Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1933)
- Date
- 1933-01-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Licht aus dem Westen. wm U-J/ä ML Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) . Als Rabbi Roffon morgens bei Hirsch Frankfurter in Würzburg, wo er Logis genommen hatte, erwachte, stand Mosche, der Frankfurter Soferssohn, vor ihm. Rabbi 'Rosson rieb sich die Augen und glaubte an -eine Fortsetzung des gestrigen Traumes, von der Sonne und der Fackel. Aber es war doch wahr und wirklich Mosche, der leibhaft, groß, schlank und jung vor ihm stand. Die.Nachtfahrt hatten ihn eher erfrischt als ermüdet. Er..hatte lachende Augen/ wie Kinder, denen ein guter Spaß gelungen war. „Ich bin nachgekommen," sagte er frisch und froh, „wie es mir der Rebbe geboten hat." „Geboten?" „Der Rabbi gebot, mir nachzukommen, sobald es meine Ätern von sich aus wünschten." „Und sie haben es gewünscht?" ' Da erzählte Mosche, Me es sich zutrug, als er nach Hause kam, noch ganz benommen vom Schmerze des Abschiedes; wiedie Mutter ihn bat, stch ,nicht fd viel auf. der Straße zu zeigen, um sich nicht dem „bösen Blicke" auszusetzen; ,wie der Vater dann von den Pergamenten aufsah und die Worte von ^ich gab: „hättest du uns.gesagt, wwjsehr die Trennung/dich schmerzt und hätte er, Rabbi Roffon, daraus bestanden, wir hätten dich mit ihm. ziehen lassen." „Und weiter?" fragte, Rabbi Roffon. „Ich erwiderte, daß heute abend noch eine Schnellpost nach der Richtung Würzburg fahre. Darauf machte sich die Mutter gleich daran, rasch meine Sachen zu packen. Ich dachte nicht, den Rabbi hier schon einzuholen, glaubte, viel weiter fahren zu müssen." „Cs. war der Zwischenfall am Kreuzberg," berichtete Rabbi Uosson. „wir mußten ein Stück des Weges bei Rächt zu Fuß gehen. Run scheint auch,.dieser Aufenthalt Sinn zu bekommen . . ." „Sinn!" Also hatte Rabbi Rosson seine Ankunft gebilligt, seine weitere Mitfahrt genehmigt. Mosche strahlte.! Hirsch Frankfurter besorgte eine gute Fuhre nach Nürnberg, von wo stch allezeit günstige Fahrgelegenheit nach P r a g bot. Auf dem Wege zum Wagen standen -.Hunderte -Spalier, die Rabbi- Roffon sehen wollten. ..Frapen weinten-flüchtig ihr Leid und baten um Segen oder-eine „Kamen" für die Kranken daheim. Rabbi Roffon sah kaumauf. .Cr ging,, nach beiden Seiten grüßend und segnend. „Cr, -der die.-Kranken seines Volkes Israel heilt, wird , euch Heil und Heilung schicken," tröstete-er die flehenden Frauen. X. I n P r a g. Im Rabbinerhause zu Prag sitzt der kleine, gedrungene Mann Mit dem großen Kopfe und, den Hellen'Augen^. mit der Linken am langen graubraunen Pcophetenbarte zerrend, vor Bogen, Briefen und Akten-zwischen Bändest'und Folianten, die die Leiden, Fragen und Sorgen vom ganz Israel enthalten, von allen Ländern und Städten-, rvo Juden leben, leiden und „lernen", kommen Briefe, Mitteilungen, Littfchreiben, halachische Anfragen ins Prager Rabbinerhaus. Cr, Rabbi Iecheskel Landau, der Prager' erste, Rabbiner, liest sie alle, prüft sie alle, beantwortet sie alle. Wann er die Zeit dazu findet, weiß keiner, aber keine Anfrage bleibt unbeantwortet. Manche Fragen sind so heikel, kompliziert und schwierig, daß sie eines Studiums von-ganzen Rächten bedürfen. Aber die Anwendung talmudischer Wissenschaft auf das Leben im Kleinen und Großen macht ihm Freude, steigert seine Kraft, erhellt seine Rächte, macht ihn hellhörig für alle Rätsel der Lehre und des Tages. Und das gesprochene Wort verhallt nicht, sondern wird, gesammelt, zu neuen Wegweisern und Wissensquellen für die Zukunft. Was ihtn an Forschungen und Entscheidungen von Wert und Belang für spätere Tage erscheint, wird in der Mappe in Akt und Kopie festgehalten. Cs sollbekanntwerd e n, i n I e h u d a. „Roda b. Iehuöa," diesen Titel soll später sein Hauptwerk, Frucht seiner Lebensarbeit, führen. Crist einer der wenigen unter den Rabbinern seiner Zeit, die auch klares Auge für die Zeit, die Segnungen und Gefahren der herannabenden Emanzipation haben. Hochangesehen bei den Aemtern- und Behörden bis zum Hofe in Wien, weiß er seinen Einfluß für und wider zu nutzen. „Gebt uns M enschenrechte und laßt uns unser j ü d i - s ch e s Rech t" ist seine Devise, für die er wirbt, für die er kämpft ... , Cr erkennt auch als erster die neuen Winde, die von Berlin her wehen und ist gerade daran, ein Sendschreiben gegen die „Worte des Friedens -und der Wahrheit" R a f t a l i H e r z W e s s e l y s abzufaffen und die bedeutenden Rabbinen Deutschlands gegen die ihren Gemeinden zuerst drohenden Gefahren aufzucufen. Ob er .auch an den Oberrabbiner von Frank f u r t schreiben sollte? Cr ist auf Frankfurt'nicht'gut zu sprechen. Alles, wegen jenes unseligen Scheidebriefes. Die Welt würde in seinem Werke noch nach hundert Jahren seine Gutachten lesen und urteilen . . . Aber Frankfurt, stolz und 'eigenwillig, hat sie nicht beachtet und sich'anderswo-anderen Rat geholt . . . Zuletzt kam jener Rabbi aus Lechwicz dahin, der ihm höfliche, demutsvolle Briefe schreibt, aber — gegen ihn handelt .- . . - Cr kann was, der Lechwiczer . . .Seine Briefe, Gutachten und- Abhandlungen sind grundgescheit und haarscharf in der Beweisführung und zeugen von einer Beschlagenheit im alten und neueren Schrifttum,.-der nichts zu . entgehen scheint. Ihre zwingende Logik hatte ihn schon oft gepackt. Aber er, der Prager Oberrabbiner, ist nicht der Mann des Rachgebens, der nicht Logik gegen Logik, . Beschlagenheit gegen Beschlagenheit einfetzen könnte! Cr vertritt seinen Standpunkt weiter, gegen Frankfurt. Obwohl erdie Argumente -seines neuen Oherhauptes lange nicht mehr mit jener lakonischen,. überlegenen, tadelnden Bemerkung wie vormals die des dortigen Besdin abtun kann . -. . , Ja, jene Bemerkung. Cr hätte heute vielleicht an der Stelle sitzen können, wo der Lechwiczer sitzt. Die Frankfurter behaupteten, er wußte es, er habe sich mit jener despektierlichen Aeußerung die Chance verscherzt. Andere kreideten ihm dort seine Stellung im Alto n a e r Streit an, in der sie eine Unfreundlichkeit gegen Rabbi-. Ionatan erblickten. Was die sich nicht einbildeten! Als ob Prag ein verworfener Winkel und Frankfurt Mittelpunkt der Welt wäre!,-. . Cr machte die. Frankfurter, nicht/ i . Die. Streitigkeiten um Rabbi Rosson. waren ihm zu Ohren gekommen. ,Cr sagte-sich rein gefühlsmäßig: „Echt Frankfurt! ..." Obwohl gerade er, Rabbi Iecheskel, das Studium der Kabbala verurteilte und alles Chassidische auf dem Untergründe der verborgenen Lehre, genau , wie Rabbi,: Elle in -Wilna, fast unbesehen -verwarf. Wohl lag für ihn in Prag kein direkter Anlaß vor, Bannstrahlen gegen den Chassidismus zu werfen, aber alle kannten feine Cinstellung und wußten, er würde, hielte er in Böhmen die Gefahr für gegeben, genau wie d,er Gaon in Wilna mit schwarzen Kerzen und Posaune gegen jene neue Bewegung, die im Gebete Lurja über Mahril, im Studium den Sohar über den Talmud stellte, vorgeben. Aber er nahm sich kaum die Mühe, zu erfahren, um was der Streit in Frankfurt ging. Cr fand es ganz seinen Vorstellungen von Frankfurt angepaßt, daß sie dort einem Manne, der seine eigenen Wege ging, schwer zusetzten, und nahm innerlich Partei für Rabbi Rosson. Wie er nun hörte, Rabbi Roffon sei, gleichsam ein Flüchtling, auf dem Wege nach Boskovicz, in Prag eingetroffen, beeilte er sieb, das Creignis wie beim Erscheinen ganz großer Männer in der Altschul beckanntgcben zu lassen. „Chochom boh l'ir!" Cin Weiser weilt in der Stadt! ... Cr stellte ihm einen der Gemeindediener zur Verfügung. Rabbi Rosson lehnte! höflich und bescheiden ab. Cr hätte seinen eigenen treuen Begleiter und möchte keinem unnötige Mühe bereiten. Da ec am ersten Tage von den schwierigen Wegen zu müde war, auszugehen, besuchte ihn der Oberrabbiner — seltenes Ereignis für Prag — gleich in seinem Ouartier, bei Rabbi Gerson. L i b e l e s , dem gelehrten, wohltätigen Vorsteher, der es sich nie nehmen ließ, durchfahrende Rabbis von Ramen in sein gastliches Haus zu bringen. Rabbi Iecheskel glaubte, einen finsteren, verbitterten und verbissenen Mann anzutressen, der seines Rates, seiner Hilfe bedürfe. Cr fand Rabbi Roffon nur müde und von der Reise ein wenig zermürbt, aber freundlich und offen, mit guten, kleinen Klugen und hellem Gesichte in vollem breitem, nun schon etwas angegrautem Bartrahmcn. „Frankfurt", leitete Rabbi Iecheskel eine kleine Anklagerede und Solidaritätser- Närnng mit dem Opfer Frankfurter Cngherzigkeit und Zanksucht ein. Rabbi Rosson aber stimmte, zum größten Erstaunen Rabbi Iccheskels, das Lob Frankfurts, der „Stadt voller weisen und Schriftgelehrtcn" an. „Und der Lechwiczer?" „Cin Großer in Israel, wie es deren wenige gibt," berichtete Rabbi Roffon. Rabbi Ieches-!fcl Landau kam nicht aus dem Staunen. Jetzt waren ihm die Frankfurter schon ganz unergründlich . . . Am folgenden Tage saß Rabbi Roffon. im Lernzimmer von Rabbi Landau. Da Rabbi Roffon nicht gern die Unterhaltung auf sich lenken mochte, sprachen sie gar nichts mehr von Frankfurt. Cs gab ja so viel wichtigeres. „Tiefer denn das Meer und weiter als die Crde ist die Thora, und der Bedürfnisse des Volkes Israel sind so viele." Ihper ein gut Teil lag auf dem Tische des Rabbi in Anfragen, Bittschreiben und gelehrten Abhandlungen ausgebreitet. Nicht jeden Tag flog ihm ein solcher Adler ins Rest, lachte Rabbi Iecheskel gut aufgelegt; ' die Stunde mußte genutzt werden. Sie diskutierten lange Stunden, die angeregt wie kurze Minuten verliefen. Das große Responsen-Werk „Roda b'Iehuda" war zum Teile erschienen, vom „Zlach" ebenfalls Teile nur. Rabbi Roffon kannte sie und konnte von den darin angeschnittenen Fragen sprechen, als hätte ec sie alle auswendig gelernt. Unzählige Responsen, ebenso die Glossen zu „Schulchan Aruch" lagen in sauberem Manuskripte auf dem Tische. „Ihr solltet mir auch euere Werke nennen," sagte Rabbi Iecheskel, überwältigt vom Wissen seines Gastes und cin wenig geschmeichelt von dessen Vertrautheit mit seinen Geisteserzeugnissen, „damit ich sie so gründlich lerne, wie ihr die meinigen gelernt habt." „Ich habe keine werke geschrieben," gestand Rabbi Roffon. :,n . „Nichts für die Nachwelt, bei so viel Wissen und Weisheit?'t Rabbi Rosson .hplte einen kleinen Mischnaband ausFeiner Tasche hervor.- Die vergilbten Blätter trugen rätselhafte Zeichen und Striche, halbe Merkworte am Rande. „Cs ist das einzige, das ich in jungen Jahren ausgezeichnet habe und auch das bereue ich beute ..." „wie? . . ."; „Cs ist kein verdienst," sagte Rabbi Roffon und bemühte stch, so klein' wie möglich' dabei zu sein, „sondern ein unverdientes Geschenk vom Himmel, darum kann nty mich dessen nicht rühmen: nämlich mein eisernes Gedächtnis, was sich darin einprägt, bleibt unverwischlich bis zum letzten Iota. „Zementierte Zisterne, die keinen Tropfen verliert." Run sage ich mir: Wenn die Weisen schließlich das Aufzcichnen der m ü n d l i ch e n Lehre doch nur mit Hinblick auf das geschwächte Gedächtnis der späteren Generation freigaben, bin ich bei meinem Gedächtnis berechtigt, die von mir aufgenommencn oder mir erarbeiteten Lehren schriftlich niederzulegcn? . . ." „Merkwürdige Menschen hat doch dieses Frankfurt," dachte Rabbi Landau, „ihr Mund spricht ebenso ehrlich und öemutsvoll, wie ihr' Sinn groß und stolz ist. Dieser Mann traut seinem Gedächtnis, und g e° t r a u t s i ch n i ch t, das zu tun, was' alle seit Rabbi