Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1933)
- Date
- 1933-01-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 3 Der Israelit 19. Januar 1933 Iehuda Hanassi und seit der Niederschrift der Nlischna tun ..." „Und eure Mschna?" fragte er interessiert. „Als Kind und Jüngling lernte ich aus diesem Buche, da ich vor Rabbi Dawid Tewlc Schiff in Nlainz saß, und notierte mir einiges von dem, was ich dainals hörte und auf Grund des Gehörten mir später selbst erarbeitete. Die Aufzeichnung, wäre nicht vonnöten gewesen ... Ich habe keinen Hauch von den Dingen vergessen . . „Lei mir ist das Gedächtnis nicht die stärkste Seite," sagt der Prager wie zur Rechtfertigung seiner vielen Werke, „die Amtsgeschäfte und das vielerlei der Tagesarbeit zersplittern die Kraft, zermürben den Geist. Ich mus; meine Lehren und Entscheidungen nicderschreiben, für mich und für 'Andere." Und er zeigte ihm die unfertigen Schriften, die Resporrscn, die Glossen, die vielen voll und halbbeschriebcnen Bogen und Blätter, bat ihn um Durchsicht, um Aleinung und Urteil. Rabbi Uosson nahm die Blätter mit ins Duartier. Rur eine Bitte hatte er: „Wein müder Zustand wird mir vielleicht morgen nicht erlauben, die schwierigen Wege durch die engen Gassen zu machen. Ich darf doch dem Prager Raw die Blätter durch meinen Reisebegleiter zurückgeben und durch ihn meine Meinung überbringen lassen?" „Kann er lernen, das; cs sich verlohnt, mit ihm zu reden?" „Cr kann lernen." (Fortsetzung folgt.) Auf nach Erez Jisroel! Zur neuen Gesellschaftsreise der Agudas Jisroel. Nun wird sich bald ein Jahr runden, seitdem wir uns auf den Weg nach der Adria machten, um uns nach Palästina einzuschiffen. Der Abschied am Bahnhof, das Besteigen des Schiffes, die Landung in Jaffa, das erste Beten an der Westmauer, der Besuch bei Mutter Nahe! und bei den Vätern vor Hebron, der Sabbat in Tiberias, alles Höhepunkte des Daseins, die aus der Summe unseres Seelenlebens nicht mehr schwinden können. Es ist das Eigenartige um das Erez Jisroel-Erleben, daß es nicht blaffe Erinnerung bleibt, überhaupt nicht Erinnerung, sondern Wirklichkeit, lebendiges Leben. In einem bestimmten Fache unserer Seele liegen all die Eindrücke aufgeschichtet und gut aufbewahrt. Man braucht sie nur hervorzuholen und man erlebt all das wieder wie am ersten Tage. Kaum können wir noch einen Freitag abend in unserem G'tteshause beten, ohne im Geiste jene malerischen Gestalten in ihren bunten Mänteln vor der Westmauer zu sehen, ihre fremdartigen und doch so vertraut heimeligen Gebete und Melodien zu hören. Die Wochenabschnitte des Winters rollen vor unseren Augen ab und wir sehen es nun alles mit den Augen des Fleisches: die Eiche Abrahams in dem Haine Mamre; die Grabstätte hinter der düsteren Steinmauer, um die Abraham feilscht, dahin Vater Jakob überführt wird; das einsame Grab am Wege, aus dem sich die klagende Stimme der Mutter erhebt; die Felder vor Bethlehem, die ein Boas hinter dem Pfluge abfchritt; die Wiesen und Auen, aus denen Jsais jüngster Sohn, der kleine Hirtenknabe, sich m die Vision des Königtums hineinsingt. Wir sahen die engen Gassen, durch die ein Jesajas, lauschendes Volk hinter ihm, predigend gewandelt, die Steine, auf denen Jirmejahu, meinend um die Zerstörung, saß. Wir sahen die Geburtsstätten der Mischna und des jerufalemitischen Talmud, und jene würdigen Männer, bartumwallt und turbanbedeckt, hebräische Lieder im Munde, in ihren einfachen kleinen Werkstätten. Und, nachdem wir das alles gesehen und erlebt haben, verstehen wir die Bibel, die Gebete, die Mischna und einzelne Talmudpartieen ganz ganz anders. „Willst du diese Dinge ganz verstehen, so mußt in ihre Lande gehen . . " Indes, haben wir nur Gräber, nur Ruinen gesehen? Nein, wir weilten auch an den Stätten des A u f b a u s , da wo jüdisches Leben aus den Ruinen hervorblüht, da wo Großes aus jüdischem Willen, aus jüdischer Kraft, aus jüdischer Liebe heraus sich immer mehr zur Höhe rankt. Nur, daß wir all das Neue und Große unter dem Gesichtspunkte des Alten und Heiligen sahen und innerlich nach der Synthese rangen, jubelten in Lust und Freude auf, wo wir eine Spur dieser Synthese fanden, sorgten uns. aber gingen nicht ohne Hoffnung von dannen, wo es fo schien, als würde das Neue den alten Grund verleugnen. Wer Erez Israel einmal erlebt hat, erlebt es immer w i e d e r. Es ist keine Sehnsucht, die durch die Berührung mit dem Boden, dem Ziele dieser Sehnsucht, gestillt wird, sondern die immer neue Sehnsüchte erzeugt. Wer von Erez Jisroel heimkommt, denkt, wann werde ich wieder hin können, um noch mehr zu sehen, noch mehr zu erleben? Neue Gesellschaften rüsten sich zur Hinfahrt. Unter ihnen wiederum eine Reisegesellschaft der P a - lästinazentrale der Agudas Jisroel. Das Programm ist bekanntgegeben, hat in einigen Punkten noch eine Ausdehnung und Verbesserung erfahren. Wie gering, wie verschwindend klein ist das Opfer an Geld, Zeit und Kraft gegenüber dem Gewinn einer solchen Reise, dem Erleben, das nimmer in die seelische Dunkelkammer der Erinnerungen kommt, sondern uns Erleben bleibt, lebendiges Leben bis zum letzten Atemzuge. Jeder Jude, so es ihm die Verhältnisse nur einigermaßen gestatten, sollte die Gelegenheit wahrnehmen, an die Quelle seines Judeseins zu gehen, denn er bringt sie mit beim, schöpft daraus auch für feine Familie, für seine enoere und weitere Umgebung. _^ -tz. Die Lehrtätigkeit des R. Eleafar Löw Vst. genannt Schemen Rokeach, in RNklos (Ungarn). (Nach einer Darstellung von Rabb. Dr. L a z a r Münz. Mitgeteilt zu dessen Jahrzeit am 24. Tewet.) Das erste und wichtigste Werk, an das Rabbi Eleafar Löw nach der Uebernahme seines neuen Postens in Miklos herantrat, war, seine Lehrtätigkeit wieder aufzunehmen und eine rabbinische Hochschule zu gründen. In Ungarn, wo das Thorastudium zu jeder Zeit eifrig gepflegt wurde und die Lehrhäuser von jeher in hoher Blüte standen, sammelte sich bald um den gefeierten Rabbi eine große Schar lernbegieriger Jünglinge, die ausschließlich dem Talmudstudium sich widmeten. Die Schülerzahl nahm immer mehr zu und belief sich dann in der Regel auf etwa zwei Hundert. Die unbemittelten und unterstützungsbedürftigen Jünger, die den größeren Teil bildeten, wurden in Miklos von den wohlhabenden Gemeindemitgliedern verpflegt und beköstigt. Bei den meisten Schülern wechselte die Beköstigung mit den Tagen der Woche, so daß sie immer an demselben Tage der Woche in demselben Hause speisten; viele wurden in einem und demselben Hause wachen- oder monatelang verpflegt; manche fanden sogar ihre vollständige Verpflegung ein halbes Jahr und darüber bei demselben edlen Kostgeber. Besonders verdient einer dieser wohltätigen Männer, namens Jakob Diener, rühmlichst hervorgehoben zu werden. Derselbe beköstigte täglich jahraus, jahrein nicht weniger als zwanzig junge Leute, die dem Schülerkreise des Schemen Rokeach angehörten. Ehre seinem Andenken.' Auch das Haus ihres Meisters stand den Schülern offen. Der Rabbi und seine edle Frau verwendeten einen großen Teil ihres reichen Einkommens zur Unterstützung und Beköstigung der Jünger. Die Schüler fühlten sich in dem Hause der Rabbinerin so vertraut, wie in ihrem eigenen Heim, und es kam nicht selten vor, daß man die Speiseschränke bis auf die. letzten Reste geplündert und leer fand. — So wurde die große Schülerzahl leiblich verpflegt und unterhalten. Wichtiger jedoch ist es für uns. zu erfahren, auf welche Art und Weife diesen jungen Leuten ihre geistige Nahrung zugeführt wurde. Der Lehrvortrag fand immer vormittags von 9—12 Uhr statt. In den ersten drei Tagen der Woche, Sonntag, Montag und Dienstag, war der Vortrag nur für die Schüler berechnet, während in den zwei letzten Wochentagen, Donnerstag und Freitag, auch viele von den talmudkundigen Gemeindemitgliedern zürn Vortrag sich einfanden. Ueber den Gegenstand, der in diesött zwei letzten Tagen durchgenommen wurde, hielt der Rabbiner am Sabbat einen tief eingehenden Vortrag, zu dem sich außer den Jüngern sämtliche Talmudgelehrte der Gemeinde versammelten. Am Mittwoch nahm der Rabbi stets die Prüfung der Schüler vor. Interessant ist die Art und Weise, wie er bei der Prüfung verfuhr. In allen Jeschibot werden unter den Schülern .zwei Kategorien unterschieden: erstens Schüler, welche schon reise talmudrsche Kenntnisse besitzen und den Lehrvortrag des Rabbi in seiner ganzen Schärfe und Tiefe selbständig zu erfassen vermögen und zweitens Schüler, die in das klare Verständnis des Talmud erst eingeführt und zum Vortrage des Rabbi erst vorbereitet werden rnüsien. Jene Schüler, die zu der unteren Kategorie gehören, werden in der Regel von den jungen Leuten vorbereitet, die zu der vorgeschrittenen Klasse zählen und die in ihrer Eigenschaft als Korrepetitoren mit dem eigentümlichen Namen „Eyafur-Bachur" bezeichnet werden. Bei der Prüfung, die der. Schemen Rokeach allwöchentlich vornahm, waren alle Jünger anwesend; aber nur die Schüler der unteren Klasse wurden herangezogen. Wenn nun einer von diesen die Frage nicht richtig zu beantworten mußte, so wurde er von dem Rabbiner in eindringlicher Weise ermahnt und der vorgeschrittene Schüler, der sein Korrepetitor war, mußte die aufgeworfene Frage beantworten. Diese Prüfungsmethode wirkte sowohl auf die untere, als auch die obere Abteilung sehr anregend und spornte dir einen zum Lernen, die anderen zum Lehren an. Ehajim Nachman Vialik. Ehajim Nachman B i a l i k wird sechzig Jahre alt, und eine große dankbare Gemeinde feiert ihn,.feiert den Dichter, feiert den Menschen, feiert den Förderer und Mehrer der hebräischen Literatur. Besonders das neue Palästina schart sich um Bialik als um einen geistigen Führer durch die jüdische Renaissance in Palästina. Daß ein über zwanzigjähriges Schweigen den Ruhm dieses größten hebräischen Dichters unserer Epoche nicht im Geringsten hat verblassen lassen, ist ein Symptom, in gutem wie in bedenklichem Sinne. Wir sind ein nsvn nx und bewahren als solches den Männern des Buches unverbrüchliche Treue durch Zeiten und Generationen. Daß wir es im alten Judentum unseren Führern im rabbinischen Schrifttum gegenüber taten, ist so selbstverständlich, daß man sich niemals darüber sonderliche Gedanken machte. Hier gab es keine alten j Schulen, die von neueren in den Schatten gestellt wurden, es gab keine alten Autoren, die in Vergessenheit geraten waren. Es gab D’Jipin und v'nnnrr und die ersteren genossen die Priorität und den Vorrang in der Verehrung und in der Dankbarkeit des Volkes. Wenn die neuhebräische Literatur und Kultur nach diesen gleichen jüdischen Methoden zwei Jahrzehnte des Schweigens einem Genius nicht als Abstieg und geistiges Verstummen und Verschollensein bucht, so übt sie damit in anderer Form die Traditionen des ">son ns- Auf der anderen Seite dokumentiert sich aber der nachhaltige und von keinem Vakuum gedämpfte Bialik- Kult als trübes Armutszeugnis für den derzeitigen Stand der hebräischen Literatur und Dichtkunst. Es find einige wenige Namen, und nicht einmal von allzugroßem Klang, die heute die hebräische Literatur beherrschen. Diese* zehrt von Altbeständen. Die Klassiker: Mendele, Scholom Älechem, I. L. Perez, sind nicht überholt, sondern füllen immer noch, in Ermangelung an Neuschöpsungen, die Spalten der Zeitschriften. Die paar Lebenden aus der alten Schule (Schalom Asch, Bialik) sind schon ebenfalls als Klassiker heiliggesprochen und in die Galerie der Unsterblichen versetzt. Es gibt keinen Nachwuchs. Im Osten liegen die Gründe dafür klar aus der Hand: Die Zerreißung der jüdischen Ostwelt, das Einmünden der früheren Haskala in die kommunistische Assimilation mit dem Jiddischismus im Mittelpunkt, wodurch das Am - h a a r e z t u m aus einer Schande zu einem „Kulturideal" erhoben wurde. Dort gehörte die hebräische Kultur in den früheren Jahrzehnten zum „Stamme der Asra, die sterben, wenn sie lieben . . Aus der von ihr geweckten Liebe und Begeisterung für Kultur und Pseudokultur ist später die polnische, die russische und die jiddische Literatur entstanden, ohne Hebräisch, ohne Judentum, ohne Liebe und ohne Haß für jüdische Belange. Der h a ß - liebende Maskil im vorigen Jahrhundert war noch ein Produkt von Eheder und Jeschiwa und selbst seine Gegnerschaft gegen das alte Judentum war noch eine Form der Liebe zu dem Judentum, das mit ihm grohgeworden war. All jene Liebe und jener Haß sind im Osten längst ertrunken in der Flut der polnischen, litauischen, englischen (Amerika) und jiddisch-kommunistischen (Sowjetrutzland) Assimilation. Alle Ostländer zusammen wie auch Amerika besitzen heute keine einzige hebräische Zeitung oder Zeitschrift. In Palästina würden diese Gründe zur Erklärung der Ebbe im neuen Geistesleben nicht ausreichen. Wenn hier von einer Assimilation gesprochen wird, so eben nur einer nationalen, kollektiven, die den Einzelnen im hebräischen Rahmen sesthält. Hier aber waren es andere Faktoren, die mitspielten. Der Hammer des Aufbaues übertönt die seinen Schwingungen der jüdischen Leier. Die neue Sachlichket, die sich in Straßen, .in Bauten, in Feldern und Maschinen auswirkt, läßt nicht viel Sinn für Lyrik aufkommen. Was an geistiger Kultur da noch wirkt, konzentriert sich aus die Schule. Und so wurde auch die Literatur sachlich, realistisch, steinhart, erzeugte eine Sprache und eine Ausdrucksweise (Doar Hajom), die fo kahl und rauh ist, wie die Felsen in der Wüste Judäas. Hier leuchtet kein Licht und blüht keine Blume, die Musen schweigen. Wenn wir aber sagen, daß Bialik, der große Dichter, diesem großen überlauten und dröhnenden Schweigen sich angepaßt hat, so soll damit nicht gesagt sein, daß er sich etwa zur Ruhe begeben und seine Aktivität eingestellt hätte. Er hat sich nur umgestellt, hat seine Harfe in die Ecke gestellt — nicht einmal die Tragödie von August 1929 konnte den Saiten dieser Harfe, die uns nach den russischen Pogromen das r-p»j s&a gegeben, einen Ton ablocken — und nach Hammer und Meißel für den Aufbau gegriffen: wie sie ihm gegeben waren: in der Feder, die Schulbücher und Volksliteratur für die reife Jugend schrieb. Die Bücher sind gut. Es sind Reflexionen aus dem tiefen Jugenderleben dieses alten „Woloschiner", des Dichters des vannn Seine Art, Midraschim für Kinder und Erwachsene nachschafsend zu gestalten, ist genial, seine Ansichten und Abhandlungen über diesen poetischen Teil des Talmuds herrlich in der Intuition wie in der Konzeption Aber das alles ist Handwerk, Aufbau. Der Dichter schweigt. Eine gewisse Enttäuschung macht sich freilich bei dem Alternden bemerkbar, die vielleicht auch ein wenig seine Kraft lähmt. Er sieht in der Atmosphäre der harten Sachlichkeit eine Jugend emporsteigen, die weit über ihn hinausschreitet, die sich zwar äußerlich um ihn gruppiertzu ihm hinaufschaut, innerlich aber keinen Anteil an seinen glühenden Impulsen, an seinen heiligen Altbeständen aus Beshamidrafch und Jeschiwa hat. Er sucht sie zu gewinnen, durch Reden, Vorlesungen, durch na» aas. eine Sabbatwonne, die leider, bei einem Teile seiner Gemeinde wenigstens, losgelöst ist von nrnipi nmaadurch Hochheben einer Hawdalakerze, ohne aber seine Anbeter, die aus einer anderen Vergangenheit und einer anderen Schule zu ihm kommen, überzeugend die Grenze zwischen „Heilig und Profan, Licht und Finsternis, Israel und den Völkern" zu zeigen ... Er empfindet das alles, der Dichter, und leidet. Wir haben Verständnis für ein solches Dichterschicksal und haben für den nun Sechzigjährigen nur den einen Wunsch: Möge er es noch erleben, daß eine Jugend sein Haus stürmt und nach f e st e r e r geistiger Nahrung