstein Reihe die 9 Einer, in der zweiten die 9 Zehner, in der dritten die 9 Hundert nach folgendem Schema: 9 8 7 6 5 4 3 2 1 v n T i n i 5 3 K 90 80 70 60 50 40 30 20 10 3 a V o 3 » 5 3 ■> 900 800 700 600 500 400 300 200 100 r 7 7 a 7 n V 3 p Nun ist die Sache sehr einfach. Man könnte Kindern die Scherzfrage vorlegen: Wer von euch kann mir aus der ersten Reihe die Zahl 21 errechnen für den Mondkreüslaus. dann die Zahl 28 für den Sonnenzyklus? Die kleinen Schlaumeier haben das bald heraus. Sie zählen die ersten 6 Zahlen bis i zusammen, 1 u. 2 u. 3 u. 4 u. 5 u. 6 und rufen: 21! Dann zählen sie noch t oder 7 dazu und jubeln: 28! Sie merken auch sofort, daß für die Zahlen die zweite Reihe, die Zehnerreihe das Zehnfache ergibt: 210 und 280. Die dritte Reihe — die Hunderter — dafür 2100 bezw. 2800. Statt t in der ersten Reihe addieren sie entsprechend in der zweiten Reihe in der dritten j- Aber die 2 letzten Buchstaben, die in jeder Reihe übrig bleiben? Nun, die schenken wir ihnen gerne als Belohnung für den ausgewandten Scharfsinn. Und nun zur isi' -Stelle selbst: /mm» /wnirr maSa mm», den Mondenkreislauf bezeichnen die Buchstaben myrr» n’finr.a durch die sechs ersten Buchstabe» nämlich werden dis Jahre seines Kreislaufes erkannt, myav “ja^oina myaa nana, fügst du dann den siebten Buchstaben noch hinzu, so ergibt sich daraus der Kreislauf der Sonne, v'nv rrnrm nvVrrinvVv-Es bleiben aber zwei Buchstaben der ersten Reihe zurück, miam yais rvwav und ebenso bei der zweiten und dritten Reihe (insgesamt) vier,pv,pyi,pn, TUbzb niy’iaa nviDv' und daun sind es r (7), y (70) und ] (700), welche alles ausgleichen, (d. h. ergänzen auf die Zahl 26). Äleines Feuilleton. Die Dollarinquisition in Sowjetrußland. Die Auslandsdelegation der Partei der Zionisten-Sozialisten Rußlands veröffentlicht eine Mitteilung über Erneuerung der sogenannten Valuta-Inquisition in den Städten und Dörfern der Sowjetunion. Es wird u. a. der Bericht eines russischen Juden veröffentlicht, der von der Delegation als eine in jeder Beziehung zuverlässige Persönlichkeit bezeichnet wird. Diese Persönlichkeit gibt die folgende Schilderung eines felbsterltzbten viermonatlichen Martyriums:

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