Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1933)
- Date
- 1933-01-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 3 D r Israelit 19. Januar 193# Aber das Feinste, worum wir sie fast beneiden möchten, ist die Einschaltung von INafchgichim in den Lrziebungsbetrieb. Bei der großen Arbeit, die der Direktor zu leisten bat, wenn er die Lehrpläne nuszuarbeiten, ihre Berücksichtigung zu kontrollieren, die finanziellen Dinge zu erledigen, die Schulautorität gegenüber Schülern, Eltern und Lehrern zu vertreten, Prüfungen abzuhaltcn hat, kann er nicht auch noch die individuelle charakterliche und religiöse Führung der Schüler und der Klassen im Auge behalten. Auf den Kctf einiger „Gedaulim" sieht das Programm daher in allen Schulen die Einstellung eines waschgiach, einer Art Iugendfübrer vor, der die Psyche der ihm anvertrautcn Jugend kennen und pflegen soll. Er soll durch Verbindung mit den Elternhäusern die Bedingungen kennen zu lernen suchen, unter denen die Schüler leben und auf Beseitigung unheilvoller Schwierigkeiten drängen, soll systematisch oder gelegentlich die Unterrichtsstunden und den Unterrichtsstoff in den Dienst seiner Aufgabe stellen, die Iomim tauwiin zu Tagen der Selbstbesinnung und gemeinsame Ausflüge zu Mitteln der Selbsterziehung gestalten, die Gesellschaft und den Verkehr der Schüler im Auge behalten, ihnen geeignete Lektüre zuweisen, ihr Vertrauen im weitesten Ausmaße zu erobern suchen, und beim Aufsteigen und Sitzenbleiben sowie bei der Zusammenstellung der Klassen mitzureden haben. Man versteht, wenn nach solcher Zeichnung der Funktion des Maschgiach das Programm die Hoffnung ausspricht: „wenn er seine Ausgabe erfüllt, wird er das Eheder zur Erziehungsgrundlage im schönsten Sinne des Wortes machen, er wird den einzelnen nicht nur ein großes Maß von Thorawiffen geben, sondern sie zu Männern erziehen von Disziplin, Charakter und Sittlichkeit, zu Männern der Thora und G'ttesfurcht." Die pädagogischen Grundsätze der neuen Talmudthoras sind, wie wir gesehen haben, vom Geiste edelster Reform durchweht. Die Frage istnur, ob sie auch in neuer Methodik und Gtoffauswahl ihren Rieöerschlag finden. Uebcr die Methode sagt das Programm natürlich sehr wenig. Das wäre auch zu viel verlangt. Es bietet schon sehr viel, wenn es über zu Lernendes und Erstrebtes berichtet. Jedenfalls muß eine solche Ergänzung gefordert werden, wenn es die Öffentlichkeit zu einem Urteil über die neue Schule aufsordert. An einer Stelle findet sich übrigens doch eine methodische Anweisung bezüglich des ersten Leseunterrichtes. Dabei zeigt sich freilich, daß die Methodik wenig vorgeschritten ist. Man geht noch vom Buchstaben zum Wort, statt vom Ganzen des Wortbildes und der Wortbedeutung zum Buchstaben. Eine methodische Ergänzung des Programms müßte sich vor allem mit der Frage beschäftigen, wie der Siddur, wie Ehumesch und Th'nach, gelernt, ob die alte Verbalübersetzungsmethode beibehalten und wie Talmud gelernt wird. Deutlicher redet das Programm über die Stoffauswahl. Von Auswahl kann eigentlich auch nicht mehr die Rede sein. Es wird einfach alles, d. h. so viel gelernt, daß dem Zögling nichts Jüdisches mehr neu zu lernen bleibt, daß ec nur noch zu erweitern hat. Mit 4 bis 5 Jahren kommt das Kind in die Schule, um 10 Jahre lang darin zu bleiben, während dieser Zeit soll es hebräisch, jiddisch und polnisch lesen, schreiben und sprechen lernen, den ganzen Siddur, ganz Ehumesch mit Raschi, ganz Th'nach, einen großen Teil des Mischnajoth, und vom Talmud mindestens vier von bcn großen Messechtoth durchgenommen, einige mit mDOin gelernt haben, von poskim ina"2»ii -iiv, zum Pilpul in mxp'? rriwVvir? dtp ■junnn eingedrungen sein, die y'nn Mizwaus in ihrer Ableitung aus der Schrift und die cp:p“J' die für ihn in Betracht kommen, nach den Duellen svun iiv im Kopfe haben, für die Barmizwa zum Leienen befähigt und mit der biblischen und nachbiblischen Geschichte vertraut gemacht worden sein. Man kann und muß vor solchem Untcrrichtsplan Respekt haben. Man kann und muß die Verantwortung verstehen, die aus den Schultern dieser Schulmänner ruht, wenn sich durch ihre Schule eine Schwächung des Thorageistes im Osten ergäbe. Man darf auch nicht den Maßstab der deutsch-jüdischen Schule anlegen, die sich daneben wie eine Erziehung zum Batlonuth ausnimmt. Und dennoch wird man nicht umhin können, beim Studium des gewaltigen Planes und Stoffes, den er bewältigen will, ungläubig den Kopf zu schütteln. Ungläubig, nicht wegen der Möglichkei, das alles zu lernen. Die Köpfe der Kinder sind geduldig und Vertragen allerhand. Aber man kann nicht glauben, daß dabei überhaupt noch von Pädagogik, Psychologie und Methodik die Rede sein kann, wie es in den Eingangsworten und in den Schlußkapiteln der Fall ist. Die Schüler sind freilich — im Gegensatz zu unseren — fast den ganzen Tag im Eheder. Dadurch ergeben sich Wochenstundenzahlen, die uns geradezu märchenhaft erscheinen. Die 4- bis öIährigen haben 27, die 10- bis 11 Jährigen (im Alter unserer Sextaner) 54 Stunden, die 14Iährigen (vgl. unsere Untertertia) gar 59 Stunden! Die Hauptzeit wird in der Schule verbracht, trotzdem gibt es auch noch häusliche Arbeiten, vom 12. Jahr ab sogar ziemlich viel, schriftlich und mündlich. Auf technische Fächer wird so wenig Wert gelegt wie auf Leibesübungen, wenigstens ist dafür, wie es scheint, gar keine Zeit vorgesehen. Das profane Lernen (auf 50 jüdische fallen 10 profane Stunden) ist in die zwei Mittagsstunden gelegt, um die beste Zeit für die v? "ip ma^> zu reservieren. Ferien gibt es dort auch, aber nur 50 Tage im ganzen Jahr (d. h. eben nur die jüdischen Feiertage) gegenüber 89 bei uns! vergegenwärtigt man sich, daß es sich hier um 4- bis 14jährige und körperlich und wirtschaftlich sicher nicht auf der Höhe stehende Kinder handelt, und daß es doch schließlich Grundgesetze menschlicher Entwicklung und Verbildung für Körper^ Geist und Seele gibt, die für die dortigen Kinder so wie für die hiesigen gelten, und die nicht ungestraft unberücksichtigt gelassen werden können*), so kann mair nur wünschen, daß die verdienstvollen Pioniere desneuen Schulwesens auch die Pläne einer Revision un-- erztehen. Denn die vernünftigen Ziele, die in dem Programm für die einzelnen Disziplinen angegeben sind, können auch ohne diese mörderischen Stundenzahlen und Stoffkilometer erreicht werden. Die Stundenzahlen können reduziert, der Stoff kann beschnitten, eine pädagogische Auswahl kann getroffen werden, wobei weniger auf das Lernen alsauf die Verwertungsfähigkeit gesehen wird. Die Her-' ausgeber haben doch mit dem Gedanken des Maschgiach eine Möglichkeit gezeigt, wie Schüler auch in der Freizeit erzogen werden können. A. S. Friedmann und sein verdienstvoller Stab mögen nun auch noch einen Schritt wcitcrgehcn, um den Grundtendenzen der Arbeit für die neue Generation zum Siege zu verhelfen! (Fortsetzung folgt.) Wochenrundschau. Grotzskadkjudentum. Daß in der Luft der Großstadt Judentum besonders gut gedeihe, möchten die Führer der Berliner Jüdischen Gemeinde nicht einmal für das, was sie unter Judentum verstehen, behaupten. Darum veranstalten sie G e m e i n d e a b e n d e zur Aussprache über die Probleme des Judentums in der Großstadt. Der letzte dieser Gemeindeabende am 9. Januar brachte mehrere Referate, die erschöpfend nur waren in der Aufdeckung der Gefahrherde, recht mangelhaft und hilflos aber in der Aufzeigung der Mittel, jene Gefahren abzuwenden, blieben. Wir hörten viele Direktoren — und keine Direktive ... Rachdem der Vorsitzende der Gemeinde, Direktor Dc. K l e e m a n n , der Vorsitzende des Wohlfahrtsamtes, Direktor Dr. Stahl und verwaltungsdirek- *) Die bevölkerungshygienische Seite der Frage kann nicht ernst genug genommen werden. Vgl. hierzu M. Offner, die seelischen Nöte der ostjüdischen Kinder im Märzhest 1932 d. Internat. Zeitschr. s. Jndividualpsychologie. Die übelwollende Kritik will offenbar nicht nur die Formen. sondern auch den Geist des dortigen Erziehungswesens treffen. Abgesehen von dieser Tendenz verdienen die Tatsachen, die der Arzt bringt, auch Beachtung. ämm^rnm MM Oie Ewigkeit Israels. Zu ni»w- Bon Rabbiner Dr. Hermann klein in Berlin. „Moses weidete die Schafe seines Schwiegervaters am Berge Ehoreb. Da sieht er einen Dornbusch brennen im Feuer und der Dornbusch wird nicht verzehrt." Unsere Mrdraschweisen glauben darin einen Hinweis auf die wunderbare Erhaltung Israels inmitten einer feindlichen Umwelt zu erblicken. -aro arx 2232 ]'i3j?n2?22? 2"s?«2? i- 721 Moses will sehen, da wird ihm bedeutet: «IN 2731p nnis imy nn« 2S8 o-i^nn '2 '121 3132 21P71 ba tritt nicht näher, denn der Ort, aus dem du stehst, ist heiliger Boden. Unsere Weisen bemerken hierzu: 2281 '32? 231.33 17 3ip2 bü '3V li> p.'3 S*>1 7113-721 7121713 715772 2?p'3 ,3"V> 01-77 7P '3278'-,3 “338 '2'3V7112-72 17 V1-2"PN8p.38 TIS °p-8 3ip2 „Moses Ivollte Priestertum und Königtum, sie wurden ihm aber nicht gewährt, denn so heißt es, tritt nicht hieher, mpTi bedeutet Priestertum, denn so heißt es bei Aharon: nähere dir deinen Bruder, und 21-2 bedeutet Königtum, denn so heißt es bei König David: wer bin ich, daß du mich bis hieher geführt hast." Wer den Spruch über die Berufung unseres großen Lehrers Moscheh liest, wer da sieht, wie unendlich schwer er sich dazu entschließt, als Sendbote G'ttes zu feinen bedrückten Brüdern zu gehen, wie er immer wieder seine Unwürdigkeit und Unfähigkeit zu solch großer Aufgabe betont, wird nicht begreifen können, daß Moses für sich Priestertum und Königtum gefordert hat. Der bescheidenste Mensch und doch so anspruchsvoll? Der Sinn dürfte doch ein anderer sein. Wie wir gesehen haben, wurde Moses gezeigt, daß Israel nie verschwinden wird. Alle Bosheit und Tücke der Feinde werden dieses Volk nicht vernichten können. Moses wollte nun ergründen: 23271 2x3' rr- 37122, worin besteht das Geheimnis der Ewigkeit dieses Volkes. Und da suchte und forschte er; liegt es darin, daß das Volk vielleicht sin Priestertum, eine geistige Hierarchie begründen wird, die ihm die Ewigkeit sichern wird, oder wird es ein Universalkönigtum begründen, das infolge seiner rnateriellen Macht unzerstörbar sein wird. 2272 ipp-a 213-21 23123 Moses | u ch t e, das bedeutet dieses 27p'3, als Grund für die Unzerstörbarkeit und Unverwüstlichkeit des Jisroel-Dornbusches, Priestertum oder Königtum. Er glaubte, daß diese Faktoren Iisroels Ewigkeit verbürgen. Da ward ihm ein wunderbares Geheimnis anvertraut. Nicht Priester und nicht Könige garantieren Jisroels Ewigkeit, sondern das gerade Gegenteil ist der Fall. Weil Jisroel auf all diese äußeren Attri- , bute verzichten kann, ist es ewig. Man kann seine Priester vertreiben, seine Könige in die Verbannung schicken, seinen Tempel einäschern, seinen Staat zerstören und doch bleibt dieses Volk in seinem innersten Wesen ungebrochen. Nicht der Priester und der. Könige bedarf dieses Volk, um zu existieren, ,S1J1 5731p 2238 l'-V 312'37 7128 1278 21222 '3 der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden, ein einziger jüdischer Mensch, der gleich dir sein v32 spricht, genügt, um das Judentum zu erhalten, v-is -v 12125 vi?»3 32137 228 meinen unsere Weisen, mit diesem 'V2 stehst du dort, wo einst Abraham, die einzige Säule der Welt, stand, der auch allein war, und die ganze sittliche Welt trug. 2-15 318' p'33M. Ein Volk, das auf alles, was sonst zu den Attributen eines Staates gehört, verzichten kann und in seinem Wesen auch von dem Verlust all dieser Attribute unberührt bleibt, ist unverwüstlich. Ern Volk, das ohne Priester und Könige, ohne den Tempel und ohne Land leben kann, ist ewig. II. Im Midrasch (212 12112? wird uns eine andere Seite des Geheimnisses für die Ewigkeit des jüdischen Volkes enthüllt. Dort wird folgendes berichtet: 1'32- 2'121K1 2"3p2 '32- -81v' 28 312p- 2"18 f'S3 83- 3'237- '-32 1-8 7"3737 1-81 7"3737 1-8 2'23 '321V 1-81 2'23 '321V 1-8 37"V31 p- V-137 1--.31 2132'3- P311' 1--2 22 '322 21'13? '-32 1-81 2T1ST O’fcSn -3 '3 '3S? 2'2-81 273181 27318 -3 312 3"8 PI- 3738 J3J? 'K 312357 Kipn K-2-K 12« 713'3N '1 2573 ]31K1 '1 1'N-« 2573 57'« 13-' •132273 «-« ]83 3'23 ]’K 22157 22573 '3 V«3 ’3 '3V 1128- 12728 »Einst werden die Völker vor G'tt als Ankläger gegen Jrsroel austreten und sprechen: Herr der Welt! Diese sind Götzendiener und jene ebenfalls, diese Mörder und jene Mörder, die Völker der Unsittlichkeit verfallen, aber Jisroel nicht minedr. Warum sollen nun wir ewiger Vernichtung anheimfallen und jene zu ewigem Lichte emporsteigen? Da spricht G'tt zu ihnen: Darum möge jedes Volk mit seinen Göttern niedersteigen, denn so heißt es: Denn alle Völker wandeln ein jedes im Namen seines G'ttes: Rabbi Reuben im Namen des Rabbi Ehanina meint: Würde es nicht in der Schrift stehen, es wäre gar nicht auszusprechen, denn es heißt: im Feuer wird G'tt gerichtet, es heißt nicht, er richtet sondern er wird gerichtet." „Alle Völker wandeln, ein jedes im Namen feines G'ttes," darin liegt die andere Seite des Geheimnisses, warum alle anderen Völker nach kürzerer oder längerer Blüte vom Schauplatz der Weltbühne abtreten mußten! Ein jedes Volk hatte seinen Nationalgott, in dessen Namen es wandelte, ein jedes Volk schuf sich eine eigene Kultur, die, wie es im Altertum gar nicht anders denkbar war, von religiösen Motiven durchsetzt war. Der