Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1933)
- Date
- 1933-01-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 3 Der Israelit 19. Januar 1933 Und welches Echo findet diese Verordnung in den dem nebligen Reiche von „Genie und Wahnsinn" sich Ländern? Uns liegt Bericht aus Darmstad?heMnümnmeln. Auch der genialste. Baumeister kann vor: jim Hessischen La n d t a g haben die R ä - ^'bloß-.mit handgreiflichen Materialienseine kühnen t r o n a l s o z i a l r st e n eine Große Anfrage gestellt. üunstbautelt aufführen. Vergisst . derselbe an diese hinsichtlich des Verhaltens der Polizei gegenüber ihrer allererste Grundregel aller Bauarbcit, dann kann auch Propaganda für „Berücksichtigung deutscher Geschäfte" i fein genialstes Sinnen und planen nur zur Errich- und „wider den Lauf in Warenhäusern, jüdischen Gc-Znng von — Luftschlössern führen, schäften usw." Der Minister des I n n e r n gibt,! Daher finden wir auch, daß die Epigonen den auf diese Anfrage den Bescheid, das; die zur Zeit in Entwicklungsspuren der großen Denker, der ihre Zeitgroßem Umfang betriebene Agitation gegen jüdische. grossen und die Uachwelt mit neuen. Ideenwelten be- Gejchäftsleute, die mcijt darin besteht, daß die Be-feuchtenden hervorragenden Geister nachgehend, auch völkerung durch Flugblätter aufgefordert wird, G e - j die „Ouellen" aufzusuchen aufs allersorgfälj ch ä f t e mit j ü d i s ch e n Inhabe r n z u me ii ttgste sich bestrebten, woraus jene Geisteshelden schöpfö e n und nur bei Christen cinzukanfen, bereits zu tcn. Dock muß benierkt werden, daß hier der Ausdruck ernsten Störungen der ö f f e n t l i d) e n | „Duellen" mehr eine bloß andeutende Metapher, als Ordnung geführt habe. In Gieße n und eine der tatsächlichen wirklickkeit ganz adäquate Be- M a i n z wurden am Goldenen Sonntag in mehreren Warenhäusern der bczcichnetcn Art Trän c’rt g a s -- und Stinkbomben geworfen, die die Besucher dieser Geschäfte erheblich beunruhigt haben. Aus diesem Grunde habe der hessische Innenminister An Weisung gegeben, daß im Interesse der Aufrechterhal tung der öffentlichen Ordnung diese die öffentliche Ruhe gefährdende Agitation mit alle m R a ch druck zu unterbinden ift. Wir wissen diese Verordnung des Reichsministers und den Nachdruck, den ihr einzelne Staatsminister (ob es auch die Thüringe n und Braunschweig tun worden?) geben, in ihrer moralischen Bedeutung vollauf zu schätzen, praktisch ist der Kampf gegen den Boykott der schwierigste und aussicksloseste aller Abwehrkämpfe. Zu Liebe kann auch keine Po lizeigewalt zwingen. Und man Hai sich an den hohen und höchsten Stellen Zeit genug gelassen, daß das Gift der Boykotthetze sich inzwischen in allen Schichten, besonders des Landvolkes, in einem Maße ausbreiten konnte, daß es nunmehr auch ohne Propaganda automatisch weiter wirkt. . Aber etwas anderes sollten diese Maßnahmen be zwecken: Sie zeigen deutlich, wie weit die Dinge in Stadt und Land gediehen sind, und sollten wenigstens eine Mahnung nach innen bedeuten. Die jüdischen Ar beitgeber und die jüdischen Konsumenten sollten zumindest ihrerseits ihre von der Außenwelt geäch teten und . gemiedenen und daher am Hungertuch na genden Glaubensbrüöer, vorweg diejenigen, die doppelt schwer unter der Sabbatheiligung leiden, bei An stellung, Arbeitsvergebung und Einkauf des^ täglichen Bedarfes berücksichtigen. Wie könnten wir dem Haß der Welt besser be gegnen, als mit der L i e b e zueinander?! Der «Denker". Zum 27. Teweth. . Von Rabbiner Ph. Fischer in Sarospatak. „—und so Ein großes Liebesbanü von ■-. .Empfangen Nndi Geben, die Wesen vereine ... Keines'Kraft und Mittel nur für sich erhalte, sondern empfange um zu geben; gebe' und empfange im Höben Vollendung seiner Daseinsbestimmung.-" .(Neunzehn-Briefe, 3:Brief, Schl.). wenn nun diese, dem von : G'tt gesetzten „Typus der Erdenschöpfung" abgelauschten Worte des unsterblichen Meisters uns am „Iahrzeitstage" desselben wie sein zur Verwirklichung gelangtes Lebensprogramm anmuten, so können wir nicht umhin, auf die tiefsinnige Doppelseitigkeit dieses Ausspruches aufmerksam zu machen. „Empfangen und Geben" ist der g'ttgesetzte „Typus der Crdfchöpfung", aber— so können wir hinzusetzen — auch der charakteristischste Zug im Entwicklungsgänge der menschlichen Geistesgeschichte. Ein ewiges „Empfantzen und Geben" von Geist zu. Geist, vom Geschlecht zu Geschlecht. Und eben darin offenbart sich die Bedeutsamkeit eines hervorragenden menschlichen Geistes oder'Geschlechtes für die Gegenwart und Zukunft des geistigen und sittlichen Fortschrittes der Menschheit, daß ihr „Geben" weithin das überragt, was sie „empfangen" haben. Ja, auch in der Geistesgeschichte gibt es kein „Geben" ohne vorheriges „Empfangen". Und handele es sich auch um den genialsten Geistesriesen, auch derselbe muß auf einer breiten Basis des „Empfangend" fußen, sonst müßte er eben halt- und ziellos in1 Zeichnung ist. Läßt doch dieser Ausdruck das Bild eines Stromes vor unseren geistigen Augen enstehen, der doch eben dem Zusammenfluß vieler solcher Was- .serquellen sein Dasein zu verdanken hat, und in aller Wirklichkeit nur diejenige wassermenge enthält, die ihm aus seinen zahllosen „Ouellen", aus den unzähligen Bächlein und Flüßchen zuströmt, aber keinen Wasser tropfen mehr. Nicht also aber der große Denker, der den geistigen Fortschritt fördernde und den Geistesacker der Menschheit mit neuen Ideen befruchtende geniale Geist. Ein bloß in sich Aufspeichern bereits von minderen entdeckter oder gedachter Ideen und wahr Hellen erzeugt bloß den mehr oder minder wohlunterrichteten Alaun, in höchster Potenz: den ^Gelehrten Selbst derjenige, der bereits Vorgefundene Lehren und Wahrheiten in. ein neues System zu bringen, solche in einer neuen, mehr oder minder gefälligen oder zugänglichen Form der Mit- und Nachwelt öarzubieten sich bestrebt, bleibt immerhin nur: N a ch denket! Schüler und nicht Meister! Daher iss die Bezeichnung n'vbri 22N „Schüler der Weisen" so treffend und erschöpfend für den jüdischen „Gelehrten".- :■? ■ ' Aber selbst der genialste Laukünstler bildet kein vollständig entsprechendes Gleichnis für den genialen, neue Pfade weifenden o r i g i ir e H e n Denker. Denn mag auch der genialste Bauküästler noch so' neue, un- """ erhörte Pläne erdenken ünd zur Ausführung bringen, so muß er doch immer wieder mit dem ihm vorliegenden Baumaterial rechnen, ' über dessen Trag- und Leistungsfähigkeit er mit keiner Haaresbreite hinausgehen kann. Ja, besteht doch eben darin die Genialität des hervorrägenöeN LauküNstlers, daß er das ihm zur Verfügung stehende Material: Ziegel usw. mit seiner eigenartigen Konzeption in neuen Linien und Formen sich gruppieren läßt. ' ' Nicht also aber verhält es sich mit den großen Denkern, mit den Helden des Geistes, die die Menschheit mit neuen Gedankenwelten bereicherten. Auch sie haben wohl „empfangen", die Ideen und Lehren ihrer Vorgänger in sich ausgenommen und verarbeitet. Sie begnügten sich aber keineswegs mit Auerbloßen „Weitergabe^ des von ihnen ,,Empfangenen"! -Auch nicht mit einer Systemätisierüng oder Umformung des. ihnen UeberkommeneN. Dies alles gehört der. Machtsphäre -des b R ä ch denkens an."""'' •: - Der Denkererrichtet hingegen eine-' N e u e Gedankenwelt?-' Wohl sind'' einzelne Bessändteile derselben Vorgängern entnommen; doch Finden sie neben den durchaus neuen, originellen Gedankengängen eine ganz neuartige Verwendung und Einstellung, und daher auch eine ganz andere Bedeutung und Bewertung, als sie früher in den Systemen - ihrer ursprünglichen Eröenker besaßen. 'Auch in dem neuen'Systeme behalten sie eine gewisse Bedeutung und können, sie auch von größem Einflüsse auf die Gestaltung desselben ein, doch dürfen ste allenfalls nicht ganz 'und gar ihr eigentümliches Kolorit demselben aufpragen. In diesem Falle hätten wir es keinesfalls mit einem ganz neuen Systeme zu tun, sondern bloß mit einer neuen Formulierung. Höchstens mit einer durchaus abhängigen Fortbildung eines früheren, eventuell mit einer eklektischen Auswahl und Zusammenfassung aus mehreren frühheren Denksystemen, wir wollen das Geägte mit einigen aus der neueren Geschichte der Philosophie herausgegclffenen Beispielen anschaulicher machen. Wer wird z. B. den entscheidenden Einfluß, den die mittelalterliche jüdische Religionsphilosophie (inkl. Kabbala) und der große französische Denker Descartes auf die Entstehung des S p i n o z a'f dien Systems ausübten, in Abrede stellen wollen? Und doch wird es keinemAn deck jSinn kommen, die Originalität des letzteren itt feiner Gesamtrichtung leugnen zu wollen. Und so verhält.es sich: auch mit dem. „Zermalmer" Kant.' Berkeley und Rousseau haben unstreitig gewaltige Bausteine zur Cntstehnngsmöglichkeit des teilweise auch noch unsere Zell beherrschenden Kant'schen Denksystems hergeben müssen. Und doch wird es niemanden einfallen, die Neu- und Einzigartigkeit desselben bestreiten zu wollen. Nicht also verhält es sich aber mit der Würdigung Hl o f e sHl e ndelsfohns. Dessen philosophische Denkertätigkeit wird bloß als eine st i l i st i f ch meisterhafte, populäre Darstellung, höchstens: Fortbildung von Wolf-Leib-- niz'fchen Iöeengängen betrachtet. Der originelle Denker empfängt eben darin, daß fein „Geben" weithin über das von ihm „Empfangene" hinausgebt; ja, daß er auch das von ihin Empfangene im Gefamtrahmen dessen, was er feiner DMU und Nachwelt spendet, in neuen Beziehungen und Moöifikationen erstrahlen läßt; — in einen: solchen „Gehen" empfängt er — um mit Ben Usiels Worten zu reden — „Vollendung feiner Daseinsb e st i m m u n g ". ' Und nun wollen wir 'uns einmal der „Vollendung der Daseinsbestimmung" des Meisters zuckenden, der uns auch an feinem Sterbetage im Glorienschein fortwirkenden Lebens erfd^eintrp^n Cs braucht ja nicht besonders darauf hingewiesen zu werden, wie die ganze Darstellung über öaswesen einesoriglltellen"Denkers, wie wir sie früher in schwachen und vielleicht auch unzulänglichen Umrissen entworfen Haben, auch auf G. R. H i r s ch bezogen werden kann. (Natürlich wird'hier nur die eine Seite dieses an historischer Bedeutung so vielseitigen Lebensgangesgemeint. Denn dir Bewertung 0. R. Hirfchs erschöpft sich keinesfalls mit ' feiner Würdigung als Denker.) wenn auch vielleicht nicht verschwiegen werden dars^ daß der Meister zufolge feiner allzu großen Bescheidenheit und vielleicht noch'mehr seiner bewußten Verwurzeltheit im Herkömmlichen, im.Alten, die. von ihm in' so glänzender' Originalität därgestellten Gedanken und Lehren —^ wie wir, dies bereits a. a. Stelle*) andeuteten — als durchaus aus den altgeheiligten, traditionellen Ouellen hervvrströmenö betrachtet wissen wollte. Ja, ich stehe'durchaus nicht an, die Behauptung zu wagen, daß her Meister beim Rieöerfchreiben der Worte in feinen wunderbaren Erklärungen zu den pwan Gerätschaften der heiligen Wohnung (H. B. M. 26, 59 u. f.): „Die neue Wahrheit ist nur subjektiv'neu, sie ist nur insofern neu, als ste dem Bewußtsein des erkennenden Geistes bis dahin nicht gegenwärtig war; sie ist aber nur insofern wahr, als sie objektiv in dem bereits zuvor als Wahrheit Erkannten enthalten gewesen, und hat ihr Kreditiv darin^ daß sie als in einer bereits' als Wahrheit erkannten Prämisse enthalten nachgewiesen werden kann," daß erbeim Niederschreiben dieser wortb, aucss an seine eigenen Förschungsresultate gedacht hat. ' Und fö ist'-os nur im'Sinne des Meisters selber^ wenn I. W ckh l g e^tü u th'in ^seinem rikch vielen Seiten hin recht Instruktiven Vorträge: „S. R. Hirsch und das gesetzestreue Judentum"' (Iefchurun, 1927, S.! ü.' f.) das Refum e zieht: „Neinl Im Wesentlichen -hat S. R! Hirsch nichts- Neues geschaffen. Ueberall knüpft er an das Alte an." (S. 20.) Aber schließlich muß ja doch wohlgemutst selber^ der bei. all seiner Verehrung gegenüber S. R. Hirsch es zuweilen doch liebt, den-zünftigen .„Gelehrten" gegenüber dem „Denker"^ hervorzukehren» dem Meister auch, als ori.g.in e l l e n Denker^ die pfalme darreichen„,instent.er wie folgt schreibt: „Hat S. R. Hirsch hier in hem Bestreben, den Nachweis zu führen, daß die Bestimmung des Talmud zumeist im Schriftwort der Bibel selbst begründet stnd,- Vorläufer gehabt, Gleichstrebende und Nachfolger gefunden, so steht eine Leistung von ihm einzig da in der Literaturgeschichte des Judentums: Die Vergeistigung des gesamten Komplexes der biblifch-talmudifchen Gesetzgebung." - Und so möchte sich nun von hier aus, aber auch vom Komplex sämtlicher religionsphilosophischer Anschauungen und Lehren des Meisters aus, eine weite, herrliche Perspektive für das Bestreben eröffnen: fest- *) S. unsere Arbeit: S. R. Hirfchs, S. 13 u. Ueber den geistigen Nachlaß