Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1933)
- Date
- 1933-01-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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26. Januar 1933 &♦ 3N., den 28. Tebet 569, [yrmrrrm «||\ Ein Cratralorp für das sriMu Matöi |[Hl Br Mob S^orflobd VV2 S)t. Pphutuan ln ffldku. fil 1 J Degrüude! von Dr. Lehnmns in Mainz. .WStz^- -ED . Wouueureut ab . Sali . 1929: Deutschland 1.30 Mark monalltch: Auslanv: Vierteljahcpretse (entsprechend de« deutsche» Jnlanvsprets zuzüglich Kone» ves »treifband-Bsrsandes) Deutsch-Österreich: Schilling 8.—; Amerika 1 Dollar; England 6 sh.; ab 1 Juli Frankreich85 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belgab. Hollaad 3ff.; Ställen ab 1.1.28.18 Lire; Sugo» flauten 55 Din.; Litauen 7L0 Lit.; Rumänien ab t. 7. 37. 150 Lei; Polen 4 deutsche Gold« mark zum Tageskurs oder 7 Zloty: Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowaket 33 Kronen; Ungarn Pengö 5 ab 1. Suli 1927; Dänemark 8.50 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 30 Doldyf. für die flebengespalteve Nonpareille-Zeile. 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Filialen Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Fnfsratsn sich ergebenden Zahlungsoerofftchtungen ist Frankfurt a» M. Die Forderung der Stunde. Von Dr. MsrimiliLN Lsndau in Berlin. Wir lenken die besondere Aufmerksamkeit der jüdischen Oesfentlichkeit aus die nachfolgenden Ausführungen, zu denen wir in der Rubrik „Wochenrundschau" redakllonetl Stellung nehmen. Red. Die jüdische Hot steigt voll Dag zu Tag. Immer Anerträglicher/immer grausamer gestaltet sich die wirtschaftliche Lage der jüdischen Masten. Die pauperistecung des jüdischen Volkes, seine Herabdrückung aus eine immer tiefere soziale Stufe niacht rasende Fortschritte. Wer häufiger nach dem Osten kommt, wird immer wieder von neuem erschüttert durch den geradezu unvorstellbaren physischen Verfall, der dort vor sich geht; der Anblick der Tlendsquartiere, in denen jüdische Menschen unter den erbärmlichsten Bedingungen dahinvegetieren, ist einfach grauenhaft. Es ist aber vielleicht nicht so sehr die furchtbare gegenwärtige Not, die so deprimierend wirkt, wie der Gedanke, daß in absehbarer Zeit aus normalem Wege keine Besserung zu erwarten ist. Die Hoffnung, das; mit dem Abflauen der Krise die Verhältnisse sich von selbst wieder einrenken werden, wird durch den mähren Stand der Dinge nicht bestätigt. Ts erweist sich inlmer mehr, das; es eine immanente Krise ist, die heute das wirtschaftliche Dasein des jüdischen Volkes erfaßt hat. Die eigenartige Wirtschaftsstruktur des jüdischen Volkes, das ganz auf die Markt- und Geldwirtschaft eingestellt ist und in seinem Großteil wenig Verbindung mit der Urproduktion bat, läßt es die Erschütterungen der internationalen Krise mit raschesten und zugleich am schwersten empfinden. Die zunehmende Kartellierung auf der Produzenten- sowie die Vergenossenschaftung aus der Konsumcntenscitc ebenso wie die Monopolisierung bedeutender Wirtschaftszweige und Trwerbsmöglichkeiten durch den Staat wirkt sich als konzentrischer Angriff auf die jüdischenWirtschaftsposttionen aus und engt den Spielraum der jüdischen Wirschaftstätigkeit innner mehr ein. Die jüdischen Schichten, die aus dem Produktionsprozeß ausscheiden, finden keinen Zugang-mehr zu ihm: das ist die Ouintestcnz der heutigen Wirtschaftsentwicklung, die immer deutlicher zum Vorschein kommt. Die Freisetzung einer fortwährend wachsenden Anzahl von Juden, aus dein Wirtschaftsleben, dessen Maschen sich zusehends verengen, und ihre Verurteilung zu wirtschaftlichem Untergang oder bestenfalls zu einem Pariadasein, das ist die nackte, brutale Tatsache, der wir ins Auge zu sehen haben. . Man kann nicht sagen, daß die jüdische Sozialpolitik den wahren Stand der Dinge nicht erkannt habe. Im Gegenteil, die Crkenntnis des eigentlichen Hintergrunds der jüdischen Wirtschaftskrise und ihrer zwangsläufigen Entwicklung ist heute ziemlich allgemein. Und cs wäre auch ungerecht, zu behaupten, daß die jüdische Sozialpraxis sich demgegenüber untätig verhielte. Sie entfaltet auf den verschiedensten Gebieten eine überaus rege und lebhafte Aktivität, und an versuchen, durch entsprechende Einstellung der Hilfstätigkeit der Wurzel des Uebeis beizukommen, fehlt es nicht. Trotz alledem sind, wie jeder weiß, die Erfolge unserer Sozialarbeit, an der Größe der Uot gemessen, äußerst unbefriedigend. Cs besteht die paradoxe Situation, daß soziales Bewußtsein und Verantwortungsgefühl heute in weit stärkerem Maße verbreitet sind als früher, daß sie nun auch ihnen bisher unzugängliche, indifferente Schichten erreicht haben, daß die Gebefreudigkeit im Verhältnis zum gesunkenen Wohlstand größer geworden, daß relativ reichlicher gespendet wird als in vergangenen Jahren, — und daß trotzdem das Resultat all dieser vielfältigen Bemühungen nur als überaus dürftig anzusprechcn ist. Die jüdische Sozialpraxis der Gegenwart dielet das Bild einer vo!lkom:nenen Anarchie. Da wird von unzähligen großen und kleinen Organisationen an den verschiedensten Stellen chaotisch und planlos gearbeitet, ohne jede Fühlungnahme miteinander, oft gegeneinander^ da werden mit unzulänglichen Mitteln. unter unzulänglicher Führung, mii unklarer Zielsetzung Kräfte an Aufgaben gewandt, denen sie notwcndlgerwiese nicht gewachsen sein können. Lei der Systemlosigkeit unserer Sozialpolitik werden einzelne Gebiete übersetzt, während andere leer ausgehcn, entwickelt sich an vielen Stellen ein unproduktiver Leerlauf, 'werden reiche Mittel und Energien in sinnloser Weste vergeudet. Was heute gegen die reißende jüdische Kot getan wird, ist nichts afs ein ohnmächtiges Rütteln an schweren Gütcrstäbcn, armselige Kinderspritzen gegen ein mächtiges Flammenmeer. Es ist klar, daß dieser Anarchie ein Ende geinackt werden muß, wenn wir nicht widerstandslos in die Katastrophe hineintreiben wollen. Es geht nicht an, daß die noch immer reichlich fließenden Mitte! unproduktiv verpulvert, die Kräfte in unverantwortlicher Weife verzettelt werden. Und es ist. ferner klar, daß der einzige Weg zur wirksamen Beseitigung dieses unwürdigen Zustandes nur die einheitliche Z u s a m m e n f a f f u n g aller Kräfte der W e l t j u d c n h e i t und" die Aufstellung eines großen, den gesamten jüdischen W irisch a s t s r a u m um f a s s e n d e n u n d gegen die eigentlichen Ursachen der ökonomischen I u d e n k r i s e g e r i ch t e t.e n W i r tschaftsplan s sein kann. Ern Siebzehnmillionen- Volk von der Kulturhöhe des jüdischen darf nicht fatalistisch auf seinen eigenen Untergang starren, sondern muß durch Anspannung aller Kräfte sein wirtschaftliches Schicksal selbst in die Hand nehmen und es in aktiver weise gestalten. Ein allgemeiner jüdischer Wclkongrcß, wie er letzthin propagiert worden ist, wird diesem Zweck wenig entsprechen. Rach Lage der Dinge lasten sich nun einmal die tiefgehenden weltanschaulichen und politischen Gegensätze innerhalb der Indenheit heute nicht Überdrücken. Ein allgemeiner Weltkongreß kann entweder nur zu einer Vertiefung der Dissonanzen führen oder zu der gewaltsamen Majorisierung aller anderen durch eine Gruppe. Wird dagegen die Zusammenarbeit auf das rein Wirtschaftliche beschränkt, so werden die gefährlichsten Sprengungs- Möglichkeiten ansgeschaltct und die Voraussetzungen für ein reibungsloses Miteinandcrarbciten gegeben. Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, daß dort, wo cs einfach um den physische n B e st a n d der Juden, um die Substanz des Volkes geht, eine Einbaesfretu sämtlicher jüdischer Richtungen und Schattierungen ohne weiteres zu schaffen sein müßte. Wir mögen uns ideologisch noch so erbittert bekämpfen, in einem sind wir uns alle einig: zunächst einmal müssen die ssnden leben und da sein. Sonst laufen wir anr Ende Gefahr, daß uns das Objekt. 6cm alle unsere Ideologien gellen, unter unseren gestikulierenden Händen wegstirbl. In dieser Zeit des drohenden Zusammenbruchs mästen alle „lokalpatriotischen" Bedenken, alle „autark-souveränen" Tendenzen unserer zersplitterten Sozialpolitik, alle die Schlagbäume, die die jüdische Sozialpraxis in einen Haufen ohnmächtiger Kleingebilde zerteilen, restlos verschwinden: die zwingendste und dringlichste Rotwendigkeit des Augenblicks ist d i e c inheitli ch e a l l j ü d i \ ch c W l r t f ch a f t s k o o p c r a t i o n. Mit Absicht wird hier der Ausdruck: Kooperation gewählt und nicht etwa an den Gedanken eines jüdischen „Weltwirtschaftskongrestes" angeknnpft, der von Zeit zu Zeit immer wieder in der Oeffemlickken auftaucht. Die Form eines K o n g r e s s c s ist f ü r d i e B e w ä l t i g u n g d e r v o r g e z e i cbu e t e n p r o b l c in ein fein crlDci j c g e e i gn o t. Ein Kongreß mit parlamentarisch-demokratischem Charakter und heterogenem, notwendigerweise dilettantischem Delegiertenbcstand wird ans nichts anderes hinauslaufen als auf eine I e e re De m o n - st r a t i o n. Der sachlichen Arbeit ist die laute und verworrene Kongrcßatmosphäre erfahrungsgemäß nicht günstig. Es ist viel richtiger, auf die formaldemokratische Basis, die bei den nun einmal bestehenden besonderen jüdischen Verhältnissen doch nur eine