Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-01-19 · Heft 3 (19.1.1933) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 3 (19.1.1933)
Date
1933-01-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450759--79340-2537085
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 8 Nr. 3 Der Israelit 19. Januar 1933 Tschecho-Siowakei. Oberrabbiner Rabbi Simon hlrschler Bratislava, 13. Jan. Der zehnte Tewes wurde uns erneut zum Anlaß tiefster Trauer. Oberrabbiner Simon Hirschler V^xr, hat nach langem, schwerem Leiden, erst 44 Jahre alt, am 10. Tewes seine Seele ihrem heiligen Urquell wiedergegeben. Die Gemeinde Modra beklagt in ihm ihren väterlich gütigen und klugen Seelenhirten, die Pxeßburger Gemeinde ihren tateneifrigen Dajan, das slowakische orthodoxe Judentum seinen treuen Sachwalter und die orthodoxe jüdische Gesamtheit einen ihrer besten und verständnisvollsten Söhne. Rabbi Simon Hirschler entstammte einer Familie, in welcher Thora und jüdisches Leben im Sinne der Thora als teuerster Erbbesitz betrachtet wurden. Von gewaltigem Einfluß aus sein jüdisches Denken und Trachten waren bei ihm die Lehren, die er in Hunsdors zu Füßen des pnxi fit«- Rabbi Samuel Rosenberg empfangen hat. Er tat dieses seines Lehrers fast täglich in unauslöschlicher Dankbarkeit Erwähnung. In Preßburg bekam er neue Impulse für sein Streben und den großzügigen Zuschnitt in seinem Lernen. Kaum einundzwangigjährig, heiratete er die Tochter des bekannten Oberrabbiners von Casta, Rabbi Israel Frankel b~xidie ihm eine gleichgesinnte und gleichstrebende Lebensgefährtin wurde. Einige Jahre später trat er das Rabbinat in M o d r a an, wo er junge Menschen aus allen Gegenden um sich sammelte, um mit ihnen unablässig zu lernen. Das Kriegsende führte ihn nach Bratislava zurück, wo er sich bald als Mensch von ganz großem Formate entwickelte. Man kann ohne Uebertreibung sagen: er war der populärste Mann der westslowakischen Judenheit. Als Rabbiner des Vereins i~n '»'vn, an der Stelle, wo einmal Rabbi Daniel Prosnitz stand, trat er auch als Kanzelredner hervor. Seine glänzende Rednergabe und der Feuereifer, der ihm das Wort diktierte, gewannen ihm bald eine große Gemeinde, die auf sein Wort lauschte. Bei Schaffung resp. Wiedererrichtung der Orthodoxen Landeskanzleü wurde Rabbi Hirschler neben Rabbi Kalman Weber ihr Vizepräsident und .so Mitschöpfer der orthodoxen Gemeindeorganisation in der Slowakei, und es ist auch mit sein Verdienst, daß diese Organisation als erste ihrer Art den Anschluß an die Agudas Jisroel-Weltorganisation fand. Er selbst wurde auch ein unermüdlicher Mitarbeiter in der Organisation und nahm teil an fast allen ihren wichtigsten Zusammenkünften. Er wandte sich besonders der Jugendarbeit zu, widmete sich stets mit Liebe und uneingeschränkter Hingabe jeder Einzelheit ihrer unzähligen Unternehmungen und war den Mitgliedern der Agudas Jisroel-Jugendgruppe aufrichtiger Freund, Sachwalter und väterlicher Berater. Nach seiner Wahl in die Repräsentanz der Stadt Bratislava bewies er, daß er auch in dieser Körperschaft zugunsten zahlreicher Juden ungemein nützliche Arbeit zu leisten verstand. Solchergestalt ging er ganz, mit allem, was er war und was er an Fähigkeiten befaß, im Ringen um jüdisches Gemeinwohl auf,'bis in ihm abermals die Sehnsucht nach der stillen Gelehrtenstube des aan va^n und Vtnsra rwnn mia Oberhand gewann. Er wurde Mitglied des Prehburger pnx i"3, und widmete sich fortan die letzten Jahre seines, ach so schnell abgeschnittenen Lebens fast ausschließlich dem Erforschen der pmio. dessen Ergebnisse in zahlreichen handschriftlich zurückgelassenen Werken und Fragmenten niedergelegt sind, deren Herausgabe die Agudas Jisroel-Jugendgruppe in Bratislava in Aussicht genommen hat. * * * Die '’iVn fand am Montag unter gewaltiger Beteiligung statt. Im überfüllten Trauerhause sprach als erster Herr Max L ö w y für die zahlreichen Schüler des Heimgegangenen Worte des Schmerzes und des Dankes, ihm folgte Rabbiner S. K o l i s ch mit einem Abschiedswort im Namen des Besdin. Oberrabbiner Josef Broda aus Myjava gab als Schwager dem Schmerze der Familie j Ausdruck. Auf dem Friedhofe nahm Rabbiner Salomon Unsdorfer für Rabbinat, Gemeindeleitung, Chewra Kadischa, Verein „Temimei Derech", der Agudainstanzen usw. vom Verewigten Abschied, worauf der Preßburger Oberrabbiner, Akiba Schreiber, in einem großangelegten Hesped die Persönlichkeit und Verdienste Rabbi Hirschlers schilderte. Es sprachen ferner Rabbiner Simon L e b o v i t s , Oberrabbiner Josua Schill namens der Gemeinde Modra und zuletzt als Schwager Herr Rabbiner Dr. Ph. Frynkl aus Halberstadt. Wir haben einen großen Lehrer, einen großen Menschen und eifrigen Kämpfer für die jüdische Sache verloren. Möge der Familie, den Freunden und dem bb? Trost erblühen. •»"’T ■ Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat Februar Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a.M. Ein Sabbat in Arosa. Von Helmut Friedmann in Dießenhofen (Schweiz). Mit einem Sportbillet, das zum halben Preis verausgabt wird, besteige ich in Schaffhausen den Zug. Es ist Freitag mittag. Ueber Zürich geht die Fahrt und bald bringt ein D-Zug mich nach Chur. Chur liegt etwas über! 500 Meter über dem Meere. Von dort geht die Bergbahn nach Arosa. Diese Bahnstrecke gehört zu einer der schönsten Europas. Durch 19 Tunnels, über 41 Brücken fährt der Zug. Darunter ist .eine Brücke von fast 300 Meter Länge und einer Höhe von 62 Meter, die größte Eisenbetonbrücke der Welt für Bahnverkehr. Viele hundert Meter tiefe.Klüfke und Abgründe ziehen sich neben der Bahnstrecke hin. Wildromantisch und ein Wunder G'ttes ist das hier Erschaute. In fünfviertel Stunden erklimmt die Bahn Arosa, eine Steigung von weit über 1200 Meter und wir befinden uns 1850 Meter über dem Meere. Arosa ist selbst in diesem Krisenjahr gleich gut wie in anderen Jahren besucht, dank feiner außergewöhnlich günstigen klimatischen Lage und seinem verhältnismäßig billig zu erstehenden Komfort. Hier trifft sich die Welt. Aus Deutschland, England, der Schweiz, Frankreich, ja selbst aus Indien, Java und Amerika strömen die Fremden hierher und geben sich der Erholung und auch dem Sport und dem geselligen Leben hin. Für den strenggläubigen Juden ist es von besonderem Interesse, daß man hier unter Aufsicht des Hamburger Vereins gut versorgt ist. Gleich bei meiner Ankunft empfängt mich der Portier des koscheren Hotels Libanon. Der Name paßt ganz ausgezeichnet zur Landschaft. Vor Sabbateingang sehe ich mir noch das Städtchen an. Zahlreiche Eislaufplätze sind der Tummelplatz einer sportbegeisterten Jugend. Pferde- und Handschlitten stehen im Dienste des Fremdenverkehrs. Ueber die Hänge flitzen in wahnsinnigen Tempos Skifahrer. Alles ringsum ist Skigebiet. Bis über 3000 Meter heben sich die Berge empor und halten kalte Winde ab. Während die Sonne vom azurblauen Himmel untergeht, versammeln sich im Hotel Libanon die jüdischen Gäste zu Maariw. Der Besitzer dieser Gaststätte verfügt über eine außergewöhnlich wohlklingende Stimme und j heimelig ists einem bei seinem Lecho daudi. In der Zeit! bis zur Mahlzeit sieht man die Berge in den verschiedenen Farben leuchten, vom letzten Sonnenstrahl berührt. Nach Kiddusch wird ein Menu verabreicht, das an Quantität und insbesondere an Qualität der Küche des Hauses alle Ehre macht. Nach dem Essen und Benschen unternehme ich in der reinen, aber kühlen Nachtluft noch einen kleinen Spaziergang. Aus vielen Hotels, Tea-rooms und Cafes tönen die rhythmischen, wimmernden Töne der Jazzbands. Schon zeigt das Thermometer auf 15" C., doch empfindet man hier die Kälte wenig. Am nächsten Morgen versammelt man sich zu Schacharis. Beim Aufrufen wird nicht wenig geschnodert und mancher deutsche Gast schnodert anstatt Schweizerfranken deutsche Reichsmark. Aus Frankreich, Deutschland, Polen, der Schweiz, Holland und Belgien, ja sogar aus Indien (Singapore) sind di? Besucher des G'ttesdienstes, also ein ganz internationales Minjan. Trotzdem es im Schatten noch 8 Kältegrade hat. ist es in der Sonne brennend heiß und manch einer wird in sage und schreibe 2—3 Tagen ganz gehörig braun. So heiß ist es trotz Winter in der Sonne, daß man Sonnenbäder nimmt und nicht selten flüchtet man vor Hitze in den Schatten. Mittags gibt es wieder eine vorzügliche Sabbat-Seudah. Am Nachmittag begibt man sich im Sommerdreß ins Freie. Alle Sportarten kann man hier zu sehen bekommen, ja selbst Pferderennen auf einem See. Nach Sabbatausgong geht es leider wieder weg von Arosa. Doch stets wird der Sabbat in Arosa in guter England. vom Jewish Board of Deputies. L o n d o n 17. Jan. An Stelle des zurückgetretenen Avigdor Goldschmid wurde Herr Neoille I. L a s f i mit großer Stimmenmehrheit zum Pr äsidenten des Board öf Dep u t i e s gewählt. Laski ist Jurist von Ruf und Schwiegersohn von Chacham Dr. Moses Gaster. Nach den Wahlen fand die übliche Aussprache über die Lage der Juden-in der Welt statt. Im Warschauer „Haint" wurde Leonard Moutefiore scharf angegriffen, weil er in einem früheren Bericht über die Ausschreitungen von Lemberg ein „energisches Einschreiten der Behörden" konstatierte und eine solche Behauptung auch in seinem Schreiben an den politischen Gesandten in London aufgestellt hätte. Moutefiore bemerkt nun zu diesem Angriff, daß im Briefe des. Joint Foreign Comitee an den Gesandten ein solcher Satz gar nicht vorkommt. Der der polnischen Regierung ausgesprochene Dank bezog sch gar nicht aus die Ereignisse in Lemberg, 'sondern aus das energische Einschreiten der polnischens Negierung gegen geplante Entrechtung der polnischen Juden in gewissen Ländern Mitteleuropas. M. H. D a v id s, Präsident der Federation of Synagogues, sucht die Angriffe in den jüdisch-polnischen Blättern mit einem anderen, ähnlichen Satz im Briefe an den Gesandten zu rechtfertigen, worauf H. .A. G o o dm a n, Sekretär der Weltorganisation der Agudas Jisroel, mit Rücksicht auf die Rückwirkungen in Polen, Schluß der Debatte beantragt. Trotz Einspruchs von Seiten Davids wird der Antrag auf Schluß der Debatte angenommen. Zum Schluß verwahrte sich noch L. G. Moutefiore in einer Erklärung gegen die Annahme, als hätte das Joint Foreign Comitee die Ereignisse in Lemberg verkleinert. Er ist der Ansicht, daß gerade im Interesse des Schutzes und der Abwehr gute und höfliche Beziehungen zur polnischen Gesandtschaft erhalten werden müssen. ■ Palästina. Gründung einer poale Agudas Jisroel-Gruppe im heiligen Lande. P etach-Tikwa,5. Jan. Hier ist eine Abteilung der P o a le Agudas Jisroel- Organisation gegründet worden, der einstweilen 20 Mitglieder angehören. Fast sämtliche Mitglieder sind zur Zeit mit Arbeit beschäftigt. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton <5. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. 58.: S. Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Hermon G> ntb. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M. Erinnerung bleiben, denn im Gebirge und in solch g'ttgefegneter Gegend Sabbat zu erleben, bedeutet einen ewigen Lebensbesitz. VERLAG DES ISRAELI? II. HERMON GMBH. In unserem Verlag erschien: KOSBI SALONAe Eine Erzählung aus biblischer Urzeit Von Sanon Preis brosch, RM. 1.— geb. RM. 1.30 Das schmuck aussehende Büchlein eignet sich vorzüglich für Schüler- und Jugendbibliotheken sowie als Prämie und Geschenk für Religions- Schüler und -Schülerinnen. Zu beziehen durch alle besseren Buchhandlungen sowie direkt vom Verlag. VERLAG DES ISRAELIT 0. FRANKFURT A. M., RECHNEIGRABENSTR. 7 01178632

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.