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Der Israelit · 1933-01-19 · Heft 3 (19.1.1933) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 3 (19.1.1933)
Date
1933-01-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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19. Januar 1933 Der Israelit Nr. 3 Seite 3 ckor Dr. D. Breslauer das — reichlich Verdiente — Lob der Gemeinde ob der Wunder an Dvohlfahrtsarbeit, die sie in diesen Tagen der Not .im kleinen wie im Großen vollbringt, zu Ende gesungen und die Pflicht aller, mitzntun, eindringlich genug betont hatten, besprach der letztere Redner die Gefahren einer falsch verstandenen Assimilation. Und welche ist die richtige, zu empfehlende Assimilation? Darüber weiß uns der Finanz- und Iugendpflegedezernent, Wilhelm G r a e tz , etwa folgendes Zu sagen: Die jüdische Großstadtjugend, alter Ideale' beraubt, ohne Verständnis für die Anschauungswett früherer Generationen und ohne Ausweg und Ausblick in eine bessere Zukunft, flüchtet sich in rcligionsfremde Welten, um sich eine Crsatzreligion zu schaffen. Ts gilt, den berechtigten Kern dieses verzweifelns und Irrewerdens an früher unumstößlichen werten zu erkennen. Die Tinheit von Gesinnung, Lebensauffassung und Lebensführung ist in der jüngsten Vergangenheit den Einzelnen und der Gesamtheit verloren gegangen. Tine Führerrolle kann die Religion bei der Jugend erst dann beanspruchen, wenn diese verlorene Einheit a u f d e m B o d e n des alten Judentums in neuzeitlichen F o r m e n wiederhergestellt ist. werden sich die zur Führung 'Berufenen dieser Notwendigkeit bewußt, so wird die .Jugend in ihrem reinen wollen den weg zum Kulturgut der Religion wiedcrfinden. Das klingt alles ganz hübsch und zeugt von ehrlichem Empfinden und gutem willen, weniger von Tiefe und historischem Denken, will man Jugend zum Verständnis für die Reberlieferung erziehen, zur „Ehrfurcht vor der Anschauungswelt früherer Generationen", so kann es unmöglich auf dem Boden eines „Judentums in neuzeitlichen Formen" geschehen, sintemalen diese „neuzeitlichen Formen", wie wir sic jetzt bald hundert Jahre kennen, selbst mit den Anschauungen, dem Geiste und der Tradition der früheren Generationen brechen. Hat der Abbruch einmal begonnen — wir erleben es auch anderswo, nicht zuletzt im Zionismus — so werden die 2llten nie im Stande sein, den Jungen eine Grenze zu setzen und palt zuzurufen. Am allerwenigsten da, wo der weg, auf den die Stürmer zurückgcruscn werden, ja ebenfalls auf der Linie des Abbruches liegt . . . Cs ist gewiß kein Zufall, daß ungefähr zur gleichen Zeit, da die liberalen Herren auf dein Gemeindeabend die Jugend zur Gemeinde und Gemeinschaft zurückrufen, sich die Konservativen in der Gemeinde zu einer Protestversammlung gegen die reformerischen Tendenzen des liberalen Synagogenvorstandes in der Synagoge Rykestraße sammeln. Zieht man von diesem Proteste all das ab, was aus Politik und zionistischer Taktik, auch aus Verärgerung ob der Verdrängung der zionistischen religiöse Kultur war die Grundlage der nationalen Kultur. Im Namen dieses Nationalgottes zogen nun die einzelnen Böller in den Krieg, und wenn sie unterlagen, sagten sie sich auch von ihren Göttern los. Ihr Gott hat sich als zu schwach erwiesen und so „fluchten sie ihrem Gotte" und beugten sich dem siegreichen Gotte. Mit ihrem. Gotte gaben sie auch ihre eigene Kultur preis und assimilierten sich dem siegreichen Volke. So verschwanden sie nach und nach von der Bildfläche. Wie anders bei Jisroel. Jisroel kennt keinen Ncttionalg'tt. Der G'tt Jisroels war dem Volke der Herr des Himmels und der Erde, der G'tt der ganzen Welt. Und wenn auch das Volk in Tagen des Glückes diesem seinem G'tte nicht immer gehorchte und wesentliche Teile seiner Gebote nicht beachtete, in den Tagen nationalen Unglücks fand es immer den Weg zu ihm zurück. In der Niederlage erkannte das Volk immer die mächtige Hand seines G'ttes, der nicht nur Schöpfer von Himmel und Erde, sondern auch Lenker und Leiter der Menschheitsgeschicke ihm war. Und wenn das jüdische Volk auch in Tagen, da ihm die Sonne schien, geneigt war, fremden Kulten und Gebräuchen nachzuahmen, fremdes Kulturgut seiner Kultur 'aufznpfropfen, in den Perioden nationalen Unglücks schleuderte es dieses Fremde als unnützen Plunder von sich und klammerte sich mit reuigem Schmerz an alle Aeußerlichkeiten seiner Kultur mit inniger Treue. Warum, so fragen die Völker, sinken die Völker ins Gehinnom. in das Tal ewiger Vernichtung, warum fallen sie, wenn sie gesündigt, ewigem Vergessen anheim, und warum steigt Jisroel. das nicht minder gesündigt, zum Lichte empor, ZU neuem blühenden Leben? nvsnai« bi rm. Weil, so lautet die Antwort, mit jedem Volke auch fein Gott sinkt, weil das Volk für seine Niederlage seinen Gott verantwortlich macht, und ihm mit Verachtung den Rücken kehrt, wenn >er es nicht zu schützen vermochte, «?'« own bs »a 'je? i'vbrr vir?2,denn, so heißt es ja, ein jedes Volk wandelt im Vorherrschaft in der Gemeindestube kommt, bleibt bei einigen eine ehrliche Enttäuschung und Erbitterung über die magere Ernte eines langjährigen, an Hoffnungen und Illusionen so reichen Zusammengehens zweier wetten. Da nun die große unvermeidliche Enttäuschung da ist, so bringt sie vielleicht die reinliche Scheidung, möglicherweise auch die Sonderung zwischen denen, für die konservatives Judentum Politik ist und den anderen, die bislang im irrigen Glauben lebten, lebendiges Thorajudentum auch im Rahmen einer liberalen Großgemeinde hüten und pflegen zu können. Zurück zum ganzen Judentum, heraus aus dem neuzeitlichen zuin überzeitlichen Judentum, und wir haben die Jugend wieder. Ohne Verwurzelung im Ewigen und Unwandelbaren gewinnen wir die Seele der leeren Phrasen abgeneigten Jugend für Gemeinde und Gemeinschaft nicht. Gerade Jugend will, wenn schon, dann klare Ziele, auf festem, hartem Loden, ohne Trübung und Nttschung, sie liebt die balbe Arbeit nicht, gebt an ibr vorbei — zum Jlicbte. Zur Weltkongreß-Propaganda. Das Propagandakomitee für den Stephen wife'- fchen Weltkongreß äußert sich zu unsren Betrachtungen über „Gewirokratie oder Apikocsokratie" in folgendem Schreiben, das Dr. Nachum Goldmann an uns richtet: „Ich lege Werk darauf, um etwaige Mißverständnisse von vornherein zu beseitigen, namens des vorbereitenden Exekutive-Komitees für den Jüdischen Weltkongreß zu betonen, daß von keiner Seite beabsichtigt ist, für den kommenden Weltkongreß und seine Gremien irgend ein Recht der Einflußnahme auf innerjüdische religiöse Fragen, welcher Art immer, zu beanspruchen. Der betreffende Passus in der Rede von Dr. Stephen S. Wise, an den Sie Ihre Bemerkungen anknüpfon, hatte keinesfalls etwas derartiges im Sinne. Was dieser Passus besagen will und was allerdings in der Absicht der Initiatoren der Weltkongreß-Bewegung liegt, ist die Schaffung einer Tribüne, die durch eine Beteiligung möglichst umfassender Teile und Gruppen des jüdischen Volkes auch nach innen hin eine bestimmte Autorität besitzen soll e.*) Es ist für das Exekutiv-Komitee nur selbstverständlich, daß keine jüdische internationale Instanz heutzutage sich das Recht nehmen kann, in religiösen Fragen einzugreifen, und bestimmt kann dies kein jüdischer Weltkongreß tun, der die Tendenz hat, allen Richtungen und Parteien des jüdischen Volkes die Möglichkeit der Beteiligung zu geben. Es ist in r klar.' daß mit dieser Feststellung die grundsätzlichen Bedenkens die der Artikel in solch scharfer Form vom Standpunkt der von Ihnen vertretenen Konzeption des jüdischen Volkes geäußert hat, nicht widerlegt sind. Aber mit dieser Konzeption ist keine internationale Organisierung des jüdischen Volkes in seiner heutigen Struktur durchführbar, was indirekt auch in Jhrein Aufsatz zum Ausdruck kommt. Doch diese Auseinandersetzung . würde zu jener prinzipiellen Polemik führen, von der | *) Von uns hervorgehoben. Red. 1 ich in diesem Schreiben Abstand nehmen will und für die im Verlauf der Vorbereitung des jüdischen Weltkongresses Gelegenheit sich noch ergeben wird. Heute kam es mir darauf an, das Mißverständnis zu beseitigen, als ob der Jüdische Weltkongreß irgendwelche Kompetenzen in den eigentlich religiösen innerjüdischen Fragen für sich beanspruchen wollte. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese Bemerkungen in Ihrem Organ veröffentlichen wollten." wir waren niemals so naiv, den Initiatoren desweltkongreß-planes die 2lbsicht zu unterstellen, nun sofort für ihre Tribüne das Recht eines religiösen Synhedrions in 2lnfpruch zu nehmen. Aber ein so kluger Kops wie Herr Dr. Goldmann sollte verstehen, daß es immanente Tendenzen gibt, die von den wechselnden Ansichten oder Absichten einiger Politiker gänzlich unabhängig sind. Nns kam es darauf an, festzustellen — und dies wird ja von Herrn Dr. Goldmann bestätigt —, daß der Weltkongreß keineswegs als bloße Auß e n i n st a n z zur Ab w e b r des I u d e n b a f f e s gedacht ist, sondern als eine nach i n n e n wirkende 2l u t o r it ä t. Das genügte allein schon — auch wenn man die zahlreichen außenpolitischen Bedenken beseitigen könnte —, um das Projekt für den religiös orientierten Teil der Iudenheit, der in der nationaljüdischen 2lssimilation die s ch w e r st e Gefahr der Gegenwart erblickt, u n a n n c h m bar zu machen. wenn neuerdings die von der Leitung der „2l g ud a s I i s r o c l" fei Monaten behandelte Idee einer bescheidenen, lediglich der Sache dienenden Konferenz jüdischer (Organisationen über die ökonomische Lage auch von anderer Seite aufgegriffen wird, so möchten wir dringend davor warnen, diesen gesunden Gedanken mit dein Weltkongreß-Bluff irgendwie zu verquicken. Sollte es nach den wünschen Dr. Iochelmanns in London dennoch geschehen, so würde durch diese Kompromittierung dem wahren Interesse der verzweifelnden jüdischen Massen eilt schwerer, nicht zu verantwortender Schaden zugefügt werden. Boykott; Der R e i ch s m i n i st e r des Inner n hat den Landesregierungen eine Nlitteilung zugeben lasten über Maßnahinen gegen die immer mehr auftretenden Fälle von Boykott gegen bestimmte Geschäfte oder bestimmte Gattungen von Geschäften (lies: jüdische Geschäfte). Da es sich hierbei um Boykott aus politischen oder weltanschaulichen Gründen handelt, der teilweise Formen angenommen hat, die über eine geschäftliche Schädigung der Betreffenden hinaus eine Störung der Ruhe und (Ordnung mit sich brächten, bat der Reichsminister die Länder darauf hingewiesen, daß gegen solche Störungen der öffentlichen «Ordnung die Polizei auf Grund ihrer allgemeinen Befugnisse z u m Cinschreite n b e r e ch - tigt und verpflichtet ist. Namen seines Gottes, ober wir kennen nur einen G'tt, der der G'tt der ganzen Welt ist, dem wir nicht zu entrinnen vermögen und gerade im Feuer der Not erweist er sich als der Große und Mächtige ’=» da er richtet, wird er gerichtet und erweist sich als der Ewige, der die große Feuerprobe besteht, denn im Feuer läutert er die Seinigen, die reuig zu ihm zurückfinden. Der Universalismus seines Glaubens, der große G'ttesgedanke einerseits und die Innerlichkeit seiner Thora, die aus alle äußeren Mittel verzichten kann, deren innerstes Wesen das ’jjn seiner Bekenner ist, garantieren dem jüdischen Volke ewige Dauer, denn ewig ist sein G'tt lind ewig ist auch seine Wahrheit, die bereits tausendfach die Feuerprobe bestanden hat. Das Feuer brennt und lodert wieder, keine Angst! «’jx .uom! (Das Ende eines «jüdischen Kaplans".) Dein „Berliner Tageblatt" wird aus München mitgeteilt: Vor etwa fünf Jahren erschien in Konnersreuth im Hause Therese Neumanns der damals in der Mitte der zwanziger Jahre stehende Apothekeninhaber Bruno Paul Rothschild aus Speyer, der einer in Mainfranken attansiissigsn jüdischen Familie entstammt. Die Eindrücke, die der junge Mann hier im Hause der Stigmatisierten empfing, waren derart stark, daß er zur katholischen Kirche übertrat und Theologie studierte. (Die Tatsache, daß er den Weg hierher fand, beweist, daß er früher schon zum Katholizismus neigte.) Im Juni 1932 empfing er aus der Hand des Erzbischofs von Bamberg die Priesterweihe und wurde darauf als Kaplan nach Arberg. einem oberpfälzischsn Dorf unweit von Konnersreuth, berufen. Kurz vor Weihnachten nun starb sein Vater, und als er auf der Rückreise von der Beerdigung am Abend des 24. Dezember den Hauptbahnhof Nürnberg passierte, erlag der erst Dreiunddreißigjährige hier, .wohl unter dem Eindruck der Beerdigung des jüdischen i Vaters, einem plötzlichen Schlaganfall. Er wurde in Konnersreuth beigesetzt. An der Feierlichkeit, die unter großer j Beteiligung von nah und fern vor sich ging, nahm auch 'Therese Neumann in einem Rollstuhl teil. (Die Aelsenburg Masada in Palästina.) In einem vom! Erlanger Universitätsbund veranstalteten Vortragsabend. im Künstlerhaus in Nürnberg sprach der Archäologe Geheiinrat Professor Schulten, der Entdecker von Tartessos und Erforscher von Numantia (Spanien) über seine diesjährige Expedition zum Toten Meer, die der Untersuchung der Felsenburg Masada (Palästina) galt. Geheimrat Schulten führte die Zuhörer in die eigenartig schöne Landschaft des Toten Meeres und der Steinwüste Juda, in der sich die letzte Szene des jüdischen Kampfes gegen die Römer abspielte. 960 Juden hatten sich unter ihrem Führer Eleazar nach der Zerstörung Jerusalems in die Felsenburg Masada zurückgezogen.' Der römische Feldherr Silva, der die Burg mit 8000 Mann belagerte und große Lager aus Stein sowie eine mächtige Mauer um die Burg anlegen ließ, ging, als sich eine Blockierung als zwecklos erwies, dazu über, einen Damm zur Burg hinauf zu errichten. Als der Führer der Juden erkennen mußte, daß alles verloren sei, gab er seinen Leuten die Weisung, sich dann selbst zu töten, um nicht in die Hände der Feined zu fallen. Die Römer, die am anderen Morgen die Burg erstürmten, standen überrascht den stummen Zeugen dieses Dramas gegenüber. Schulten hat mit seinem Mitarbeiter General Lammerer wahrend seines Aufenthaltes in Masada genaue Karten und Rekonstruktionen der Verteidigungs- und Belagerungswerke hergesteltt. Die Bauten sind in dieser abgelegenen Gegend noch alle wunderbar erhalten und geben ein anschauliches Blid der römischen Belagerung, wie es sich sonst nirgends mehr bietet.

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