Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1933)
- Date
- 1933-01-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 3 Der Israelit 19.-Januar 1933 Mit Freude stellt der Orthodoxe Rabbinerverband fest, daß in der gesetzestreuen Jugend ein. intensives Streben nach immer folgerichtigerer und gew'.ffenhafterer Beobachtung der Zenius-Gefetze Platz greift. Dieses Streben muß von Eltern und Erziehern aufs tatkräftigste gefördert werden. Zur religiösen Erziehung der Jugend ist die Einführung in ein streng religiöses Jugendmilieu unerläßlich. Die Verbindung mit religiös Andersdenkenden wirkt stets hemmend und schwächend auf die eigene religiöse Entwicklung." Neue antisemitische Ausschreitungen an der Berliner Universität. Berlin, 18. Jan. Noch weiß man nicht, ob der Burgfriede an der Breslauer Universität den Freitag, an dem Dr. Cohn feine Vorlesungen wieder aufnimmt, überleben wird, und schon regt es sich an der Universität der Hauptstadt wieder. Es gab am Dienstag mittag im.Hofe der Hochschule eine schwere Keilerei, mit schweren Verletzungen und Verhaftungen. Die Sache ging von nationalfoziali st is ch e n Studenten aus, und die Aktion war als eine Solidavitätserklärung mit Breslau geacht. Man wollte angeblich gegen die Zusammenlegung der Breslauer Hochschule protestieren, aber im Zusammenhänge damit schrie man: „Raus rftit dem Cohn!" auch die bekannten lieblichen nationalsozialistischen Parolen wie „Juda! . . Es wurde mit Stühlen und Gläsern nach jüdisch aussehenden Studenten geworfen. Schlußesfekt: Fünf jüdische Studierende wurden ins Spital gebracht, drei Angreifer wurden von der Polizei verhaftet, von denen aber nur einer eingeschriebener Student ist. Reichskanzler Marx an den Zentral-Vercin. Berlin, 12. Jan. Am 12. Januar vollendet der frühere Reichskanzler Dr. Wilhelm M a r x sein 70. Lebensjahr. Als Führer des Zentrums wirkte Dr. Wilhelm Marr stets darauf hin, daß der Antisemitismus als Kulturfchande Deutschlands bekämpft werde. Kurz nach Ende seiner ersten Kanzlerschaft (Ende 1923) hat er dem Berliner JTA.-Dertreter eine Erklärung abgegeben, in der er im Namen der Reichsrcgicrung in entschiedener Form gegen die antisemitische Hetze Stellung nahm und der angegriffenen jüdischen Gemeinschaft, ebenso wie ihren einzelnen Mitgliedern, Schutz ihrer Ehre und persönlichen Sicherheit zusicherte. Den Bestrebungen de; Central-Vereins hat Reichskanzler Marr stets lebhaftes Interesse entgegengebracht. In jüngster Zeit erst, als ihm das „Weißbuch" des Central-Vereins, eine Dol mentenmappe über die Stellung des Nationalsozialismus zur Judenfrage, übermittelt worden war, hat er dem Central-Berein u. a. geschrieben: „ . . . Es ist mir geradezu unfaßbar, wie em sonst so kluges und beherrschtes Volk wie das deutsche^ wenigstens zu einem so großen Teile, aus so viel Unsinn eingehen konnte. Eine Erklärung habe ich nur in dem Umstande finden können, daß wir infolge der wirtschaftlichen Not geistig zerrüttet und verwirrt Worden sind. Eine Besserung scheint ja auf dem Marsche zu sein. Die von blindem Haß begleitete antisemitische Einstellung. der Nationalsozialisten habe ich schon kraft meiner Weltanschauung für ebenso, verwerflich wie töricht und unsinnig aber ebenso auch für undeutsch und anlittatiorral angesehen und bekämpft, wo ich nur immer dazu Gelegenheit gefunden habe. Ihr wertvolles Material wird mir bei meiner weiteren Abwehr und Bekämpfung wertvolle Dienste leisten." ''-'v '; wieder verfehlte Maßnahme einer Universitätsbeherde. 'Köln, 15. Jan. Vor einiger Zeit versandte der Rektor der Uni-> versität Köln an alle studentischen Korporationen! und Bünde, ein Rundschreiben, wonach bereits immatrikulierten Amerikanern nur dann ein Arbeitsplatz anzuweisen sei/ wenn alle deutschen Kommilitonen einen solchen er-- halten haben, und-' künftig'. Gesuche um Zulassung mit! der Begründung des Platzmangels abzulehnen seien. Dieses Rundschreiben des Kölner Rektors, mit bcffc?t j Inhalt )ii) auch amerikanische Zeitungen beschäftigten, hat in Deutschland wie im Auslands unliebsames Auf-j sehen erregt, umsomehr als bekannt ist, daß gerade amerikanische Juden große finanzielle Opfer für deutsche j Unicersitäten, so zuletzt auch für den Neubau der Ilnioer-- sität Heidelberg gebracht haben.' Wien. Eine aus dem Mittelalter stammende Synagoge wurde in Brmck a. d. Mur (Steiermark), am Kirchplatz zwischen Meßnerhaus und Schulhaus, entdeckt. Der Amtmann der Gemeinde Bruck hat auch wichtige Dokumente über die Geschichte der Synagoge entdeckt. Das österreichische Bundeskanzleramt wird das Gebäude unter Denkmalschutz stellen. Aus Dokumenten geht hervor, daß'die Synagoge^ Ende des 14. Jahrhunderts erbaut worden war. — Achtzehn in Wien lebende ehemalige Lehrer der Baron Hirsch-Schulen in Galizien. die seit Jahren einen P d n s i o n s - A u swertungsprozeß gegen die Baron Hirsch- Stiftung, deren jetziger Sitz Warschau ist, führen, haben beim Wiener Zivillandesgericht ein Urteil erwirkt, das auf eine dreitaufendfache Aufwertung lautet. Falls die Entscheidung rückwirkende Kraft hat, hätten die Lehrer aus beträchtliche.Nachzahlung Anspruch. ' Lemberg. Die jüdische Bevölkerung Ostgaliziens ist in, den letzten Tagen durch neue Morde an Juden in Erregung versetzt worden. Im Dorfe Klodno, 30 Kilometer von Lemberg entfernt, wo acht jüdische Familien wohnen, würden die Familie des jüdischen Kaufmanns Hillel Feld, bestehend aus Vater, Mutter und 12jährigem Sohn, sowie der Lehrer des Sohnes. Israel O st e r b a ch, durch Banditen umgebracht, die dann das Haus in Brand steckten. Als Täter wurden vier Eifenbahnarbeiter verhaftet.' In der folgenden Nacht wurde in dem ostgalizifchen Dorfe S a p i e s h i n der jüdische Kaufmann Simon Wolf ermordet. Charbin. Unbekannte Täter warfen eine Bombe in das Haus des Präsidenten der Jüdischen Gemeinde von Charbin, Dr. Salomon Naw i k o w i t s ch , die großen Schaden anrichtete, aber niemanden verletzte, da Rawikowitsch und seine Familie sich in den hinteren Räumen des Hauses aufhielten. Man nimmt an, daß die Urheber des Attentats ■ russische reaktionäre Antisemiten sind. Bukarest. In T e c u c i fand der Kaufmann Moise E i c a r a an seinem Laden einen Boykottanschlag angebracht. Als er ihn abriß, stürzten auf das Signal eines Veobachtungspostens der „Eisernen Garde" etwa 20 Junggardisten herbei, auf den Kaufmann los. Der Bedrängte gab einen Warnungsfchuß aus einer Alarmpistole ab, woraufhin die jugendlichen Angreifer das Weite suchten. Die greise Mutter Eicaras, Frau Fanny Eicara, erlitt infolge der Aufregungen über diese Szene einen Nervenzusammenbruch und verschied bald darauf. Warschau. In dem Städtchen M o r d i bei Sjedtec verstarb im Atter von 107 Jahren der jüdische Bürger Jizchak Kaplan. Kaplan wußte noch Erlebnisse aus dem polnischen Aufstand i. I. 1831, den er als Kind miterlebte, zu erzählen. Moskau. Dem Vernehmen nach wird dieProklamierungBiro-Bidschans als jüdische Republik, die für Ende 1933 bestimmt war, verschoben werden. Sofia. In der Donaustadt W i d d i n wurden j ü - dis che Schulkinder beim Verlassen der Schule von älteren Gymnasialschülern überfallen und schwer mißhandelt. Fünf Kinder erlitten nicht unerhebliche Verletzungen.' Es stellte sich heraus, daß der Anstifter zu diesem Ueberfall der Militärbeamte Saraileff war. Eine' Abordnung 'des' Zentralkonsistoriums der jüdischen Gemeinden Bulgariens führte hierüber Beschwerde beim Kriegsminister, der versprach, gegen den Beamten ein Verfahren einzuleiten. Saloniki. Senator Achille E a l e v r a s, früherer Generalgouverneur von Saloniki, führt in einer Artikelserie aus, durch die Niederlassung von 120 000 griechischen Flüchtlingen aus Kleinasien in Saloniki sei die Stadt so überfüllt, daß sie ihre Bevölkerung nicht mehr ernähren kann. Insbesondere mache sich eine Abwanderung der alteingesessenen Juden Salonikis be merkbar. Im Jahre 1932 haben 2 0 0 0 I u d e n 'S a l o - niki verlassen und sich meist nach Pa - l ä st i n a gewandt. Die Auswanderung werde 1933 voraussichtlich noch größeren Umfang annehmen. Jerusalem. Das ägyptische Berkehrsm'misierium besaht sich jetzt mit dem Plan der Erbauung einer Eisenbahn z w i s ch e n Aegypten und Palästina, die 240000 Pfund kosten würde. Die Linie soll an Port Fuad beginnen und an die Linien Kantara - Palästina angeschlossen werden. Newyork. Das Schuldepartement von' Newyork hat auf Intervention von jüdischer Seite angeordnet, daß „Der Kaufmann von Venedig" von Shakespeare aus dem Lehrstoff der Schule ausfcheide. Seitensdes Central-Vereins Tann mitgeteilt werden.daß man im Kultusministerium diesen Schritt des Rektors n i ch t billigt, und daß der Rektor selbst/den Inhalt seines Schreibens nicht mehr aufrechterhält. Die ganze Angelegenheit ist über Gebühr aufgebaufcht worden. An. allen Universitäten Deutschlands studieren insgesamt etwa 200 Mediziener aus Amerika, unter ihnen ein großer Teil Juden. Diese au sich nicht nennenswerte Frequenz deutscher Universitäten durch Amerikaner ist darauf zurückzuführen, daß die in der Regel aus privaten Mitteln erhaltenen amerikanischen Universitätsinstitute, ^infolge der Wirtschaftskrise notleidend geworden sind und die Studiengebühren auf 700 bis 900 Dollar jährlich festsehen mußten. Mancher Student in Amerika hat es sich ausgerechnet, daß er mit einer solchen Summe annähernd seinen Studienaufenthalt in Deutschland bestreiten könnte. Das Studium einiger hundert amerikanischer Medizinstudenten in .Deutschland, die später zur Ausübung des . medizinischen Berufes nach Amerika zurückkehren, könne für Deutschland und die Geltung der deutschen Wissenschaft in der Welt nur von Vorteil sein. Im Kultusministerium würde man es nur für wünschenswerthalten, wenn die amerikanischen jungen Leute nicht gerade die besuchtesten Universitäten wie Köln, Heidelberg und Bonn, wo wirklich Raumnot herrscht, frequentieren, sondern sich auch auf kleinere, doch wissewschaftlich nicht weniger bedeutende Universitäten verteilen. . Die Belegung des Falles Cohn. Breslau, 6. Jan. Der „Fall Cohn" ist bis. aus weiteres beigelegt. Ob' nicht hierbei die Rechnung ohne den Wirt gemacht ist, den in diesem Falle die Herren Studenten stellen, wird sich ani Freitag, bei der Wiederaufnahme der. Vorlesungen durch Professor Cohn, zeigen. Wir wollen das Veste hoffen, obwohl die Erfahrung kaum dazu ermutigt. Erfreulich bei der ganzen Angelegenheit war nur die aufrechte Haltung der Kommissarischen Negierung und des Kultusministeriums. Weniger heroisch mutet das Verhalten von Rektor und Senat an, die erst Lohn schützten, dann eine Lappalie zum willkommenen. Anlaß. nahmen, ihn fallen zu lassen und sich dann endlich beim Ministerium aus gute Art und Weise herauszureden suchten. Freilich zeugt die Erklärung Professor Lohns selbst auch nicht gerade von allzugroßem Stolz, und Selbftbewußtsein. Er nimmt vieles zurück, revidiert und bedauert und ergeht sich schließlich in Danksagungen an die Ilniverjitätsbehörden für den ihm gebotenen Schutz, also für das, was doch ihre erste Pflicht und Schuldig-- keit war. Er bedauert sogar, daß er für seine telefonischo Auskunft in Sachen Trotzkis nicht erst die Genehmigung dieser seiner Protektoren eingeholt hat. Das ist alles in allem etwas mehr,, als selbst seine Freunde, die für ihn wie für ein Symbol des verletzten Rechtes kämpften^ von ihm erwarteten und ertragen können. Oesterreich. DK§ neue Präsidium der Wiener Rultusgemeinde. W i e u , 10. Jan. Die Konstituierung 'des..neNgewahlten"Vorstandes der Wiener Israelitischen Kultusgemeind^ ergab das folgende Resultat: Zum Präsidenten der Gemeinde wurde Dr. Desider Fried manu '(Zionist), zu Vizepräsidenten Dr. Jofef 'Löwen H e r z (Zionist) und Dr. 'Jacob O-^r nst e t n ' (Union österreichischer Juden) gewählt. Ins Dertreterkollegrum wurden gewählt: vier Unto,fisten und Werktätige und vier Zionisten, davon zwei Revisionisten und em 'Ppglezionist.-i Da auch das Präsidium , dem Vertreterkollegium angehört, so haben die! .-Zionistenauch in diesem. bestimmenden Gremium die Majorität. Die Wahl der Kommissionen wird erst in der nächsten Sitzung vorgenommeu werden, da in der Besetzung der Obmannstellen jetzt noch unüberbrückbare Gegensätze zwischen Union, und Zionisten bestehen. Der Kampf geht insbesondere um die Schulkommission, deren Vorsitz die Union für sich 'in Anspruch nimmt. ' (ITA). Schweiz. Beschlüsse der Mandatkommission des Völkerbundes über Palästina. Genf, 15. Jan. Die Mandätkommission des Völkerbundes hat die in ihrer 22. Session gefaßten Resolutionen nebst einem ausführlichen Berichte über die Verhandlungen gemäß dem südlichen Geschäftsgänge dem Völkerbundrat unterbreitet,.